Tumorerkrankung
Mammatumor beim Pferd
Bei einem Mammatumor beim Pferd handelt es sich um eine Neubildung (Zubildung von Gewebe) der Milchdrüse, also des Euters der Stute. Tumoren dieser Lokalisation treten beim Pferd sehr selten auf, sind aber fast immer klinisch bedeutsam. Gerade die Seltenheit macht sie tückisch: Da Umfangsvermehrungen am Euter weitaus häufiger entzündliche oder traumatische Ursachen haben, wird zunächst meist an eine Mastitis (Euterentzündung) gedacht. Umso wichtiger ist es, bei jeder unklaren Veränderung der Milchdrüse — bei Schwellungen, Verhärtungen, Ulzerationen (offenen Geschwüren) oder dauerhafter Sekretion — auch eine Tumorbildung differenzialdiagnostisch zu berücksichtigen.
Wie häufig ist ein Mammatumor beim Pferd?
Tumoren der Milchdrüse kommen beim Pferd insgesamt sehr selten vor. Eine französische Untersuchung an 39.800 Schlachtpferden ergab eine Häufigkeit von 0,11 %, eine spätere Erhebung kam auf 1,99 % — die Angaben in der Literatur bewegen sich damit in einer Spanne von etwa 0,1 bis 1,9 %. Insgesamt sind bislang weniger als 30 Fälle publiziert worden, überwiegend als Einzelfallberichte.
Betroffen sind vor allem ältere Stuten. Die beschriebenen Patientinnen waren in der Regel zwischen 12 und 25 Jahre alt, Einzelfälle wurden aber auch in anderen Altersgruppen dokumentiert. Aus dieser dünnen Datengrundlage folgt zweierlei: Belastbare Aussagen zur Prognose und zu einem standardisierten Therapieschema lassen sich derzeit nicht ableiten. Umso wichtiger wird die individuelle onkologische Beurteilung jedes einzelnen Falls.
Welche Tumorarten kommen vor?
Unter dem Begriff Mammatumor werden verschiedene Neubildungen der Milchdrüse zusammengefasst. Beim Pferd sind vor allem beschrieben:
- Adenokarzinome der Milchdrüse
- Plattenepithelkarzinome
- Melanome
- Equine Sarkoide
- Adenome (gutartig)
- gemischte Tumoren mit gut- und bösartigen Anteilen
- in Einzelfällen weitere bösartige oder örtlich einwachsende Neubildungen im Bereich des Euters, etwa neuroendokrine Tumoren
Am häufigsten werden Karzinome und Adenokarzinome diagnostiziert. Auffällig ist, dass nahezu alle bisher beschriebenen equinen Mammatumoren bösartig waren; ein gutartiges Adenom wurde bislang nur ein einziges Mal berichtet. Klinisch bedeutsam sind die bösartigen Formen deshalb, weil sie örtlich infiltrativ wachsen, also in das umliegende Gewebe einwachsen, und metastasieren können — das heißt, sie bilden Tochtergeschwülste. Die Ausbreitung erfolgt zunächst meist in die regionären Lymphknoten; bei weiterem Fortschreiten können auch andere Organe betroffen sein.
Wie selten und wie vielgestaltig das Bild sein kann, zeigt eine aktuelle Fallbeschreibung: Jordan et al. dokumentierten 2026 einen neuroendokrinen Tumor der Milchdrüse bei einer Stute — eine Entität, die bei dieser Tierart bis dahin nicht beschrieben war.
Symptome: Wie zeigt sich ein Mammatumor beim Pferd?
Die klinischen Anzeichen sind häufig unspezifisch. Als typische Befunde werden beschrieben:
- einseitige oder beidseitige Schwellung im Bereich des Euters
- derbe Knoten oder diffuse Verhärtungen
- Schmerzhaftigkeit beim Abtasten — nicht in jedem Fall vorhanden
- Hautveränderungen wie Ulzerationen oder nässende Areale
- abnorme Sekretion aus der Zitze, oft blutig und zellreich
- Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen) des umgebenden Gewebes
- vergrößerte regionäre Lymphknoten (Lnn. inguinales und iliaci, also die Lymphknoten der Leisten- und Beckenregion)
- in fortgeschrittenen Fällen Gewichtsverlust, reduzierte Leistungsfähigkeit sowie allgemeine Krankheitszeichen wie Anämie (Blutarmut) und Pyrexie (Fieber)
- Flüssigkeitsansammlungen in Bauch- oder Brusthöhle als Hinweis auf eine Metastasierung
Da all diese Anzeichen auch bei einer Mastitis, bei Abszessen, nach Verletzungen oder bei anderen entzündlichen Prozessen auftreten können, reicht die klinische Untersuchung allein für eine Einordnung nicht aus.
Diagnostik beim Mammatumor des Pferdes
Die Diagnostik verfolgt drei Ziele: Sie soll eine entzündliche von einer neoplastischen, also tumorbedingten Veränderung abgrenzen, den Tumortyp bestimmen und erfassen, ob sich die Erkrankung bereits auf weitere Regionen oder Organe ausgebreitet hat.
Klinische Untersuchung
Zunächst erfolgt eine vollständige Allgemeinuntersuchung, anschließend die spezielle Untersuchung der Milchdrüse, der umgebenden Haut und der regionären Lymphknoten. Wichtig ist daneben die Anamnese, also die Vorgeschichte: seit wann die Veränderung besteht, ob sie fortschreitet und ob bereits Sekretion, Fieber oder Schmerzen aufgefallen sind. Eine fotografische Dokumentation ist sinnvoll, da das Euter im Alltag leicht übersehen wird und sich Größenveränderungen so besser beurteilen lassen.
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Bildgebung
Die Ultraschalluntersuchung des Euters hilft dabei, die Struktur der Veränderung einzuordnen: Solide, zystische und gemischt aufgebaute Areale lassen sich unterscheiden und gezielt für eine Probenentnahme lokalisieren. Je nach Befund kann eine weiterführende Bildgebung sinnvoll sein.
Zytologie und Biopsie
Für die endgültige Diagnose ist in aller Regel eine Gewebeprobe entscheidend. Eine Feinnadelaspiration, bei der mit einer dünnen Nadel Zellen abgesaugt werden, kann erste Hinweise liefern, reicht aber nicht immer aus. Verlässlicher ist die Biopsie mit anschließender histopathologischer Untersuchung: Erst sie klärt die Dignität — also die Frage gut- oder bösartig — und die genaue Tumorentität.
Staging
Bei bestätigtem oder dringendem Verdacht auf einen bösartigen Mammatumor sollte ein onkologisches Staging erfolgen, also eine Bestimmung des Ausbreitungsstadiums. Dazu können gehören:
- Untersuchung der regionären Lymphknoten, gegebenenfalls rektal
- Beurteilung auf Hinweise einer Metastasierung, etwa Flüssigkeitsansammlungen in Brust- oder Bauchhöhle
- weitere Untersuchungen je nach klinischem Verdacht
Das Staging ist deshalb so wichtig, weil sowohl die Behandlungsstrategie als auch die Prognose stark davon abhängen, ob der Tumor örtlich begrenzt ist oder bereits gestreut hat. Wie weit fortgeschritten die Erkrankung zum Zeitpunkt der Diagnose sein kann, zeigt der von Hirayama et al. beschriebene Fall einer 21-jährigen Vollblutstute: Der Tumor maß 35 × 14 × 10 cm, Metastasen fanden sich in Nieren, Lunge, Skelettmuskulatur und den regionären Lymphknoten.
Behandlung
Die Behandlung eines Mammatumors beim Pferd muss individuell geplant werden. Entscheidend sind Tumorgröße, Lokalisation, Invasivität, Metastasierungsstatus, Allgemeinzustand der Stute und die praktische Operabilität.
Chirurgische Therapie
Wenn es technisch möglich ist, ist die chirurgische Entfernung in vielen Fällen die wichtigste örtliche Behandlungsoption. Ziel ist eine möglichst vollständige Resektion mit ausreichendem Sicherheitsabstand. Gerade im Bereich der Milchdrüse ist das anspruchsvoll: Die anatomischen Verhältnisse, das infiltrative Wachstum und das anschließende Wundmanagement stellen hohe Anforderungen. In Einzelfällen wurde eine beidseitige Mastektomie, also die vollständige Entfernung des Euters, erfolgreich durchgeführt.
Die chirurgische Therapie ist vor allem dann sinnvoll, wenn:
- der Tumor örtlich begrenzt erscheint
- keine oder nur geringe Hinweise auf Fernmetastasen bestehen
- eine vollständige oder weitgehende Entfernung realistisch ist
Supportive und palliative Maßnahmen
Nicht jeder Mammatumor lässt sich chirurgisch behandeln. Bei fortgeschrittenen oder bereits metastasierten Verläufen stehen lindernde Maßnahmen im Vordergrund. Dazu gehören:
- Schmerzmanagement
- Kontrolle sekundärer Entzündungen
- Wundversorgung bei ulzerierten Tumoren
- Erhalt von Lebensqualität und Futteraufnahme
Immuntherapie mit dendritischen Zellen
Eine systemische Chemotherapie, wie sie bei Hund und Katze etabliert ist, spielt beim Pferd nur eine untergeordnete Rolle: Es fehlen belastbare Protokolle für diese Tierart, und die Körpermasse erschwert eine solche Behandlung erheblich. Damit bleibt nach der Operation eine Lücke — und genau hier setzt die immunologische Behandlung an.
Die dendritische Zelltherapie nutzt die körpereigene Abwehr der Stute. Dazu wird dem Pferd Blut entnommen, aus dem im Labor dendritische Zellen kultiviert werden. Diese Zellen sind die Wachposten des Immunsystems: Sie erkennen entartete Zellen und zeigen der Abwehr, welche Zellen sie angreifen soll. Zurückgegeben an das Pferd, bringen sie das Immunsystem wieder in Schwung und richten es gegen verbliebenes Tumorgewebe.
Die Behandlung ist schonend und belastet die Stute nicht mit den Nebenwirkungen einer zytostatischen Therapie. Nach einer Operation kann sie helfen, zurückgebliebenes Tumorgewebe im Wachstum zu hemmen und einem Rezidiv, also dem Wiederauftreten des Tumors, vorzubeugen. Sie baut das Immunsystem Ihres Pferdes auf und verbessert die Prognose hinsichtlich Lebensqualität und Lebenserwartung. Gerade bei einer Erkrankung, für die es beim Pferd keine etablierte systemische Nachbehandlung gibt, ist das eine Option, die ernsthaft geprüft werden sollte.
Prognose des Mammatumors beim Pferd
Die Prognose ist variabel und hängt vor allem von folgenden Faktoren ab:
- bösartige oder gutartige Veränderung
- Größe und örtliche Ausdehnung
- Vollständigkeit der chirurgischen Entfernung
- Beteiligung der regionären Lymphknoten
- Vorliegen von Metastasen
- allgemeiner Gesundheitszustand der Stute
Früh erkannte, örtlich begrenzte Veränderungen haben grundsätzlich eine bessere Ausgangslage als fortgeschrittene, ulzerierte oder bereits metastasierte Tumoren. Da die Mehrzahl der publizierten Fälle erst spät erkannt wurde, fällt die Prognose in der Literatur insgesamt zurückhaltend aus. Es ist allerdings anzunehmen, dass dieses Bild die späte Diagnosestellung mit abbildet und nicht allein die Biologie des Tumors.
Wann sollte eine Umfangsvermehrung am Euter abgeklärt werden?
Eine tierärztliche Untersuchung sollte zeitnah erfolgen, wenn:
- eine Schwellung bestehen bleibt oder zunimmt
- das Gewebe derb, knotig oder unregelmäßig wirkt
- Sekretion, Blutung oder Ulzeration auftreten
- die Stute Schmerzen zeigt
- begleitend Gewichtsverlust oder Leistungsminderung auffallen
Gerade weil Mammatumoren beim Pferd so selten sind, besteht die Gefahr, dass verdächtige Veränderungen zunächst als entzündlich eingeordnet werden. Bleibt eine Läsion bestehen oder spricht sie nicht wie erwartet auf eine Behandlung an, sollte eine gezielte weiterführende Diagnostik erfolgen. Für Sie als Besitzerin oder Besitzer heißt das vor allem: Vertrauen Sie Ihrer Beobachtung. Wenn am Euter Ihrer Stute etwas nicht so heilt, wie es sollte, ist das ein guter Grund, noch einmal genauer hinzusehen — je früher eine solche Veränderung eingeordnet wird, desto mehr Handlungsmöglichkeiten bleiben.
Weitere Tumorarten, die beim Pferd vorkommen, finden Sie in der Übersicht der Tumorarten bei Pferden. Zur häufigsten Neubildung im Bereich der Geschlechtsorgane der Stute lesen Sie die Seite zum Granulosazelltumor beim Pferd.
Quellen
Knottenbelt DC, Patterson-Kane JC, Snalune KL (2015): Neoplastic Disease of the Mammary Gland. In: Clinical Equine Oncology. Elsevier, Edinburgh, 647–651.
Jordan R, Roa F, Santonastaso A, Uzal FA, Stevenson V (2026): Mammary neuroendocrine tumor in a mare. Journal of Veterinary Diagnostic Investigation, doi: 10.1177/10406387261456253.
Hirayama K, Honda Y, Sako T, Okamoto M, Tsunoda N, Tagami M, Taniyama H (2003): Invasive ductal carcinoma of the mammary gland in a mare. Veterinary Pathology 40(1):86.
Quinn GC, D’Amours GH (2023): Mammary tubulopapillary carcinoma in a mare, requiring bilateral mastectomy. New Zealand Veterinary Journal 71(6):344–347.
Brocca G, Centelleghe C, Padoan E, Stoppini R, Giudice C, Castagnaro M, Zappulli V (2020): Case Report of a Mare Diagnosed with a Metastatic Mammary Carcinoma after the Excision of a Recurrent Intraocular Neuroepithelial Tumor. Animals 10(12):2409.
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Häufige Fragen
Wie häufig ist ein Mammatumor beim Pferd?
Tumoren der Milchdrüse sind beim Pferd ausgesprochen selten. Untersuchungen an Schlachtpferden nennen Häufigkeiten zwischen 0,11 % und 1,99 %, und in der Fachliteratur sind bislang weniger als 30 Fälle beschrieben. Betroffen sind überwiegend ältere Stuten, meist im Alter zwischen 12 und 25 Jahren.
Woran erkenne ich einen Mammatumor bei meiner Stute?
Typisch sind eine ein- oder beidseitige Schwellung des Euters, derbe Knoten oder diffuse Verhärtungen sowie Hautveränderungen wie Ulzerationen (offene Geschwüre) oder nässende Areale. Auch eine blutige Sekretion aus der Zitze und vergrößerte Lymphknoten in der Leisten- und Beckenregion sind Warnzeichen. In fortgeschrittenen Fällen kommen Gewichtsverlust, nachlassende Leistungsfähigkeit und Fieber hinzu.
Kann ein Mammatumor mit einer Euterentzündung verwechselt werden?
Ja, und das ist die häufigste Fehleinschätzung. Eine Mastitis (Euterentzündung), ein Abszess oder eine Verletzung zeigen sehr ähnliche Anzeichen und kommen bei Stuten deutlich öfter vor. Bleibt eine Schwellung trotz Behandlung bestehen oder nimmt sie weiter zu, sollte deshalb gezielt auf einen Tumor untersucht werden.
Wie wird ein Mammatumor beim Pferd sicher festgestellt?
Die Ultraschalluntersuchung des Euters zeigt, ob eine Veränderung solide, zystisch oder gemischt aufgebaut ist, und hilft dabei, eine Probe gezielt zu entnehmen. Eine Feinnadelaspiration liefert erste Hinweise, reicht aber häufig nicht aus. Verlässlich ist die Biopsie mit anschließender histopathologischer Untersuchung (Gewebeuntersuchung unter dem Mikroskop): Erst sie klärt, ob der Tumor gut- oder bösartig ist und um welche Tumorart es sich handelt.
Wie wird ein Mammatumor beim Pferd behandelt?
Wenn es die Lage und Größe zulassen, steht die chirurgische Entfernung mit ausreichendem Sicherheitsabstand im Vordergrund. Ergänzend kann die dendritische Zelltherapie eingesetzt werden: Sie baut das Immunsystem der Stute auf, hilft nach der Operation gegen zurückgebliebenes Tumorgewebe und verbessert die Prognose hinsichtlich Lebensqualität und Lebenserwartung. Ist eine Operation nicht mehr möglich, stehen Schmerzbehandlung und Wundversorgung im Mittelpunkt.
Wie ist die Prognose bei einem Mammatumor?
Die Prognose hängt vor allem davon ab, ob der Tumor gut- oder bösartig ist, wie groß er ist, ob er vollständig entfernt werden konnte und ob bereits Lymphknoten oder andere Organe betroffen sind. Früh erkannte, örtlich begrenzte Veränderungen haben eine deutlich bessere Ausgangslage als fortgeschrittene oder bereits metastasierte Tumoren. Da die meisten beschriebenen Fälle erst spät erkannt wurden, ist die Datenlage insgesamt dünn.