Tumorerkrankung
Propranolol zur Behandlung von Hunden mit Hämangiosarkom
Propranolol ist ein Betablocker — ein Medikament, das eigentlich zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickelt wurde — und wird als mögliche ergänzende Behandlung von Hämangiosarkomen beim Hund untersucht. Den Anstoß gaben Beobachtungen aus der Humanmedizin zum Angiosarkom, dem entsprechenden Gefäßtumor des Menschen, sowie Laborarbeiten der Arbeitsgruppe um Erin Dickerson (University of Minnesota). Die klinische Datenlage beim Hund ist bislang schmal und uneinheitlich.
Wirkmechanismus
Nach den Untersuchungen der Arbeitsgruppe um Dickerson greift Propranolol an mehreren Stellen in den Stoffwechsel von Hämangiosarkomzellen ein. Es reichert sich in den Lysosomen an — den „Recyclinghöfen” der Zelle, die auch an der Ausschleusung von Medikamenten beteiligt sind — und stört dort die Abläufe, die Tumorzellen gegen Chemotherapeutika unempfindlich machen. Darüber hinaus scheint Propranolol den Zellzyklus zu hemmen und die Aufnahme von Fettsäuren zu blockieren, mit denen benachbarte Fettzellen den Tumorstoffwechsel unterstützen.
Laborbefunde
Saha et al. (2021) zeigten an Gefäßsarkom-Zelllinien, dass Propranolol die Empfindlichkeit gegenüber Doxorubicin erhöht: Unter Propranolol verblieb mehr Doxorubicin in den Tumorzellen, weil die lysosomale Speicherung und die Ausschleusung des Wirkstoffs verändert wurden. Diese Befunde legten eine Kombination von Propranolol und Chemotherapie nahe — sie stammen allerdings aus der Zellkultur, nicht vom Patienten.
In einem breiteren Zusammenhang steht die Übersichtsarbeit von Ammons et al. (2023): Sie beschreibt, wie chronischer adrenerger Stress — also eine dauerhafte Aktivierung des sympathischen Nervensystems — über sogenannte myeloide Suppressorzellen die Immunabwehr gegen Tumoren dämpfen kann, und diskutiert Betablocker als möglichen Ansatz, Immuntherapien besser wirken zu lassen. Ein Wirksamkeitsnachweis für bestimmte Tumorarten ist damit nicht verbunden.
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Klinische Studien beim Hund
Die ersten klinischen Daten sind ernüchternder als die Laborbefunde:
Terauchi et al. (2023) behandelten fünf Hunde mit Hämangiosarkom im Stadium III mit einer Kombination aus Anthrazyklin-Chemotherapie und Propranolol. Bei vier der fünf Hunde wurde ein klinischer Nutzen beobachtet — darunter eine komplette und eine teilweise Remission (Rückgang des Tumors) —, schwere Nebenwirkungen traten nicht auf. Bei fünf Tieren ohne Kontrollgruppe lässt sich daraus jedoch keine Wirksamkeit ableiten.
PRO-DOX-Studie (Borgatti et al. 2025): In dieser Phase-I-Studie der University of Minnesota erhielten 20 Hunde nach Splenektomie (Entfernung der Milz) wegen eines Hämangiosarkoms im Stadium I oder II Doxorubicin plus Propranolol. Das Ergebnis: Propranolol schien den Krankheitsverlauf nicht erkennbar zu beeinflussen — die mediane Überlebenszeit lag mit 134 Tagen nicht über der einer historischen Vergleichsgruppe mit alleiniger Doxorubicin-Behandlung (152 Tage). Mit einem längeren Überleben verbunden war in dieser Untersuchung vor allem ein jüngeres Alter der Hunde.
Dosierung in den Untersuchungen
In den Untersuchungen der Minnesota-Gruppe wurden tägliche Dosierungen von 0,8, 1,0 und 1,3 mg Propranolol pro kg Körpergewicht geprüft; verwendet wurde überwiegend die mittlere Dosierung. Diese Angaben beschreiben das Studienprotokoll — über Einsatz und Dosierung im Einzelfall entscheidet die behandelnde Tierärztin oder der behandelnde Tierarzt.
Einordnung
Propranolol ist beim Hämangiosarkom des Hundes ein experimenteller Ansatz: gut verträglich und kostengünstig, mit plausiblem Wirkmechanismus aus der Zellkultur — aber ohne belegten Überlebensvorteil in den bisherigen klinischen Untersuchungen. In der Praxis wird Propranolol teils begleitend zu anderen Behandlungen eingesetzt, auch zusammen mit der dendritischen Zelltherapie; kontrollierte Studien zu dieser Kombination liegen nicht vor. Wer den Ansatz erwägt, sollte ihn als Ergänzung mit offener Datenlage verstehen, nicht als gesicherte Therapie.
Quellen
- Dickerson E (2021): Using Propranolol to treat canine hemangiosarcoma: Lessons learned and new directions, Presentation, Veterinary Cancer Society Online Conference 2021
- Saha J et al. (2021): Propranolol Sensitizes Vascular Sarcoma Cells to Doxorubicin by Altering Lysosomal Drug Sequestration and Drug Efflux, Front Oncol 10:614288, doi: 10.3389/fonc.2020.614288
- Terauchi M et al. (2023): Efficacy and adverse events of anthracycline and propranolol combination in five dogs with stage 3 hemangiosarcoma, Open Vet J 13(6):801–806, doi: 10.5455/OVJ.2023.v13.i6.15
- Borgatti A et al. (2025): Younger age is associated with favorable outcomes in adult dogs with hemangiosarcoma receiving adjuvant doxorubicin chemotherapy: results from the PRO-DOX study, Veterinary Oncology 2:35, doi: 10.1186/s44356-025-00049-w
- Ammons DT et al. (2023): Chronic adrenergic stress and generation of myeloid-derived suppressor cells: Implications for cancer immunotherapy in dogs, Vet Comp Oncol, doi: 10.1111/vco.12891
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Häufige Fragen
Was ist Propranolol und warum wird es beim Hämangiosarkom untersucht?
Propranolol ist ein Betablocker, also ein Medikament, das eigentlich zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickelt wurde. Es wird als mögliche ergänzende Behandlung des Hämangiosarkoms beim Hund untersucht; den Anstoß gaben Beobachtungen aus der Humanmedizin zum Angiosarkom sowie Laborarbeiten der Arbeitsgruppe um Erin Dickerson (University of Minnesota).
Hilft Propranolol Hunden mit Hämangiosarkom wirklich?
Die klinische Datenlage ist bislang schmal und uneinheitlich. In einer kleinen Untersuchung (Terauchi et al. 2023, fünf Hunde im Stadium III) wurde bei vier von fünf Tieren ein klinischer Nutzen beobachtet, ohne Kontrollgruppe lässt sich daraus aber keine Wirksamkeit ableiten. In der PRO-DOX-Studie (Borgatti et al. 2025, 20 Hunde) schien Propranolol den Krankheitsverlauf nicht erkennbar zu beeinflussen: Die mediane Überlebenszeit lag mit 134 Tagen nicht über der einer historischen Vergleichsgruppe mit alleiniger Doxorubicin-Behandlung (152 Tage).
Wie soll Propranolol gegen den Tumor wirken?
Nach den Untersuchungen der Arbeitsgruppe um Dickerson reichert sich Propranolol in den Lysosomen an — den „Recyclinghöfen“ der Zelle — und stört dort Abläufe, die Tumorzellen gegen Chemotherapeutika unempfindlich machen. In der Zellkultur erhöhte es so die Empfindlichkeit gegenüber Doxorubicin (Saha et al. 2021); zudem scheint es den Zellzyklus zu hemmen und die Aufnahme von Fettsäuren zu blockieren. Diese Befunde stammen allerdings aus dem Labor, nicht vom Patienten.
Ist Propranolol für Hunde gut verträglich?
In den bisherigen Untersuchungen gilt Propranolol als gut verträglich und kostengünstig; in der kleinen Studie von Terauchi et al. traten keine schweren Nebenwirkungen auf. In den Studien der Minnesota-Gruppe wurden tägliche Dosierungen von 0,8 bis 1,3 mg pro kg Körpergewicht geprüft — diese Angaben beschreiben das Studienprotokoll, über Einsatz und Dosierung im Einzelfall entscheidet die behandelnde Tierärztin oder der behandelnde Tierarzt.
Kann Propranolol mit anderen Behandlungen kombiniert werden?
In der Praxis wird Propranolol teils begleitend zu anderen Behandlungen eingesetzt, auch zusammen mit der dendritischen Zelltherapie, einer Immuntherapie mit körpereigenen Zellen; kontrollierte Studien zu dieser Kombination liegen nicht vor. Wer den Ansatz erwägt, sollte ihn als Ergänzung mit offener Datenlage verstehen, nicht als gesicherte Therapie.