Systemischer Lupus erythematosus bei Katzen
Beim systemischen Lupus erythematosus (SLE) handelt es sich um eine bei Katzen selten auftretende Autoimmunerkrankung, bei der sich das Immunsystem gegen Bestandteile des eigenen Zellkerns richtet. Weil solche Bestandteile in jeder Körperzelle vorkommen, kann die Erkrankung mehrere Organe zugleich treffen — daher „systemisch”. Bei der Katze äußert sie sich in der Regel als Antiglobulin-positive Anämie: eine Blutarmut, bei der sich Antikörper auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen nachweisen lassen. Etwa die Hälfte der Katzen mit Lupus entwickelt zusätzlich eine Hauterkrankung.
Die Katze macht es der Diagnostik dabei besonders schwer. Sie zeigt weniger das klassische Gelenkbild, das den Lupus beim Hund so kenntlich macht, sondern beginnt oft schleichend mit Abgeschlagenheit, Fieberschüben und blassen Schleimhäuten. Leider ist der Test, der beim Hund die Richtung weist, bei ihr nur eingeschränkt verwertbar.
Wie die Erkrankung entsteht
Beim SLE bildet das Immunsystem Autoantikörper gegen Kernbestandteile der eigenen Zellen. Diese verbinden sich mit ihren Zielstrukturen zu Immunkomplexen, die im Blut zirkulieren und sich dort ablagern, wo Blut gefiltert oder verlangsamt wird: in den Nierenkörperchen, in den Gelenkinnenhäuten, in den Wänden kleiner Gefäße, in der Haut. An diesen Orten aktivieren sie das Komplementsystem und locken Entzündungszellen an.
Bei der Katze kommt ein zweiter Mechanismus hinzu, der das Bild prägt: Antikörper lagern sich unmittelbar auf den roten Blutkörperchen ab. Diese werden dadurch von der Milz als fremd erkannt und abgebaut — das Ergebnis ist die hämolytische Anämie, die bei dieser Tierart so häufig im Vordergrund steht.
Anzeichen bei der Katze
Zu den beobachteten Symptomen gehören:
- immer wieder auftretendes Fieber — Schübe ohne erkennbaren Infekt
- hämolytische Anämie — Blutarmut durch Zerfall roter Blutkörperchen, erkennbar an blassen Schleimhäuten, Schwäche, schneller Atmung und Herzfrequenz
- Thrombozytopenie — eine Erniedrigung der Blutplättchen, die zu punktförmigen Blutungen an Schleimhäuten führen kann
- Anzeichen einer Polyarthritis — Entzündung mehrerer Gelenke, bei der Katze oft nur als Steifheit, Sprungunlust oder verändertes Ruheverhalten sichtbar
- Glomerulonephritis — eine Entzündung der Nierenkörperchen mit Eiweißverlust über den Urin
Katzen verbergen Schmerz und Schwäche gut. Gelenkbeschwerden zeigen sich bei ihnen selten als Lahmheit, sondern als Rückzug: Sie springen nicht mehr auf das Fensterbrett, wechseln den Schlafplatz nach unten, putzen sich schlechter. Solche Verhaltensänderungen sind bei der Katze diagnostisch wertvoller als bei jeder anderen Tierart.
Hautveränderungen
Etwa die Hälfte der Katzen mit Lupus entwickelt eine Hauterkrankung. Zu den Läsionen kann Haarausfall gehören, verbunden mit einer erythematösen, schuppenden und krustigen Dermatose — also einer geröteten Hautentzündung mit Schuppen- und Krustenbildung.
Anders als beim Hund, wo sich die Veränderungen weitgehend auf sonnenexponierte Bereiche beschränken, kann die Dermatose bei der Katze überall am Körper auftreten. Das erschwert die Zuordnung: Krustige, schuppende Hautveränderungen sind bei Katzen häufig und haben viele Ursachen — von Flohbissallergie über Milben bis zu Pilzinfektionen. Eine Hautbiopsie schafft hier Klarheit, wo die äußere Betrachtung an ihre Grenzen kommt.
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Diagnose
Die Diagnose ergibt sich aus der Kombination mehrerer entzündlicher Befunde in verschiedenen Organsystemen — nicht aus einem einzelnen Test.
Blutbild und Coombs-Test: Das Blutbild zeigt die Anämie und gegebenenfalls die verminderten Blutplättchen. Der Coombs-Test — auch Antiglobulintest — weist die Antikörper auf den roten Blutkörperchen nach und begründet den Zusatz „Antiglobulin-positiv”.
Organbezogene Abklärung: Urinuntersuchung auf Eiweiß, Nierenwerte, gegebenenfalls Gelenkpunktion und Bildgebung.
Ausschluss von Infektionen — der entscheidende Schritt: Bei der Katze müssen vor jeder immundämpfenden Behandlung insbesondere ausgeschlossen werden:
- Hämoplasmen (früher als Haemobartonella bezeichnet) — sie verursachen eine infektiöse Anämie, die ebenfalls Coombs-positiv ausfallen kann und mit Antibiotika behandelt wird
- FeLV und FIV — das Katzenleukämie- und das Katzenimmunschwächevirus
- Feline infektiöse Peritonitis (FIP) — sie kann ein ähnlich vielgestaltiges Bild mit Fieberschüben erzeugen
- Toxoplasmose
- Tumorerkrankungen, insbesondere das Lymphom
Dieser Ausschluss ist nicht Formsache: Eine mit Kortison behandelte Infektionsanämie verschlechtert sich rapide.
Der ANA-Test bei der Katze
Der ANA-Test weist antinukleäre Antikörper nach — also Autoantikörper gegen Zellkernbestandteile. Bei Katzen muss er mit Vorsicht interpretiert werden, da viele gesunde Katzen ebenfalls ANA-positiv sind.
Das bedeutet in der Praxis: Ein positiver ANA-Befund bei einer Katze ohne passendes klinisches Bild beweist gar nichts. Umgekehrt spricht ein positiver Befund bei einer Katze mit Fieberschüben, Coombs-positiver Anämie und Gelenkbeteiligung sehr wohl für die Diagnose. Der Test bewertet nicht die Katze, sondern ergänzt ein Bild, das ohne ihn bereits Gestalt haben muss.
Propylthiouracil als Auslöser
Zu beachten ist: Die Verabreichung von Propylthiouracil an Katzen kann selbst zur Entwicklung einer Antiglobulin-positiven Anämie sowie zu positiven ANA-Reaktionen führen.
Propylthiouracil wurde früher zur Behandlung der Schilddrüsenüberfunktion eingesetzt. Genau wegen dieser Nebenwirkungen ist es weitgehend von anderen Wirkstoffen abgelöst worden. Der Fall bleibt jedoch lehrreich, weil er zeigt, dass ein lupusähnliches Bild auch medikamentös ausgelöst sein kann — ein Blick in den Medikamentenplan ist deshalb am Anfang jeder Abklärung ratsam. Medikamentös ausgelöste Formen bilden sich nach Absetzen des auslösenden Wirkstoffs in der Regel zurück.
Behandlung
Die Behandlung richtet sich nach den betroffenen Organsystemen — die Blutarmut, die Nierenbeteiligung und die Gelenkentzündung werden jeweils gezielt mitversorgt.
Immunsuppression. Grundlage sind Glukokortikoide. Bei der Katze ist Prednisolon dem Prednison vorzuziehen, weil Katzen die Umwandlung in der Leber schlechter leisten. Reicht das nicht aus oder sind die Nebenwirkungen auf Dauer nicht tragbar, kommen weitere immundämpfende Wirkstoffe wie Chlorambucil oder Ciclosporin in Betracht. Alle erfordern regelmäßige Blutkontrollen.
Unterstützende Maßnahmen. Bei schwerer Anämie kann eine Bluttransfusion nötig werden. Bei Eiweißverlust über die Niere gehören angepasste Fütterung und gegebenenfalls blutdrucksenkende Medikamente dazu.
Immunologische Behandlung. Da beim SLE die Steuerung des Immunsystems selbst gestört ist, sollte auch an den Einsatz einer immunologischen Behandlung gedacht werden — einer Behandlung, die gezielt auf das fehlgeleitete Immunsystem einwirkt, statt die Abwehr pauschal zu unterdrücken. Die dendritische Zelltherapie arbeitet mit dendritischen Zellen, den Regisseuren der Immunantwort: Sie entscheiden mit darüber, ob ein Gewebe angegriffen oder toleriert wird. Aus dem Blut der Patientin gewonnen und entsprechend aufbereitet, können sie die Toleranz gegenüber körpereigenem Gewebe fördern. Für Katzen, die dauerhaft Kortison bräuchten — mit dem bekannten Risiko einer Blutzuckerentgleisung — ist das ein Weg, der die Lebensqualität mitdenkt.
Prognose und Betreuung zu Hause
Belastbare Zahlen zum Verlauf des SLE bei der Katze gibt es kaum — die Erkrankung ist bei dieser Tierart so selten, dass die Datenlage auf Einzelfällen und kleinen Serien beruht. Was sich sagen lässt: Der Verlauf hängt wesentlich davon ab, wie stark die Blutarmut ausgeprägt ist und ob die Nieren beteiligt sind. Wie beim Hund gilt, dass die Erkrankung in der Regel kontrolliert und nicht geheilt wird.
Worauf Sie achten sollten:
- Schleimhautfarbe prüfen — blasses Zahnfleisch ist der empfindlichste Frühindikator für eine Verschlechterung der Anämie
- Atmung und Aktivität beobachten — schnellere Atmung in Ruhe und nachlassende Sprungfreude weisen auf eine sinkende Blutmenge hin
- Sprungverhalten notieren — es ist das Gelenkbarometer der Katze
- Fressen und Trinken im Blick behalten — vermehrter Durst kann unter Kortison auf eine Blutzuckerentgleisung hinweisen
- Medikation nie eigenmächtig absetzen — Schübe folgen häufig auf abruptes Absetzen
- Kontrolltermine einhalten — Blutbild, Nierenwerte und Urin-Eiweiß auch in guten Phasen
Eine Katze, die sich zurückzieht, weniger springt und immer wieder fiebert, macht ihren Menschen zu Recht Sorgen — und es dauert oft, bis ein Name für das Ganze gefunden ist. Wenn die Diagnose steht, ist der schwierigste Teil meist vorbei: Ab da lässt sich gezielt behandeln. Ihr aufmerksamer Blick auf Kleinigkeiten ist dabei der wichtigste Beitrag, den niemand sonst leisten kann.
Quellen
- Tizard IR (2023): Feline Systemic Lupus. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals. Elsevier, St. Louis, MO, S. 197
- Ettinger SJ, Feldman EC, Côté E (Hrsg.) (2017): Textbook of Veterinary Internal Medicine. 8. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO
- Miller WH, Griffin CE, Campbell KL (2013): Muller and Kirk’s Small Animal Dermatology. 7. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO
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Häufige Fragen
Was ist der systemische Lupus erythematosus bei Katzen?
Der systemische Lupus erythematosus (SLE) ist eine bei Katzen selten auftretende Autoimmunerkrankung. Sie äußert sich in der Regel als Antiglobulin-positive Anämie, also als Blutarmut, bei der sich Antikörper auf den roten Blutkörperchen nachweisen lassen. Etwa die Hälfte der betroffenen Katzen entwickelt zusätzlich eine Hauterkrankung.
Welche Symptome zeigt eine Katze mit systemischem Lupus?
Zu den klinischen Symptomen gehören immer wieder auftretendes Fieber und eine hämolytische Anämie, also eine Blutarmut durch Zerfall roter Blutkörperchen. Darüber hinaus werden eine Thrombozytopenie (Erniedrigung der Blutplättchen), Anzeichen einer Polyarthritis (Entzündung mehrerer Gelenke) und eine Glomerulonephritis, das heißt eine Entzündung der Nierenkörperchen, beobachtet.
Welche Hautveränderungen verursacht Lupus bei Katzen?
Etwa die Hälfte der Katzen mit Lupus entwickelt eine Hauterkrankung. Zu den Läsionen (Hautveränderungen) kann Haarausfall gehören, verbunden mit einer erythematösen, schuppenden und krustigen Dermatose, also einer geröteten, mit Schuppen und Krusten einhergehenden Hautentzündung; diese kann überall am Körper auftreten.
Wie aussagekräftig ist der ANA-Test bei Katzen?
Der ANA-Test, also der Nachweis antinukleärer Antikörper (Autoantikörper gegen Zellkernbestandteile), muss bei Katzen mit Vorsicht interpretiert werden, da viele gesunde Katzen ebenfalls ANA-positiv sind. Zudem kann die Verabreichung des Arzneimittels Propylthiouracil bei Katzen selbst zu positiven ANA-Reaktionen und zur Entwicklung einer Antiglobulin-positiven Anämie führen.
Wie wird der systemische Lupus bei Katzen behandelt?
Bei der Behandlung sollte auch an den Einsatz einer immunologischen Therapie gedacht werden, also einer Behandlung, die gezielt auf das fehlgeleitete Immunsystem einwirkt. Je nach betroffenem Organsystem richtet sich die weitere Versorgung in der Regel nach den jeweiligen Krankheitszeichen, etwa der Blutarmut oder der Nierenbeteiligung.