Die Perianalfistel des Hundes
Bei der Perianalfistel — auch als anale Furunkulose bezeichnet — handelt es sich um eine chronisch fortschreitende entzündliche Erkrankung der Dammregion, bei der sich in der Haut rund um den After Fistelkanäle entwickeln. Es ist keine Infektion und kein Abszess, sondern eine immunvermittelte Erkrankung: Das Immunsystem hält eine Entzündung aufrecht, die das Gewebe von innen heraus untergräbt. Dem perianalen Morbus Crohn des Menschen ist sie sehr ähnlich.
Für die betroffenen Hunde ist sie eine der schmerzhaftesten Erkrankungen überhaupt — und für Halter oft eine, die lange als „Analdrüsenproblem” verkannt wird.
Welche Hunde betroffen sind
Am häufigsten erkranken Deutsche Schäferhunde mittleren oder höheren Alters. Tatsächlich entfallen rund 80 Prozent aller Fälle auf diese eine Rasse — ein so deutliches Übergewicht, dass von einer erblichen Grundlage auszugehen ist. Homozygote Tiere, die die Anlage also von beiden Elternteilen tragen, entwickeln die Erkrankung früher im Leben.
Diskutiert wird zudem, ob die beim Schäferhund typische breite, tief angesetzte Rutenbasis eine Rolle spielt, weil sie die Haut rund um den After feucht und schlecht belüftet hält. Belegt ist das nicht — die immunologischen Befunde sprechen dafür, dass die Anatomie allenfalls begünstigend wirkt. Sie ist wahrscheinlich nicht ursächlich.
Was im Gewebe geschieht
Entstehung und Entwicklung der Erkrankung sind im Einzelnen unklar. Sicher scheint aber, dass die Fistelbildung immunvermittelt ist, also durch eine fehlgeleitete Abwehrreaktion entsteht.
Betroffene Gewebe sind mit T-Zellen, Plasmazellen und eosinophilen Granulozyten durchsetzt. Es kann zur örtlichen Bildung ektopischer Lymphfollikel kommen — also von Ansammlungen von Abwehrzellen an einer Stelle, an der sie normalerweise nicht vorkommen. Die Botenstoffprofile weisen auf eine hochregulierte Antwort der T-Helferzellen hin: Sowohl Interleukin 2 als auch Interferon γ sind erhöht, ebenso eine Reihe weiterer entzündungsfördernder Botenstoffe (Interleukin 1β, 6, 8 und 10, Tumornekrosefaktor α sowie der transformierende Wachstumsfaktor β).
In Gewebeproben finden sich außerdem erhöhte Werte der Metalloproteasen 9 und 13. Das sind Enzyme, die Gewebe abbauen; gebildet werden sie von Makrophagen. Dieser Befund erklärt anschaulich, warum die Erkrankung fortschreitet: Aktivierte Fresszellen bauen unter dem Antrieb einer überschießenden T-Helferzell-Antwort das umgebende Gewebe ab, und aus oberflächlichen Defekten werden tiefe Gänge.
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Symptome
Führendes Zeichen sind starke Schmerzen beim Kotabsatz. Dazu kommen:
- Austritt von Fistelsekret aus der Haut rund um den After
- Blutungen im Perianalbereich
- übler Geruch
- häufiges Lecken der Region, Nachschleifen des Hinterteils, Unruhe
Viele Hunde beginnen, den Kotabsatz zurückzuhalten, weil er weh tut — was zu hartem Kot und damit zu noch stärkeren Schmerzen führt. Nicht selten sind Wesensveränderungen das erste, was auffällt: Ein Hund, der sich am Hinterteil nicht mehr anfassen lässt, hat dafür in der Regel einen guten Grund.
Der Weg zur Diagnose
Die Diagnose ergibt sich meist schon aus der Untersuchung der Perianalregion — die Fistelöffnungen sind sichtbar. Weil die Untersuchung schmerzhaft ist, sollte sie in Sedierung oder Narkose erfolgen; nur so lässt sich das Ausmaß der Gänge beurteilen.
Abzugrenzen sind:
- Analbeutelerkrankungen und Analbeutelabszesse
- der mukokutane Lupus erythematosus, der ebenfalls beim Schäferhund gehäuft auftritt und dieselbe Region betrifft — dort finden sich jedoch flächige Erosionen statt tiefer Fistelgänge
- der Pemphigus vulgaris mit Beteiligung der Haut-Schleimhaut-Grenzen
- tumoröse Veränderungen im Analbereich, insbesondere bei einseitigen, derben Umfangsvermehrungen
Der Zusammenhang mit dem Darm
Die Perianalfistel wird mit dem gleichzeitigen Vorliegen einer Kolitis, also einer Dickdarmentzündung, in Verbindung gebracht. Das legt nahe, dass sie und einige Formen der entzündlichen Darmerkrankung eine ähnliche Entstehung haben könnten.
Für die Behandlung ist das eine wertvolle Information: Bei Hunden mit gleichzeitigen Darmbeschwerden — weichem Kot, Schleimauflagerungen, häufigem Absetzen kleiner Mengen — gehört eine Futterumstellung auf eine hypoallergene Diät zum Behandlungsplan. Ein ruhiger Darm entlastet auch die Perianalregion.
Behandlung
Erkrankte Tiere sprechen in der Regel gut auf Medikamente an, die die überschießende Immunreaktion dämpfen:
- Ciclosporin gilt als Mittel der Wahl. Häufig wird es mit Ketoconazol kombiniert, das den Abbau von Ciclosporin in der Leber hemmt und damit eine niedrigere Dosierung erlaubt.
- Prednisolon wirkt ebenfalls, besonders in der akuten Phase.
- Örtliches Tacrolimus hilft, die verbliebenen Herde zu kontrollieren und die systemische Dosis zu senken.
- Konsequente Schmerzbehandlung und weiche Kotkonsistenz durch Diät und ausreichend Flüssigkeit sind keine Nebensache — sie entscheiden darüber, ob ein Hund während der Behandlung überhaupt zur Ruhe kommt.
- Hygiene: vorsichtiges Reinigen und Kurzhalten der Haare rund um den After.
Chirurgische Verfahren wurden früher breit eingesetzt, spielen heute aber nur noch eine untergeordnete Rolle: Sie behandeln das Ergebnis, nicht die Ursache, und die Fisteln kehren nach dem Eingriff häufig zurück.
Insgesamt bleibt die Behandlung anspruchsvoll, vor allem wegen der wiederkehrenden starken Schmerzen. Genau deshalb lohnt es sich, ergänzende immunologische Wege mitzudenken. Zur Behandlung mit dendritischen Zellen bei dieser Erkrankung liegt ein eigener Fallbericht vor: Grammel et al. beschrieben 2015 in der Kleintierpraxis den Verlauf einer Immuntherapie bei einer Perianalfistel. Der Ansatz zielt darauf ab, die fehlgeleitete T-Zell-Antwort zu normalisieren, statt die Abwehr insgesamt zu unterdrücken, und lässt sich mit der bestehenden Medikation kombinieren — mit dem Ziel, die Dauerdosis an Immunsuppressiva zu senken.
Inzwischen zeigte sich der immunologische Ansatz bei weiteren Hunden als sehr zielführend für die Behandlung dieser Erkrankung, mit einer langfristigen Reduktion von Schmerzen und Krankheitserscheinungen. Interessanterweise ist häufig nur eine einmalige Behandlung notwendig.
Prognose
Das realistische Behandlungsziel ist die Kontrolle, nicht die Heilung. Unter einer wirksamen Behandlung schließen sich die Fistelgänge bei vielen Hunden, und die Tiere werden schmerzfrei — häufig ist danach eine niedrig dosierte Dauerbehandlung nötig, weil die Erkrankung nach dem Absetzen zurückkehrt.
Entscheidend ist der Zeitpunkt. Je früher behandelt wird, desto weniger Gewebe geht verloren und desto besser lässt sich die Region auf Dauer ruhig halten. Wenn Ihr Schäferhund also beim Kotabsatz jault, das Hinterteil auffällig leckt oder sich dort nicht mehr anfassen lässt, ist das kein Fall für Abwarten — es ist der Moment, in dem eine Behandlung noch am meisten bewirken kann.
Eine Einordnung in die Gruppe der übrigen Autoimmunerkrankungen bei Hund, Katze und Pferd finden Sie auf der Übersichtsseite.
Quellen
Tizard IR (2023): Anal Furunculosis. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals, Elsevier, St. Louis, MO, 247–248
Grammel T, Dettmer-Richardt C, Grammel M (2015): Immuntherapie bei einer Perianalfistel – Ein Fallbericht, Kleintierpraxis 60(8), 414–423
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Häufige Fragen
Was ist eine Perianalfistel beim Hund?
Eine chronisch fortschreitende, immunvermittelte Entzündung der Dammregion, bei der sich in der Haut rund um den After Fistelkanäle entwickeln. Es ist keine Infektion und kein Abszess, sondern eine fehlgeleitete Abwehrreaktion, die das Gewebe von innen heraus untergräbt. Dem perianalen Morbus Crohn des Menschen ist sie sehr ähnlich.
Woran erkenne ich eine Perianalfistel bei meinem Hund?
Führendes Zeichen sind starke Schmerzen beim Kotabsatz, dazu austretendes Fistelsekret, Blutungen im Bereich um den After und übler Geruch. Viele Hunde lecken die Region auffällig oft, schleifen mit dem Hinterteil oder halten den Kotabsatz zurück. Nicht selten fällt zuerst auf, dass sich der Hund am Hinterteil nicht mehr anfassen lässt.
Welche Hunde sind besonders häufig betroffen?
Deutsche Schäferhunde mittleren oder höheren Alters — rund 80 Prozent aller Fälle entfallen auf diese eine Rasse. Das spricht für eine erbliche Grundlage; Tiere, die die Anlage von beiden Elternteilen tragen, erkranken früher im Leben.
Was ist die Ursache der Perianalfistel?
Die Entstehung ist im Einzelnen unklar, die Fistelbildung ist jedoch sicher immunvermittelt. Betroffene Gewebe sind mit T-Zellen, Plasmazellen und eosinophilen Granulozyten durchsetzt, die Botenstoffprofile weisen auf eine überschießende Antwort der T-Helferzellen hin. Zusätzlich finden sich erhöhte Werte gewebeabbauender Enzyme — das erklärt, warum aus oberflächlichen Defekten tiefe Gänge werden.
Gibt es einen Zusammenhang mit dem Darm?
Ja, die Perianalfistel wird mit dem gleichzeitigen Vorliegen einer Dickdarmentzündung in Verbindung gebracht, was auf eine ähnliche Entstehung wie bei manchen Formen der entzündlichen Darmerkrankung hindeutet. Bei Hunden mit weichem Kot, Schleimauflagerungen oder häufigem Absetzen kleiner Mengen gehört deshalb eine Futterumstellung auf eine hypoallergene Diät zum Behandlungsplan.
Wie wird die Perianalfistel des Hundes behandelt?
Mittel der Wahl ist Ciclosporin, häufig kombiniert mit Ketoconazol, das eine niedrigere Dosierung erlaubt; in der akuten Phase wirkt auch Prednisolon. Ergänzt wird um örtliches Tacrolimus, konsequente Schmerzbehandlung, weiche Kotkonsistenz und Hygiene. Chirurgische Verfahren spielen heute nur noch eine untergeordnete Rolle, weil die Fisteln danach häufig zurückkehren.
Kann eine Immuntherapie bei der Perianalfistel helfen?
Zu dieser Indikation liegt ein eigener Fallbericht vor: Grammel und Mitarbeiter beschrieben 2015 in der Kleintierpraxis den Verlauf einer Immuntherapie bei einer Perianalfistel. Inzwischen hat sich die Behandlung mit dendritischen Zellen bei weiteren Hunden als sehr zielführend erwiesen, mit einer langfristigen Reduktion von Schmerzen und Krankheitserscheinungen — häufig ist nur eine einmalige Behandlung notwendig. Der Ansatz zielt darauf ab, die fehlgeleitete T-Zell-Antwort zu normalisieren, statt die Abwehr insgesamt zu unterdrücken, und lässt sich mit der bestehenden Medikation kombinieren.
Ist die Perianalfistel heilbar?
Das realistische Ziel ist Kontrolle, nicht Heilung: Unter wirksamer Behandlung schließen sich die Fistelgänge bei vielen Hunden und die Tiere werden schmerzfrei, meist ist danach aber eine niedrig dosierte Dauerbehandlung nötig. Entscheidend ist der Zeitpunkt — je früher behandelt wird, desto weniger Gewebe geht verloren.