Autoimmunerkrankungen der Haarfollikel bei Hunden
Bei den Autoimmunerkrankungen der Haarfollikel handelt es sich um eine Gruppe von Hauterkrankungen, bei denen sich das Immunsystem gegen die eigenen Haarwurzeln richtet. Die Folge ist eine Alopezie, also Haarausfall — je nach Erkrankung vorübergehend oder dauerhaft.
Beim Hund sind drei solche Erkrankungen beschrieben: die Alopecia areata, die Talgdrüsenadenitis (Sebadenitis) und die Pseudopelade. Sie sehen sich auf den ersten Blick ähnlich, unterscheiden sich aber in einem Punkt grundlegend, der über die Prognose entscheidet: an welcher Stelle des Haarfollikels der Angriff ansetzt.
Warum ausgerechnet die Haarfollikel
Der Haarfollikel ist eine besondere Struktur. Er bietet vielen Hautbewohnern — den natürlicherweise auf der Haut lebenden Mikroorganismen — ein geschütztes, fettreiches Milieu. Zugleich besitzt er ein sogenanntes immunologisches Privileg: eine Zone, in der Immunreaktionen aktiv unterdrückt werden. Das ist sinnvoll, denn das wachsende Haar bildet Eiweiße, die das Immunsystem sonst als fremd einstufen könnte.
Diese Kombination hat einen Preis. Bricht das Immunprivileg zusammen, liegen plötzlich Strukturen offen, die das Immunsystem nie zu tolerieren gelernt hat. Abwehrzellen wandern ein, und der Follikel wird zum Ziel eines Angriffs, gegen den er keinen Schutz hat.
Die drei Erkrankungen im Vergleich
| Erkrankung | Angriffsort im Follikel | Führendes Zeichen | Haarverlust |
|---|---|---|---|
| [Alopecia areata](/die-alopezia-areata-der-tiere/ "Alopecia areata Hund") | Haarzwiebel (unterer, wachstumsaktiver Abschnitt) | kreisrunde kahle Stellen ohne Entzündungszeichen | häufig umkehrbar |
| [Talgdrüsenadenitis](/die-talgdruesenadenitis-sebadenitis-des-hundes/ "Sebadenitis Hund") | Talgdrüsen am Follikel | starke Schuppung, Keratinmanschetten um die Haarschäfte | fortschreitend, im Verlauf bleibend |
| [Pseudopelade](/pseudopelade-als-autoimmune-erkrankung-bei-hunden/ "pseudopelade hund") | Isthmus (mittlerer Abschnitt mit der Stammzellregion) | örtlich begrenzte kahle Bezirke | dauerhaft |
Alopecia areata
Bei der Alopecia areata greifen zytotoxische T-Zellen und natürliche Killerzellen die Haarzwiebel an — den unteren, wachstumsaktiven Teil des Follikels. Hauptziel ist das Protein Trichohyalin in der inneren Wurzelscheide. Der Haarausfall zeigt sich als fleckige, kreisrunde, oft symmetrisch angeordnete kahle Bezirke, meist ohne Rötung oder Krusten. Weil die Stammzellregion verschont bleibt, kann das Haar nachwachsen — zunächst dünn und wenig pigmentiert, häufig über mehrere Wachstumszyklen weiß.
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Talgdrüsenadenitis (Sebadenitis)
Bei der Talgdrüsenadenitis richtet sich die Entzündung gegen die Talgdrüsen, die an den Follikeln sitzen und den Haarschaft einfetten. Fallen sie aus, wird das Fell trocken, stumpf und stark schuppig; um die Haarschäfte bilden sich Keratinmanschetten, sogenannte follicular casts. Im weiteren Verlauf gehen die Follikel selbst zugrunde, und der Haarverlust wird bleibend. Prädisponiert sind unter anderem Standardpudel, Akitas und Vizslas.
Pseudopelade
Bei der Pseudopelade dringen CD8-positive zytotoxische Lymphozyten in den Isthmus ein, den mittleren Abschnitt des Follikels. Dort liegt die Region, aus der sich der Follikel bei jedem Haarwechsel neu aufbaut. Die Folge ist ein Schwund von Follikel und zugehöriger Talgdrüse — und damit ein Haarverlust, der bestehen bleibt.
Wächst das Haar wieder nach?
Das ist die Frage, die Halter am meisten beschäftigt. Hier muss der Erkrankungsbereich betrachtet werden. Entscheidend ist, ob die Stammzellregion im mittleren Follikelabschnitt erhalten bleibt:
- Bleibt sie verschont — wie bei der Alopecia areata — kann sich der Follikel erholen und neues Haar bilden. In einer Untersuchung wuchsen bei fast zwei Dritteln der betroffenen Hunde die Haare vollständig nach, ohne dass eine Behandlung erforderlich war.
- Wird sie zerstört — wie bei der Pseudopelade und im späteren Verlauf der Talgdrüsenadenitis — geht der Follikel unwiederbringlich verloren. Der kahle Bezirk bleibt.
Daraus folgt eine praktische Konsequenz: Bei den narbig verlaufenden Formen zählt jede Woche, in der die Entzündung gebremst wird, denn was noch steht, lässt sich erhalten — was verloren ist, kommt nicht zurück.
Der Weg zur Diagnose
Von außen lassen sich die drei Erkrankungen nicht sicher auseinanderhalten, und sie sehen zudem häufigeren Ursachen von Haarausfall ähnlich. Zunächst müssen deshalb Demodikose (Haarbalgmilbenbefall), Dermatophytose (Hautpilz), bakterielle Follikulitis sowie hormonell bedingte Haarverluste — etwa bei Schilddrüsenunterfunktion oder Cushing-Syndrom — ausgeschlossen werden.
Die Zuordnung selbst gelingt nur über die Histopathologie, also die feingewebliche Untersuchung von Hautproben. Entnommen werden mehrere Biopsien aus dem Randbereich frischer, noch entzündeter Bezirke; aus einer bereits ausgebrannten kahlen Stelle lässt sich der Angriffsort oft nicht mehr bestimmen. Wer früh biopsiert, erfährt also mehr — und verliert weniger Zeit.
Behandlung
Die Behandlung richtet sich nach Erkrankung und Ausmaß. Bei umschriebener, nicht fortschreitender Alopecia areata kann abgewartet werden. Bei ausgedehnten oder fortschreitenden Verläufen kommen Glukokortikoide und Ciclosporin zum Einsatz, bei der Talgdrüsenadenitis zusätzlich eine intensive äußerliche Pflege mit ölhaltigen Bädern und schuppenlösenden Präparaten sowie essenzielle Fettsäuren.
Weil diese Erkrankungen über lange Zeiträume behandelt werden müssen und die klassische Immunsuppression nicht bei allen Formen ausreichend greift, lohnt der Blick auf ergänzende Wege. Bei der Behandlung mit dendritischen Zellen werden aus einer Blutprobe des Hundes körpereigene Zellen so aufbereitet, dass sie toleranzfördernd wirken — sie zielen darauf ab, die fehlgeleitete Immunreaktion zu normalisieren, statt die Abwehr insgesamt zu unterdrücken.
Nicht zu den Haarfollikelerkrankungen, aber zur selben Familie autoimmuner Angriffe auf Hautanhangsgebilde gehört die symmetrische lupoide Onychodystrophie — dort trifft es die Krallen. Eine Einordnung aller Krankheitsbilder finden Sie auf der Übersichtsseite Autoimmunerkrankungen bei Hund, Katze und Pferd.
Quellen
Tizard IR (2023): Hair Follicle Diseases. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals, Elsevier, St. Louis, MO, 128–129
Back to the roots – Erkrankungen der Haarfollikel (2013), 14. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Veterinärdermatologie, 31. Mai bis 2. Juni 2013 in Augsburg
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Häufige Fragen
Welche Autoimmunerkrankungen der Haarfollikel gibt es beim Hund?
Drei: die Alopecia areata, die Talgdrüsenadenitis (Sebadenitis) und die Pseudopelade. Bei allen dreien greift das Immunsystem den Haarfollikel an, was zu Haarausfall führt — sie unterscheiden sich aber darin, an welcher Stelle des Follikels der Angriff ansetzt.
Warum sind gerade die Haarfollikel anfällig für Autoimmunangriffe?
Der Haarfollikel besitzt ein sogenanntes immunologisches Privileg: eine Zone, in der Immunreaktionen aktiv unterdrückt werden. Das ist sinnvoll, weil das wachsende Haar Eiweiße bildet, die das Immunsystem sonst als fremd einstufen könnte. Bricht dieses Privileg zusammen, liegen Strukturen offen, die das Immunsystem nie zu tolerieren gelernt hat.
Worin unterscheiden sich Alopecia areata, Talgdrüsenadenitis und Pseudopelade?
Im Angriffsort: Die Alopecia areata trifft die Haarzwiebel, den unteren wachstumsaktiven Abschnitt; die Talgdrüsenadenitis richtet sich gegen die Talgdrüsen am Follikel und führt zu starker Schuppung mit Keratinmanschetten um die Haarschäfte; die Pseudopelade trifft den Isthmus, den mittleren Abschnitt mit der Stammzellregion.
Wächst das Haar bei diesen Erkrankungen wieder nach?
Das hängt davon ab, ob die Stammzellregion im mittleren Follikelabschnitt erhalten bleibt. Bei der Alopecia areata bleibt sie verschont — in einer Untersuchung wuchsen bei fast zwei Dritteln der Hunde die Haare vollständig nach, ohne Behandlung. Bei der Pseudopelade und im späteren Verlauf der Talgdrüsenadenitis wird sie zerstört, der kahle Bezirk bleibt dann bestehen.
Wie werden Autoimmunerkrankungen der Haarfollikel festgestellt?
Nur über die feingewebliche Untersuchung von Hautproben — von außen lassen sich die drei Erkrankungen nicht sicher unterscheiden. Entnommen werden mehrere Biopsien aus dem Randbereich frischer, noch entzündeter Bezirke; an einer bereits ausgebrannten kahlen Stelle ist der Angriffsort oft nicht mehr zu bestimmen. Zuvor müssen Haarbalgmilben, Hautpilz, bakterielle Entzündungen und hormonell bedingter Haarausfall ausgeschlossen werden.
Wie werden diese Erkrankungen behandelt?
Nach Erkrankung und Ausmaß: Bei umschriebener, nicht fortschreitender Alopecia areata kann abgewartet werden; bei ausgedehnten Verläufen kommen Glukokortikoide und Ciclosporin zum Einsatz. Bei der Talgdrüsenadenitis gehören ölhaltige Bäder, schuppenlösende Präparate und essenzielle Fettsäuren fest dazu. Ergänzend kann eine Behandlung mit toleranzfördernden dendritischen Zellen geprüft werden, die auf eine Normalisierung der Immunreaktion zielt.