Die erosive Polyarthritis der Katzen
Als erosive Polyarthritis bezeichnet man eine Entzündung mehrerer Gelenke, bei der Gelenkstrukturen und Knochen zunehmend zerstört werden — daher der Zusatz „erosiv”. Bei Katzen wurden zwei klinisch deutlich unterschiedliche Formen beschrieben: die rheumatoid-ähnliche Arthritis und die periostale proliferative Polyarthritis.
Daneben gibt es bei Katzen auch eine eigenständige, seltenere immunvermittelte Polyarthritis ohne erosive Gelenkveränderungen.
Die beiden erosiven Formen im Vergleich:
| Rheumatoid-ähnliche Arthritis | Periostale proliferative Polyarthritis | |
|---|---|---|
| Alter | mittleres bis höheres Alter | überwiegend unter 5 Jahren |
| Geschlecht | keine Bevorzugung; Siamkatzen prädisponiert | überwiegend Kater |
| Beginn | schleichend, über lange Zeit zunehmend | akut |
| Röntgenbild | Erosionen, Pannusbildung | ausgeprägte Knochenneubildung durch die Knochenhaut, später Erosionen |
| Rheumafaktoren | nachweisbar | nur experimentell nachgewiesen |
Die rheumatoid-ähnliche Arthritis
Diese Form ist eine langsam fortschreitende Erkrankung: Die Lahmheit verschlimmert sich allmählich über einen langen Zeitraum. Betroffen sind Katzen mittleren und höheren Alters, bei denen sich die Entzündung in mehreren Gelenken entwickelt. Klinisch ähnelt sie der rheumatoiden Arthritis des Hundes.
Kennzeichnend sind:
- eine Entzündung der Synovialzotten — der Ausstülpungen der Gelenkinnenhaut — mit deren Hypertrophie, also einer Vergrößerung
- die Bildung eines Pannus, also von einwachsendem Granulationsgewebe, das Knorpel und Knochen zerstört
- nachweisbare Rheumafaktoren im Blut
Siamkatzen gelten als prädisponiert, also besonders anfällig.
Weil der Beginn schleichend ist, wird diese Form leicht als Alterserscheinung fehlgedeutet. Eine Katze, die nicht mehr auf das Fensterbrett springt, weniger putzt und sich beim Anfassen der Beine wegzieht, hat jedoch keine „Altersschwäche”, sondern Schmerzen.
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Die periostale proliferative Polyarthritis
Diese Form der Arthritis ohne bekannte Ursache tritt hauptsächlich bei Katern auf, am häufigsten bei jungen Tieren unter fünf Jahren. Sie beginnt akut mit den typischen Zeichen einer Gelenkentzündung:
- Lethargie und steifer Gang
- Schmerzen und Schwellungen der Karpal- sowie der Tarsal- und Metatarsalgelenke, also der Vorder- und Hinterfußwurzelgelenke
- generalisierter Muskelschwund und örtliche Lymphknotenschwellung
Fieber und allgemeine Erkrankungszeichen fehlen dagegen.
Die Gelenkflüssigkeit zeigt eine mäßige bis schwere, sterile Ansammlung neutrophiler Zellen. Nach etwa 10 bis 12 Wochen werden im Röntgenbild Veränderungen sichtbar: eine Weichteilschwellung um das Gelenk und eine deutliche Wucherung der Knochenhaut. Die periostale Knochenneubildung nimmt vor allem um die Sprunggelenke zu, bis es zu Knochenbrücken zwischen den Gelenkanteilen und schließlich zur Gelenkversteifung kommt. Parallel entstehen knochenauflösende Veränderungen und Erosionen rund um das Gelenk; im Röntgenbild zeigen sich schwere Defekte unter dem Gelenkknorpel und an den Gelenkrändern, die zu ausgedehnter Knochenzerstörung und Gelenkverformung führen. Im umgebenden Weichteilgewebe kann es zu Verkalkungen kommen.
Der Zusammenhang mit Virusinfektionen
Die periostale proliferative Polyarthritis wurde mit Infektionen durch das feline Leukämievirus, das feline Immundefizienzvirus und das Synzytium bildende Virus in Verbindung gebracht.
Daraus folgt eine klare praktische Konsequenz: Bei jeder Katze mit dieser Form gehört eine Untersuchung auf FeLV und FIV zur Abklärung. Das Ergebnis ändert nicht nur die Einschätzung des Verlaufs, sondern auch die Empfehlungen für das weitere Leben der Katze — von der Haltung bis zum Umgang mit anderen Tieren im Haushalt.
Der Weg zur Diagnose
Die Schlüsseluntersuchung ist die Gelenkpunktion mit zytologischer Beurteilung der Gelenkflüssigkeit: Sie unterscheidet die entzündliche, sterile Flüssigkeit von einer bakteriellen Gelenkentzündung und grenzt gegen die Arthrose ab. Ergänzend gehören Röntgenaufnahmen mehrerer Gelenke dazu — sie zeigen, ob eine erosive oder eine nicht erosive Form vorliegt und sind bei der periostalen Form charakteristisch.
Der Nachweis von Rheumafaktoren bleibt bei der Katze eine Einschränkung: Bei der periostalen Form wurden sie nur in experimentellen Untersuchungen gefunden, aber kommerzielle Tests stehen für diese Tierart nicht zur Verfügung. In der Praxis bleibt es deshalb häufig bei einer Verdachtsdiagnose, die sich aus Klinik, Punktion und Röntgenbild zusammensetzt.
Behandlung
Bei der rheumatoid-ähnlichen Form orientiert sich das Vorgehen an den Schemata beim Hund:
- leichte Fälle: nichtsteroidale Entzündungshemmer wie Meloxicam oder Carprofen
- schwere Fälle: Glukokortikoide, bei der Katze bevorzugt Prednisolon
- bei Wiederauftreten oder geringem Ansprechen: Ergänzung durch Methotrexat, Azathioprin oder Leflunomid
Bei der periostalen proliferativen Form können Glukokortikoide und Schmerzmittel die Beschwerden lindern, führen jedoch nicht zu einer Rückbildung der Knochenveränderungen. Eine konsequente Behandlung mit Immunsuppressiva wie Prednisolon, Cyclophosphamid, Methotrexat oder Leflunomid kann wirksam sein.
Weil bei beiden Formen eine langfristige Immunsuppression nötig werden kann und Katzen unter Dauerkortison überdurchschnittlich häufig Störungen des Zuckerstoffwechsels entwickeln, sollte über eine ergänzende Behandlung mit dendritischen Zellen nachgedacht werden. Dabei werden aus einer Blutprobe der Katze körpereigene Zellen so aufbereitet, dass sie toleranzfördernd wirken — sie zielen darauf ab, die fehlgeleitete Immunreaktion zu normalisieren, statt die Abwehr insgesamt zu unterdrücken.
Prognose und Alltag
Spricht die rheumatoid-ähnliche Arthritis nicht auf die Behandlung an, muss von einer schlechten Prognose ausgegangen werden. Bei der periostalen proliferativen Form treten Rückfälle sehr häufig auf, und bereits entstandene Knochenveränderungen bilden sich nicht zurück.
Umso wichtiger ist, was sich unabhängig davon verbessern lässt: die Erleichterung bei Routinen im Alltag. Niedrige Einstiegshöhen ins Katzenklo, Rampen oder Zwischenstufen zu erhöhten Liegeplätzen, warme, weiche Ruheplätze und Futter- und Wassernäpfe auf Bodenhöhe nehmen einer steifen Katze viele schmerzhafte Bewegungen ab. Da Katzen Schmerz gut verbergen, ist Ihre Beobachtung des Verhaltens — Sprungfreude, Putzverhalten, Ruheplätze — oft der verlässlichste Hinweis darauf, ob die Behandlung wirkt.
Eine Einordnung in die Gruppe der übrigen Autoimmunerkrankungen bei Hund, Katze und Pferd finden Sie auf der Übersichtsseite.
Quellen
Tizard IR (2023): Feline Erosive Polyarthritis. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals, Elsevier, St. Louis, MO, 213–214
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Häufige Fragen
Was ist eine erosive Polyarthritis bei Katzen?
Als erosive Polyarthritis bezeichnet man eine Entzündung mehrerer Gelenke, bei der Gelenkstrukturen und Knochen zunehmend zerstört werden (Erosionen). Bei Katzen wurden zwei klinisch unterschiedliche Formen gefunden: die rheumatoide beziehungsweise rheumatoid-ähnliche Arthritis und die periostale proliferative Polyarthritis.
Woran erkenne ich eine rheumatoide Arthritis bei meiner Katze?
Die rheumatoid-ähnliche Arthritis ist eine langsam fortschreitende Erkrankung, bei der sich Lahmheitserscheinungen allmählich über einen langen Zeitraum verschlimmern. Sie entwickelt sich in der Regel bei Katzen mittleren Alters und älteren Katzen in mehreren Gelenken; feststellbar sind eine Entzündung und Vergrößerung der Synovialzotten (Ausstülpungen der Gelenkinnenhaut), Pannusbildung (einwachsendes Granulationsgewebe) und Rheumafaktoren im Blut. Siamkatzen gelten als prädisponiert, also besonders anfällig.
Was ist die periostale proliferative Polyarthritis der Katze?
Diese Form tritt hauptsächlich bei männlichen und meist jungen Katzen unter 5 Jahren auf. Sie beginnt akut mit Lethargie, steifem Gang sowie Schmerzen und Schwellungen der Karpal- und Tarsalgelenke (Vorder- und Hinterfußwurzelgelenke); Fieber und systemische Erkrankungen treten dabei nicht auf. Kennzeichnend ist eine deutliche Knochenneubildung durch die Knochenhaut (Periost), die bis zur Versteifung der Gelenke fortschreiten kann.
Können Virusinfektionen eine Polyarthritis bei Katzen auslösen?
Die periostale proliferative Polyarthritis wurde mit Infektionen durch das Feline Leukämievirus, das Feline Immundefizienzvirus und das Synzytium bildende Virus in Verbindung gebracht. Die Diagnose bleibt in der Regel eine Verdachtsdiagnose, da für den Nachweis von Rheumafaktoren bei der Katze keine kommerziellen Tests verfügbar sind.
Wie wird die erosive Polyarthritis der Katze behandelt?
Bei der rheumatoid-ähnlichen Form werden leichte Fälle mit NSAIDs (nichtsteroidalen Antirheumatika) wie Meloxicam oder Carprofen behandelt, schwere Fälle mit Glukokortikoiden wie Prednisolon; bei geringem Ansprechen kann die Therapie durch Methotrexat, Azathioprin oder Leflunomid ergänzt werden. Bei der periostalen proliferativen Form können Glukokortikoide und Schmerzmittel die Beschwerden lindern, führen aber nicht zu einer Rückbildung der Knochenveränderungen; eine aggressive Behandlung mit Immunsuppressiva kann wirksam sein. Zusätzlich sollte über eine immunologische Begleitbehandlung nachgedacht werden.
Wie ist die Prognose bei erosiver Polyarthritis der Katze?
Spricht die rheumatoid-ähnliche Arthritis nicht auf die Behandlung an, muss von einer schlechten Prognose ausgegangen werden. Bei der periostalen proliferativen Form treten Rückfälle leider sehr häufig auf, und bereits entstandene Knochenveränderungen bilden sich nicht zurück.