Die immun-mediierte hämolytische Anämie der Katzen
Bei der immunmediierten hämolytischen Anämie der Katze handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem Antikörper gegen die eigenen roten Blutkörperchen bildet. Die markierten Zellen werden vorzeitig abgebaut, und es entsteht eine hämolytische Anämie — eine Blutarmut durch Zellzerfall.
Bei Katzen ist die Erkrankung selten. Betroffen sind hauptsächlich junge Hauskatzen. Bemerkenswert ist ein Unterschied zum Hund: Bei der Katze wird die primäre Form, also die ohne erkennbare Grunderkrankung, häufiger gefunden als die sekundäre.
Woran Sie eine Anämie bemerken
Katzen verbergen Schwäche gut und eine sich langsam entwickelnde Blutarmut fällt deshalb oft spät auf. Achten Sie auf:
- blasse Schleimhäute — Zahnfleisch, Lidbindehaut, Nasenspiegel
- Mattigkeit: Die Katze schläft mehr, springt nicht mehr, sucht warme Plätze auf
- schnelle Atmung in Ruhe und beschleunigten Herzschlag
- Fressunlust und Gewichtsverlust
- gelbliche Verfärbung von Schleimhäuten oder Lederhaut des Auges
- dunkel verfärbten Urin
Bei der primären Form entwickeln die Katzen in der Regel eine regenerative Anämie, das heißt, das Knochenmark reagiert und schiebt neue rote Blutkörperchen nach.
Einen Überblick zu Ursachen, Labordiagnostik und Transfusion bei der Anämie der Katze allgemein bietet die entsprechende Fachseite.
Sekundäre Formen: was dahinterstecken kann
Besteht der Verdacht auf eine sekundäre Erkrankung, sind Tumorerkrankungen die häufigsten Auslöser — allen voran Lymphome, also Tumoren des lymphatischen Systems. Daneben kommen infrage:
- bestimmte Arzneimittel
- entzündliche Erkrankungen
Anders als in früheren Untersuchungen werden durch das Katzenleukämievirus (FeLV) oder durch Mykoplasmen ausgelöste Formen heute nur noch selten gefunden. Ausgeschlossen werden müssen sie dennoch — beide sind behandelbar beziehungsweise haben eigene Konsequenzen für das weitere Leben der Katze.
Der Zusammenhang mit der Bauchspeicheldrüse
Es besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen der immunmediierten hämolytischen Anämie und der Pankreatitis, also der Entzündung der Bauchspeicheldrüse, bei Katzen. Die Gründe dafür sind bislang unbekannt. Möglich ist, dass die eine Erkrankung die andere hervorruft — oder dass beide auf einem ähnlichen Entstehungsmechanismus beruhen.
Für die Praxis folgt daraus ein konkreter Rat: Bei einer Katze mit unklarer hämolytischer Anämie gehören die Bauchspeicheldrüsenwerte mit in die Untersuchung, auch wenn keine Verdauungsbeschwerden bestehen. Verwandte Zusammenhänge zwischen Bauchspeicheldrüse, Leber und Darm beschreibt die Seite zur felinen Triaditis.
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Die Kälteagglutinin-Krankheit
Bei Katzen ist außerdem eine IgM-vermittelte Kälteagglutinin-Krankheit beschrieben. Dabei reagieren die Autoantikörper bevorzugt bei niedrigen Temperaturen und lassen die roten Blutkörperchen in den kühleren Körperendbereichen verklumpen.
Die Folge kann eine ischämische Nekrose der Extremitäten sein, also ein Absterben von Gewebe durch mangelnde Durchblutung — betroffen sind typischerweise Ohrspitzen, Schwanzspitze und Pfoten. Werden bei einer anämischen Katze solche Veränderungen sichtbar, ist das ein deutlicher Hinweis auf diese Sonderform, und die Katze gehört konsequent warm gehalten.
Der Weg zur Diagnose
Die Diagnose muss bei der Katze im Wesentlichen durch Ausschluss gestellt werden — auch deshalb, weil primäre Erkrankungen definitionsgemäß keine erkennbare Ursache haben.
Zwei diagnostische Fallstricke sind dabei zu kennen:
- Sphärozyten sind schwer zu erkennen. Beim Hund sind diese kleinen, runden roten Blutkörperchen ohne zentrale Aufhellung ein Schlüsselbefund. Bei der Katze fehlt normalen Erythrozyten diese zentrale Blässe ohnehin — die Veränderung ist im Ausstrich daher kaum sicher zu beurteilen.
- Autoagglutination ist häufig, aber nicht immer echt. Die Verklumpung der roten Blutkörperchen tritt oft auf, falsch positive Reaktionen durch erhöhte Fibrinogen- oder Immunglobulinwerte sind jedoch ebenfalls häufig. Ein positiver Befund muss deshalb überprüft werden, etwa durch Verdünnung der Probe mit Kochsalzlösung.
Zum Untersuchungsgang gehören darüber hinaus ein vollständiges Blutbild mit Ausstrichbeurteilung, Organwerte einschließlich der Bauchspeicheldrüse, die Untersuchung auf FeLV und FIV, der Nachweis von Blutparasiten sowie bildgebende Verfahren zur Tumorsuche.
Behandlung
Die primäre Form wird mit immunsuppressiven Kortikosteroiden behandelt, also mit Kortisonpräparaten, welche die überschießende Immunreaktion dämpfen. Bei der Katze wird dabei Prednisolon dem Prednison vorgezogen, weil die Umwandlung in der Leber bei dieser Tierart unzuverlässig ist. Nach dem Ansprechen wird schrittweise auf die niedrigste noch wirksame Erhaltungsdosis reduziert.
Ergänzend kommen infrage:
- ein zweites Immunsuppressivum, wenn die notwendige Kortisondosis zu hoch bleibt
- Bluttransfusionen bei schwerer Blutarmut, um die Zeit bis zum Wirkungseintritt zu überbrücken
- bei der sekundären Form die Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung, die den Verlauf bestimmt
Da eine dauerhafte Kortisongabe bei Katzen das Risiko für Störungen des Zuckerstoffwechsels erhöht, lohnt sich der Blick auf ergänzende Wege. Bei der Behandlung mit dendritischen Zellen werden aus einer Blutprobe der Katze körpereigene Zellen so aufbereitet, dass sie toleranzfördernd wirken — sie zielen darauf ab, die fehlgeleitete Immunreaktion zu normalisieren, statt die Abwehr insgesamt zu unterdrücken, und lassen sich mit der bestehenden Medikation kombinieren.
Prognose
Hier gibt es eine gute Nachricht: Die Erkrankung hat bei Katzen eine günstigere Prognose als beim Hund. Die dramatischen Verläufe mit Blutgerinnseln, die beim Hund einen großen Teil der Sterblichkeit ausmachen, sind bei der Katze deutlich seltener.
Entscheidend bleibt die Ursachensuche. Bei einer primären Erkrankung lässt sich die Behandlung nach der Stabilisierung häufig schrittweise reduzieren; bei einer sekundären Form richtet sich der Verlauf danach, ob die auslösende Erkrankung behandelbar ist. Da Katzen ihre Schwäche so gut verbergen, gilt der wichtigste praktische Rat schon vor der Diagnose: Blasse Schleimhäute sind bei einer Katze nie ein Befund zum Abwarten.
Zur gleichen Erkrankung beim Hund finden Sie eine ausführliche Darstellung unter immunmediierte hämolytische Anämie des Hundes; eine Einordnung in die Gruppe der übrigen Autoimmunerkrankungen bei Hund, Katze und Pferd gibt die Übersichtsseite.
Quellen
Garden OA, Kidd L, Mexas AM et al. (2019): ACVIM consensus statement on the diagnosis of immune-mediated hemolytic anemia in dogs and cats, Journal of Veterinary Internal Medicine 33(2):313, doi:10.1111/jvim.15441
Tizard IR (2023): Feline IMHA. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals, Elsevier, St. Louis, MO, 139
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Häufige Fragen
Wie häufig ist die immun-mediierte hämolytische Anämie bei Katzen?
Bei Katzen ist die immun-mediierte hämolytische Anämie (ein Zerfall roter Blutkörperchen durch das eigene Immunsystem) eine selten auftretende Erkrankung. Sie betrifft hauptsächlich junge Hauskatzen. Die primäre Form, also die ohne erkennbare Grunderkrankung, wird dabei häufiger gefunden als die sekundäre.
Welche Ursachen hat die sekundäre immun-mediierte hämolytische Anämie bei Katzen?
Bei Verdacht auf eine sekundäre Form sind Krebserkrankungen wie Lymphome (Tumoren des lymphatischen Systems) die häufigsten Auslöser. Daneben können bestimmte Medikamente oder entzündliche Erkrankungen zugrunde liegen. Durch das Katzenleukämievirus oder Mykoplasmen ausgelöste Erkrankungen werden – anders als in früheren Untersuchungen – inzwischen selten gefunden.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Anämie und einer Pankreatitis bei Katzen?
Es besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen der immun-mediierten hämolytischen Anämie und der Pankreatitis (Entzündung der Bauchspeicheldrüse) bei Katzen. Die Gründe dafür sind bisher unbekannt. Möglicherweise verursacht die eine Erkrankung die Entstehung der anderen, oder beide haben eine ähnliche Pathogenese, also einen ähnlichen Entstehungsmechanismus.
Wie wird die immun-mediierte hämolytische Anämie bei der Katze diagnostiziert?
Die Diagnose muss ausschließlich durch Ausschluss anderer Ursachen gestellt werden, unter anderem weil auch primäre Erkrankungen oft eine unbekannte Ursache haben. Eine Sphärozytose (kugelförmig veränderte rote Blutkörperchen) ist bei Katzen schwer zu erkennen, da normale Katzen-Erythrozyten keine zentrale Blässe aufweisen. Eine Autoagglutination, also das Verklumpen der roten Blutkörperchen, tritt häufig auf, allerdings sind auch falsch-positive Reaktionen durch erhöhte Fibrinogen- oder Immunglobulinspiegel häufig.
Wie wird die immun-mediierte hämolytische Anämie bei Katzen behandelt und wie ist die Prognose?
Die primäre Form wird in der Regel mit immunsuppressiven Kortikosteroiden behandelt, also mit Kortisonpräparaten, die die überschießende Immunreaktion dämpfen. Interessanterweise hat die Erkrankung bei Katzen eine günstigere Prognose als bei Hunden.