Autoimmun-Hypophysitis bei Hund und Pferd
Bei der Autoimmun-Hypophysitis handelt es sich um eine autoimmun bedingte Entzündung der Hypophyse — der Hirnanhangsdrüse. Kennzeichnend ist eine Infiltration des Drüsengewebes mit Lymphozyten, also bestimmten weißen Blutkörperchen des Immunsystems. Beim Menschen ist die Erkrankung selten, bei Hund und Pferd tritt sie sehr selten auf; beschrieben sind bislang Einzelfälle.
Die Seltenheit der Erkrankung prägt alles, was hier steht: Es gibt keine Fallserien, keine Behandlungsstudien und keine belastbaren Zahlen. Was vorliegt, sind sorgfältig dokumentierte Einzelbeobachtungen. Wir stellen sie dar, ohne mehr daraus zu machen, als sie hergeben.
Die Hypophyse als Steuerzentrale
Die Hypophyse ist eine erbsengroße Drüse an der Unterseite des Gehirns. Sie ist die oberste Schaltstelle des Hormonsystems: Sie gibt den nachgeschalteten Drüsen ihre Arbeitsanweisungen.
Von ihr gesteuert werden unter anderem:
- die Nebennierenrinde über das adrenocorticotrope Hormon (ACTH)
- die Schilddrüse über das schilddrüsenstimulierende Hormon (TSH)
- die Geschlechtsdrüsen über FSH und LH
- das Wachstum über das Wachstumshormon
- der Wasserhaushalt über das antidiuretische Hormon aus dem Hinterlappen
Daraus ergibt sich die zentrale Eigenschaft dieser Erkrankung: Die Hypophyse selbst macht keine eigenen Symptome. Sichtbar wird ihr Ausfall erst über die Organe, die sie steuert — und je nachdem, welcher Teil der Drüse betroffen ist, sieht das Krankheitsbild völlig anders aus.
Was bei der Hypophysitis geschieht
In der Regel handelt es sich bei den Veränderungen um eine diffuse Infiltration des Gewebes der Hirnanhangsdrüse mit Lymphozyten. Es wurde jedoch auch von der Entwicklung lymphatischer Follikel innerhalb der Drüse berichtet — also von organisierten Ansammlungen von Immunzellen, wie sie sonst in Lymphknoten vorkommen. Solche Strukturen entstehen dort, wo eine Immunreaktion über längere Zeit unterhalten wird.
Die Entzündung kann die Drüse anschwellen lassen. Dadurch entsteht eine raumfordernde Wirkung, die im Bild einem Tumor ähneln kann — ein Umstand, der in den beschriebenen Fällen zunächst zu genau dieser Verdachtsdiagnose führte.
Das Bild beim Menschen
Die klinischen Erscheinungen beim Menschen spiegeln die Funktionen der Hypophyse wider. Bemerkenswert ist die Häufung mit anderen Autoimmunerkrankungen: Betroffene leiden grundsätzlich an einer Autoimmunthyreoiditis, während eine kleinere Zahl von Fällen ein autoimmunes polyendokrines Syndrom Typ 2, einen systemischen Lupus erythematodes, ein Sjögren-Syndrom oder einen Typ-1-Diabetes entwickelt.
Diese Beobachtung ist auch für die Tiermedizin von Interesse: Sie stützt die Annahme, dass die Hypophysitis kein isoliertes Geschehen ist, sondern Teil einer breiteren Neigung zu Autoimmunreaktionen gegen hormonbildende Gewebe.
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Beschriebene Fälle beim Hund
Ähnliche Fälle wie beim Menschen wurden auch bei Hunden beobachtet.
Scottish Terrier. Bei diesem Hund wurde eine örtlich begrenzte Hypophysenmasse festgestellt. Bei der Autopsie ergab sich eine lymphoplasmazytische Hypophysitis. Das Tier litt möglicherweise an einem sekundären Hypoadrenokortizismus — einer Unterversorgung mit Kortisol, die nicht auf einem Schaden der Nebenniere selbst beruht, sondern auf dem fehlenden Steuerbefehl von oben.
Großer Pyrenäenhund. Dieser Hund litt an einer Hypothyreose und einem Hypoadrenokortizismus; bei ihm wurde eine vergrößerte Hypophyse festgestellt. Es zeigte sich eine lymphozytäre Hypophysitis, die hauptsächlich aus B-Lymphozyten bestand.
Beide Fälle zeigen dasselbe Muster: Der Ausfall betrifft mehrere hormonelle Achsen gleichzeitig. Genau das unterscheidet die Hypophysitis vom Morbus Addison oder von der Autoimmunthyreoiditis, bei denen jeweils nur eine Drüse betroffen ist. Fallen bei einem Hund zwei Hormonachsen zugleich aus, gehört die übergeordnete Ebene mitbedacht.
Beschriebene Fälle beim Pferd
Eine multifokale lymphozytäre Hypophysitis wurde auch bei Pferden festgestellt. Ein solcher Fall trat bei einem Appaloosa-Wallach mit klinisch diagnostizierter Fehlfunktion der Pars intermedia der Hypophyse auf — des Zwischenlappens, der zwischen Vorder- und Hinterlappen liegt und entwicklungsgeschichtlich zum Vorderlappen, der Adenohypophyse, gehört.
Wichtig für die Einordnung: Eine geringe Zahl verstreuter Lymphozyten findet sich auch in der Hypophyse gesunder Pferde. Ein solcher Befund allein belegt also keine Erkrankung — erst eine deutliche, herdförmige Infiltration ist auffällig.
Abgrenzung zum Equinen Cushing-Syndrom
Die Fehlfunktion der Pars intermedia — fachlich Pituitary Pars Intermedia Dysfunction, PPID, im Alltag Equines Cushing-Syndrom — ist beim älteren Pferd häufig. Sie beruht jedoch nach heutigem Verständnis nicht auf einer Autoimmunreaktion, sondern auf dem altersbedingten Verlust dopaminproduzierender Nervenzellen, die den Zwischenlappen normalerweise bremsen. Fällt diese Bremse weg, wuchert der Zwischenlappen und produziert im Übermaß Hormonvorstufen.
Typische Zeichen des Equinen Cushing-Syndroms sind ein langes, sich schlecht wechselndes Fell, vermehrtes Schwitzen, Muskelabbau über der Oberlinie, Fetteinlagerungen und eine erhöhte Neigung zur Hufrehe.
Der beschriebene Einzelfall bedeutet also nicht, dass PPID eine Autoimmunerkrankung wäre. Er zeigt lediglich, dass bei einem Pferd mit PPID zusätzlich eine lymphozytäre Entzündung der Hypophyse vorlag. Ob beides zusammenhängt, lässt sich aus einem Fall nicht ableiten.
Diagnose
Zu Lebzeiten ist die Diagnose schwierig, weil eine Gewebeprobe aus der Hypophyse praktisch nicht zu gewinnen ist. In den beschriebenen Fällen wurde sie erst bei der Autopsie gesichert.
Was zu Lebzeiten möglich ist:
- Hormonelle Funktionsprüfung der nachgeschalteten Achsen — ACTH-Stimulationstest für die Nebenniere, Schilddrüsenwerte, gegebenenfalls weitere Achsen
- Bildgebung — die Magnetresonanztomographie stellt eine vergrößerte Hypophyse dar und grenzt sie gegen einen Tumor ab, soweit das ohne Gewebeprobe möglich ist
- Suche nach weiteren Autoimmunerkrankungen — wegen der beim Menschen belegten Häufung
Ein Hund mit gleichzeitigem Ausfall mehrerer Hormonachsen und einer vergrößerten Hypophyse ist der Fall, bei dem diese Erkrankung überhaupt in Betracht kommt.
Behandlung
Die Behandlung besteht im Ersatz der ausgefallenen Hormone — je nachdem, welche Achsen betroffen sind: Glukokortikoide bei sekundärem Hypoadrenokortizismus, Levothyroxin bei Hypothyreose. Weil die Steuerzentrale ausgefallen ist und nicht die Zieldrüse, richtet sich die Kontrolle nicht nach den Steuerhormonen, sondern nach dem klinischen Bild und den Hormonwerten der Zieldrüsen.
Ob eine immunologische Behandlung mit toleranzinduzierenden dendritischen Zellen bei der autoimmun bedingten Hypophysitis hilfreich sein kann, ist bislang nicht geklärt. Der Ansatz — die Toleranz gegenüber körpereigenem Gewebe wiederherzustellen — passt zum vermuteten Mechanismus. Bei einer Erkrankung, von der weltweit Einzelfälle beschrieben sind, fehlt jedoch jede Grundlage für eine Wirksamkeitsaussage. Wir halten das hier offen.
Quellen
- Tizard IR (2023): Autoimmune Hypophysitis. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals. Elsevier, St. Louis, MO, S. 73
- Feldman EC, Nelson RW, Reusch CE, Scott-Moncrieff JC (2015): Canine and Feline Endocrinology. 4. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO
- Reed SM, Bayly WM, Sellon DC (Hrsg.) (2018): Equine Internal Medicine. 4. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO
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Häufige Fragen
Was ist eine Autoimmun-Hypophysitis?
Die Autoimmun-Hypophysitis ist eine autoimmun bedingte Entzündung der Hypophyse, also der Hirnanhangsdrüse. Kennzeichnend ist eine Infiltration des Drüsengewebes mit Lymphozyten, das heißt mit bestimmten weißen Blutkörperchen des Immunsystems. Bei Hund und Pferd tritt die Erkrankung sehr selten auf.
Wie häufig kommt die Autoimmun-Hypophysitis bei Hund und Pferd vor?
Es handelt sich um eine sehr seltene Erkrankung, von der bislang vor allem Einzelfälle beschrieben sind. Bei Hunden wurde eine lymphozytäre Hypophysitis unter anderem bei einem Scottish Terrier und einem Großen Pyrenäenhund festgestellt, bei Pferden etwa bei einem Appaloosa-Wallach mit einer Fehlfunktion der Pars intermedia — des Zwischenlappens, der zwischen Vorder- und Hinterlappen liegt und entwicklungsgeschichtlich zum Hypophysenvorderlappen (Adenohypophyse) gehört.
Welche Folgen kann eine Autoimmun-Hypophysitis beim Hund haben?
Die klinischen Erscheinungen spiegeln in der Regel die Funktionen der Hypophyse wider. In den bei Hunden beschriebenen Fällen traten unter anderem ein Hypoadrenokortizismus (also eine Unterversorgung mit Kortison) und eine Hypothyreose (eine Schilddrüsenunterfunktion) auf.
Kann die dendritische Zelltherapie bei einer Autoimmun-Hypophysitis eingesetzt werden?
Ob eine immunologische Behandlung mit toleranzinduzierenden dendritischen Zellen — also körpereigenen Immunzellen, die das Immunsystem wieder in Richtung Toleranz gegenüber eigenem Gewebe lenken sollen — bei der autoimmun bedingten Hypophysitis hilfreich sein kann, ist derzeit noch nicht abschließend geklärt.