Das trockene Auge des Pferdes – Keratitis sicca des Pferdes
Als Keratitis sicca — wörtlich „trockene Hornhautentzündung”, umgangssprachlich trockenes Auge — bezeichnet man eine Trockenheit der Augenhornhaut infolge eines unzureichenden Tränenfilms.
Der Tränenfilm ist mehr als Feuchtigkeit: Er ernährt die gefäßfreie Hornhaut, spült Fremdkörper und Keime fort, glättet die optische Oberfläche und enthält antibakterielle Substanzen. Fällt er aus, trocknet die Hornhaut aus, wird trüb und anfällig für Geschwüre.
Beim Pferd gibt es zu möglichen autoimmunen Ursachen dieser Erkrankung derzeit nur wenige Informationen — anders als beim Hund, bei dem bereits zahlreiche Untersuchungen vorliegen. Auf diese dünne Datenlage möchten wir zu Beginn dieser Seite hinweisen, damit klar ist, worauf sich die folgenden Aussagen stützen.
Symptome
Zu erwarten sind die Zeichen einer chronisch gereizten, ungenügend benetzten Augenoberfläche:
- zäher, schleimiger Augenausfluss, der an den Lidrändern klebt
- gerötete Bindehaut und häufiges Zukneifen des Auges
- matte, glanzlose Hornhaut, im Verlauf Trübung
- wiederkehrende Bindehaut- und Hornhautentzündungen, die auf übliche Augensalben nur kurz ansprechen
- Hornhautgeschwüre, die schlecht abheilen
Ein Pferd mit immer wiederkehrender Bindehautentzündung an demselben Auge, das sich unter Behandlung jeweils nur vorübergehend bessert, sollte deshalb auch auf die Tränenproduktion hin untersucht werden.
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Der einzige veröffentlichte Fallbericht
In der Literatur ist zur Keratokonjunktivitis sicca des Pferdes bislang ein einziger Fallbericht veröffentlicht. Beschrieben wird ein dreijähriges Pferd, das sich mit einer beidseitigen ulzerativen Keratokonjunktivitis vorstellte — also einer mit Geschwürbildung einhergehenden Entzündung von Hornhaut und Bindehaut.
Zwei Befunde sind bemerkenswert:
- Die Veränderungen besserten sich klinisch unter einer örtlichen, allein auf das Auge beschränkten Ciclosporin-Behandlung.
- Die Tränendrüsen zeigten eine eosinophile Infiltration — also eine Einwanderung eosinophiler Granulozyten — mit geringeren Zahlen von Lymphozyten, Plasmazellen und Makrophagen.
Beides zusammen deutet bei diesem Pferd auf einen immunologischen Ursprung hin. Bemerkenswert ist der Unterschied zum Hund: Dort dominieren Lymphozyten und Plasmazellen das Bild, hier standen eosinophile Granulozyten im Vordergrund. Ob das eine Besonderheit dieser Tierart ist oder eine Eigenheit dieses Einzelfalls, lässt sich aus einem einzigen Bericht nicht ableiten.
Nicht-immunologische Ursachen
Auch wenn der Fallbericht in eine immunologische Richtung weist, muss daran gedacht werden, dass beim Pferd andere Gründe zu einer Trockenheit der Hornhaut führen können. Genannt wird insbesondere:
- eine Schädigung des Gesichtsnervs. Der Nervus facialis steuert den Lidschluss; fällt er aus, wird der Tränenfilm nicht mehr über die Hornhaut verteilt, und das Auge trocknet trotz möglicherweise normaler Tränenproduktion aus. Beim Pferd kommt das etwa nach Kopfverletzungen, nach längerem Liegen in Narkose oder bei Erkrankungen im Bereich des Ohrgrunds vor.
Weitere zu bedenkende Ursachen sind Lidfehlstellungen und Lidverletzungen, die den vollständigen Lidschluss verhindern, sowie Nebenwirkungen von Arzneimitteln.
Diese Unterscheidung ist praktisch entscheidend: Ein Pferd mit gestörtem Lidschluss braucht Schutz und Befeuchtung, keine Immunsuppression.
Der Weg zur Diagnose
Zur Abklärung gehören:
- die Beurteilung des Lidschlusses und der Lidstellung — sie beantwortet die wichtigste Differenzialfrage
- der Schirmer-Tränentest, der auch beim Pferd eingesetzt wird; die Referenzwerte unterscheiden sich allerdings von denen des Hundes und sollten dem Untersucher geläufig sein
- die Anfärbung der Hornhaut mit Fluoreszein zum Nachweis von Geschwüren
- die Untersuchung auf begleitende Erkrankungen des Auges und des Kopfes
Abzugrenzen sind andere chronische Hornhauterkrankungen des Pferdes, dargestellt unter chronische Hornhautentzündungen beim Pferd, sowie die periodische Augenentzündung, bei der die Entzündung im Augeninneren sitzt.
Behandlung
Allgemeine Behandlungsempfehlungen lassen sich aus der bislang spärlichen Literatur kaum ableiten. Sinnvoll erscheint ein Vorgehen, das sich an den gesicherten Grundlagen orientiert:
- Ursache behandeln, sofern eine gefunden wird — insbesondere bei gestörtem Lidschluss
- Befeuchtung der Augenoberfläche mit künstlicher Tränenflüssigkeit, beim Pferd wegen der Häufigkeit der Anwendung oft über einen unter dem Lid verlegten Zugang praktikabler
- örtliche Ciclosporin-Behandlung, die im veröffentlichten Fall zu klinischer Besserung führte
- Behandlung von Hornhautgeschwüren und Kontrolle bakterieller Zweitinfektionen
Bei gesichertem immunologischem Hintergrund kann ergänzend eine Behandlung mit dendritischen Zellen erwogen werden, die auf eine Normalisierung der fehlgeleiteten Immunreaktion zielt. Belastbare Erfahrungen zu dieser Indikation beim Pferd liegen nicht vor.
Was im Stall wichtig ist
Bei einem Pferd mit trockenem Auge zählt der Schutz der Augenoberfläche:
- eine Fliegenmaske hält Staub, Insekten und direkte Sonne ab
- staubarme Einstreu und Raufutter vermindern die mechanische Reizung
- Zugluft meiden, da sie die Verdunstung des ohnehin knappen Tränenfilms erhöht
- tägliche Kontrolle: Verklebte Lidränder, Zukneifen oder ein trüber Fleck auf der Hornhaut sollten zeitnah abgeklärt werden
Eine Einordnung in die Gruppe der übrigen Autoimmunerkrankungen bei Hund, Katze und Pferd finden Sie auf der Übersichtsseite.
Quellen
Tizard IR (2023): Equine KCS. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals, Elsevier, St. Louis, MO, 106
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Häufige Fragen
Was ist eine Keratitis sicca beim Pferd?
Keratitis sicca bezeichnet das sogenannte trockene Auge, also eine Trockenheit der Augenhornhaut. Beim Pferd gibt es zu möglichen autoimmunen Ursachen dieser Erkrankung derzeit nur wenige Informationen; anders als beim Hund, bei dem bereits zahlreiche Untersuchungen durchgeführt wurden.
Ist das trockene Auge beim Pferd eine Autoimmunerkrankung?
Das ist derzeit nicht abschließend geklärt. In der Literatur ist bislang nur ein Fallbericht veröffentlicht worden; bei diesem Pferd zeigten die Tränendrüsen eine eosinophile Infiltration, also eine Einwanderung bestimmter Entzündungszellen, mit einer geringeren Anzahl von Lymphozyten, Plasmazellen und Makrophagen. Das deutet auf einen immunologischen Ursprung hin, betrifft aber nur diesen Einzelfall.
Kann ein trockenes Auge beim Pferd auch andere Ursachen haben?
Ja, es muss daran gedacht werden, dass auch nicht-immunologische Gründe zu einer Trockenheit der Augenhornhaut führen können. Als Beispiel wird eine Schädigung des Gesichtsnervs genannt.
Wie wird das trockene Auge des Pferdes behandelt?
Allgemeine Behandlungsempfehlungen lassen sich aus der bislang spärlichen Literatur kaum ableiten. In dem einzigen veröffentlichten Fallbericht besserte sich die beidseitige ulzerative Keratokonjunktivitis (eine mit Geschwürbildung einhergehende Hornhaut- und Bindehautentzündung) eines dreijährigen Pferdes klinisch unter einer örtlichen, nur auf das Auge beschränkten Cyclosporin-Therapie.