Autoimmunerkrankung

Polyneuritis bei Katzen

Bei der Polyneuritis der Katze handelt es sich um eine Entzündung mehrerer peripherer Nerven, die vermutlich immunologischen Ursprungs ist. Bei Katzen sind mehrere unterschiedliche Polyneuropathien beschrieben worden — die meisten davon gehen auf Stoffwechselkrankheiten oder die Aufnahme von Toxinen, also Giften, zurück. Daneben gibt es jedoch Hinweise auf eine primäre Neuropathie, die klinisch dem Guillain-Barré-Syndrom des Menschen ähnelt.

Für Halter ist der Verlauf erschreckend: Eine junge, bis dahin gesunde Katze wird binnen ein bis zwei Tagen bewegungsunfähig, bleibt dabei aber vollständig wach und ansprechbar. Die gute Nachricht steht am Ende dieser Seite — die meisten dieser Katzen werden wieder vollständig gesund.

Was im Nerv passiert

Die pathologische Untersuchung zeigt bei betroffenen Tieren eine generalisierte periphere motorische Neuropathie: Die Nerven sind mit mononukleären Zellen infiltriert — also mit eingewanderten Entzündungszellen des Immunsystems.

Aufschlussreich ist dabei, wo die Veränderungen sitzen. Die Läsionen sind auf die ventralen Wurzeln am Rückenmark beschränkt, während die dorsalen Wurzeln und die Dorsalganglien normal bleiben. Das ist kein Zufall: Die ventralen, vorderen Wurzeln führen die Bewegungsbefehle vom Rückenmark zur Muskulatur, die dorsalen die Empfindungen in die Gegenrichtung. Die Erkrankung trifft also gezielt die motorische Seite — und genau deshalb bleibt bei diesen Katzen das Schmerzempfinden erhalten, obwohl sie sich nicht mehr bewegen können.

Zusätzlich besteht eine mäßige bis schwere axonale Degeneration: Nicht nur die Isolierschicht, sondern auch der Nervenfortsatz selbst nimmt Schaden. Das erklärt, warum die Heilung Wochen braucht — ein Axon wächst langsam nach.

Klinisch ähneln diese Erkrankungen dem Guillain-Barré-Syndrom (GBS) des Menschen, bei dem eine überschießende Immunantwort — häufig im Gefolge eines Infekts — versehentlich Strukturen der peripheren Nerven angreift.

Welche Katzen betroffen sind

Betroffene Tiere sind im Allgemeinen zwischen 3 Monaten und 4 Jahren alt. Es handelt sich also um eine Erkrankung jüngerer Katzen. Eine offensichtliche geschlechtsspezifische Häufung besteht nicht; auch eine ausgeprägte Rassedisposition ist nicht beschrieben.

Die Erkrankung kann in einer akuten und in einer chronischen Form auftreten. Die akute Form ist die dramatischere und die häufiger beschriebene; die chronische verläuft schleichender und wird leichter für ein orthopädisches Problem gehalten.

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Klinisches Bild und Verlauf

Die Katzen zeigen zunächst Lähmungserscheinungen der Hintergliedmaßen. Diese können sich sehr rasch — innerhalb von 24 bis 48 Stunden — zu einer akuten Tetraparese weiterentwickeln, also einer Schwäche oder Lähmung aller vier Gliedmaßen, verbunden mit einem Verlust der spinalen Reflexe.

Kennzeichnend sind:

  • schlaffe, nicht verkrampfte Lähmung — die Gliedmaßen sind weich, nicht steif
  • abgeschwächte bis fehlende Reflexe
  • erhaltenes Schmerzempfinden trotz erheblicher Lähmungserscheinungen
  • wache, klare Katze ohne Anzeichen einer Hirnerkrankung
  • kein Fieber

Die ersten Anzeichen einer Besserung treten nach einer Krankheitsdauer zwischen 7 und 21 Tagen auf.

Die gefährliche Wendung. Einige Katzen entwickeln starke Atemwegssymptome mit schwerer Dyspnoe, also Atemnot, und weiteren respiratorischen Komplikationen. Diese Verläufe können eine Euthanasie erforderlich machen. Deshalb gilt: Eine Katze mit fortschreitender Lähmung muss engmaschig überwacht werden — angestrengte Bauchatmung, offene Maulatmung, bläuliche Schleimhäute oder eine steigende Atemfrequenz sind Notfallzeichen, nicht Anlass zum Abwarten.

Diagnose und Abgrenzung

Nervenbiopsie und Nervenfaserpräparate zeigen die invasiven mononukleären Zellinfiltrate und sichern damit die Diagnose.

Der Liquor ist unauffällig. Das ist ein bemerkenswerter Unterschied zur Polyneuritis des Hundes, bei der die Rückenmarksflüssigkeit erhöhte Zellzahlen und Proteinwerte aufweist. Bei der Katze schließt ein normaler Liquorbefund die Erkrankung also nicht aus — im Gegenteil, er passt zu ihr.

Erregerausschluss. Die Tests auf Toxoplasma, das Katzenleukämievirus (FeLV) und das Katzenimmunschwächevirus (FIV) fallen negativ aus. Dieser Ausschluss ist wichtig, weil diese Erreger eigene neurologische Krankheitsbilder verursachen und anders behandelt werden müssen.

Weitere Abgrenzungen:

  • Thromboembolie der Aorta — der gefürchtete „Sattelthrombus” bei Herzerkrankungen; hier sind die Hintergliedmaßen kalt, die Pulse fehlen, und die Katze hat starke Schmerzen. Diese Unterscheidung ist die dringlichste von allen.
  • Kaliummangel — er verursacht Schwäche mit hängendem Kopf und ist rasch behebbar.
  • Thiaminmangel — er geht meist mit Kopfneigung, Gleichgewichtsstörungen und Krämpfen einher.
  • Vergiftungen, unter anderem mit Organophosphaten.
  • Verletzungen der Wirbelsäule — meist asymmetrisch und mit klarer Ausfallsgrenze.
  • Myasthenia gravis — hier ist die Schwäche belastungsabhängig und bessert sich in der Ruhe.

Behandlung und Pflege

Die Behandlung erfolgt symptomatisch, richtet sich also gegen die Krankheitserscheinungen und nicht gegen den Auslöser selbst. Das klingt bescheiden, ist aber bei einer selbstheilenden Erkrankung genau richtig: Es geht darum, die Katze sicher durch die Wochen zu bringen, bis die Nerven sich erholt haben.

Die Tiere benötigen dabei eine umfangreiche, der jeweiligen Erkrankungsstufe angemessene pflegerische Betreuung:

  • Lagerung. Weiche, trockene Unterlage, Umlagern alle vier bis sechs Stunden, damit keine Druckstellen entstehen. Katzen sind hier empfindlicher als Hunde, weil sie schlanker gebaut sind und weniger Polsterung über den Knochenvorsprüngen haben.
  • Blase und Darm. Bei fehlender Kontrolle muss die Blase regelmäßig entleert werden. Eine überdehnte Blase schädigt sich selbst und infiziert sich leicht.
  • Ernährung und Flüssigkeit. Katzen stellen das Fressen schneller ein als Hunde — eine Fastenperiode kann bei ihnen zu einer Leberverfettung führen. Die Nahrungsaufnahme ist deshalb keine Nebensache; im Zweifel muss über eine Sonde ernährt werden.
  • Wärme und Ruhe. Ein ruhiger, warmer, abgedunkelter Platz senkt den Stress; bewegungsunfähige Katzen kühlen rasch aus.
  • Physiotherapie. Passives Durchbewegen der Gelenke erhält Beweglichkeit und beugt Verkürzungen vor.
  • Atmung überwachen. Der wichtigste Punkt überhaupt — siehe oben.
  • Schmerzbehandlung. Weil das Schmerzempfinden erhalten bleibt, sind Lagerungsschmerz und Überempfindlichkeit ein echtes Thema und müssen mitbehandelt werden.

Immunologische Behandlung. Da eine fehlgeleitete Immunreaktion als Ursache angenommen wird, kann ergänzend eine immunologische Behandlung angestrebt werden. Die dendritische Zelltherapie setzt an der Steuerung des Immunsystems an: Dendritische Zellen entscheiden mit darüber, ob ein Gewebe angegriffen oder toleriert wird. Aus dem Blut der Patientin gewonnen und aufbereitet, können sie die Toleranz gegenüber körpereigenem Gewebe fördern. Besonders bei chronischen oder wiederkehrenden Verläufen, bei denen die Erkrankung nicht von selbst zum Stillstand kommt, verdient dieser Weg eine Prüfung.

Prognose

Die Prognose ist bei unkompliziertem Verlauf gut. Auch ohne Behandlung erholen sich die Katzen in der Regel innerhalb von 4 bis 6 Wochen vollständig und behalten keine bleibenden Behinderungen zurück. Erste Besserungszeichen zeigen sich nach 7 bis 21 Tagen.

Die entscheidende Einschränkung bleibt die Atmung: Katzen, die eine schwere Dyspnoe entwickeln, haben eine deutlich ungünstigere Aussicht. Alles, was in der akuten Phase getan wird, dient letztlich diesem einen Ziel — die Katze über die Zeit zu bringen, in der die Lähmung ihren Höhepunkt erreicht.

Wenn Sie gerade neben einer Katze sitzen, die sich nicht bewegen kann: Diese Wochen sind zermürbend und die Pflege ist anstrengend. Aber die allermeisten dieser Tiere stehen danach wieder auf, springen wieder und tragen keine Folgeschäden davon. Das ist bei einer so dramatisch beginnenden Erkrankung eine bemerkenswert gute Aussicht — und ein guter Grund, diese Zeit gemeinsam durchzustehen.

Quellen

  • Tizard IR (2023): Feline Polyneuritis. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals. Elsevier, St. Louis, MO, S. 81–82
  • Dewey CW, da Costa RC (2016): Practical Guide to Canine and Feline Neurology. 3. Auflage, Wiley Blackwell, Ames, IA
  • Ettinger SJ, Feldman EC, Côté E (Hrsg.) (2017): Textbook of Veterinary Internal Medicine. 8. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO

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Häufige Fragen

Was ist eine Polyneuritis bei Katzen?

Bei Katzen sind mehrere unterschiedliche Polyneuropathien, also Erkrankungen mehrerer peripherer Nerven, beschrieben worden. Sie sind hauptsächlich auf Stoffwechselkrankheiten und Toxinaufnahme (Giftaufnahme) zurückzuführen. Daneben gibt es Hinweise auf eine primäre Neuropathie, die vermutlich immunologischen Ursprungs ist und klinisch dem Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ähnelt.

Woran erkenne ich eine Polyneuritis bei meiner Katze?

Die Katzen zeigen zunächst Lähmungserscheinungen der Hintergliedmaßen. Diese können sich sehr schnell, innerhalb von 24 bis 48 Stunden, zu einer akuten Tetraparese (Lähmung aller vier Gliedmaßen) mit Verlust der spinalen Reflexe weiterentwickeln. Trotz der erheblichen Lähmungserscheinungen bleibt das Schmerzempfinden der Tiere erhalten.

Welche Katzen sind besonders von einer Polyneuritis betroffen?

Betroffene Tiere sind im Allgemeinen zwischen 3 Monaten und 4 Jahren alt; es handelt sich also um eine Erkrankung jüngerer Katzen. Eine offensichtliche geschlechtsspezifische Häufung gibt es nicht. Die Krankheit kann sowohl in einer akuten als auch in einer chronischen Form auftreten.

Wie wird die Polyneuritis bei Katzen diagnostiziert?

Biopsie (Gewebeprobe) und Nervenfaserpräparate zeigen Infiltrate mononukleärer Zellen, also eingewanderte Entzündungszellen in den Nerven. Der Liquor (Nervenwasser) ist dagegen unauffällig, und die Tests auf Toxoplasmen, Katzenleukämievirus und Katzenimmunschwächevirus fallen negativ aus.

Ist die Polyneuritis bei Katzen heilbar?

Die ersten Anzeichen einer Besserung treten in der Regel nach einer Krankheitsdauer zwischen 7 und 21 Tagen auf. Auch ohne Behandlung erholen sich die Katzen üblicherweise innerhalb von 4 bis 6 Wochen vollständig und behalten keine bleibenden Behinderungen zurück. Einige Katzen können jedoch starke Atemwegssymptome mit schwerer Dyspnoe (Atemnot) entwickeln, die eine Euthanasie erforderlich machen können.

Wie wird die Polyneuritis bei Katzen behandelt?

Die Behandlung erfolgt symptomatisch, richtet sich also gegen die Krankheitserscheinungen. Die Tiere benötigen dabei eine umfangreiche, der jeweiligen Erkrankungsstufe angemessene pflegerische Betreuung. Ergänzend kann eine immunologische Behandlung angestrebt werden.

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