Tumorerkrankung
Die Kalzium-Elektroporation - eine Behandlungsalternative für nichtoperable Tumore
Immer wieder stehen wir Tierärzte vor dem Problem, dass unsere Haustiere einen schnell wachsenden, durch andere Behandlungen nicht kontrollierbaren Tumor in der Haut oder Unterhaut, aber zum Beispiel auch im Kieferbereich haben. Der Tumor bei Hund oder Katze hat sich schnell vergrößert oder ist in kurzer Zeit wieder an derselben Stelle aufgetreten. Oft ist man in einer solchen Situation als Tierarzt ratlos und hat keine Behandlungsempfehlung. Das Tier wurde bereits bestmöglich operiert, aber die Geschwulst ist in kurzer Zeit wieder aufgetreten. Dabei ist diese nach der Erstbehandlung häufig größer und damit noch schlechter zu behandeln.
Ausgehend vor allem von den Erfahrungen dänischer Ärzte und Tierärzte mit der Kalzium-Elektroporation, erfolgt nun die Behandlung von Tieren mit derselben.
Was bedeutet Kalzium-Elektroporation?
Die Kalzium-Elektroporation ist eine neuartige Antitumorbehandlung, bei der hohe Kalziumkonzentrationen durch Elektroporation in Zellen eingebracht werden. Kurze Hochspannungsimpulse sorgen für eine vorübergehende Durchlässigkeit der Zellmembran, sodass eine Kalziumlösung in das Zellinnere eindringen kann und irreversible Schäden an den Tumorzellen erfolgen können. Der Einsatz erfolgt besonders bei Haut- und Unterhauttumoren.
Das Verfahren gehört zur Familie der elektroporationsgestützten Tumorbehandlungen: Es nutzt dieselbe Technik wie die Elektrochemotherapie, ersetzt aber das Chemotherapeutikum durch eine einfache Kalziumlösung. In der Übersichtsarbeit von Frandsen et al. wird der Wirkmechanismus beschrieben: Die massive Kalziumüberladung stört den Energiehaushalt der Tumorzelle und führt zum Zelltod (Nekrose), während gesunde Zellen den Kalziumeinstrom offenbar besser abpuffern können — ein Grund, warum das umliegende Gewebe in der Regel geschont wird.
Schritte in der Behandlung eines Tumors mit Kalzium-Elektroporation
- Sorgfältige Kurznarkose für das Tier
- Injektion der Kalziumlösung in das Tumorgewebe
- Elektrischer Impuls, der die Zellmembran im Tumorgewebe temporär durchlässig für das Kalzium macht. Kalziumionen überfluten das Innere der Tumorzellen.
- Die hohe Kalziumkonzentration führt zum Absterben der Tumorzellen. Dieser Prozess der Tumordegeneration setzt langsam ein und schreitet über 2 bis 3 Wochen fort.
Bei welchen Tumoren kann die Kalzium-Elektroporation genutzt werden?
Es liegen Erfahrungen mit der erfolgreichen Behandlung von Weichteilsarkomen, Mundhöhlentumoren und Spindelzelltumoren vor. Nach ungefähr 2 bis 3 Wochen sollte der Therapieerfolg überprüft werden und eine eventuelle Nachbehandlung besprochen werden.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit können auch Katzen und Hunde mit Fibrosarkomen und Plattenepithelkarzinomen, Mastzelltumoren, Neurofibromen und perianalen Adenokarzinomen mit dieser Methode behandelt werden. Zudem wurde die Behandlung bei Pferden, z. B. mit Sarkoiden, von dänischen Tierärzten beschrieben: In der Fallserie von Galant et al. führte die Kalzium-Elektroporation bei spontanen Hauttumoren des Pferdes zu einer örtlichen Nekrose des Tumorgewebes. Ebenfalls sollte der Einsatz bei Melanomen überprüft werden.
Auch in der Humanmedizin wird das Verfahren klinisch geprüft: Bei Plaschke et al. wurde die Kalzium-Elektroporation in einer Phase-I-Studie an Patienten mit wiederkehrendem Kopf-Hals-Krebs eingesetzt und erwies sich als durchführbar und verträglich. Die Datenlage in der Tiermedizin ist demgegenüber noch schmal und beruht überwiegend auf Fallserien — kontrollierte Studien stehen aus.
Was ist der Vorteil der Kalzium-Elektroporation?
Im Gegensatz zur Elektrochemotherapie wird hier nur eine Kalziumlösung zur Behandlung verwendet. Deshalb gibt es keine Kontamination durch ein Chemotherapeutikum für den Behandler, Besitzer und den vierbeinigen Patienten. Es kommt normalerweise nur zu sehr kurzzeitigen Hautreizungen im behandelten Gebiet, die schnell wieder vorübergehen und keiner weiteren Behandlung bedürfen. Das Tumorgewebe schrumpft allmählich.
In der Veröffentlichung von Hoejholt et al. erscheint die Kalzium-Elektroporation in vitro ähnlich effektiv wie die Elektrochemotherapie. Darüber hinaus ist die Kalziumlösung als Wirkstoff kostengünstig und unkompliziert zu lagern — für die tierärztliche Praxis ein praktischer Vorteil gegenüber Zytostatika (Zellgiften), deren Handhabung besondere Schutzmaßnahmen verlangt.
Behandlungskombination mit immunologischer Tumorbehandlung
Nach unseren Erfahrungen eignet sich die Kalzium-Elektroporation sehr gut für einen kombinierten Einsatz mit der dendritischen Zelltherapie. Durch die Zerstörung der Tumorzellen werden spezifische Tumorepitope frei, die für die dendritischen Zellen einen hervorragenden Anknüpfungspunkt für die körpereigene Immunabwehr bieten. Interessanterweise beschreiben Falk et al. bei einem menschlichen Melanompatienten nach Elektroporationsbehandlung sogar eine systemische Immunantwort mit Rückbildung auch unbehandelter Tumorherde — ein Hinweis darauf, dass die örtliche Tumorzerstörung dem Immunsystem tatsächlich Angriffspunkte liefern kann.
Durch die mit der Kalzium-Elektroporation erreichte Tumorreduktion kann auch eine chirurgische Weiterbehandlung und Entfernung des Restgewebes ermöglicht werden.
Quellen:
Frandsen SK, Thoefner MS, Gehl J (2021): Calcium Electroporation. In: Impellizeri JA (Hrsg.): Electroporation in Veterinary Oncology Practice. Cham, Springer.
Romeo S et al. (2018): ESOPE-Equivalent Pulsing Protocols for Calcium Electroporation: An In Vitro Optimization Study on 2 Cancer Cell Models.
Häufige Fragen
Was versteht man unter Kalzium-Elektroporation?
Die Kalzium-Elektroporation ist eine neuartige Antitumorbehandlung, bei der hohe Kalziumkonzentrationen durch Elektroporation in die Zellen eingebracht werden. Kurze Hochspannungsimpulse machen die Zellmembran vorübergehend durchlässig, sodass die Kalziumlösung in das Zellinnere eindringt und irreversible Schäden an den Tumorzellen verursachen kann; der Einsatz erfolgt besonders bei Haut- und Unterhauttumoren.
Wie ist der Ablauf der Behandlung in der Praxis?
Nach einer sorgfältigen Kurznarkose wird die Kalziumlösung in das Tumorgewebe injiziert; ein elektrischer Impuls macht die Zellmembran temporär durchlässig, sodass Kalziumionen die Tumorzellen überfluten. Die Tumordegeneration setzt langsam ein und schreitet über 2 bis 3 Wochen fort; danach sollten der Therapieerfolg überprüft und eine eventuelle Nachbehandlung besprochen werden.
Bei welchen Tumorarten kann die Kalzium-Elektroporation eingesetzt werden?
Erfahrungen liegen zur erfolgreichen Behandlung von Weichteilsarkomen, Mundhöhlentumoren und Spindelzelltumoren vor. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kommen auch Fibrosarkome, Plattenepithelkarzinome, Mastzelltumoren, Neurofibrome und perianale Adenokarzinome bei Hund und Katze in Betracht; bei Pferden wurde die Behandlung von Sarkoiden durch dänische Tierärzte beschrieben, der Einsatz bei Melanomen sollte geprüft werden.
Welche Vorteile bietet die Methode gegenüber der Elektrochemotherapie?
Es wird ausschließlich eine Kalziumlösung verwendet, sodass keine Kontamination durch ein Chemotherapeutikum für Behandler, Besitzer und Patient entsteht. Üblicherweise treten nur sehr kurzzeitige Hautreizungen im behandelten Gebiet auf; in vitro erscheint die Kalzium-Elektroporation nach Hoejholt et al. ähnlich effektiv wie die Elektrochemotherapie.
Lässt sich die Kalzium-Elektroporation mit anderen Behandlungsformen kombinieren?
Die Methode eignet sich nach den beschriebenen Erfahrungen für den kombinierten Einsatz mit der dendritischen Zelltherapie: Durch die Zerstörung der Tumorzellen werden spezifische Tumorepitope frei, die den dendritischen Zellen einen Anknüpfungspunkt für die körpereigene Immunabwehr bieten. Zudem kann die erreichte Tumorreduktion eine chirurgische Weiterbehandlung und Entfernung des Restgewebes ermöglichen.