Pemphigoid-Erkrankungen bei Tieren
Bei den Pemphigoid-Erkrankungen handelt es sich um eine Gruppe seltener, blasenbildender Autoimmunerkrankungen der Haut. Das Immunsystem bildet Autoantikörper — fehlgeleitete Abwehrstoffe — gegen Strukturproteine an der dermal-epidermalen Grenzfläche, also am Übergang zwischen Oberhaut (Epidermis) und Lederhaut (Dermis). Infolgedessen löst sich die Oberhaut nicht in sich auf, sondern hebt sich als Ganzes von ihrer Unterlage ab.
Genau darin liegt der Unterschied zum Pemphigus: Dort richten sich die Autoantikörper gegen die Haftpunkte zwischen den Hautzellen, sodass sich der Zellverband innerhalb der Oberhaut auftrennt. Beim Pemphigoid bleibt der Zellverband erhalten, es fehlt die Verankerung nach unten. Die Blasen liegen deshalb tiefer, sind straff gespannt und reißen erheblich seltener auf.
Wie die Blasen entstehen
Die Oberhaut und die Deckschichten der Schleimhäute sind mit der darunter liegenden Basalmembran durch Strukturen verbunden, die Hämidesmosomen genannt werden — man kann sie sich als Druckknöpfe vorstellen, mit denen die unterste Zelllage der Oberhaut auf ihrer Unterlage befestigt ist. Hämidesmosomen bestehen aus einem Komplex von Proteinen innerhalb und außerhalb der Zelle.
Diese Proteine können auf zwei Wegen ausfallen. Sind die Gene, die für sie kodieren, von Geburt an verändert, entstehen defekte Hämidesmosomen — die Folge ist eine erbliche Epidermolysis bullosa. Werden dieselben Proteine dagegen zum Ziel von Autoantikörpern, entwickeln sich die hier beschriebenen erworbenen, subepidermalen — also unterhalb der Oberhaut ansetzenden — Blasenbildungserkrankungen. Dazu gehören das bullöse Pemphigoid, die lineare IgA-Dermatose, die Epidermolysis bullosa acquisita und das Schleimhautpemphigoid. Alle diese Formen treten selten auf.
Bullöses Pemphigoid des Hundes
Das bullöse Pemphigoid ähnelt im klinischen Bild dem Pemphigus vulgaris. Collies, Shelties und Dobermänner scheinen prädisponiert zu sein, also eine erhöhte Neigung zu dieser Erkrankung zu haben. Beschrieben ist sie auch bei Menschen, Schweinen, Pferden und Katzen.
Betroffene Hunde entwickeln subepidermale Blasen und Erosionen, also oberflächliche Hautdefekte, die auch die Schleimhäute betreffen können. Veränderungen in der Maulhöhle treten in etwa 80 Prozent der Fälle auf, insbesondere bei Collies. Typische Lokalisationen sind:
- Lippen und Maulschleimhaut
- Achselhöhlen und Leistengegend
- Fußballen
- die konkaven, also nach innen gewölbten Flächen der Ohrmuscheln
Die Blasen sind in der Regel mit Fibrin — einem Eiweiß der Blutgerinnung — sowie mit mononukleären Zellen oder eosinophilen Granulozyten (beides Untergruppen der weißen Blutkörperchen) gefüllt und können spontan abheilen.
Ursächlich ist die Bildung von Autoantikörpern der Klassen IgG und IgE, die gegen zwei Glykoproteine namens BP180 und BP230 gerichtet sind. Beide sind Bestandteile der Hämidesmosomen-Haftplatten auf den Basalzellen: BP180, auch BP-Antigen 2 genannt, ist ein Transmembrankollagen vom Typ XVII; BP230 oder Dystonin (BP-Antigen 1) gehört zur Plakinfamilie. Gebundenes IgG lässt sich im direkten Immunfluoreszenztest sichtbar machen — dort zeigt sich eine intensive lineare Färbung entlang der Basalmembran.
Auch T-Zellen sind am Krankheitsgeschehen beteiligt. So aktivieren örtliche Th17-Zellen neutrophile Granulozyten, was zu Entzündung und Gewebeschaden führt. Zudem sind die regulatorischen T-Zellen — jene Abwehrzellen, die überschießende Immunreaktionen normalerweise bremsen — in ihrer Funktion gestört, sodass Th2-Zellen den Botenstoff Interleukin-4 bilden und die Produktion weiterer Autoantikörper zusätzlich anschieben.
Lineare IgA-Dermatose
Die lineare IgA-Dermatose ist eine Variante des bullösen Pemphigoids und durch die Ablagerung von Immunglobulin A (IgA) in der Lamina lucida gekennzeichnet, einer Schicht der Hautbasalmembran. Beim Hund tritt sie bei Dackeln auf.
Sie äußert sich mit juckenden, pustulösen und papulösen Veränderungen — also Eiterbläschen und Knötchen —, die einer bakteriellen Hautentzündung (Pyodermie) ähneln, sowie mit subepidermalen Bläschen, die mit eosinophilen Granulozyten gefüllt sind. Betroffen sind vor allem Maul, Nase, Ohren und Pfoten. Das Zielautoantigen ist eine Form des Kollagens XVII. Als spezifische Behandlung wird der Wirkstoff Dapson empfohlen.
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Epidermolysis bullosa acquisita
Der Begriff Epidermolysis bullosa beschreibt zunächst eine Gruppe von Erbkrankheiten, die durch Mutationen in den Genen für die Strukturproteine der Hämidesmosomen entstehen. Die Epidermolysis bullosa acquisita ist demgegenüber die erworbene, autoimmun bedingte Form — „acquisita” heißt erworben.
Sie ist eine generalisierte, also den ganzen Körper betreffende Hauterkrankung mit schwerer Blasenbildung und ulzerativen Veränderungen, das heißt Geschwüren. Die Hautschichten trennen sich an der dermal-epidermalen Grenzfläche, begleitet von einer Einwanderung neutrophiler Granulozyten in die oberflächliche Lederhaut, aus der sich Mikroabszesse bilden können. Die Blasen reißen rasch auf und ulzerieren. Die Hunde entwickeln eine generalisierte Urtikaria, also eine Nesselsucht mit Quaddeln, Geschwüre in der Maulhöhle und schließlich Ablösungen der Oberhaut, insbesondere an den Fußballen. Als Folgeveränderungen treten tiefe Geschwüre, Nekrosen — also Absterben von Gewebe — und bakterielle Infektionen auf.
Vorkommen und Verlauf. Betroffen sind meist junge Hunde im Alter von gut einem Jahr, überwiegend Rüden; Deutsche Doggen scheinen prädisponiert zu sein. Die Veränderungen können als nesselsuchtartige, gerötete Flecken beginnen, aus denen sich Bläschen entwickeln, die anschließend ulzerieren. Prall gespannte Bläschen, tiefe Erosionen und Geschwüre sind häufig. Ablösungen der Oberhaut treten bevorzugt dort auf, wo die Haut unter Spannung oder Reibung steht, etwa an äußeren Druckstellen. Veränderungen finden sich außerdem in der Maulhöhle, am Nasenspiegel, an den Ohrmuscheln, in den Achselhöhlen und an den Fußballen. Eine örtlich begrenzte Variante wurde bei einem Deutsch-Kurzhaar-Vorstehhund beobachtet.
Feingeweblicher Befund. Die Histopathologie zeigt eine neutrophile perivaskuläre Dermatitis, also eine Entzündung der Lederhaut rund um die Gefäße; daneben finden sich eosinophile Granulozyten oder Monozyten. Die Zahl der Lymphozyten und Plasmazellen schwankt erheblich. Die subepidermalen Bläschen können zellfrei sein oder wenige Neutrophile, Eosinophile, Fibrin oder Blut enthalten.
Schleimhautpemphigoid
Eine weitere Variante des bullösen Pemphigoids betrifft in erster Linie die Schleimhäute. Das Schleimhautpemphigoid ist eine chronische, subepidermale blasenbildende Erkrankung von Hunden, Katzen und Menschen; beim Menschen wird sie auch als vernarbendes Pemphigoid bezeichnet, weil die Veränderungen nach dem Abheilen zur Narbenbildung neigen. Kennzeichnend ist eine Kombination aus Bläschen, Geschwüren und Vernarbung, die vor allem Schleimhäute und mukokutane Übergänge — also die Grenzen zwischen Haut und Schleimhaut — an Maul, Nase, Augen, Genitale oder After betrifft. Die Autoantikörper richten sich dabei gegen mehrere Zielstrukturen im Bereich der Basalmembran.
Vorkommen und Verlauf. Deutsche Schäferhunde sind überrepräsentiert; das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei etwa sechs Jahren. Die Tiere zeigen symmetrische Veränderungen, also Erosionen und Geschwüre entlang der Schleimhautübergänge. Die Erkrankung juckt nicht und schreitet langsam fort, mit krustigen Bläschen und Narbenbildung. Betroffen sind vor allem Lippen, Zahnfleisch, harter und weicher Gaumen, Maulschleimhaut und Zunge, daneben Nasenspiegel, Augenlider, Genitale (Vorhaut, Hodensack, Vulvarand), der Analbereich und die Innenseiten der Ohrmuscheln.
Feingeweblicher Befund. Nachweisbar sind subepidermale Bläschen als Folge der dermal-epidermalen Trennung. Die Blasenflüssigkeit kann zellfrei sein oder wenige eosinophile, neutrophile oder mononukleäre Zellen enthalten; die Lederhaut ist unterschiedlich stark entzündet, eine Verdickung der Schleimhaut ist häufig. Immunfluoreszenztests an Hautbiopsien zeigen IgG — in einigen Fällen auch IgM oder IgA — an der dermal-epidermalen Grenzfläche.
Der Weg zur Diagnose
Für alle Erkrankungen dieser Gruppe gilt: Der klinische Verdacht allein trägt nicht. Gesichert wird die Diagnose durch die Histopathologie, also die feingewebliche Untersuchung einer Hautprobe, ergänzt um Immunfluoreszenz- oder Immunoperoxidase-Untersuchungen zum Nachweis der abgelagerten Autoantikörper.
Für die Probenentnahme ist entscheidend, eine möglichst frische, noch intakte Blase zu erwischen — beim Pemphigoid ist das eher möglich als beim Pemphigus, weil die Blasen hier länger geschlossen bleiben. Abzugrenzen sind bakterielle und pilzbedingte Hautinfektionen, arzneimittelbedingte Hautreaktionen, Verbrennungen sowie andere blasenbildende Autoimmunerkrankungen; schmerzhafte Maulgeschwüre ohne Blasenbildung finden sich auch bei der chronisch ulzerativen Stomatitis des Hundes.
Behandlung und Prognose
Die Behandlung richtet sich nach Form, Schweregrad und Lokalisation der Veränderungen. So verläuft eine auf die Maulhöhle beschränkte Erkrankung in der Regel weniger schwer als eine Beteiligung von Augen, Genitale, Atemwegen oder oberem Verdauungstrakt.
- Leichte Verläufe: örtliche Glukokortikoide, gegebenenfalls zusammen mit Glukokortikoiden zum Einnehmen sowie der Kombination aus Doxycyclin und Niacinamid oder mit Dapson
- Schwere Verläufe: hoch dosiertes Prednisolon, ergänzt durch stärkere Immunsuppressiva wie Azathioprin, Chlorambucil oder Cyclophosphamid
- Epidermolysis bullosa acquisita: Glukokortikoide allein oder in Verbindung mit Azathioprin oder Dapson; bakterielle Sekundärinfektionen können den Verlauf komplizieren
- begleitend: Schmerzbehandlung und konsequente Kontrolle bakterieller Sekundärinfektionen
Die Prognose ist bei den Pemphigoid-Erkrankungen zurückhaltend zu stellen. Leichte Fälle des bullösen Pemphigoids können sich unter Kortikosteroiden erholen; häufiger ist jedoch eine aggressive, lang dauernde Behandlung erforderlich. Beim Schleimhautpemphigoid sind Rückfälle häufig, und die drohende Vernarbung ist der eigentliche Grund, warum bei Risikopatienten früh und konsequent behandelt werden sollte.
Gerade weil diese Erkrankungen über Jahre hohe Immunsuppression verlangen, lohnt der Blick auf ergänzende immunologische Behandlungswege. Bei der Behandlung mit dendritischen Zellen werden körpereigene Zellen aus einer Blutprobe so aufbereitet, dass sie toleranzfördernd wirken — sie zielen darauf ab, die fehlgeleitete Immunreaktion zu normalisieren, statt die Abwehr insgesamt zu unterdrücken, und lassen sich mit der bestehenden Medikation kombinieren. Für Sie als Halter kann das den Unterschied machen zwischen einem Hund, der dauerhaft unter der Behandlung leidet, und einem Hund, der mit seiner Erkrankung gut zurechtkommt.
Eine Einordnung in die Gruppe der übrigen Autoimmunerkrankungen bei Hund, Katze und Pferd finden Sie auf der Übersichtsseite.
Quellen
Tizard IR (2023): Pemphigoid Group. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals, Elsevier, St. Louis, MO, 123–127
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Lieber direkt sprechen? 05522 9182582, Montag bis Freitag 08:30–17:00 Uhr.
Häufige Fragen
Was sind Pemphigoid-Erkrankungen bei Tieren?
Pemphigoid-Erkrankungen sind eine Gruppe blasenbildender Hauterkrankungen, die durch Autoantikörper (fehlgeleitete Abwehrstoffe) gegen Strukturproteine an der dermal-epidermalen Grenzfläche entstehen, also am Übergang zwischen Oberhaut und Lederhaut. Zu dieser Gruppe gehören das bullöse Pemphigoid, die lineare IgA-Dermatose, die Epidermolysis bullosa acquisita und das Schleimhautpemphigoid. Alle diese Erkrankungsformen treten selten auf.
Worin unterscheidet sich das bullöse Pemphigoid vom Pemphigus?
Beim bullösen Pemphigoid entwickeln sich die Bullae (Blasen) in der Subepidermis, also unterhalb der Oberhaut, und reißen daher viel seltener als beim Pemphigus. Die Autoantikörper richten sich gegen die Glykoproteine BP180 und BP230, Bestandteile der Hämidesmosomen, mit denen die Oberhaut an der Basalmembran verankert ist. Klinisch ähnelt die Erkrankung dem Pemphigus vulgaris; im direkten Immunfluoreszenztest zeigt sich eine intensive lineare Färbung entlang der Basalmembran.
Welche Symptome zeigt ein Hund mit bullösem Pemphigoid?
Betroffene Hunde entwickeln subepidermale Blasen und Erosionen (oberflächliche Hautdefekte), die auch die Schleimhäute betreffen können; orale Läsionen treten in etwa 80 % der Fälle auf, insbesondere bei Collies. Typische Stellen sind Lippen, Mundschleimhaut, Achselhöhlen, Leistengegend, Fußballen und die Innenflächen der Ohrmuscheln. Collies, Shelties und Dobermänner scheinen für die Erkrankung prädisponiert zu sein.
Wie wird das bullöse Pemphigoid behandelt und wie ist die Prognose?
Die Prognose ist in der Regel schlecht, leichte Fälle können sich jedoch nach einer Behandlung mit Kortikosteroiden erholen. Häufiger ist eine aggressive Behandlung mit hohen Dosen Prednisolon erforderlich, gegebenenfalls ergänzt durch Cyclophosphamid, Azathioprin oder Chlorambucil. Bei allen Erkrankungen des Pemphigoid-Komplexes sollte zudem über den Einsatz einer immunologischen Behandlung nachgedacht werden.
Was ist die Epidermolysis bullosa acquisita beim Hund?
Es handelt sich um eine generalisierte Hauterkrankung mit schwerer Blasenbildung und ulzerativen Läsionen (Geschwüren), bei der sich die Hautschichten an der dermal-epidermalen Grenzfläche trennen. Betroffen sind meist junge Hunde im Alter von gut einem Jahr, überwiegend männliche Tiere; Deutsche Doggen scheinen prädisponiert zu sein. Empfohlen wird eine Glukokortikoidtherapie, allein oder in Verbindung mit Azathioprin oder Dapson; bakterielle Sekundärinfektionen können Komplikationen verursachen, und die Krankheit kann erneut auftreten.
Was ist das Schleimhautpemphigoid?
Das Schleimhautpemphigoid ist eine chronische, subepidermale, blasenbildende Erkrankung von Hunden, Katzen und Menschen, die vor allem Schleimhäute und mukokutane Übergänge (Haut-Schleimhaut-Grenzen) an Mund, Nase, Augen, Genitalien oder Anus betrifft und zur Narbenbildung neigt. Deutsche Schäferhunde sind überrepräsentiert, das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei etwa sechs Jahren; die Erkrankung juckt nicht und schreitet langsam fort. Die Behandlung reicht je nach Schweregrad von topischen und oralen Glukokortikoiden, gegebenenfalls mit Doxycyclin und Niacinamid oder Dapson, bis zu stärkeren Immunsuppressiva wie Azathioprin oder Cyclophosphamid; die Prognose ist nicht gut, und Rückfälle sind häufig.