Die chronisch ulzerative Stomatitis des Hundes
Bei der chronisch ulzerativen Stomatitis des Hundes handelt es sich um eine fortschreitende und schmerzhafte entzündliche Erkrankung der Mundschleimhaut. Die betroffenen Hunde entwickeln Schleimhautgeschwüre, die in Größe und Verteilung erheblich variieren können. Aufgrund der Veränderungen und der anhaltenden Schmerzen verweigern die Tiere in der Regel die Nahrungsaufnahme und verlieren dadurch an Gewicht.
Der Schmerz ist bei dieser Erkrankung nicht ein Symptom unter vielen, sondern das eigentliche Problem. Ein Hund, der bei jedem Schluck Schmerzen hat, hört auf zu fressen — und das setzt eine Abwärtsspirale in Gang, die schneller läuft als jede Behandlung anschlägt. Deshalb steht die Schmerzbehandlung hier nicht am Ende, sondern am Anfang.
Betroffene Rassen
Nach den vorliegenden Beobachtungen scheinen die krankheitsanfälligsten Rassen zu sein:
- Malteser
- Cavalier King Charles Spaniel
- Labrador Retriever
- Windhunde
Die Veränderungen sind dabei von Tier zu Tier sehr unterschiedlich ausgeprägt — von einzelnen kleinen Geschwüren bis zu großflächig entzündeter, blutender Schleimhaut.
Wie die Geschwüre aussehen und wo sie sitzen
Charakteristisch ist der Sitz der Geschwüre: Sie entstehen bevorzugt dort, wo die Wangen- oder Lippenschleimhaut die Zahnoberfläche berührt — vor allem gegenüber den Fangzähnen und den großen Backenzähnen. Im Englischen heißen sie deshalb anschaulich „kissing ulcers”, Kontaktgeschwüre.
Worauf Sie achten sollten:
- starker Maulgeruch, oft das erste, was auffällt
- vermehrtes Speicheln, mitunter blutig gefärbt
- Fressunlust — der Hund geht zum Napf, frisst aber nicht, oder lässt Brocken wieder fallen
- Bevorzugung weicher Nahrung, Verweigerung von Kauartikeln
- Schmerzäußerungen beim Gähnen, beim Spielen mit Zerrspielzeug, beim Anfassen des Kopfes
- Kratzen und Reiben am Fang
- Gewichtsverlust
- vergrößerte Kehlgangslymphknoten
Ähnliche schmerzhafte Veränderungen an den Übergängen von Haut zu Schleimhaut zeigen sich auch beim Erythema multiforme des Hundes, das meist durch Medikamente oder Futterbestandteile ausgelöst wird.
Schildern Sie uns den Fall Ihres Vierbeiners
Kostenlose Erstberatung bei Autoimmunerkrankungen durch unser tierärztliches Team — in der Regel innerhalb eines Werktages.
Lieber direkt sprechen? 05522 9182582, Montag bis Freitag 08:30–17:00 Uhr.
Was im Gewebe geschieht
Die Läsionen sind charakteristisch lichenoid: Ein dichtes entzündliches Zellinfiltrat bildet ein Band zwischen dem Epithel der oberflächlichen Mundschleimhaut und dem darunter liegenden Bindegewebe — also genau an der Grenzfläche zwischen beiden Schichten.
Diese Läsionen enthalten:
- eine große Anzahl von B- und T-Zellen, einschließlich FoxP3-positiver Zellen, also regulatorischer T-Zellen
- eine große Anzahl Interleukin-17-produzierender Zellen
- Plasmazellen, neutrophile Granulozyten und Mastzellen
Interessanterweise sind die Interleukin-17-produzierenden Zellen CD3-negativ. Das bedeutet, dass es sich bei ihnen nicht um T-Zellen handelt, sondern in erster Linie um mononukleäre Zellen anderer Herkunft. Ihre Rolle im Krankheitsgeschehen ist unklar; bemerkenswert ist, dass ihre Zahl negativ mit dem Schweregrad der Läsion zusammenhängt — je mehr dieser Zellen, desto milder die Veränderung.
Es gibt bisher keine Hinweise darauf, dass Autoantikörper an der Krankheitsentstehung beteiligt sind. Wahrscheinlich ist die Erkrankung vielmehr das Ergebnis eines örtlichen Ungleichgewichts zwischen Th17-Zellen und regulatorischen T-Zellen, das zu einer übermäßigen Interleukin-17-Produktion in der Schleimhaut führt.
Das erklärt zugleich die Einordnung: Hier greift nicht ein Antikörper ein bestimmtes Gewebe an, sondern die örtliche Regulation der Entzündung ist entgleist. Behandlungsansätze, die auf die Wiederherstellung dieser Balance zielen, sind deshalb schlüssiger als solche, die einzelne Antikörper adressieren.
Der Streit um den Zusammenhang mit dem Zahnhalteapparat
Ursprünglich wurde angenommen, dass die beschriebene Zellmischung mit einer Parodontalerkrankung — einer Erkrankung des Zahnhalteapparats — in Verbindung steht. Nach aktuellen Erkenntnissen scheint dies jedoch nicht der Fall zu sein.
Praktisch bleibt der Zahnstatus dennoch bedeutsam: Zahnbelag und Zahnstein liegen genau dort, wo die Geschwüre entstehen, und unterhalten die örtliche Entzündung mechanisch und bakteriell. Eine gründliche Zahnsanierung ist deshalb kein ursächlicher Eingriff, aber ein wirksamer Beitrag — sie nimmt der entzündeten Schleimhaut den ständigen Reiz.
Diagnose und Abgrenzung
Untersuchung in Narkose. Eine vollständige Beurteilung der Mundhöhle ist beim wachen, schmerzhaften Hund nicht möglich. Dazu gehören Zahnstatus, Röntgenaufnahmen der Zähne und die genaue Kartierung der Geschwüre.
Biopsie. Sie sichert das lichenoide Bild und grenzt gegen andere Erkrankungen ab.
Abzugrenzen sind insbesondere:
- Nierenerkrankung mit urämischer Stomatitis — hier weisen die Nierenwerte den Weg
- Autoimmunerkrankungen mit Schleimhautbeteiligung wie Pemphigus oder der mukokutane Lupus
- Erythema multiforme, meist medikamenten- oder futterbedingt
- Tumoren der Mundhöhle — jede einseitige, wuchernde Veränderung gehört bioptiert
- Fremdkörper, etwa Grannen oder Holzsplitter
- schwere Parodontitis allein
Behandlung
Schmerzbehandlung zuerst. Ohne wirksame Schmerzlinderung frisst der Hund nicht, und ohne Nahrungsaufnahme heilt nichts. Die Schmerztherapie gehört deshalb an den Anfang und wird konsequent angepasst.
Zahnsanierung und Mundhygiene. Professionelle Zahnreinigung, Entfernung nicht erhaltungswürdiger Zähne und — sobald es die Schmerzen zulassen — tägliche Mundhygiene reduzieren den Reiz an den Kontaktstellen erheblich. In hartnäckigen Fällen, in denen die Geschwüre immer wieder an denselben Zähnen entstehen, kann die Entfernung der betreffenden Zähne die einzige dauerhaft wirksame Maßnahme sein. Das klingt drastisch — Hunde kommen ohne diese Zähne jedoch erstaunlich gut zurecht, und viele fressen danach zum ersten Mal seit Monaten wieder schmerzfrei.
Entzündungshemmung und Immunmodulation. Eingesetzt werden je nach Verlauf entzündungshemmende und immundämpfende Wirkstoffe. Weil die Erkrankung auf einer entgleisten örtlichen Regulation beruht, ist die Dauerlösung selten eine reine Unterdrückung.
Immunologische Behandlung. Bei Katzen hat sich die Behandlung mit toleranzinduzierenden dendritischen Zellen bewährt — bei ihnen ist die chronische Entzündung der Maulschleimhaut ein häufiges und ausgesprochen hartnäckiges Problem. Es erscheint sinnvoll, diesen Behandlungsansatz auch bei der chronisch ulzerativen Stomatitis des Hundes zu prüfen und zu nutzen. Dendritische Zellen sind die Regisseure der Immunantwort: Sie entscheiden mit darüber, wie stark eine Entzündungsreaktion im Gewebe ausfällt. Aus dem Blut des Patienten gewonnen und entsprechend aufbereitet, können sie helfen, das Gleichgewicht zwischen entzündungsfördernden und regulierenden Zellen wiederherzustellen — genau das, was hier gestört ist.
Fütterung und Pflege zu Hause
- weiches, lauwarmes Futter anbieten; kalt und hart wird oft verweigert
- kleine Portionen häufiger — die Kaubelastung sinkt
- Wasser sicherstellen, notfalls über angefeuchtetes Futter
- Kauartikel und Zerrspiele pausieren, bis die Schleimhaut abgeheilt ist
- Mundhygiene behutsam aufbauen — erst wenn schmerzfrei, dann täglich; ein einmal etablierter Ablauf hält Rückfälle klein
- Gewicht wöchentlich notieren
- Fressverhalten beobachten — Brocken fallen lassen, einseitiges Kauen und Kopfschütteln sind Schmerzhinweise
- Kontrolltermine einhalten — die Geschwüre wandern und verändern sich
Diese Erkrankung ist für Hund und Halter zermürbend: Der Hund hat Hunger und kann nicht fressen, und man sieht ihm den Schmerz an. Es lohnt sich, an dieser Stelle konsequent zu sein — mit ausreichender Schmerzbehandlung, gründlicher Zahnsanierung und einer Behandlung, die an der Entzündungsregulation ansetzt. Wenn ein Hund nach Monaten wieder schmerzfrei frisst, ist das eine der deutlichsten Verbesserungen, die man in der Praxis erlebt.
Quellen
- Tizard IR (2023): Canine Chronic Ulcerative Stomatitis. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals. Elsevier, St. Louis, MO, S. 179
- Ettinger SJ, Feldman EC, Côté E (Hrsg.) (2017): Textbook of Veterinary Internal Medicine. 8. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO
- Miller WH, Griffin CE, Campbell KL (2013): Muller and Kirk’s Small Animal Dermatology. 7. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO
Schildern Sie uns den Fall Ihres Vierbeiners
Kostenlose Erstberatung bei Autoimmunerkrankungen durch unser tierärztliches Team — in der Regel innerhalb eines Werktages.
Lieber direkt sprechen? 05522 9182582, Montag bis Freitag 08:30–17:00 Uhr.
Häufige Fragen
Was ist eine chronisch ulzerative Stomatitis beim Hund?
Es handelt sich um eine fortschreitende und schmerzhafte entzündliche Erkrankung der Mundschleimhaut. Die betroffenen Hunde entwickeln Schleimhautgeschwüre (Ulzera), die in Größe und Verteilung variieren können. Aufgrund der chronischen Schmerzen verweigern die Tiere in der Regel die Nahrungsaufnahme und verlieren deshalb an Gewicht.
Welche Hunderassen sind besonders anfällig für die chronisch ulzerative Stomatitis?
Nach den vorliegenden Beobachtungen scheinen Malteser, Cavalier King Charles Spaniels, Labrador Retriever und Windhunde die krankheitsanfälligsten Rassen zu sein. Die Läsionen (Schleimhautveränderungen) sind dabei von Tier zu Tier sehr unterschiedlich ausgeprägt.
Was ist die Ursache der chronisch ulzerativen Stomatitis des Hundes?
Es gibt bisher keine Hinweise darauf, dass Autoantikörper (gegen körpereigene Strukturen gerichtete Abwehrstoffe) an der Krankheitsentstehung beteiligt sind. Es scheint aber wahrscheinlich, dass ein lokales Ungleichgewicht zwischen Th17- und Treg-Zellen (zwei Gruppen regulierender Immunzellen) zu einer übermäßigen Produktion des Botenstoffs Interleukin-17 in der Schleimhaut führt. Der ursprünglich vermutete Zusammenhang mit einer Parodontalerkrankung (Erkrankung des Zahnhalteapparats) scheint nach aktuellen Erkenntnissen nicht zu bestehen.
Wie wird die chronisch ulzerative Stomatitis des Hundes behandelt?
Bei Katzen hat sich die Behandlung mit toleranzinduzierenden dendritischen Zellen bewährt, also körpereigenen Immunzellen, die eine überschießende Abwehrreaktion wieder dämpfen sollen. Es erscheint sinnvoll, diesen Behandlungsansatz auch bei der chronisch ulzerativen Stomatitis des Hundes zu prüfen und zu nutzen.