Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) der Katze – eine autoimmune Erkrankung?
Bei der Hyperthyreose handelt es sich um eine Überfunktion der Schilddrüse: Die Drüse produziert mehr Hormon, als der Körper braucht, und treibt damit den gesamten Stoffwechsel hoch. Sie ist vor allem eine Erkrankung älterer Katzen und gehört zu den häufigsten hormonellen Erkrankungen dieser Tierart überhaupt.
Zunehmend wird als Ursache ein autoimmuner Hintergrund vermutet. Das ist mehr als eine akademische Frage: Es entscheidet darüber, ob sich am Krankheitsprozess selbst ansetzen lässt oder ob nur seine Folgen behandelt werden können.
Was bei der Hyperthyreose passiert
Ursache der Überfunktion sind in den allermeisten Fällen gutartige Knoten der Schilddrüse — sogenannte Adenome —, die unabhängig von der übergeordneten Steuerung Hormon produzieren. Häufig sind beide Schilddrüsenlappen betroffen. Nur bei 1 bis 3 % der betroffenen Katzen liegt ein bösartiges Schilddrüsenkarzinom zugrunde.
Die überschüssigen Hormone beschleunigen praktisch jeden Stoffwechselvorgang: Der Energieverbrauch steigt, das Herz schlägt schneller und kräftiger, der Blutdruck steigt, der Darm arbeitet hektischer. Genau daraus ergeben sich die Krankheitszeichen — die Katze verbrennt sich buchstäblich selbst.
Die Hinweise auf einen autoimmunen Hintergrund
Mehrere Befunde sprechen für eine Beteiligung des Immunsystems:
- Autoantikörper gegen die Schilddrüsenperoxidase wurden bei fast einem Drittel der Fälle nachgewiesen. Die Schilddrüsenperoxidase ist ein Schlüsselenzym bei der Bildung der Schilddrüsenhormone.
- Antinukleäre Antikörper, also Autoantikörper gegen Zellkernbestandteile, finden sich bei ungefähr 10 % der von solchen Autoantikörpern betroffenen Tiere.
- Lymphozytäre Infiltration der Schilddrüse — eine Einwanderung von Abwehrzellen in das Drüsengewebe — wird in etwa einem Drittel der Fälle beobachtet.
Zur Einordnung ist jedoch wichtig: Es wird derzeit angenommen, dass sich diese Veränderungen sekundär zum Krankheitsprozess entwickeln und nicht dessen primäre Ursache sind. Anders gesagt: Das Immunsystem reagiert auf das veränderte Gewebe, statt es ausgelöst zu haben.
Interessanterweise steht die Katze damit dem Menschen näher, als es zunächst scheint — die Basedowsche Krankheit des Menschen ist eine echte Autoimmunerkrankung mit stimulierenden Antikörpern gegen den TSH-Rezeptor. Solche stimulierenden Antikörper wurden bei der Katze bislang nicht in vergleichbarer Weise nachgewiesen. Die feline Hyperthyreose ist also nicht die Katzenversion des Morbus Basedow, auch wenn beide zu einer Überfunktion führen.
Anzeichen
Die klassische Kombination ist so charakteristisch, dass sie bei jeder älteren Katze aufhorchen lässt:
- Gewichtsverlust trotz gesteigerten, teils heißhungrigen Appetits
- vermehrtes Trinken und Harnabsatz
- Unruhe, Rastlosigkeit, nächtliches Rufen, verringertes Schlafbedürfnis
- struppiges, ungepflegtes Fell — die Katze putzt sich schlechter
- Erbrechen und Durchfall
- beschleunigter Herzschlag, oft mit Herzgeräusch oder Galopprhythmus
- eine tastbar vergrößerte Schilddrüse am Hals
Seltener zeigt sich die sogenannte apathische Form: Diese Katzen sind matt, fressen schlecht und magern ab. Sie werden leicht für Nieren- oder Tumorpatienten gehalten.
Für viele Halter ist der Gewichtsverlust bei bestem Appetit der Punkt, an dem sie stutzig werden. Wenn eine ältere Katze frisst wie nie und dabei dünner wird, gehört die Schilddrüse überprüft.
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Diagnose
Gesamt-T4 im Blut. Der wichtigste Einzelwert. Er ist bei den meisten betroffenen Katzen deutlich erhöht.
Freies T4 und TSH. Sie helfen in Grenzfällen. Zu beachten ist, dass eine gleichzeitige andere Erkrankung den T4-Wert in den Normbereich drücken kann — bei klarem klinischem Verdacht und normalem T4 lohnt deshalb die Wiederholung nach einigen Wochen.
Allgemeine Untersuchung. Blutbild, Nierenwerte, Urin, Blutdruckmessung und eine Herzuntersuchung gehören dazu — nicht zur Bestätigung der Diagnose, sondern zur Beurteilung dessen, was die Überfunktion bereits angerichtet hat.
Die verdeckte Nierenerkrankung
Dieser Punkt ist der wichtigste der gesamten Seite. Die Schilddrüsenüberfunktion steigert die Durchblutung der Nieren und lässt deren Werte dadurch besser aussehen, als sie sind. Viele ältere Katzen haben gleichzeitig eine chronische Nierenerkrankung, die von der Hyperthyreose gewissermaßen überdeckt wird.
Wird die Überfunktion behandelt, fällt diese Überdeckung weg — und die Nierenwerte steigen. Das ist kein Behandlungsfehler und kein Grund, die Behandlung abzubrechen: Die Nierenerkrankung war vorher schon da, sie wird nur sichtbar.
Praktisch folgt daraus:
- Vor einer endgültigen Behandlung wie Radiojodtherapie oder Operation wird die Schilddrüse zunächst medikamentös eingestellt und die Nierenfunktion in dieser Phase beobachtet.
- Erst wenn die Nieren die Normalisierung vertragen, ist der Weg frei für eine dauerhafte Lösung.
- Bei Katzen mit deutlicher Nierenschwäche wird die Schilddrüse bewusst nicht zu tief eingestellt.
Behandlungswege
Medikamentös. Thyreostatika wie Thiamazol hemmen die Hormonbildung. Sie wirken zuverlässig, müssen aber lebenslang und meist zweimal täglich gegeben werden. Zu beachten sind Nebenwirkungen: Appetitverlust, Erbrechen, Juckreiz im Gesicht, Veränderungen des Blutbilds und der Leberwerte. Auch eine Myasthenia gravis ist als Nebenwirkung beschrieben — sie bildet sich nach Absetzen in der Regel zurück. Regelmäßige Blutkontrollen sind Pflicht.
Radiojodtherapie. Radioaktives Jod reichert sich im überaktiven Gewebe an und schaltet es gezielt aus, während gesundes Gewebe verschont bleibt. Sie gilt als die wirksamste Behandlung und heilt die Überfunktion in den meisten Fällen dauerhaft. Sie erfordert einen stationären Aufenthalt in einer zugelassenen Einrichtung.
Operation. Die Entfernung des veränderten Schilddrüsengewebes ist ebenfalls dauerhaft wirksam. Sie birgt das Risiko, die eng benachbarten Nebenschilddrüsen mitzuschädigen, was zu einem Kalziummangel führen kann.
Jodarme Diät. Sie entzieht der Schilddrüse den Baustoff für die Hormonbildung. Sie wirkt nur, wenn die Katze ausschließlich dieses Futter erhält — bei Freigängern und in Mehrkatzenhaushalten also kaum durchführbar.
Immunologische Behandlung. Zur Verlangsamung der Veränderungen an der Schilddrüse sollte auch an immunologische Behandlungsmethoden gedacht werden — also an Verfahren, die an der fehlgeleiteten Immunreaktion ansetzen. Die dendritische Zelltherapie arbeitet mit dendritischen Zellen, die darüber mitentscheiden, ob ein Gewebe angegriffen oder toleriert wird. Ehrlicherweise gehört dazu die Einschränkung, dass die immunologischen Veränderungen bei der felinen Hyperthyreose nach derzeitiger Annahme eher Folge als Ursache sind — ein immunologischer Ansatz ersetzt hier also keine der oben genannten Behandlungen, sondern kommt als ergänzende Überlegung in Betracht.
Blutdruck und Herz im Blick behalten
Katzen mit Hyperthyreose entwickeln deutlich häufiger einen Bluthochdruck als gesunde Tiere. Der Blutdruck sollte deshalb bei jeder Verlaufskontrolle gemessen werden.
Warum das wichtig ist: Ein unbehandelter Bluthochdruck schädigt Augen, Nieren, Herz und Gehirn. Die gefürchtetste Folge ist die Netzhautablösung mit plötzlicher Erblindung — sie tritt ohne Vorwarnung auf und ist bei früher Behandlung des Blutdrucks vermeidbar.
Auch das Herz leidet: Die Dauerbelastung führt zu einer Verdickung der Herzmuskulatur, die sich nach erfolgreicher Behandlung der Schilddrüse häufig zurückbildet.
Alltag mit einer hyperthyreoten Katze
- Gewicht regelmäßig notieren — eine Küchenwaage oder Personenwaage genügt; das Gewicht ist der ehrlichste Verlaufsparameter
- Tabletteneingabe erleichtern — Pillengeber, Leckerli-Umhüllung oder, wo verfügbar, eine Zubereitung zum Auftragen auf die Ohrinnenseite
- Kontrolltermine einhalten — Schilddrüsenwert, Nierenwerte, Blutdruck
- auf Nebenwirkungen achten — Kratzen im Gesicht, Erbrechen, Appetitverlust melden statt abwarten
- Ruhe ermöglichen — hyperthyreote Katzen sind rastlos; erhöhte, ruhige Rückzugsplätze helfen
- energiereich füttern, solange Gewicht fehlt, und die Umstellung mit dem Tierarzt abstimmen
Eine Katze, die abmagert, obwohl sie frisst, versetzt Halter zu Recht in Sorge. Die Hyperthyreose gehört jedoch zu den gut behandelbaren Alterserkrankungen der Katze — bei vielen Tieren kehren Gewicht, Fellzustand und Ruhe innerhalb weniger Wochen zurück. Der aufmerksame Blick auf Gewicht und Blutdruck ist dabei der Beitrag, der langfristig am meisten bewirkt.
Quellen
- Tizard IR (2023): Hyperthyroidism. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals. Elsevier, St. Louis, MO, S. 68
- Feldman EC, Nelson RW, Reusch CE, Scott-Moncrieff JC (2015): Canine and Feline Endocrinology. 4. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO
- Ettinger SJ, Feldman EC, Côté E (Hrsg.) (2017): Textbook of Veterinary Internal Medicine. 8. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO
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Häufige Fragen
Ist die Schilddrüsenüberfunktion der Katze eine Autoimmunerkrankung?
Die Hyperthyreose, also die Schilddrüsenüberfunktion, ist vor allem eine Erkrankung älterer Katzen, bei der zunehmend ein autoimmuner Hintergrund als Ursache vermutet wird. Nach derzeitiger Annahme entwickeln sich die beobachteten immunologischen Veränderungen allerdings sekundär zum Krankheitsprozess, sind also eher Folge als primäre Ursache der Erkrankung.
Welche Hinweise auf Autoimmunität gibt es bei der Hyperthyreose der Katze?
Bei fast einem Drittel der Fälle von Schilddrüsenüberfunktion wurden Autoantikörper nachgewiesen, also gegen den eigenen Körper gerichtete Antikörper; sie richten sich gegen die Schilddrüsenperoxidase, ein wichtiges Enzym bei der Bildung der Schilddrüsenhormone. Ungefähr 10 % dieser Tiere haben zusätzlich zirkulierende antinukleäre Antikörper, und in etwa einem Drittel der Fälle wird eine lymphozytäre Infiltration der Schilddrüse beobachtet, das heißt eine Einwanderung von Abwehrzellen in das Drüsengewebe.
Kann eine immunologische Behandlung bei der Hyperthyreose der Katze sinnvoll sein?
Bei der Wahl der Behandlung muss in der Regel individuell über eine geeignete Behandlungsform nachgedacht werden. Zur Verlangsamung der Veränderungen an der Schilddrüse sollte dabei auch an immunologische Behandlungsmethoden gedacht werden, also an Verfahren, die an der fehlgeleiteten Immunreaktion ansetzen.