Neuritis des Sehnerven (Nervus Optikus) beim Hund
Bei der Neuritis des Nervus opticus — kurz Optikusneuritis — handelt es sich um eine Entzündung des Sehnervs, jenes Nervenstrangs, der die Bildinformation von der Netzhaut zum Gehirn leitet. Findet sich für die Entzündung keine Ursache wie eine Infektion, ein Trauma oder ein Tumor, spricht man von einer idiopathischen Optikusneuritis. Sie wird vor allem bei kleineren Hunderassen beobachtet. Weil die Erkrankung zuverlässig auf Medikamente anspricht, die das Immunsystem dämpfen, wird davon ausgegangen, dass sie immunvermittelt ist: Das Immunsystem richtet sich gegen die Hüllstrukturen des eigenen Sehnervs.
Für Sie als Halter ist diese Erkrankung eine der erschreckendsten überhaupt — Ihr Hund ist am Morgen noch normal durch die Wohnung gelaufen und stößt am Abend gegen Möbel. Diese Plötzlichkeit ist typisch und kein Zeichen dafür, dass etwas übersehen wurde.
Wie die Entzündung entsteht
Der Sehnerv ist streng genommen kein gewöhnlicher peripherer Nerv, sondern eine nach vorn verlagerte Bahn des Gehirns — mit denselben Hüllen und derselben Myelinscheide, also der isolierenden Umhüllung der Nervenfasern. Genau diese Myelinscheide gerät bei der Optikusneuritis ins Visier des Immunsystems. Entzündungszellen wandern in den Nerv ein, er schwillt an, und die Reizweiterleitung von der Netzhaut zum Gehirn bricht zusammen. Die Netzhaut selbst arbeitet dabei zunächst weiter — ein Umstand, der für die Diagnostik entscheidend ist.
Zwei Formen werden unterschieden:
- die isolierte Optikusneuritis, bei der die Entzündung auf den Sehnerv beschränkt bleibt
- die okuläre Form der granulomatösen Meningoenzephalitis (GME), bei der der Sehnerv nur ein Schauplatz einer Entzündung ist, die grundsätzlich das gesamte zentrale Nervensystem betreffen kann
Etwa ein Drittel der Erkrankungsfälle geht auf diese zweite, sterile — also erregerfreie — Entzündungsform zurück. Die Unterscheidung ist nicht akademisch: Sie bestimmt, wie intensiv und wie lange behandelt werden muss und ob mit weiteren neurologischen Ausfällen zu rechnen ist.
Welche Hunde betroffen sind
Betroffen sind überwiegend kleine Hunderassen, häufig junge bis mittelalte Tiere. Dieselbe Rassegruppe stellt auch das Gros der Patienten mit granulomatöser Meningoenzephalitis — Zwergpudel, Malteser, Yorkshire Terrier, Chihuahua und ähnliche Kleinrassen. Große Rassen erkranken seltener, sind aber nicht ausgenommen.
Die Erkrankung tritt in etwa 75 % der Fälle beidseitig auf. Einseitige Verläufe kommen vor und werden von Haltern oft erst spät bemerkt, weil ein Hund mit einem gesunden Auge sich im vertrauten Umfeld nahezu unauffällig bewegt.
Anzeichen einer Sehnervenentzündung
Das Leitsymptom ist die plötzlich auftretende Blindheit. Dazu kommen:
- weite Pupillen, die auf Licht nicht mehr reagieren — der Pupillarreflex braucht den Sehnerv als Zuleitung; fällt dieser aus, bleibt die Pupille starr
- Zusammenstoßen mit Möbeln, Unsicherheit auf Treppen, Zögern an Türschwellen
- Blepharospasmus, also krampfhaftes Zusammenkneifen der Lider
- Exophthalmus, ein Hervortreten des Augapfels, wenn der geschwollene Nerv hinter dem Auge Platz beansprucht
Bei der Spiegelung des Augenhintergrunds zeigt sich, sofern die Entzündung den vorderen Nervenabschnitt betrifft, ein verändertes Bild des Sehnervenkopfes: Schwellung, Hyperämie — also übermäßige Blutfüllung —, ein Papillenödem und mitunter Netzhautblutungen. Sitzt die Entzündung weiter hinten in der Augenhöhle, kann der Augenhintergrund dagegen völlig normal aussehen. Ein unauffälliger Befund schließt eine Optikusneuritis also nicht aus.
Asymmetrische Sehstörungen — ein Auge deutlich schlechter als das andere — sprechen eher für eine Neuritis als für ein SARDS.
Schildern Sie uns den Fall Ihres Vierbeiners
Kostenlose Erstberatung bei Autoimmunerkrankungen durch unser tierärztliches Team — in der Regel innerhalb eines Werktages.
Lieber direkt sprechen? 05522 9182582, Montag bis Freitag 08:30–17:00 Uhr.
Die Abgrenzung zum SARDS-Syndrom
Das plötzlich erworbene Netzhautdegenerationssyndrom (SARDS) führt zum praktisch identischen Bild: akute Blindheit, weite lichtstarre Pupillen, zunächst unauffälliger Augenhintergrund. Die klinischen Erscheinungsbilder überschneiden sich so stark, dass sie am Untersuchungstisch allein oft nicht zu trennen sind.
Hinweise, die zur Unterscheidung beitragen:
| Merkmal | Optikusneuritis | SARDS |
|---|---|---|
| Ort der Schädigung | Sehnerv | Netzhaut (Photorezeptoren) |
| Symmetrie | häufiger asymmetrisch | meist symmetrisch |
| Sehnervenkopf | oft geschwollen, gerötet | anfangs unauffällig |
| Begleitsymptome | mitunter weitere neurologische Ausfälle | häufig vermehrtes Trinken, Harnabsatz und Fressen |
| Elektroretinogramm | erhalten | erloschen |
| Ansprechen auf Immunsuppression | ja | nein |
Der letzte Punkt ist der praktisch bedeutsamste: Bei einer Optikusneuritis kann rasches Handeln Sehvermögen retten, beim SARDS ist bislang keine Behandlung belegt, die das Sehen zurückbringt. Deshalb muss ein Hund mit plötzlicher Blindheit zeitnah untersucht werden und darf nicht abwartend beobachtet werden.
Diagnostik
Elektroretinogramm (ERG). Es misst die elektrische Antwort der Netzhaut auf einen Lichtreiz. Bei der Optikusneuritis arbeitet die Netzhaut weiter, das ERG ist also erhalten — die Störung liegt dahinter. Beim SARDS sind die Photorezeptoren zerstört, das ERG ist erloschen. Diese Untersuchung ist damit das entscheidende Instrument zur Unterscheidung beider Erkrankungen.
Liquoranalyse. Bei der Untersuchung des Liquor cerebrospinalis, also der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit, fanden sich in etwa 44 % der Fälle eine erhöhte Zahl neutrophiler Granulozyten und erhöhte Proteinwerte. Ein unauffälliger Liquor schließt die Erkrankung nicht aus, ein entzündlicher Befund stützt sie deutlich und weist in Richtung der GME-assoziierten Form.
Magnetresonanztomographie (MRT). Sie stellt den Sehnerv und seine Umgebung dar. Bei Hunden mit der okulären Form der granulomatösen Meningoenzephalitis zeigt sich eine Vergrößerung des Sehnervs; zugleich lassen sich Herde im Gehirn und raumfordernde Prozesse hinter dem Auge erkennen oder ausschließen.
Weitere Abklärung. Die Diagnostik muss Blutbild, Organwerte und — je nach betroffener Region — Untersuchungen auf Infektionserreger beinhalten, bevor das Immunsystem medikamentell gedämpft wird — denn eine Infektion, die als Autoimmunerkrankung behandelt wird, verschlechtert sich unter Kortison rapide.
Behandlung
Grundlage sind systemische Kortikosteroide in immunsuppressiver Dosierung. Wichtig ist der frühe Beginn: Je länger der Nerv entzündet bleibt, desto mehr Nervenfasern gehen unwiederbringlich verloren.
Reicht Kortison allein nicht aus oder sind seine Nebenwirkungen auf Dauer nicht tragbar, wird kombiniert. Beschrieben sind Cytosinarabinosid, Cyclosporin und Azathioprin. Gerade bei der GME-assoziierten Form ist eine solche Kombination die Regel, weil hier meist über Monate bis lebenslang behandelt werden muss. Alle diese Wirkstoffe erfordern regelmäßige Blut- und Organkontrollen.
Weil hinter der Erkrankung eine fehlgeleitete Steuerung des Immunsystems steht und nicht ein Zuviel an Erregern, ist eine Behandlung sinnvoll, die diese Steuerung wieder ins Lot bringt, statt die Abwehr pauschal zu unterdrücken. Die dendritische Zelltherapie setzt an dieser Stelle an: Dendritische Zellen entscheiden mit darüber, ob das Immunsystem ein Gewebe angreift oder toleriert. Aus dem Blut des Patienten gewonnen und aufbereitet, können sie die Toleranz gegenüber körpereigenem Gewebe fördern und so helfen, die Dauerlast an Immunsuppressiva zu senken. Für Hunde, die langfristig behandelt werden müssen, ist das ein Weg, der die Lebensqualität mitdenkt.
Prognose
Etwa ein Drittel der behandelten Hunde erlangt das Sehvermögen innerhalb von 2 bis 60 Tagen nach Behandlungsbeginn zurück, im Median nach 10 Tagen. Bei den übrigen Tieren bleibt die Sehstörung in der Regel bestehen. Eine sichere Vorhersage ist im Einzelfall nicht möglich — die Datenlage beruht auf vergleichsweise kleinen Fallzahlen, und wie viel Nervengewebe bereits verloren war, lässt sich am lebenden Tier nicht messen.
Gehört die Erkrankung zur okulären Form der granulomatösen Meningoenzephalitis, richtet sich die Prognose nicht allein nach dem Auge: Hier ist entscheidend, ob die Entzündung im übrigen Nervensystem kontrolliert werden kann. Diese Hunde brauchen eine langfristige neurologische Begleitung.
Auch wenn das Sehvermögen nicht zurückkehrt, ist die Behandlung nicht vergebens: Sie beendet die Entzündung, nimmt dem Auge die Schmerzhaftigkeit und schützt — bei der GME-Form — das übrige Nervensystem.
Wenn Ihr Hund blind bleibt
Hunde kommen mit dem Verlust des Sehvermögens erstaunlich gut zurecht. Ihr wichtigster Sinn ist ohnehin der Geruchssinn, und die räumliche Orientierung in bekannten Räumen erfolgt zu großen Teilen über Gedächtnis und Gehör. Was hilft:
- Möbel stehen lassen, wo sie stehen — die innere Karte der Wohnung ist das wichtigste Hilfsmittel
- Futter- und Wassernapf sowie Schlafplatz nicht verlegen
- Treppen und offene Kanten sichern, bis die Orientierung sitzt
- vor dem Anfassen ansprechen, damit Ihr Hund nicht erschrickt
- Spaziergänge an vertrauten Routen, an lockerer Leine, mit gleichbleibenden Wortsignalen wie „Stufe” oder „Halt”
- Nasenarbeit statt Ballspiel — Suchspiele lasten blinde Hunde hervorragend aus
Die meisten Halter berichten, dass die Umstellung sie selbst mehr Zeit kostet als ihren Hund. Nach einigen Wochen bewegen sich viele erblindete Hunde in der eigenen Wohnung so sicher, dass Besuch die Blindheit gar nicht bemerkt. Dass Ihnen der Verlust naheging, ändert nichts daran, dass Ihr Hund weiterhin ein gutes, volles Hundeleben führen kann.
Quellen
- Tizard IR (2023): Optic Neuritis. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals. Elsevier, St. Louis, MO, S. 104–105
- Maggs DJ, Miller PE, Ofri R (2018): Slatter’s Fundamentals of Veterinary Ophthalmology. 6. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO
- Dewey CW, da Costa RC (2016): Practical Guide to Canine and Feline Neurology. 3. Auflage, Wiley Blackwell, Ames, IA
Schildern Sie uns den Fall Ihres Vierbeiners
Kostenlose Erstberatung bei Autoimmunerkrankungen durch unser tierärztliches Team — in der Regel innerhalb eines Werktages.
Lieber direkt sprechen? 05522 9182582, Montag bis Freitag 08:30–17:00 Uhr.
Häufige Fragen
Was ist eine Optikusneuritis beim Hund?
Es handelt sich um eine idiopathische, also ohne erkennbare Ursache auftretende Entzündung des Nervus optikus (Sehnerv), die bei kleineren Hunderassen beobachtet wird. Angesichts des positiven Ansprechens auf eine immunsuppressive Therapie wird davon ausgegangen, dass es sich um eine immunvermittelte Erkrankung handelt, also um eine fehlgeleitete Reaktion des Immunsystems.
Woran erkenne ich eine Sehnervenentzündung bei meinem Hund?
Die Optikusneuritis äußert sich in einer plötzlich auftretenden Blindheit mit erweiterten Pupillen, die auf Licht nicht mehr reagieren. Sie tritt in etwa 75 % der Fälle beidseitig auf, kann aber auch einseitig vorkommen. Zusätzlich können Lidkrampf und Exophthalmus, also ein Hervortreten des Augapfels, vorhanden sein.
Wie unterscheidet sich die Optikusneuritis vom SARDS-Syndrom?
Die Abgrenzung kann schwierig sein, da sich die klinischen Erscheinungsbilder stark überschneiden. Asymmetrische Sehstörungen treten bei Hunden mit Neuritis häufiger auf als bei SARDS-Hunden. Ein Elektroretinogramm, also eine Messung der elektrischen Netzhautantwort, ermöglicht die Unterscheidung zwischen den beiden Erkrankungen.
Wie wird die Optikusneuritis beim Hund diagnostiziert?
Neben dem Elektroretinogramm liefert die Analyse des Liquor cerebrospinalis (Rückenmarksflüssigkeit) Hinweise: In etwa 44 % der Fälle finden sich eine erhöhte Neutrophilenzahl und erhöhte Proteinbestandteile. Etwa ein Drittel der Fälle geht mit einer sterilen Entzündung einher, die durch die okuläre Form der granulomatösen Meningoenzephalitis verursacht wird; bei diesen Hunden kann die Magnetresonanztomographie eine Vergrößerung des Sehnervs aufzeigen.
Wie wird die Sehnervenentzündung beim Hund behandelt?
Die Behandlung besteht aus systemischen Kortikosteroiden (Kortisonpräparaten), entweder allein oder in Kombination mit anderen Immunsuppressiva wie Cytosinarabinosid, Cyclosporin oder Azathioprin, also Medikamenten, die die überschießende Immunreaktion dämpfen.
Kann mein Hund nach einer Optikusneuritis wieder sehen?
Etwa ein Drittel der behandelten Hunde erlangt sein Sehvermögen innerhalb von 2 bis 60 Tagen nach Beginn der Behandlung zurück, im Median nach 10 Tagen. Bei den übrigen Tieren bleibt die Sehstörung demnach in der Regel bestehen, eine sichere Vorhersage ist im Einzelfall nicht möglich.