Myasthenia gravis der Katzen
Bei der Myasthenia gravis der Katze handelt es sich um eine Störung der neuromuskulären Übertragung — also der Signalweitergabe vom Nerv auf den Muskel. Ursache ist ein Mangel an Acetylcholinrezeptoren an der motorischen Endplatte, jener Kontaktstelle, an der der Nerv seinen Befehl an den Muskel übergibt. Die Folge ist eine Muskelschwäche, die sich unter Belastung rasch verschlimmert und in der Ruhe wieder bessert.
Katzen zeigen dabei ein anderes Bild als Hunde. Während beim Hund die wegbrechende Hinterhand im Vordergrund steht, fällt bei der Katze häufig zuerst der Kopf auf: Er hängt schlaff nach unten, das Kinn sinkt Richtung Brust. Diese sogenannte Ventroflexion des Halses ist bei Katzen ein wichtiges Warnzeichen — und ein Grund, nicht auf Besserung zu warten.
Wie die Erkrankung entsteht
Der Nerv gibt sein Signal an den Muskel weiter, indem er den Botenstoff Acetylcholin ausschüttet. Dieser bindet an Acetylcholinrezeptoren auf der Muskelseite der Kontaktstelle und löst dort die Kontraktion aus. Bei der erworbenen Myasthenia gravis bilden sich Autoantikörper gegen genau diese Rezeptoren. Sie blockieren die Bindungsstellen, beschleunigen den Abbau der Rezeptoren und schädigen über das Komplementsystem die Muskelmembran.
Solange der Muskel ruht, reichen die verbliebenen Rezeptoren aus. Unter Belastung leert sich der Acetylcholin-Vorrat der Nervenendigung jedoch schneller, als sie kompensieren können — und der Muskel gibt nach. Das erklärt die charakteristische Belastungsabhängigkeit: Die Katze springt einmal auf das Fensterbrett, beim zweiten Versuch schafft sie es nicht mehr.
Angeborene Form: Devon Rex und Sphynx
Bei einigen Katzenrassen wird ein angeborenes myasthenisches Syndrom gefunden — betroffen sind Tiere der Rassen Devon Rex und Sphynx. Hier liegen keine Autoantikörper vor, sondern ein vererbter Defekt des neuromuskulären Signalwegs selbst. Die Erkrankung zeigt sich entsprechend früh, meist in den ersten Lebensmonaten.
Diese Unterscheidung ist praktisch bedeutsam: Eine Behandlung, die das Immunsystem dämpft, kann bei der angeborenen Form nicht wirken, weil kein Autoimmunprozess vorliegt. Sinnvoll sind hier ausschließlich Medikamente, die die verbliebene Übertragung stärken.
Erworbene Form: selten, aber ernst
Die erworbene Myasthenia gravis wird bei Katzen insgesamt selten gefunden. Auch hier gibt es rassetypische Beobachtungen: Bei Abessinier- und Somali-Katzen scheint die Erkrankung häufiger aufzutreten.
Bemerkenswert ist, dass sie in vielen Fällen gemeinsam mit einer Polymyositis auftritt — einer entzündlichen Erkrankung der Muskulatur selbst. Damit sind bei diesen Tieren zwei Ebenen betroffen: die Signalübertragung zum Muskel und der Muskel selbst. Das erklärt, warum manche Katzen schwächer sind, als es der reine Antikörperbefund erwarten ließe, und warum eine alleinige Behandlung mit Cholinesterasehemmern hier oft nicht ausreicht.
Von dieser neuromuskulären Übertragungsstörung abzugrenzen ist die Polyneuritis bei Katzen, bei der die peripheren Nerven selbst entzündet sind und die vor allem jüngere Tiere betrifft.
Anzeichen bei der Katze
Betroffene Tiere präsentieren sich mit allgemeiner Schwäche. Im Einzelnen:
- schlaffer, hängender Kopf — die Ventroflexion des Halses, das auffälligste Zeichen bei der Katze
- leichte Ermüdbarkeit — nach kurzer Bewegung setzt oder legt sich die Katze hin
- Schluckbeschwerden und Würgen beim Fressen
- Aufstoßen von unverdautem Futter, oft kurz nach der Mahlzeit
- veränderte, leisere oder heisere Stimme
- vermehrtes Speicheln bei Beteiligung der Rachenmuskulatur
- in schweren Fällen erschwerte Atmung
Wichtig zur Einordnung: Die Ventroflexion des Halses ist bei der Katze kein alleiniger Beweis für eine Myasthenia gravis. Sie tritt ebenso bei Kaliummangel, bei bestimmten Muskelerkrankungen und bei einer Thiaminunterversorgung auf. Gerade weil einige dieser Ursachen rasch und gut behandelbar sind, gehört eine Katze mit hängendem Kopf zügig untersucht.
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Das Thymom im Mittelfell
Bei 25 bis 50 % der betroffenen Katzen findet sich eine Veränderung im Mediastinum — dem sogenannten Mittelfell, dem Raum zwischen den beiden Lungenhälften. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um ein Thymom, eine überwiegend gutartige Zubildung des Thymus.
Dieser Anteil liegt deutlich höher als beim Hund, wo nur 3 bis 4 % der Fälle mit einer Thymusveränderung einhergehen. Für die Praxis heißt das: Bei jeder Katze mit Verdacht auf Myasthenia gravis gehört der Brustkorb bildgebend untersucht — Röntgen, gegebenenfalls Ultraschall oder Computertomographie. Der Zusammenhang ist paraneoplastisch: Nicht der Tumor selbst verursacht die Schwäche, sondern die Immunreaktion, die er in Gang setzt.
Betroffene Tiere sind zudem seropositiv für Antikörper gegen den Acetylcholinrezeptor — diese Abwehrstoffe lassen sich also im Blut nachweisen.
Methimazol als Auslöser
Wichtig ist festzuhalten, dass das Auftreten einer Myasthenia gravis eine bekannte Nebenwirkung der Behandlung einer Schilddrüsenüberfunktion mit dem Wirkstoff Methimazol ist. Da die Schilddrüsenüberfunktion bei älteren Katzen sehr häufig ist und Methimazol zu den Standardmedikamenten gehört, ist dieser Zusammenhang alltagsrelevant.
Die gute Nachricht: Diese Form ist reversibel. Sie verschwindet in der Regel, wenn das Medikament abgesetzt wird. Entwickelt eine Katze unter Methimazol eine Schwäche mit hängendem Kopf, gehört das umgehend dem behandelnden Tierarzt gemeldet — nicht in Eigenregie abgesetzt, weil die unbehandelte Schilddrüsenüberfunktion ihrerseits gefährlich ist und die Behandlung umgestellt werden muss.
Diagnose
Antikörpernachweis. Der Nachweis von Autoantikörpern gegen den Acetylcholinrezeptor im Blut ist der Goldstandard. Die Probe sollte möglichst vor Beginn einer immunsuppressiven Behandlung entnommen werden, weil diese den Antikörperspiegel senkt.
Bildgebung des Brustkorbs. Sie dient dem Nachweis oder Ausschluss eines Thymoms und zeigt zugleich, ob ein Megaösophagus oder bereits eine Aspirationspneumonie vorliegt.
Edrophonium-Test. Die intravenöse Gabe eines kurz wirksamen Anticholinesterase-Medikaments kann zu einer schnellen, vorübergehenden Zunahme der Muskelkraft führen. Bei Katzen ist dieser Test heikler als beim Hund, weil sie empfindlicher auf cholinerge Nebenwirkungen reagieren — Bradykardie, Speicheln, Atemnot. Er gehört deshalb in eine Umgebung, in der sofort gegengesteuert werden kann.
Ausschluss anderer Ursachen. Kaliumspiegel, Schilddrüsenwerte, Muskelenzyme und eine gründliche neurologische Untersuchung grenzen die Erkrankungen ab, die ein ähnliches Bild erzeugen.
Behandlung
Cholinesterasehemmer. Pyridostigminbromid verlängert die Wirkung des Acetylcholins an der Endplatte und holt damit mehr aus den verbliebenen Rezeptoren heraus. Es ist bei Katzen wie beim Hund die symptomatische Basis der Behandlung. Die Dosierung wird vorsichtig gesteigert, weil eine Überdosierung ihrerseits Schwäche auslöst — die sogenannte cholinerge Krise.
Immunsuppression. Bei der erworbenen Form kommen Prednisolon und, bei unzureichendem Ansprechen, weitere immundämpfende Wirkstoffe zum Einsatz. Kortison wird auch bei der Katze nicht als Erstbehandlung gegeben, weil es die Schwäche anfangs verstärken kann. Zu beachten ist außerdem: Katzen sprechen auf Prednison schlechter an als auf Prednisolon, weil ihnen die Umwandlung in der Leber weniger gut gelingt.
Thymektomie. Liegt ein Thymom vor, kann seine operative Entfernung die Muskelschwäche deutlich bessern. Der Eingriff verlangt Erfahrung, ist aber bei einer Erkrankung mit derart hohem Thymomanteil ein zentraler Behandlungsbaustein.
Immunologische Behandlung mit dendritischen Zellen. Weil hinter der erworbenen Form eine fehlgeleitete Steuerung des Immunsystems steht, ist ein Ansatz sinnvoll, der diese Steuerung wieder ins Gleichgewicht bringt, statt die Abwehr pauschal zu unterdrücken. Die dendritische Zelltherapie arbeitet mit dendritischen Zellen — den Regisseuren der Immunantwort, die mitentscheiden, ob ein Gewebe angegriffen oder toleriert wird. Aus dem Blut der Patientin gewonnen und entsprechend aufbereitet, können sie die Toleranz gegenüber körpereigenem Gewebe fördern. Gerade bei Katzen, die anders als Hunde selten von selbst gesunden und deshalb dauerhaft behandelt werden müssen, verdient dieser Weg eine ernsthafte Prüfung.
Unterstützende Maßnahmen. Bestehen Schluckbeschwerden oder ein Megaösophagus, gelten dieselben Grundsätze wie beim Hund: aufrecht füttern, danach 10 bis 20 Minuten aufrecht halten, kleine Portionen, angepasste Konsistenz. Die Aspirationspneumonie ist auch bei der Katze die gefährlichste Komplikation.
Prognose und Betreuung zu Hause
Die durch Methimazol ausgelöste Myasthenia gravis bildet sich nach Absetzen des Medikaments in der Regel zurück — hier ist die Prognose gut.
Bei der erworbenen Form sieht es anders aus als beim Hund: Eine Spontanremission, wie sie bei Hunden innerhalb einiger Monate beobachtet wird, findet sich bei erkrankten Katzen normalerweise nicht. Deshalb ist eine Langzeitbehandlung erforderlich. Mit einer gut eingestellten Medikation und — wo angezeigt — der Entfernung eines Thymoms lässt sich die Erkrankung in vielen Fällen jedoch stabil kontrollieren.
Worauf Sie zu Hause achten sollten:
- die Belastbarkeit im Blick behalten: Wie oft springt Ihre Katze noch hoch, wie lange bleibt sie auf den Beinen?
- die Kopfhaltung beobachten — sie ist der empfindlichste Frühindikator für einen Rückfall
- Sprünge auf hohe Möbel durch Rampen oder Zwischenstufen entschärfen
- nach dem Fressen nicht sofort schlafen legen lassen
- bei Husten, Fieber, schneller Atmung oder Appetitverlust sofort vorstellig werden
Eine Katze, deren Kopf plötzlich hängt und die nicht mehr springt, wirkt für ihre Menschen wie ein anderes Tier. Diese Erkrankung ist behandelbar — und viele Katzen kehren unter einer passenden Medikation zu einem guten, weitgehend normalen Alltag zurück. Der wichtigste Beitrag, den Sie leisten können, ist der aufmerksame Blick: Sie merken früher als jeder Untersuchungstermin, wenn etwas nachlässt.
Quellen
- Tizard IR (2023): Feline Myasthenia Gravis. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals. Elsevier, St. Louis, MO, S. 158
- Dewey CW, da Costa RC (2016): Practical Guide to Canine and Feline Neurology. 3. Auflage, Wiley Blackwell, Ames, IA
- Ettinger SJ, Feldman EC, Côté E (Hrsg.) (2017): Textbook of Veterinary Internal Medicine. 8. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO
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Häufige Fragen
Woran erkenne ich eine Myasthenia gravis bei meiner Katze?
Betroffene Tiere zeigen eine allgemeine Schwäche. Typisch sind ein schlaffer, hängender Kopf (Ventroflexion des Halses), rasche Ermüdbarkeit, Schluckbeschwerden und Aufstoßen. Charakteristisch ist die Belastungsabhängigkeit: Nach einer Ruhepause geht es kurzzeitig wieder besser.
Welche Katzenrassen sind besonders von Myasthenia gravis betroffen?
Ein angeborenes myasthenisches Syndrom wird bei den Rassen Devon Rex und Sphynx gefunden. Die erworbene Myasthenia gravis ist bei Katzen insgesamt selten, scheint aber bei Abessinier- und Somali-Katzen häufiger aufzutreten. Sie zeigt sich in vielen Fällen in Verbindung mit einer Polymyositis, also einer entzündlichen Muskelerkrankung.
Was hat ein Thymom mit der Myasthenia gravis der Katze zu tun?
Bei 25 bis 50 % der betroffenen Katzen findet sich eine Veränderung im Mediastinum, dem Mittelfell zwischen den beiden Lungenhälften — meist ein Thymom, also eine überwiegend gutartige Zubildung des Thymus. Betroffene Tiere sind zudem seropositiv für Antikörper gegen den Acetylcholinrezeptor, das heißt, diese Abwehrstoffe lassen sich im Blut nachweisen. Deshalb gehört bei jedem Verdacht der Brustkorb bildgebend untersucht.
Kann ein Medikament eine Myasthenia gravis bei Katzen auslösen?
Ja, das Auftreten einer Myasthenia gravis ist eine bekannte Nebenwirkung der Behandlung der Schilddrüsenüberfunktion mit dem Wirkstoff Methimazol. Diese Form ist reversibel und verschwindet in der Regel, wenn das Medikament abgesetzt wird. Setzen Sie das Präparat aber nicht eigenmächtig ab, sondern lassen Sie die Behandlung tierärztlich umstellen.
Warum hängt der Kopf meiner Katze nach unten?
Die Ventroflexion des Halses ist ein wichtiges Warnzeichen bei der Katze, aber nicht beweisend für eine Myasthenia gravis. Sie kommt ebenso bei Kaliummangel, bei bestimmten Muskelerkrankungen und bei einer Thiaminunterversorgung vor. Da einige dieser Ursachen rasch und gut behandelbar sind, sollte eine Katze mit hängendem Kopf zügig untersucht werden.
Ist die Myasthenia gravis bei Katzen heilbar?
Das hängt von der Form ab: Die durch Methimazol ausgelöste Myasthenia gravis bildet sich nach Absetzen des Medikaments in der Regel zurück. Bei der erworbenen Form wird eine Spontanremission, wie sie bei Hunden vorkommt, bei Katzen normalerweise nicht beobachtet; deshalb ist eine Langzeitbehandlung erforderlich. Liegt ein Thymom vor, kann dessen Entfernung die Schwäche deutlich bessern.