Chronische superfizielle Keratitis (oberflächliche Hornhautentzündung) bei Hunden
Bei der chronischen superfiziellen Keratitis handelt es sich um eine häufige Erkrankung von Hunden und Pferden, bei der Granulationsgewebe in die oberflächlichen Hornhautschichten eindringt. Dieses Gewebe besteht aus einer Mischung von Blutgefäßen, Fibroblasten, Lymphozyten, Plasmazellen und Melanozyten — den pigmentbildenden Zellen. Im deutschen Sprachraum ist auch der Begriff Keratitis Überreiter gebräuchlich, die Gewebeschicht selbst wird Pannus genannt.
Das Besondere daran: Die Hornhaut ist normalerweise gefäßfrei und glasklar — das ist die Voraussetzung dafür, dass Licht sie durchdringen kann. Hier wächst Gewebe hinein, das dort nicht hingehört. Die Folge ist keine Entzündung im üblichen Sinn, sondern eine langsam fortschreitende Eintrübung.
Was in der Hornhaut geschieht
Im Granulationsgewebe lassen sich Ablagerungen von Immunglobulin nachweisen. Das Hornhautgewebe ist durchsetzt von CD4-positiven T-Zellen, von denen viele den Botenstoff Interferon γ bilden, sowie von einer deutlich kleineren Zahl CD8-positiver Zellen; hinzu kommen Makrophagen, Plasmazellen und neutrophile Granulozyten.
Aufschlussreich ist ein weiterer Befund: In der zentralen Hornhaut findet sich eine abnorme Ausbildung von MHC-Klasse-II-Molekülen — also von Oberflächenstrukturen, über die Zellen dem Immunsystem Antigene präsentieren. Normalerweise ist die Hornhaut immunologisch zurückhaltend; hier verhält sie sich, als wolle sie eine Immunantwort anstoßen.
Bei Hunden kommt es zusätzlich zu einer Hyperplasie des Hornhautepithels, also einer Verdickung der obersten Zellschicht, mit Verdickung der Basalmembran.
Die Rolle des UV-Lichts
Das Vorkommen der Erkrankung steht in direktem Zusammenhang mit der Höhenlage und dem Kontakt zu ultraviolettem Licht: Hunde, die in großen Höhen leben, erkranken häufiger.
Für Halter folgt daraus ein konkreter, wirksamer Rat:
- Mittagssonne meiden, besonders im Gebirge, am Wasser und im Schnee — beides reflektiert UV-Strahlung stark
- UV-Schutzbrillen für Hunde sind bei dieser Erkrankung keine Spielerei; sie werden von vielen Hunden nach kurzer Gewöhnung akzeptiert und gehören zu den wenigen Maßnahmen, die den Verlauf tatsächlich beeinflussen
- Urlaubsplanung mitdenken: Ein Aufenthalt im Hochgebirge kann bei einem betroffenen Hund einen Schub auslösen
Welche Hunde betroffen sind
Am häufigsten tritt die Erkrankung bei Deutschen Schäferhunden auf; berichtet wird sie aber auch von vielen anderen Rassen. Greyhounds erkranken den Berichten zufolge in jüngerem Alter. Weibliche Tiere sind überrepräsentiert.
Die Erkrankung tritt beidseitig auf und entwickelt sich in der Regel im Alter von 3 bis 6 Jahren. Wie bei anderen immunvermittelten Erkrankungen besteht bei einigen Hunden eine genetische Veranlagung.
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Symptome und Verlauf
Der Verlauf ist charakteristisch und lässt sich gut verfolgen:
- Zunächst zeigt sich eine Hyperämie der Bindehaut, also eine vermehrte Durchblutung, in der Nähe des äußeren Augenwinkels.
- Es folgen eine oberflächliche Gefäßeinsprossung und eine Pigmentierung der Hornhaut im schläfenseitigen Randbereich.
- Bei chronischem Verlauf schreitet die Veränderung mit ausgedehnter Gefäßbildung, Ödem und Pigmentablagerungen in Richtung Hornhautmitte fort.
- Der Pannus flacht dabei ab und breitet sich flächig aus. An seinem vorderen Rand kann eine Linie weißer kristalliner Hornhautablagerungen oder ein Zellinfiltrat im klaren Hornhautstroma sichtbar sein.
Bei einigen Hunden ist der Prozess selbstlimitierend, kommt also von selbst zum Stillstand. Bei anderen breitet sich der Pannus aus, bis er die gesamte Hornhaut bedeckt — und dann blockiert die wachsende Gewebemasse das Sehvermögen.
Wichtig zu wissen: Die Erkrankung ist nicht ulzerierend — es entstehen also keine Hornhautgeschwüre, und die Veränderungen sind nicht schmerzhaft. Genau das macht sie tückisch: Der Hund zeigt nichts, während das Auge langsam eintrübt.
Der atypische Pannus am dritten Augenlid
Häufig geht die Erkrankung mit einer Depigmentierung und Verdickung des vorderen Randes des dritten Augenlids einher — der Nickhaut. Diese Form wird oft als atypischer Pannus bezeichnet.
Sie kann der Hornhautveränderung vorausgehen und ist deshalb ein wertvoller Frühbefund: Ein Deutscher Schäferhund mittleren Alters mit verdickter, aufgehellter Nickhaut sollte auf diese Erkrankung hin untersucht werden, auch wenn die Hornhaut noch klar erscheint.
Der Weg zur Diagnose
Die Diagnose stützt sich auf das klinische Bild und die Rassezugehörigkeit. Die Hornhautzytologie zeigt vermehrte Lymphozyten, Plasmazellen und Mastzellen.
Wichtig ist der Ausschluss zweier Zustände, die eine ganz andere Behandlung verlangen:
- ein Hornhautgeschwür — bei einer ulzerierten Hornhaut sind Steroide am Auge kontraindiziert und können den Defekt vertiefen
- ein trockenes Auge, das ebenfalls zu Gefäßeinsprossung und Pigmentierung führt und über den Schirmer-Tränentest erkannt wird
Abzugrenzen ist außerdem die idiopathische Episkleritis, bei der die Veränderung in der Lederhaut und nicht in der Hornhaut sitzt. Beim Pferd finden sich vergleichbare Krankheitsbilder unter chronische Hornhautentzündungen beim Pferd.
Behandlung
Die Erkrankung spricht an auf:
- örtliche Steroide am Auge, Prednisolon oder Dexamethason — vorausgesetzt, die Hornhaut ist nicht ulzeriert
- örtliche immunmodulierende Behandlung, etwa mit Ciclosporin, die sich für die Dauerbehandlung besonders eignet, weil sie die Hornhaut nicht ausdünnt
- konsequenten UV-Schutz als tragende dritte Säule
Ergänzend kann der Einsatz einer Behandlung mit dendritischen Zellen erwogen werden. Dabei werden aus einer Blutprobe des Hundes körpereigene Zellen so aufbereitet, dass sie toleranzfördernd wirken — sie zielen darauf ab, die fehlgeleitete Immunreaktion zu normalisieren, statt sie am Auge dauerhaft zu unterdrücken.
Prognose
Zwei Aussagen gehören zusammen: Die superfizielle Keratitis ist beherrschbar, aber nicht heilbar. Sie tritt häufig wieder auf und erfordert in der Regel eine lebenslange Behandlung.
Entscheidend ist der Zeitpunkt: Je größer die Veränderung bereits ist, desto langsamer heilt sie ab und desto schlechter ist die Prognose. Ein früh erkannter, randständiger Pannus lässt sich in der Regel gut zurückdrängen; eine bereits zentral eingetrübte Hornhaut nicht mehr vollständig.
Für Sie als Halter heißt das: Weil die Erkrankung nicht weh tut, gibt es kein Warnsignal vom Hund. Der einzige verlässliche Frühindikator ist Ihr eigener Blick — eine gerötete Stelle im äußeren Augenwinkel oder ein bräunlicher Schleier am Hornhautrand sind der Moment, in dem sich am meisten erreichen lässt.
Eine Einordnung in die Gruppe der übrigen Autoimmunerkrankungen bei Hund, Katze und Pferd finden Sie auf der Übersichtsseite.
Quellen
Tizard IR (2023): Chronic superficial Keratitis. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals, Elsevier, St. Louis, MO, 96–97
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Häufige Fragen
Was ist eine chronische superfizielle Keratitis (Pannus) beim Hund?
Bei der chronischen superfiziellen Keratitis, im deutschen Sprachraum auch Keratitis Überreiter genannt, wächst Granulationsgewebe (neu gebildetes, gefäßreiches Entzündungsgewebe) in die oberflächlichen Hornhautschichten ein. Diese Gewebeschicht wird als Pannus bezeichnet; sie beginnt in der Regel am äußeren Hornhautrand und schreitet bei chronischem Verlauf mit Gefäßbildung, Ödem (Flüssigkeitseinlagerung) und Pigmentablagerungen in Richtung der zentralen Hornhaut fort.
Welche Ursachen hat die Keratitis Überreiter?
Die Erkrankung gilt als immunvermittelt, das heißt, das eigene Immunsystem unterhält die Entzündung; einige Hunde haben eine genetische Prädisposition (Veranlagung). Das Vorkommen steht zudem in direktem Zusammenhang mit der Höhenlage und dem Kontakt zu ultraviolettem Licht: Hunde, die in großen Höhen leben, erkranken häufiger.
Welche Hunde erkranken besonders häufig an chronischer superfizieller Keratitis?
Am häufigsten tritt die Erkrankung bei Deutschen Schäferhunden auf, es wird aber auch von vielen anderen Rassen berichtet; Greyhounds erkranken Berichten zufolge in jüngerem Alter. Weibliche Tiere sind überrepräsentiert, und die beidseitig auftretende Erkrankung entwickelt sich in der Regel im Alter von 3 bis 6 Jahren.
Ist die chronische superfizielle Keratitis für den Hund schmerzhaft?
Die Erkrankung ist nicht ulzerierend, es entstehen also keine Hornhautgeschwüre, sodass die Läsionen (Gewebeveränderungen) nicht schmerzhaft sind. Bei der Abklärung ist es dennoch wichtig sicherzustellen, dass die Hornhaut nicht ulzeriert oder trocken ist.
Kann mein Hund durch einen Pannus erblinden?
Die wachsende Granulationsgewebemasse kann das Sehvermögen blockieren. Bei einigen Hunden ist die Erkrankung selbstlimitierend, kommt also von selbst zum Stillstand; bei anderen kann sich der Pannus ausbreiten und die gesamte Hornhaut bedecken. Je größer die Läsion ist, desto langsamer ist die Heilung und desto schlechter ist die Prognose.
Ist die chronische superfizielle Keratitis heilbar und wie wird sie behandelt?
Die Erkrankung ist beherrschbar, aber nicht heilbar; sie tritt häufig wieder auf und erfordert in der Regel eine lebenslange Therapie. Sie spricht auf topische, also örtlich am Auge angewendete, Steroide (Prednisolon oder Dexamethason) und/oder eine topische immunmodulatorische Therapie, zum Beispiel mit Cyclosporin, an. Ergänzend kann der Einsatz einer immunologischen Behandlung mit dendritischen Zellen erwogen werden.