Anämie der Katze
Die Anämie der Katze ist keine eigenständige Diagnose, sondern ein hämatologischer Befund mit breitem Ursachenspektrum. Labordiagnostisch ist sie gekennzeichnet durch:
- eine deutliche Verminderung der Erythrozytenzahl
- eine Veränderung des Erythrozytenbildes in der mikroskopischen Beurteilung des Ausstrichs
- einen erniedrigten Hämatokrit, also einen verringerten Anteil zellulärer Bestandteile am Blutvolumen
- eine verminderte Hämoglobinkonzentration
Zahlreiche Einflüsse können zu einer Anämie führen: Blutverlust, Erkrankungen durch Parasiten, Viren oder Bakterien, Arzneimittel sowie Autoimmun- und schwerwiegende Organerkrankungen.
Regenerativ oder nicht regenerativ?
Die erste und für das weitere Vorgehen wichtigste Weiche ist die Frage, ob das Knochenmark auf den Erythrozytenverlust antwortet. Beurteilt wird dies über die absolute Retikulozytenzahl; bei der Katze sind dabei die aggregierten Retikulozyten maßgeblich, während die punktierten Formen deutlich länger zirkulieren und die Beurteilung verfälschen.
- Regenerative Anämie — das Mark antwortet. Sie spricht für Blutverlust oder für einen gesteigerten Abbau roter Blutkörperchen. Zu beachten ist die Latenz: In den ersten drei bis vier Tagen nach einem akuten Ereignis erscheint auch eine grundsätzlich regenerative Anämie noch nicht regenerativ.
- Nicht regenerative Anämie — das Mark antwortet nicht. Hier stehen Erkrankungen des Knochenmarks selbst, chronische Nierenerkrankungen mit vermindertem Erythropoetin, chronische Entzündungen sowie Tumorerkrankungen im Vordergrund.
Diese Einteilung sortiert das weitere diagnostische Vorgehen und verhindert, dass Untersuchungen in beide Richtungen zugleich veranlasst werden.
Ursachenspektrum nach Mechanismus
Blutverlust
- äußere und innere Blutungen nach Trauma
- gastrointestinale Blutungen, unter anderem unter nichtsteroidalen Entzündungshemmern
- Blutungsneigung bei Thrombozytopenie oder Gerinnungsstörung
- ausgeprägter Ektoparasitenbefall bei Jungtieren
Gesteigerter Abbau (Hämolyse)
- immunbedingte hämolytische Anämie, primär oder sekundär
- hämotrope Mykoplasmen
- oxidative Schädigung, etwa durch Paracetamol, Zwiebel- oder Knoblauchbestandteile, Zink
- erbliche Erythrozytendefekte, beispielsweise der Pyruvatkinase-Mangel bei Abessiniern und Somali
Verminderte Bildung
- chronische Nierenerkrankung mit Erythropoetinmangel
- Anämie der chronischen Entzündung
- Infektionen mit dem felinen Leukämievirus und dem felinen Immundefizienzvirus
- myelodysplastische Syndrome, Knochenmarksinfiltration durch Tumorzellen, Myelofibrose
- Eisenmangel bei chronischem Blutverlust
Diagnostisches Vorgehen
Aus der Vielzahl möglicher Ursachen folgt, dass in mehrere Richtungen zugleich untersucht werden muss. Bewährt hat sich ein gestuftes Vorgehen:
- Basisdiagnostik: vollständiges Blutbild mit Retikulozytenzahl und Ausstrichbeurteilung, Serumchemie mit Nieren- und Leberwerten, Harnuntersuchung, Blutdruckmessung
- Ausstrichbeurteilung im Detail: Sphärozyten sind bei der Katze schwer zu beurteilen, da normalen felinen Erythrozyten die zentrale Aufhellung ohnehin fehlt; zu achten ist auf Heinz-Körperchen, Agglutination und hämotrope Mykoplasmen
- Infektionsdiagnostik: FeLV und FIV, Nachweis hämotroper Mykoplasmen mittels PCR
- Immunhämatologie: Prüfung auf Autoagglutination einschließlich Kochsalzverdünnung zum Ausschluss falsch positiver Reaktionen, gegebenenfalls direkter Antiglobulintest
- Bildgebung von Abdomen und Thorax zur Blutungs- und Tumorsuche
- Knochenmarksuntersuchung bei nicht regenerativer Anämie ohne erklärende Grunderkrankung
Bei chronischen Verläufen mit Beteiligung mehrerer Organsysteme ist zudem an die Zusammenhänge zwischen Pankreas, Leber und Darm zu denken, wie sie auf der Seite zur felinen Triaditis dargestellt sind.
Transfusion: ISFM-Leitlinien 2021
Häufig stellt sich die Frage einer Behandlung bereits vor abgeschlossener Abklärung der Krankheitsgeschichte. Dazu gehört die Gabe von Blutbestandteilen oder Vollblut. Den maßgeblichen Rahmen geben die 2021 ISFM Consensus Guidelines on the Collection and Administration of Blood and Blood Products in Cats vor, an denen Tierärztinnen und Tierärzte aus zahlreichen Ländern mitgearbeitet haben.
Behandelt werden dort unter anderem:
- Blutgruppen der Katze: Das AB-System mit den Gruppen A, B und AB sowie das zusätzlich beschriebene Mik-Antigen. Katzen besitzen — anders als Hunde — von Natur aus Alloantikörper; Tiere der Gruppe B tragen hohe Titer gegen A-Erythrozyten. Eine unverträgliche Erstübertragung kann deshalb bereits beim ersten Mal lebensbedrohlich verlaufen.
- Blutgruppenbestimmung und Kreuzprobe: Die Typisierung von Empfänger und Spender ist vor jeder Transfusion erforderlich; die Kreuzprobe ergänzt sie, da sie auch Unverträglichkeiten außerhalb des AB-Systems erfasst.
- Spenderauswahl und Voruntersuchung, einschließlich der Untersuchung auf durch Blut übertragbare Erreger
- Entnahme, Lagerung und Verabreichung von Vollblut und Blutbestandteilen
- Überwachung während und nach der Übertragung sowie das Vorgehen bei Transfusionsreaktionen
Die Transfusion ist dabei eine überbrückende Maßnahme. Sie ersetzt nicht die parallel weiterlaufende Ursachensuche — bei einer immunbedingten Hämolyse etwa werden auch die übertragenen Erythrozyten abgebaut, solange die zugrunde liegende Immunreaktion nicht behandelt wird.
Sonderfall immunbedingte Hämolyse
Liegt der Anämie ein immunbedingter Abbau der Erythrozyten zugrunde, richtet sich die Behandlung nach der immunmediierten hämolytischen Anämie der Katze. Bei dieser Tierart überwiegt die primäre Form; kommt eine sekundäre infrage, stehen Lymphome, Arzneimittel und entzündliche Erkrankungen im Vordergrund. Bemerkenswert ist der beschriebene Zusammenhang mit der Pankreatitis, weshalb die Bauchspeicheldrüsenwerte in die Abklärung gehören.
Auch andere internistische Notfälle der Katze verlangen rasches Handeln, etwa die Aortenthrombose als Folge einer Herzerkrankung.
Quellen
Häufige Fragen
Welche Ursachen kommen für eine Anämie bei der Katze differenzialdiagnostisch in Betracht?
Das Ursachenspektrum ist breit: Blutverlust, Erkrankungen durch Parasiten, Viren oder Bakterien, Arzneimittel sowie Autoimmun- oder schwerwiegende Organerkrankungen können zu einer Anämie führen. Entsprechend muss die Diagnostik in verschiedene Richtungen verfolgt werden, um eine bestmögliche Abklärung zu erreichen.
Welche hämatologischen Veränderungen sind bei einer Anämie der Katze zu erwarten?
Typisch sind eine deutliche Verminderung der Erythrozytenzahl, ein verändertes Erythrozytenaussehen in der mikroskopischen Untersuchung, ein erniedrigter Hämatokrit sowie eine geringere Hämoglobinkonzentration. Diese Parameter bilden die Grundlage der labordiagnostischen Einordnung.
Muss die Ursache vor Therapiebeginn vollständig abgeklärt sein?
Häufig stellt sich die Frage einer Behandlung der Anämie bereits vor vollständiger Abklärung der Krankheitsgeschichte. Dazu gehört dann die Behandlung mit Blutbestandteilen oder Vollblut; die parallele Ursachensuche bleibt dennoch unverzichtbar.
Welche Bedeutung haben die ISFM Consensus Guidelines 2021 für die Transfusionspraxis bei der Katze?
Die 2021 ISFM Consensus Guidelines on the Collection and Administration of Blood and Blood Products in Cats (J Fel Med Surg 2021, 23, 410–432) geben umfangreiche Hinweise zur Behandlung anämischer Katzen. Sie umfassen unter anderem Angaben zur Blutübertragung, zur Voruntersuchung der Spender, zu den Blutgruppen der Katze und zum erforderlichen Management.