Autoimmun bedingte Lebererkrankungen bei Hunden
Bei den autoimmun bedingten Lebererkrankungen des Hundes handelt es sich um Entzündungen der Leber, bei denen sich das Immunsystem gegen die eigenen Leberzellen richtet. Die wichtigste Form ist die chronisch aktive Hepatitis.
Das Tückische an dieser Erkrankung ist ihr stiller Verlauf: Die Leber verfügt über enorme Reserven und arbeitet weiter, während sie Stück für Stück zerstört wird. Wenn der Hund die ersten Beschwerden zeigt, ist ein erheblicher Teil des Gewebes bereits vernarbt. Genau deshalb ist ein einzelner erhöhter Blutwert bei einem ansonsten gesunden Hund hier keine Nebensächlichkeit, sondern die eigentliche Chance.
Warum ausgerechnet die Leber
Die große Masse der Leber bedeutet, dass sie eine enorme Menge an potenziell antigenem Material enthält. Sie spielt deshalb eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der peripheren Toleranz — der Duldung körpereigener Strukturen durch das Immunsystem. Bemerkenswert ist eine praktische Folge davon: Große Lebertransplantate werden sowohl von Menschen als auch von Hunden gut vertragen, weil ihre Masse ausreicht, um die Toleranz aufrechtzuerhalten.
Ist die Leber jedoch geschädigt und treten intrazelluläre Antigene aus — also Zellbestandteile aus dem Inneren der Leberzellen —, können sich schnell Autoimmunreaktionen entwickeln. Bei Menschen und Haustieren werden als Reaktion auf eine Leberzerstörung zahlreiche Autoantikörper gebildet. Diese müssen nicht zwingend klinisch bedeutsam sein, können aber bei der Diagnose oder der Einschätzung der Prognose nützlich sein.
Die zwei Gruppen der Autoantikörper
Nicht leberspezifische Autoantikörper. Dazu gehören antinukleäre Antikörper (ANA), Antikörper gegen glatte Muskulatur, antimitochondriale Antikörper und Antikörper gegen mikrosomale Proteine. Glattmuskel-Antikörper richten sich beispielsweise gegen Bestandteile des zellulären Zytoskeletts wie Mikrofilamente, die in vielen verschiedenen Zelltypen und Geweben vorkommen.
Leberspezifische Autoantikörper. Sie richten sich gegen Antigene, die nur in der Leber vorkommen — Beispiele sind Antikörper gegen verschiedene leberspezifische Enzyme.
Diese Unterscheidung ist für die Bewertung eines Laborbefunds wichtig: Ein positiver ANA-Titer bei einem Hund mit Lebererkrankung sagt für sich genommen wenig aus, da er bei vielen anderen Erkrankungen ebenfalls auftritt.
Primäre und sekundäre Formen
Die immunvermittelte Hepatitis beim Hund kann primär auftreten oder sekundär zu anderen Erkrankungen.
Die meisten Hepatitisfälle beim Hund treten sekundär auf — als Folge von Infektionen, etwa durch Adenoviren, oder nach Vergiftungen durch Medikamente oder Toxine. In einigen Fällen lässt sich die chronische Hepatitis jedoch mit keiner dieser Ursachen in Verbindung bringen; sie ist dann wahrscheinlich durch autoimmune Reaktionen ausgelöst.
Eine wichtige Abgrenzung betrifft die kupferassoziierte Hepatitis: Bei einigen Rassen sammelt sich Kupfer in der Leber an und schädigt sie unmittelbar. Weil die Kupferbestimmung im Lebergewebe Teil der Biopsieuntersuchung ist, lässt sich diese Form miterfassen — und sie wird anders behandelt.
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Betroffene Rassen und das Krankheitsbild im Gewebe
Eine chronisch fortschreitende autoimmune Lebererkrankung entwickelt sich bei Hunden insbesondere bei weiblichen Dobermännern und English Springer Spaniels mittleren Alters. Bei Dobermännern ist die Erkrankung mit bestimmten genetischen Komponenten verknüpft.
Die chronisch aktive Hepatitis tritt in der Regel im Alter von etwa acht Jahren auf, kann aber schon Jahre zuvor subklinisch vorhanden sein — also ohne erkennbare Symptome.
Im Gewebe zeigt sich im Frühstadium als auffälligstes Merkmal eine Infiltration der parenchymatösen und portalen Bereiche der Leber mit mononukleären Zellen. Um die kleinen Lebervenen herum besteht eine intensive Entzündung und Fibrose, also ein bindegewebiger Umbau.
Die immunologischen Befunde sind aufschlussreich:
- Etwa 60 bis 75 % der betroffenen Hunde entwickeln Antikörper gegen die Zellmembran der Leberzellen. Bei diesen antikörperpositiven Hunden verläuft die Erkrankung schwerer als bei Hunden ohne Antikörper.
- Die Lymphozyten von etwa 75 % der betroffenen Hunde reagieren auf Lebermembranproteine, indem sie sich im Reagenzglas vermehren.
- Die Leberzellen erkrankter Hunde tragen — anders als die gesunder Tiere — in abnormer Weise MHC-Klasse-II-Antigene in ihrem Zytoplasma oder auf ihrer Oberfläche. Diese MHC-Expression geht mit dem Vorhandensein von Lymphozyten und dem Schweregrad der Erkrankung einher.
Der letzte Punkt erklärt das Krankheitsgeschehen anschaulich: Leberzellen sind normalerweise keine antigenpräsentierenden Zellen. Tragen sie plötzlich MHC-Klasse-II-Moleküle, präsentieren sie dem Immunsystem gewissermaßen ihre eigenen Bestandteile — und machen sich damit selbst zur Zielscheibe.
Anzeichen
Wie bei so vielen Autoimmunerkrankungen können Hunde viele Jahre lang an einer subklinischen Hepatitis leiden, bevor sich Symptome zeigen. Schließlich entwickeln sie eine Reihe unspezifischer Beschwerden:
Frühe, unspezifische Zeichen
- Gewichtsverlust
- Lethargie, also Teilnahmslosigkeit
- Erbrechen
Im weiteren Verlauf
- Anorexie, also Appetitlosigkeit
- Durchfall
- Polydipsie und Polyurie — vermehrtes Trinken und vermehrter Harnabsatz
- Ikterus, also Gelbsucht: Gelbfärbung von Augenweiß, Zahnfleisch und Ohrinnenseiten
- Bauchwassersucht, also Flüssigkeitsansammlung im Bauchraum
In fortgeschrittenen Stadien können neurologische Auffälligkeiten hinzukommen — Desorientierung, Anstarren, Kopfdrücken, Krampfanfälle. Sie entstehen, wenn die Leber Stoffwechselgifte nicht mehr abbaut und diese das Gehirn erreichen. Solche Zeichen müssen umgehend abgeklärt werden.
Viele betroffene Hunde leiden gleichzeitig an anderen immunvermittelten Erkrankungen, etwa einer Autoimmunhypothyreose oder einer immunvermittelten hämolytischen Anämie.
Diagnose und die Reihenfolge der Blutwerte
Die Diagnose erfolgt nach den üblichen Kriterien; andere mögliche Ursachen müssen zunächst ausgeschlossen werden.
Aufschlussreich ist die zeitliche Reihenfolge der Laborwerte:
- Alanin-Aminotransferase (ALT): Sie steigt im frühen, noch subklinischen Stadium zuerst an — sie stammt unmittelbar aus geschädigten Leberzellen. Beim Hund ist die ALT der leberspezifische Leitwert; die Aspartat-Aminotransferase (AST) kommt dagegen auch in der Muskulatur vor und ist deshalb für die Leber weniger aussagekräftig.
- Alkalische Phosphatase: Sie folgt.
- Bilirubin: Es steigt als Letztes und markiert damit den Übergang in die klinische Erkrankung. Wenn ein Hund gelbe Schleimhäute hat, ist die Erkrankung fortgeschritten.
Ebenfalls erhöht sind in subklinischen Fällen die Kupferspiegel in der Leber.
Bleibt die Alanin-Aminotransferase dauerhaft erhöht, ist eine Leberbiopsie angezeigt. Dieser Satz ist der praktisch wichtigste der ganzen Seite: Er beschreibt genau das Zeitfenster, in dem sich noch etwas ausrichten lässt. Die feingewebliche Untersuchung sichert die Diagnose, erfasst den Kupfergehalt und zeigt, wie weit die Fibrose fortgeschritten ist. Vor jeder Biopsie sollte die Blutgerinnung geprüft werden.
Weitere Bausteine sind Gallensäuren als Funktionsprüfung, Ultraschall der Leber, der Nachweis von Autoantikörpern im Serum sowie der Ausschluss infektiöser Ursachen — insbesondere bei Hunden mit Auslandsvorbericht.
Behandlung
- Immunsuppression: Als wirksam erwiesen haben sich Prednison beziehungsweise Prednisolon, Azathioprin, Cyclosporin und Mycophenolat. Eine Kortikosteroidbehandlung reduziert die MHC-Klasse-II-Expression auf den Leberzellen deutlich — sie nimmt den Zellen also die Eigenschaft, sich selbst als Ziel darzubieten.
- Vorsicht bei fortgeschrittenem Umbau: Glukokortikoide sollten bei Hunden mit Zirrhose, portalem Bluthochdruck oder fibrotischen Veränderungen nur mit Vorsicht eingesetzt werden. Sie fördern die Flüssigkeitseinlagerung und können die Bauchwassersucht verschlimmern.
- Leberunterstützende Behandlung: Sie ergänzt die Immunsuppression: Ursodeoxycholsäure verbessert den Gallenfluss, S-Adenosylmethionin und Silymarin unterstützen die Leberzellen, Vitamin E wirkt dem oxidativen Stress entgegen. Bei einem erhöhten Kupfergehalt in der Leber kommt eine kupferarme Fütterung, gegebenenfalls mit Zink oder einem kupferbindenden Wirkstoff, hinzu.
- Begleitprobleme behandeln: Bauchwassersucht, Magen-Darm-Blutungen und die durch Stoffwechselgifte bedingte Hirnfunktionsstörung erfordern jeweils eigene Maßnahmen.
- Immunologische Behandlung: Eine immunologische Behandlung mit dendritischen Zellen sollte geprüft und gegebenenfalls eingeleitet werden. Sie arbeitet mit körpereigenen Immunzellen, die regulierend auf das Abwehrsystem einwirken, und belastet den ohnehin geschwächten Organismus wenig. Gerade bei der Leber ist dieser Aspekt bedeutsam: Viele Immunsuppressiva werden über die Leber verstoffwechselt und belasten damit ausgerechnet das erkrankte Organ. Ein Ansatz, der die Immunsteuerung normalisiert statt sie pauschal zu unterdrücken, verdient hier besondere Aufmerksamkeit — und je früher er zum Einsatz kommt, desto mehr Lebergewebe ist noch zu schützen.
Prognose und Alltag
Die Prognose ist in der Regel nicht gut. Der fortschreitende Verlust von Leberzellen führt zu einer chronisch entzündlichen Erkrankung mit Fibrose, in deren Folge ein Leberversagen eintreten kann. Sobald sich ein Leberversagen entwickelt hat, ist die Prognose schlecht.
Entscheidend ist deshalb der Zeitpunkt: Hunde, bei denen die Erkrankung im subklinischen Stadium über einen erhöhten ALT-Wert gefunden und behandelt wird, haben deutlich bessere Aussichten als solche, die erst mit Gelbsucht und Bauchwassersucht vorgestellt werden.
Was Sie beitragen können:
- jährliche Blutkontrollen bei Risikorassen — Dobermann und English Springer Spaniel, besonders Hündinnen ab dem mittleren Alter
- einen erhöhten ALT-Wert nicht auf sich beruhen lassen, auch wenn der Hund munter wirkt
- Fütterung anpassen — hochwertiges, leicht verdauliches Eiweiß in der richtigen Menge; bei Kupferproblematik kupferarm
- Medikamentenpläne abstimmen — die Leber verstoffwechselt fast alles; jedes zusätzliche Präparat muss überprüft werden
- Bauchumfang und Gewicht notieren — zunehmender Umfang bei sinkendem Gewicht spricht für Bauchwassersucht
- auf Wesensänderungen achten — sie können auf die Beteiligung des Gehirns hinweisen
- Kontrolltermine einhalten — Leberwerte, Gallensäuren, Blutbild
Diese Diagnose ist eine schwere Nachricht, besonders weil die Erkrankung so lange unbemerkt lief. Was sich sagen lässt: Viele dieser Hunde haben unter konsequenter Behandlung noch gute Jahre — und wo die Erkrankung früh gefunden wird, lässt sich der Verlauf spürbar verlangsamen. Der Blick auf einen unauffälligen Hund mit einem auffälligen Laborwert ist dabei der wertvollste Moment im ganzen Verlauf.
Quellen
- Tizard IR (2023): Autoimmune Liver Diseases. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals. Elsevier, St. Louis, MO, S. 161–163
- Ettinger SJ, Feldman EC, Côté E (Hrsg.) (2017): Textbook of Veterinary Internal Medicine. 8. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO
- Washabau RJ, Day MJ (Hrsg.) (2013): Canine and Feline Gastroenterology. Elsevier, St. Louis, MO
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Häufige Fragen
Warum greift das Immunsystem die Leber an?
Die Leber enthält aufgrund ihrer großen Masse eine enorme Menge an potenziell antigenem Material und spielt eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der peripheren Toleranz, also der Duldung körpereigener Strukturen durch das Immunsystem. Wird die Leber geschädigt und treten intrazelluläre Antigene (Zellbestandteile aus dem Inneren der Leberzellen) aus, können sich in der Regel schnell Autoimmunreaktionen entwickeln. Die meisten Hepatitisfälle bei Hunden entstehen sekundär zu Infektionen, etwa durch Adenoviren, oder nach Vergiftungen; in einigen Fällen lässt sich jedoch keine solche Ursache finden, und die Erkrankung ist wahrscheinlich autoimmun ausgelöst.
Welche Hunde erkranken besonders häufig an einer autoimmunen Lebererkrankung?
Eine starke Prädisposition, also erhöhte Anfälligkeit, besteht bei Dobermännern und English Springer Spaniels sowie insgesamt bei weiblichen Hunden; bei Dobermännern ist die Krankheit mit bestimmten genetischen Komponenten verknüpft. Die chronisch aktive Hepatitis tritt in der Regel im Alter von etwa acht Jahren auf, kann aber schon Jahre zuvor subklinisch, also ohne erkennbare Symptome, vorhanden sein.
Woran erkenne ich eine autoimmune Leberentzündung beim Hund?
Betroffene Hunde können viele Jahre symptomfrei bleiben und entwickeln dann zunächst unspezifische Anzeichen wie Gewichtsverlust, Lethargie (Teilnahmslosigkeit) und Erbrechen. Im weiteren Verlauf sind Anorexie (Appetitlosigkeit), Durchfall, Polydipsie und Polyurie (vermehrtes Trinken und vermehrter Harnabsatz), Ikterus (Gelbsucht) und schließlich Bauchwassersucht typisch. Da diese Zeichen unspezifisch sind, ist in der Regel eine tierärztliche Abklärung über Blutwerte erforderlich.
Wie wird die autoimmune Lebererkrankung beim Hund diagnostiziert?
Die Diagnose erfolgt über den Ausschluss anderer Ursachen und die Untersuchung der Leberenzyme: Im frühen Stadium steigt zunächst die Alanin-Aminotransferase (ALT) — beim Hund der leberspezifische Leitwert —, gefolgt von der alkalischen Phosphatase; die Bilirubinwerte steigen in der Regel als Letztes an. Bleibt die ALT dauerhaft erhöht, ist eine Leberbiopsie (Gewebeentnahme aus der Leber) mit histopathologischer, also feingeweblicher, Untersuchung angezeigt. Hinweise geben zudem Autoantikörper im Serum sowie erhöhte Kupferspiegel in der Leber bei subklinischen Fällen.
Wie wird die autoimmune Hepatitis des Hundes behandelt?
Als wirksam erwiesen haben sich immunsuppressive, also das Immunsystem dämpfende, Behandlungen mit Prednison/Prednisolon, Azathioprin, Cyclosporin und Mycophenolat; eine Kortikosteroidbehandlung kann die MHC-Klasse-II-Expression auf den Leberzellen signifikant reduzieren. Bei Hunden mit Zirrhose, portalem Bluthochdruck oder fibrotischen Veränderungen sollten Glukokortikoide allerdings nur mit Vorsicht eingesetzt werden. Ergänzend sollte eine immunologische Behandlung mit dendritischen Zellen — körpereigenen Immunzellen, die regulierend auf das Immunsystem einwirken — geprüft und gegebenenfalls eingeleitet werden.
Ist die autoimmune Lebererkrankung beim Hund heilbar?
Die Prognose ist in der Regel nicht gut: Der fortschreitende Verlust von Leberzellen führt zu einer chronisch entzündlichen Erkrankung mit Fibrose, also einem bindegewebigen Umbau der Leber, in deren Folge ein Leberversagen eintreten kann. Sobald sich ein Leberversagen entwickelt hat, ist die Prognose schlecht. Viele betroffene Hunde leiden zudem gleichzeitig an anderen immunvermittelten Krankheiten wie einer Autoimmunhypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) oder einer immunvermittelten hämolytischen Anämie (Blutarmut durch Zerstörung roter Blutkörperchen).