Melanom beim Hund in der Maulhöhle
Das Melanom beim Hund in der Maulhöhle — auch orales oder malignes Melanom im Maul genannt — ist der häufigste bösartige Maulhöhlentumor des Hundes: Auf ihn entfallen etwa 30 bis 40 % der oralen Tumoren, also rund jeder dritte. Der Tumor geht von den Melanozyten aus, den Pigmentzellen der Schleimhaut. Er wächst örtlich aggressiv und neigt früh zur Metastasierung, streut also Tochtergeschwülste in Lymphknoten und Lunge — das macht ihn zu einem der ernstesten Tumoren der Mundhöhle.
Inhaltsverzeichnis
Vorkommen
Betroffen sind überwiegend ältere Hunde mit einem mittleren Erkrankungsalter von etwa 11 bis 12 Jahren; kleinere Hunde erkranken häufiger als große. Eine Rassedisposition ist unter anderem für Cocker Spaniel, Zwergpudel, Chow-Chow, Golden Retriever und Gordon Setter beschrieben. Bevorzugte Sitze sind Zahnfleisch, Lippen- und Backenschleimhaut; bei über der Hälfte der Fälle ist der Kieferknochen beteiligt. Etwa zwei Drittel der oralen Melanome sind pigmentiert, also dunkel gefärbt — ein Drittel ist amelanotisch und damit unauffällig rosa bis fleischfarben. Auch eine unpigmentierte Wucherung kann also ein Melanom sein.
Symptome
- dunkle Verfärbung oder Knoten an Zahnfleisch, Lippen- oder Backenschleimhaut
- Mundgeruch, vermehrtes oder blutiges Speicheln, Zahnfleischbluten
- verändertes Fressverhalten, Schmerzen beim Kauen, Schluckbeschwerden
- lockere Zähne bei Kieferbeteiligung
- einseitige Schwellungen an Kiefer oder Gesicht
Tumoren im hinteren Maul- und Rachenbereich bleiben lange unbemerkt; viele orale Melanome werden erst in fortgeschrittenem Stadium entdeckt.
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Diagnose und Staging
Die Diagnose sichert die Gewebeprobe (Biopsie) mit feingeweblicher Untersuchung. Weil das orale Melanom früh streut, ist das Staging — die Suche nach Absiedlungen — hier besonders wichtig:
- Unterkieferlymphknoten: Untersuchung und gezielte Probenentnahme, auch wenn die Lymphknoten nicht vergrößert erscheinen
- Röntgen oder CT des Brustkorbs: Suche nach Lungenmetastasen
- Computertomographie (CT): Ausdehnung des Primärtumors, Kieferbeteiligung, Operationsplanung
Wie eng Tumorgröße und Streuung zusammenhängen, zeigt die Untersuchung von Carroll et al. (2020) an 59 oralen Melanomen: Bei Tumoren unter 6,5 mm Dicke fand sich keine Invasion in die Lymphgefäße, ab 24,5 mm dagegen bei allen untersuchten Proben. Die frühe Entdeckung entscheidet damit wesentlich über den Verlauf.
Behandlung
Chirurgie: Die vollständige Entfernung mit Sicherheitsabstand ist die Behandlung der Wahl — wegen des invasiven Wachstums häufig einschließlich eines Kieferknochenabschnitts. Nachweislich befallene Lymphknoten werden mit entfernt.
Strahlentherapie: Das orale Melanom gilt als strahlenempfindlich. In der bislang größten Auswertung eines hypofraktionierten Protokolls — sechs Bestrahlungen zu je 6 Gray, wöchentlich oder zweiwöchentlich, bei 101 Hunden — betrug das mediane progressionsfreie Überleben 171 Tage und die mediane Gesamtüberlebenszeit 232 Tage; Hunde mit kleiner Tumorlast und frühem Stadium schnitten deutlich besser ab (Baja et al. 2022).
Chemotherapie: Sie hat beim oralen Melanom keine belegte lebensverlängernde Wirkung und spielt eine untergeordnete Rolle.
Melanom-Vakzine: In den USA ist seit 2010 eine DNA-Vakzine (Oncept) zur Behandlung des oralen Melanoms zugelassen. In der EU ist sie nicht regulär verfügbar — der europäische Zulassungsantrag wurde 2014 zurückgezogen.
Dendritische Zelltherapie: Nach der operativen Entfernung ist die dendritische Zelltherapie eine sinnvolle Ergänzung, um das Immunsystem gegen verbliebene Tumorzellen zu aktivieren — gerade beim früh metastasierenden Melanom setzt sie an der Streuungsneigung an. Sie wird beim Haustierarzt durchgeführt und ist mit Chirurgie und Strahlentherapie kombinierbar. Kontrollierte Studien zur Wirksamkeit beim oralen Melanom liegen bislang nicht vor.
Prognose
Nach chirurgischer Behandlung liegen die medianen Überlebenszeiten je nach Stadium und Lage bei 5 bis 17 Monaten, die Ein-Jahres-Überlebensrate bei 21 bis 35 %. Entscheidend sind Größe und Stadium bei Diagnose: Kleine Tumoren im vorderen Maulbereich ohne Lymphknotenbeteiligung haben deutlich bessere Aussichten als große oder rachennahe Tumoren. Todesursache ist meist nicht der Primärtumor, sondern die Metastasierung. Eine Übersicht aller oralen Tumorarten mit ihren Kennzahlen bietet die Seite zur Lebenserwartung beim Maulhöhlentumor; allgemeine Informationen zur Tumorart auf der Seite zum Melanom beim Hund.
Quellen
- Liptak JM (2020): Oral Tumors, in: Vail DM, Thamm DH, Liptak JM (Hrsg.), Withrow & MacEwen’s Small Animal Clinical Oncology, 6th Ed., St. Louis, MO, 432–448
- Kessler M (2022): Tumoren der Maulhöhle, in: Kessler M, Kleintieronkologie, 4. Aufl., Stuttgart, 403 ff.
- Carroll KA et al. (2020): Tumor size as a predictor of lymphatic invasion in oral melanomas of dogs, J Am Vet Med Assoc 256(10):1123–1128, doi: 10.2460/javma.256.10.1123
- Baja AJ, Kelsey KL, Ruslander DM, Gieger TL, Nolan MW (2022): A retrospective study of 101 dogs with oral melanoma treated with a weekly or biweekly 6 Gy × 6 radiotherapy protocol, Vet Comp Oncol 20(3):623–631, doi: 10.1111/vco.12815
- Goldschmidt S et al. (2023): The diagnostic yield of preoperative screening for oral cancer in dogs over 15 years, part 2: distant screening, J Am Vet Med Assoc 261(S2):S24–S33, doi: 10.2460/javma.23.05.0300
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