Die immunvermittelte Polyarthritis der Katzen
Bei der primären immunvermittelten Polyarthritis der Katze handelt es sich um eine chronisch fortschreitende Entzündung mehrerer Gelenke, bei der sich das Immunsystem gegen die eigenen Gelenkstrukturen richtet. Sie tritt vor allem bei Katern auf und ähnelt in ihrem Verlauf der rheumatoiden Arthritis.
Eine Einordnung vorweg: Immunvermittelte Gelenkerkrankungen sind bei Katzen ein ungewöhnliches Krankheitsbild. Die infektiöse Polyarthritis kommt sehr viel häufiger vor — daher steht am Anfang der Abklärung immer der Ausschluss von Infektionen.
Symptome
Betroffene Katzen zeigen offensichtliche Schmerzen, bewegen sich nur ungern oder gehen zumindest auffallend steif. Da Katzen Schmerzen gut verbergen, sind es oft die Veränderungen im Alltag, die zuerst auffallen:
- Die Katze springt nicht mehr auf gewohnte Plätze
- Sie putzt sich weniger oder erreicht bestimmte Körperstellen nicht mehr
- Sie meidet Berührungen an den Beinen und zieht sich zurück
- Sie geht mit kurzen, vorsichtigen Schritten und wirkt „klamm”
Fieber und allgemeine Krankheitszeichen gehören nicht zwingend zum Bild.
Was im Gelenk geschieht
Kennzeichnend ist eine Polyarthritis mit einer Vorform der Osteoporose — also einer Entkalkung des gelenknahen Knochens — oder mit einer Knochenneubildung im Bereich der Knochenhaut.
Im weiteren Verlauf entstehen:
- Erosionen, also Gewebedefekte, rund um den Gelenkbereich
- Einbrüche oder Defekte unter den Gelenkflächen
- Gelenkinstabilität
- Gelenkverformungen
Diese Veränderungen ähneln der rheumatoiden Arthritis sehr. Zur Abgrenzung der erosiven Formen bei dieser Tierart siehe die Seite zur erosiven Polyarthritis der Katzen.
Die Rolle von Virusinfektionen
Betroffene Katzen können mit dem felinen Synzytien bildenden Virus (FeSFV), mit dem felinen Leukämievirus (FeLV) oder mit beiden gleichzeitig infiziert sein. Der Zusammenhang ist deutlich: bei Katzen mit Arthritis ist FeSFV zwei- bis viermal so häufig nachweisbar wie bei Katzen ohne Gelenkerkrankung, FeLV sogar sechs- bis zehnmal so häufig.
Daraus folgt unmittelbar: Bei jeder Katze mit einer Polyarthritis gehört eine Untersuchung auf FeLV — und ebenso auf FIV — zur Abklärung dazu.
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Warum die Erkrankung als immunologisch gilt
Drei Beobachtungen sprechen dafür, dass hier tatsächlich eine Fehlsteuerung des Immunsystems zugrunde liegt:
- In einigen Fällen wurde Ciclosporin — ein gezielt auf T-Zellen wirkendes Immunsuppressivum — erfolgreich zur Behandlung eingesetzt.
- In den betroffenen Gelenken findet sich eine massive Einwanderung von Lymphozyten und Plasmazellen, also von Zellen der erworbenen Abwehr.
- Gleichzeitig zeigen die Tiere eine immunkomplexvermittelte Glomerulonephritis, das heißt eine Entzündung der Nierenkörperchen durch abgelagerte Immunkomplexe.
Der letzte Punkt hat eine praktische Folge: die Nierenwerte und die Harnuntersuchung gehören bei diesen Katzen von Anfang an mit ins Bild.
Der Weg zur Diagnose
Die primäre immunvermittelte Polyarthritis wird durch Ausschluss diagnostiziert. Dazu gehören:
- alle infektiösen Ursachen
- systemischer Lupus erythematosus
- reaktive Polyarthritis, die als Reaktion auf etwas anderes im Körper entsteht — auf Infektionen wie Toxoplasmose, FeLV, die feline infektiöse Peritonitis, eine Nierenbeckenentzündung oder Atemwegserkrankungen, ebenso auf Tumorerkrankungen oder bestimmte Arzneimittel
Abzugrenzen ist außerdem der kutane Lupus erythematosus der Katze: er verläuft ohne Gelenkbeteiligung, ist ausschließlich auf die Haut begrenzt und betrifft häufig die Ohrmuschel.
Da ein beweisender Test fehlt, stützt sich die Diagnose weitgehend auf das positive Ansprechen auf eine Behandlung mit Glukokortikoiden. Unverzichtbar bleibt daneben die Gelenkpunktion mit zytologischer Untersuchung der Gelenkflüssigkeit — sie trennt die sterile von der bakteriellen Entzündung.
Behandlung
Behandelt wird in der Regel mit Glukokortikoiden; bei der Katze wird Prednisolon dem Prednison vorgezogen, weil die Umwandlung in der Leber bei dieser Tierart unzuverlässig ist. In einigen Fällen wurde Ciclosporin erfolgreich eingesetzt.
Ergänzend gehören dazu:
- eine wirksame Schmerzbehandlung, abgestimmt auf die eingeschränkte Verträglichkeit vieler Schmerzmittel bei der Katze
- regelmäßige Kontrollen von Blutbild, Nieren- und Blutzuckerwerten unter der Dauerbehandlung
Da Katzen unter langfristiger Kortisongabe überdurchschnittlich häufig Störungen des Zuckerstoffwechsels entwickeln, sollte eine ergänzende Behandlung mit dendritischen Zellen erwogen werden. Dabei werden aus einer Blutprobe der Katze körpereigene Zellen so aufbereitet, dass sie toleranzfördernd wirken — sie zielen darauf ab, die fehlgeleitete Immunreaktion zu normalisieren, statt die Abwehr insgesamt zu unterdrücken.
Prognose und Alltag
Belastbare Verlaufszahlen liegen für diese seltene Erkrankung nicht vor. Der Verlauf hängt davon ab, wie gut sich die Entzündung kontrollieren lässt und ob bereits Gelenkveränderungen entstanden sind — einmal eingetretene Verformungen bilden sich nicht zurück.
Was den Alltag betroffener Katzen spürbar erleichtert: flache Einstiege ins Katzenklo, Rampen oder Zwischenstufen zu erhöhten Liegeplätzen, warme und weiche Ruheplätze sowie Näpfe in bequemer Höhe. Da die Diagnose sich stark am Ansprechen orientiert, ist Ihre Beobachtung besonders wertvoll: notieren Sie, ob Ihre Katze wieder springt, sich wieder vollständig putzt und wie lange sie morgens braucht, bis sie sich normal bewegt.
Eine Einordnung in die Gruppe der übrigen Autoimmunerkrankungen bei Hund, Katze und Pferd finden Sie auf der Übersichtsseite.
Quellen
Tizard IR (2023): Feline Polyarthritis. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals, Elsevier, St. Louis, MO, 222
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Häufige Fragen
Was ist eine immunvermittelte Polyarthritis bei Katzen?
Es handelt sich um eine chronisch fortschreitende Entzündung mehrerer Gelenke (Polyarthritis), die vor allem bei männlichen Katzen auftritt und der rheumatoiden Arthritis sehr ähnlich ist. Insgesamt sind immunvermittelte Gelenkerkrankungen bei Katzen ein ungewöhnliches Krankheitsbild; die infektiöse Polyarthritis tritt sehr viel häufiger auf. Gekennzeichnet ist die Erkrankung durch eine Vorform der Osteoporose oder eine Knochenneubildung im Bereich der Knochenhaut.
Woran erkenne ich eine Polyarthritis bei meiner Katze?
Betroffene Katzen können offensichtliche Schmerzen zeigen, sich nur ungern bewegen oder zumindest einen steifen Gang aufweisen. Im weiteren Verlauf werden Erosionen (Gewebedefekte) um den Gelenkbereich, Gelenkinstabilitäten und Gelenkdeformationen beobachtet.
Welche Rolle spielen Virusinfektionen bei der Polyarthritis der Katze?
Betroffene Katzen können mit dem Felinen Synzytien bildenden Virus (FeSFV), dem Felinen Leukämievirus (FeLV) oder beiden gleichzeitig infiziert sein. Die Prävalenz von FeSFV, also der Anteil erkrankter Tiere, ist bei arthritischen Katzen 2- bis 4-mal höher, die relative Häufigkeit von FeLV sogar 6- bis 10-mal höher als bei nicht arthritischen Katzen.
Wie wird die immunvermittelte Polyarthritis der Katze diagnostiziert?
Die Diagnose erfolgt über Ausschlussuntersuchungen: Alle infektiösen Ursachen müssen ausgeschlossen werden, ebenso ein systemischer Lupus erythematodes (SLE) und eine reaktive Polyarthritis, die als Reaktion auf Infektionen, Tumorerkrankungen (Neoplasien) oder bestimmte Arzneimittel auftreten kann. Die Diagnose stützt sich daher weitgehend auf ein positives Ansprechen auf eine Glukokortikosteroidtherapie, also eine Behandlung mit Kortisonpräparaten.
Wie wird die immunvermittelte Polyarthritis der Katze behandelt?
Die Behandlung erfolgt in der Regel mit Glukokortikosteroiden; in einigen Fällen wurde auch Cyclosporin (ein das Immunsystem dämpfendes Medikament) erfolgreich eingesetzt. Das Ansprechen auf Cyclosporin gilt zugleich als Hinweis darauf, dass die Erkrankung immunologisch bedingt ist. Ergänzend sollte eine immunologische Behandlung erwogen werden.