Fachinformation zum Osteosarkom der Gliedmaßen beim Hund (für Tierärzte)

Diese Fachinformation fasst die Studienlage zum Osteosarkom des Hundes für Tierärzte zusammen — mit Schwerpunkt auf der appendikulären Form, den Sonderlokalisationen und den adjuvanten sowie experimentellen Behandlungsansätzen. Das Osteosarkom macht etwa 85 % der primären Knochentumoren des Hundes aus; zum Zeitpunkt der Diagnose ist von Mikrometastasen bei rund 90 % der Patienten auszugehen. Eine besitzerorientierte Darstellung findet sich auf der Seite Osteosarkom beim Hund.

Appendikuläres Osteosarkom: die Behandlungsgrundlage

Die Datenlage zur Standardbehandlung ist umfangreich, aber ernüchternd konstant: Die alleinige Amputation erbringt eine mediane Überlebenszeit von etwa 19 Wochen (Spodnick et al., 162 Hunde); mit adjuvantem Carboplatin oder Doxorubicin werden mediane Überlebenszeiten um 10 bis 12 Monate erreicht (Bergman et al.: 321 Tage; Phillips et al.: 307 Tage), bei Ein-Jahres-Überlebensraten von etwa 35 bis 45 %. Kirpensteijn resümierte auf der VCS-Tagung 2014 fünf Jahrzehnte Osteosarkom-Forschung mit dem Schluss, dass sich trotz zahlreicher Studien zu Chirurgie und Chemotherapie keine allgemeingültige Überlegenheit eines Protokolls belegen lässt — die Behandlung sollte individualisiert erfolgen. Eine Sonderstellung nehmen kleine Rassen ein: In der Serie von Amsellem et al. (51 Hunde bis 15 kg) betrug die mediane Überlebenszeit nach alleiniger Amputation bereits 257 Tage; ein signifikanter Zusatznutzen der Chemotherapie ließ sich nicht nachweisen. Erwähnenswert ist ferner der Befund von Nolan et al. (284 Hunde): Eine intensive perioperative Analgesie (NSAID plus Bupivacain-Wundkatheter) war mit einer längeren medianen Überlebenszeit assoziiert als eine einfache Schmerzabdeckung (378 gegenüber 252 Tagen).

Sonderlokalisation Zehen- und Mittelfußknochen

Primäre Osteosarkome der Zehen-, Mittelhand- und Mittelfußknochen sind selten und verhalten sich offenbar günstiger als das Osteosarkom der langen Röhrenknochen. In der bi-institutionellen Serie von Tremolada et al. (15 Hunde, überwiegend Zehenamputation, elf Hunde mit adjuvanter Chemotherapie) betrug das mediane progressionsfreie Intervall 377 Tage und die mediane Überlebenszeit 687 Tage; eine bestätigte Metastasierung fand sich bei 47 % der Hunde, im Median 299 Tage nach Diagnose. Keine der untersuchten Variablen — einschließlich der Chemotherapie — war signifikant mit dem Überleben assoziiert; die Fallzahl war allerdings klein.

Extraskelettale Osteosarkome

Osteosarkome außerhalb des Skeletts (unter anderem Milz, Mamma, Haut, Mesenterium) verlaufen aggressiv: In der Serie von Kuntz et al. (14 Hunde, medianes Alter 11,5 Jahre) betrug die mediane Überlebenszeit 74 Tage. Anders als beim appendikulären Osteosarkom war die Chemotherapie hier der einzige signifikante Prognosefaktor — unbehandelte Hunde hatten ein 3,6-fach höheres Risiko eines tumorbedingten Todes.

Andere Sarkome des Skeletts

Etwa 5 bis 10 % der primären Knochentumoren des Hundes sind keine Osteosarkome — am häufigsten Chondrosarkome, Fibrosarkome und Hämangiosarkome, seltener Liposarkome, Lymphome oder Riesenzelltumoren. Die Behandlung stützt sich auf die chirurgische Entfernung, teils ergänzt um Bestrahlungszyklen. Die eindeutige histologische Diagnose ist Voraussetzung jeder Therapieplanung.

Impfstoff-Ansätze: Listerien-Vektorvakzine (COV-LLV)

Da das Osteosarkom als immunogen gilt, werden therapeutische Impfstrategien untersucht. Zur „canine osteosarcoma vaccine, live Listeria vector” (COV-LLV) liegt eine multizentrische Sicherheitsauswertung vor (Musser et al., 11 Standorte, 49 Hunde): Unerwünschte Ereignisse während der Verabreichung waren überwiegend mild und selbstlimitierend (Übelkeit, Lethargie, Fieber; Grad 1 nach VCOG). Bei vier Hunden (8 %) wurden jedoch Listerien kultiviert — darunter ein Abszess an der Amputationsstelle, ein septisches Kniegelenk und eine bakterielle Zystitis. Da Listeria monocytogenes zoonotisch ist und geimpfte Patienten das Bakterium ausscheiden können, ist Vorsicht für Praxisteam und Halterfamilien geboten. Eine Bewertung des Einflusses auf die Überlebenszeit war wegen heterogener Begleitbehandlungen nicht möglich.

Weitere experimentelle Ansätze

  • Sirolimus: In der bislang größten randomisierten Studie der Veterinäronkologie (LeBlanc et al., 324 Hunde) verbesserte adjuvantes Sirolimus zusätzlich zur Standardtherapie weder das erkrankungsfreie Intervall noch das Gesamtüberleben.
  • Ganzlungenbestrahlung (whole lung irradiation): Nach Brehm et al. (12 Hunde) machbar und gut verträglich, jedoch ohne signifikanten Vorteil beim erkrankungsfreien Intervall gegenüber historischen Kontrollen.
  • PAC-1: Zur Sensibilisierung makroskopischer Lungenmetastasen für Doxorubicin durch synchron-pulsatiles orales PAC-1 liegt ein Kongressabstract vor (Berry, VCS 2021); eine Vollpublikation steht aus. Grundsätzlich sprechen makroskopische Metastasen auf konventionelle Chemotherapie kaum an.
  • Stereotaktische Bestrahlung kraniomaxillofazialer Osteosarkome: Altwal et al. berichten für 35 Hunde eine mediane Überlebenszeit von 232 Tagen.
  • Proteasom-Inhibitoren: In Zellkulturen kaniner Osteosarkome löste Bortezomib bei klinisch relevanten Konzentrationen eine ausgeprägte Apoptose aus (Patatsos et al., La-Trobe-Universität); Untersuchungen am Patienten stehen aus — für die Praxis ergibt sich daraus derzeit keine Behandlungsempfehlung.

Immunologische Behandlung

Die dendritische Zelltherapie wird nach der Amputation beziehungsweise der bestmöglichen chirurgischen Entfernung als adjuvante Behandlung eingesetzt, mit dem Ziel, das Immunsystem gegen verbliebene Tumorzellen zu aktivieren und die Metastasierung zu verzögern. Praktisch wichtig: Bereits bei der Operation sollte Tumorgewebe in steriler Kochsalzlösung asserviert werden, damit es für die Aufbereitung der individuellen Vakzine zur Verfügung steht. Eigene Auswertungen zur postoperativen dendritischen Zelltherapie beim appendikulären Osteosarkom wurden als Kongressbeiträge vorgestellt (Grammel et al., VCS Mid-Year 2022; FECAVA 2022); kontrollierte Studien liegen bislang nicht vor — die Anwendung stützt sich auf klinische Erfahrung.

Behandlungsweg ohne Amputation

Ist eine Amputation nicht möglich oder vom Besitzer nicht gewünscht, hat sich folgende Kombination etabliert: palliative Bestrahlung zur Schmerzlinderung (Ansprechen bei etwa 74 % — Ramirez et al.; grob fraktionierte Schemata bevorzugen, da fein fraktionierte in der Serie von Norquest et al. mit einer deutlich höheren Frakturrate einhergingen), Bisphosphonate zur Hemmung des Knochenabbaus (Datenlage uneinheitlich: Fan et al. 2007 gegenüber der placebokontrollierten Studie Fan et al. 2009) sowie die dendritische Zelltherapie als immunologische Komponente. Die Bausteine müssen zeitlich aufeinander abgestimmt werden; regelmäßige röntgenologische Kontrollen des Frakturrisikos sind angezeigt.

Quellen

Ehrhart NP, Christensen NI, Fan TM (2020): Tumors of the Skeletal System. In: Vail DM, Thamm DH, Liptak JM (Hrsg.): Withrow & MacEwen’s Small Animal Clinical Oncology. 6. Aufl., St. Louis, MO, Elsevier, 524–564.

Spodnick GJ et al. (1992): Prognosis for dogs with appendicular osteosarcoma treated by amputation alone: 162 cases (1978–1988). J Am Vet Med Assoc 200(7):995–999.

Bergman PJ et al. (1996): Amputation and carboplatin for treatment of dogs with osteosarcoma: 48 cases (1991 to 1993). J Vet Intern Med 10(2):76–81.

Phillips B et al. (2009): Use of single-agent carboplatin as adjuvant or neoadjuvant therapy in conjunction with amputation for appendicular osteosarcoma in dogs. J Am Anim Hosp Assoc 45(1):33–38.

Kirpensteijn J (2014): Canine Osteosarcoma: A New Look at Old Data. VCS Mid-Year Meeting, Asheville, NC, 16.–19. März 2014.

Amsellem PM et al. (2014): Appendicular osteosarcoma in small-breed dogs: 51 cases (1986–2011). J Am Vet Med Assoc 245(2):203–210.

Kuntz CA, Dernell WS, Powers BE, Withrow SJ (1998): Extraskeletal osteosarcomas in dogs: 14 cases. J Am Anim Hosp Assoc 34(1):26–30.

Tremolada G, Thamm DH, Milovancev M, Seguin B (2021): Biological behaviour of primary osteosarcoma of the digits, metacarpal and metatarsal bones in dogs. Vet Comp Oncol 19(4):735–742.

Musser ML et al. (2021): Safety evaluation of the canine osteosarcoma vaccine, live Listeria vector. Vet Comp Oncol 19(1):92–98.

LeBlanc AK et al. (2021): Adjuvant sirolimus does not improve outcome in pet dogs receiving standard-of-care therapy for appendicular osteosarcoma: A prospective, randomized trial of 324 dogs. Clin Cancer Res 27(11):3005–3016.

Brehm A et al. (2022): Feasibility and safety of whole lung irradiation in the treatment of canine appendicular osteosarcoma. Vet Comp Oncol 20(1):20–28.

Berry M (2021): Sensitization of macroscopic pulmonary osteosarcoma metastases to conventional doxorubicin therapy with synchronous pulsatile oral PAC-1. Abstract, Veterinary Cancer Society Online Conference 2021.

Altwal J et al. (2024): Outcomes of 35 dogs with craniomaxillofacial osteosarcoma treated with stereotactic body radiation therapy. Vet Comp Oncol 22(1):125–135.

Patatsos K, Shekhar TM, Hawkins CJ (2018): Pre-clinical evaluation of proteasome inhibitors for canine and human osteosarcoma. Vet Comp Oncol 16(4):544–553.

Ramirez O et al. (1999): Palliative radiotherapy of appendicular osteosarcoma in 95 dogs. Vet Radiol Ultrasound 40(5):517–522.

Norquest CJ et al. (2022): Fracture rate and time to fracture in dogs with appendicular osteosarcoma receiving finely fractionated compared to coarsely fractionated radiation therapy: A single institution study. Vet Med Sci 8(3):1013–1024.

Fan TM et al. (2007): Evaluation of intravenous pamidronate administration in 33 cancer-bearing dogs with primary or secondary bone involvement. J Vet Intern Med 21(3):431–439.

Fan TM et al. (2009): Double-blind placebo-controlled trial of adjuvant pamidronate with palliative radiotherapy and intravenous doxorubicin for canine appendicular osteosarcoma bone pain. J Vet Intern Med 23(1):152–160.

Nolan MW et al. (2022): Intensity of perioperative analgesia but not pre-treatment pain is predictive of survival in dogs undergoing amputation plus chemotherapy for extremity osteosarcoma. Vet Comp Oncol 20(3):568–576.

Grammel ZM (2022): Monocyte-derived dendritic cell therapy following amputation in canine patients with appendicular osteosarcomas. Abstract, VCS Mid-Year Conference, Puerto Vallarta, Mexiko, 10. April 2022.

Grammel ZM, Schröder H (2022): Postoperative autologous dendritic cell therapy as a treatment option for longevity in canine appendicular osteosarcoma. Poster, 27th FECAVA EuroCongress, Prag, 8.–11. Juni 2022.

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