Autoimmunerkrankung

Meningoenzephalitis unbekannter Herkunft (MUO) bei Katzen

Bei der Meningoenzephalitis unbekannter Herkunft — kurz MUO nach der englischen Bezeichnung „meningoencephalitis of unknown origin” — handelt es sich um eine Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten, für die trotz gründlicher Suche kein auslösender Erreger zu finden ist. Bezieht sie das Rückenmark mit ein, spricht man von einer Meningoenzephalomyelitis. Auch bei Katzen ist diese Erkrankung bekannt; sie hat einen akuten Verlauf, und es werden dabei die von anderen Tierarten bekannten Symptomenkomplexe beobachtet.

Der Name ist zunächst unbefriedigend — er sagt, was die Erkrankung nicht ist. Genau darin liegt aber ihre diagnostische Logik: MUO ist eine Ausschlussdiagnose. Erst wenn die behandelbaren infektiösen Ursachen sauber abgearbeitet sind, ist der Weg frei für die Annahme, dass das Immunsystem selbst das Nervengewebe angreift — und damit für eine Behandlung, die genau das Gegenteil dessen tut, was bei einer Infektion richtig wäre.

Was bei der MUO im Gehirn passiert

Die feingewebliche Untersuchung zeigt eine multifokale lymphohistiozytäre Meningoenzephalitis — also eine an mehreren Stellen gleichzeitig auftretende Entzündung, getragen von Lymphozyten und Gewebemakrophagen. In einem Fall der genannten Studie war stattdessen das Rückenmark betroffen, es lag also eine Myelitis vor.

Charakteristisch sind zwei Befunde:

  • fokale neurale Nekrosen — umschriebene Bereiche, in denen Nervengewebe zugrunde geht
  • mononukleäre perivaskuläre Manschetten — Immunzellen, die sich ringförmig um kleine Blutgefäße legen

Diese perivaskulären Manschetten sind das typische Bild einer immunvermittelten Entzündung des Nervensystems: Die Zellen treten aus der Blutbahn aus und sammeln sich am Gefäß, statt einem Erreger im Gewebe zu folgen. Weil die Entzündung an vielen Stellen zugleich sitzt, sind die neurologischen Ausfälle oft nicht auf einen Ort zurückzuführen — die Katze zeigt mehrere Symptome, die scheinbar nicht zusammenpassen.

Welche Katzen betroffen sind

In einer Studie wurden 16 erkrankte Katzen erfasst. Der Beginn der Erkrankung lag in einer weiten Altersspanne: Betroffen waren Tiere im Alter von 10 Monaten bis zu 12 Jahren, das mittlere Alter bei Erkrankungsbeginn lag bei 9,4 Jahren. Hinweise auf eine rasse- oder geschlechtsspezifische Anfälligkeit wurden nicht gefunden. Der Ausbruch der Erkrankung erfolgte immer akut.

Zur Einordnung: 16 Tiere sind eine kleine Fallzahl. Die genannten Werte geben eine Orientierung, keine belastbare Statistik — insbesondere lässt sich aus ihnen keine Altersgrenze ableiten, ab der die Erkrankung nicht mehr in Frage käme.

Anzeichen

Beobachtet wurde eine ganze Reihe verschiedener Erscheinungen:

  • Ataxie — eine Störung der Bewegungsabstimmung; die Katze schwankt, tritt daneben, fällt um
  • Wahrnehmungsstörungen — Desorientierung, Anstarren von Wänden, verändertes Verhalten
  • Krampfanfälle
  • spinale Hyperästhesie — eine schmerzhafte Überempfindlichkeit entlang der Wirbelsäule; die Katze zuckt oder faucht beim Streicheln über den Rücken
  • Fieber
  • Gewichtsverlust
  • Anorexie, also Fressverweigerung
  • Leukozytose — eine Vermehrung der weißen Blutkörperchen im Blut

Auffällig ist die Kombination aus neurologischen Ausfällen und Allgemeinsymptomen. Eine Katze, die zugleich neurologisch auffällt, fiebert und nicht frisst, gehört zügig untersucht — diese Zusammenstellung passt weder zu einem Sturz noch zu einer Vergiftung.

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Befunde aus der Untersuchung

Liquoruntersuchung. Bei der Untersuchung der Hirnflüssigkeit war die Zellzahl erhöht, im Median 70,7 Zellen/µl. Bemerkenswert ist das gemischte Auftreten kernhaltiger Zellen — es fand sich also kein einheitliches Zellbild, wie es für manche Infektionen typisch wäre. Auch die Proteinkonzentration im Liquor war bei fast allen betroffenen Katzen erhöht.

Magnetresonanztomographie. Die MRT-Untersuchungen zeigten infiltrative, unscharf begrenzte Läsionen im gesamten Gehirn. Diese Verteilung über mehrere Regionen ohne scharfe Grenze unterscheidet das Bild von einem Tumor oder einem Infarkt, die typischerweise umschrieben auftreten.

Feingewebliche Untersuchung. Sie ergab die oben beschriebene multifokale lymphohistiozytäre Meningoenzephalitis mit fokalen Nekrosen und perivaskulären Manschetten.

Der Ausschluss der Infektionserreger

Durch weitergehende Untersuchungen wurden die wichtigsten Infektionserreger ausgeschlossen. Erst deshalb wurde bei den in die Studie einbezogenen Tieren von einem immunologischen Ursprung ausgegangen.

Dieser Schritt ist der wichtigste der gesamten Abklärung, denn die Behandlung der MUO dämpft das Immunsystem — bei einer übersehenen Infektion wäre das genau der falsche Weg. Bei der Katze gehören insbesondere dazu:

  • Feline infektiöse Peritonitis (FIP) — die neurologische Verlaufsform ist der wichtigste Nachahmer der MUO, vor allem bei jüngeren Katzen. Sie ist heute mit antiviralen Wirkstoffen behandelbar, was den Ausschluss umso wichtiger macht.
  • Toxoplasmose — Toxoplasma gondii kann Gehirn, Rückenmark und Augen zugleich befallen.
  • Kryptokokkose und andere Pilzinfektionen — bei ihnen ist häufig auch der Nasenbereich betroffen.
  • FeLV und FIV — das Katzenleukämie- und das Katzenimmunschwächevirus.
  • Bakterielle Meningitis, etwa fortgeleitet aus dem Mittelohr.
  • Bornavirus — Erreger der sogenannten Bornaschen Krankheit der Katze.

Ergänzend abzugrenzen sind Tumoren des Zentralnervensystems, Gefäßereignisse, Thiaminmangel und Vergiftungen.

Behandlung

Die Behandlung der erkrankten Katzen wurde mit Glukokortikoiden durchgeführt — Dexamethason oder Prednisolon. Dabei wurde eine gute Heilungsrate beobachtet. Diese Substanzen dämpfen die Entzündung im Nervengewebe und wirken zugleich der Schwellung entgegen, die einen Teil der Symptome verursacht.

Zu beachten ist bei der Katze: Prednisolon ist dem Prednison vorzuziehen, weil Katzen die Umwandlung in der Leber schlechter leisten. Die Behandlung wird über Wochen bis Monate geführt und langsam ausgeschlichen; ein zu frühes Absetzen ist eine häufige Ursache für Rückfälle. Begleitend werden Krampfanfälle gesondert behandelt.

Immunologische Behandlung. Da nach Ausschluss der Erreger von einer fehlgeleiteten Immunreaktion ausgegangen wird, kann ergänzend an eine immunologische Behandlung gedacht werden. Die dendritische Zelltherapie setzt an der Steuerung des Immunsystems an: Dendritische Zellen entscheiden mit darüber, ob ein Gewebe angegriffen oder toleriert wird. Aus dem Blut der Patientin gewonnen und entsprechend aufbereitet, können sie die Toleranz gegenüber körpereigenem Gewebe fördern. Gerade bei Katzen, die auf eine dauerhafte Kortisongabe angewiesen wären oder deren Nebenwirkungen — Diabetesrisiko, Infektanfälligkeit, Muskelabbau — die Behandlung erschweren, ist dieser Weg eine ernsthafte Überlegung wert.

Prognose und Betreuung zu Hause

Unter der beschriebenen Behandlung wurde eine gute Heilungsrate beobachtet — das ist bei einer Erkrankung des Gehirns keine Selbstverständlichkeit und ein Grund, die Diagnose nicht als Urteil zu lesen. Die Datenlage beruht allerdings auf einer kleinen Fallserie; belastbare Aussagen zu Rückfallquoten und Langzeitverläufen bei der Katze lassen sich daraus nicht ableiten.

Worauf Sie zu Hause achten sollten:

  • die Medikation exakt einhalten — auch und gerade dann, wenn es der Katze längst wieder gut geht; das Ausschleichen folgt einem Plan, nicht dem Augenschein
  • Krampfanfälle dokumentieren — Datum, Dauer, Aussehen; ein Handyvideo hilft der Behandlung mehr als jede Beschreibung
  • Umgebung sichern — hohe Liegeplätze und Treppen entschärfen, solange die Bewegungsabstimmung gestört ist
  • Fressen und Gewicht im Blick behalten — Katzen, die längere Zeit nicht fressen, sind durch eine Leberverfettung gefährdet
  • Rückschritte ernst nehmen — erneutes Fieber, neue Ausfälle oder Wesensänderungen gehören sofort abgeklärt
  • Kortison-Nebenwirkungen beobachten — vermehrtes Trinken und Harnabsatz können auf eine Blutzuckerentgleisung hinweisen

Eine Katze, die krampft oder desorientiert durch die Wohnung läuft, zu sehen, ist beängstigend. Viele dieser Tiere sprechen jedoch gut auf die Behandlung an und kehren in ihren gewohnten Alltag zurück. Was Sie in dieser Phase leisten — beobachten, dokumentieren, konsequent behandeln — ist genau das, worauf es ankommt.

Quellen

  • Tizard IR (2023): Feline Meningoencephalomyelitis. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals. Elsevier, St. Louis, MO, S. 90
  • Dewey CW, da Costa RC (2016): Practical Guide to Canine and Feline Neurology. 3. Auflage, Wiley Blackwell, Ames, IA
  • Ettinger SJ, Feldman EC, Côté E (Hrsg.) (2017): Textbook of Veterinary Internal Medicine. 8. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO

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Häufige Fragen

Was ist eine Meningoenzephalitis unbekannter Herkunft (MUO) bei Katzen?

Es handelt sich um eine Form der Meningoenzephalomyelitis, also einer Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten, deren Ursache unbekannt ist. Die Krankheit hat einen akuten Verlauf; nach Ausschluss der wichtigsten Infektionserreger wird von einem immunologischen Ursprung der Erkrankung ausgegangen, also einer fehlgeleiteten Reaktion des Immunsystems.

Woran erkenne ich eine Meningoenzephalitis bei meiner Katze?

Zu den beobachteten klinischen Symptomen zählen Ataxie (Störung der Bewegungsabstimmung), Wahrnehmungsstörungen, Krampfanfälle und spinale Hyperästhesie, also eine Überempfindlichkeit im Bereich der Wirbelsäule. Betroffene Katzen zeigen außerdem Fieber, Gewichtsverlust, Anorexie (Fressverweigerung) und eine Leukozytose (Vermehrung der weißen Blutkörperchen). Der Ausbruch der Krankheit erfolgt in der Regel akut.

Welche Katzen sind von der MUO betroffen?

In einer Studie mit 16 erkrankten Katzen lag der Erkrankungsbeginn in einer weiten Altersspanne von 10 Monaten bis zu 12 Jahren; das mittlere Alter bei Beginn betrug 9,4 Jahre. Hinweise auf eine rasse- oder geschlechtsspezifische Anfälligkeit wurden nicht gefunden.

Wie wird die Meningoenzephalitis bei Katzen diagnostiziert?

Bei der Untersuchung der Hirnflüssigkeit (Liquor) ist die Zellzahl erhöht — in der genannten Studie im Median 70,7 Zellen/μL mit einem gemischten Bild kernhaltiger Zellen — und auch die Protein-Konzentration war bei fast allen betroffenen Katzen erhöht. MRT-Untersuchungen zeigten infiltrative, unscharfe Läsionen im gesamten Gehirn. Wichtig ist zudem der Ausschluss der wichtigsten Infektionserreger.

Ist die Meningoenzephalitis bei Katzen heilbar?

Die Behandlung der erkrankten Katzen erfolgte in der Studie mit Glukokortikoiden wie Dexamethason oder Prednisolon, also entzündungshemmenden Kortisonpräparaten. Dabei wurde eine gute Heilungsrate beobachtet. Ergänzend könnte auch an den Einsatz einer immunologischen Behandlung gedacht werden.

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