Autoimmunerkrankung

Das Erythema multiforme des Hundes

Beim Erythema multiforme handelt es sich um eine seltene, immunvermittelte Erkrankung des Hundes, die die Haut, die Schleimhäute oder die Haut-Schleimhaut-Grenzen befällt. Kennzeichnend sind plötzlich auftretende, flache oder erhabene fleckige Ausschläge, Bläschen an den Übergängen von Haut zu Schleimhaut sowie nesselsuchtähnliche Plaques, also flächige Verdickungen der Haut. Der Hautverlust bleibt dabei unter 10 Prozent der Körperoberfläche.

Ein Unterschied zu anderen Erkrankungen ist wichtig: Beim Pemphigus und bei den Pemphigoid-Erkrankungen sind Autoantikörper die treibende Kraft. Beim Erythema multiforme sind es zytotoxische T-Zellen — und es steht fast immer ein äußerer Auslöser dahinter. Das macht diese Erkrankung zu einer der wenigen, bei denen sich die Ursache tatsächlich beseitigen lässt.

Was im Gewebe geschieht

Die Hautveränderungen beim Erythema multiforme des Hundes werden hauptsächlich von CD8-positiven T-Zellen durchsetzt. Diese zytotoxischen, also zellschädigenden Abwehrzellen wandern in die Haut ein und setzen dort große Mengen Granulysin frei — ein Eiweiß, das Zellmembranen zerstört und die Hautzellen in den Zelltod treibt.

Ausgehend davon, dass ein Arzneimittel oder ein Nahrungsbestandteil sich an körpereigene Strukturen der Hautzellen anlagert und diese dadurch für das Immunsystem verändert erscheinen lässt, kommt es zu den Krankheitssymptomen. Die T-Zellen greifen dann nicht den fremden Stoff an, sondern die Zellen, an denen er haftet. Das erklärt, warum die Erkrankung mit dem Absetzen des auslösenden Faktors zum Stillstand kommt.

Auslöser: Arzneimittel und Futter

Das Erythema multiforme kann durch Medikamente und durch Unverträglichkeiten gegenüber bestimmten Futterbestandteilen ausgelöst werden. Bei Hunden und Katzen sind unter anderem folgende Arzneimittel als Auslöser beschrieben:

  • Antibiotika, insbesondere Sulfonamide
  • Aurothioglukose
  • Propylthiouracil
  • Griseofulvin

Für die Praxis heißt das: Bei jedem Hund mit diesem Krankheitsbild gehört eine sorgfältige Aufstellung aller Arzneimittel, Ergänzungsmittel und Futterumstellungen der vorangegangenen Wochen an den Anfang. Der Auslöser ist häufig etwas, das als harmlos gilt und deshalb nicht erwähnt wird — ein Antibiotikum von vor drei Wochen, ein neues Kausnack, ein Ergänzungsfuttermittel.

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Symptome und die beiden Formen

Die Veränderungen treten plötzlich auf. Typisch sind:

  • flache oder erhabene, fleckige Ausschläge, häufig mit ringförmigem Muster — die Läsionen können wie Zielscheiben aussehen, mit einem geröteten Ring um ein blasseres Zentrum
  • Bläschen an den Haut-Schleimhaut-Übergängen
  • nesselsuchtähnliche Plaques
  • Erosionen und Krusten dort, wo die Oberhaut abgelöst ist

Unterschieden werden zwei Ausprägungen:

  • Erythema multiforme minor: In der Regel ist nicht mehr als eine Schleimhautoberfläche betroffen. Der Allgemeinzustand ist meist wenig beeinträchtigt.
  • Erythema multiforme major: Mindestens zwei, oft mehr Oberflächenbereiche sind einbezogen. Diese Form geht häufiger mit Fieber, Mattigkeit und Fressunlust einher.

Löst sich die Oberhaut großflächig ab und ist der Hund schwer beeinträchtigt, liegt möglicherweise keine der beiden Formen mehr vor, sondern das schwerere Krankheitsbild der toxischen epidermalen Nekrolyse. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie über die Intensität der Betreuung entscheidet — betroffene Tiere werden wie Brandverletzte versorgt.

Der Weg zur Diagnose

Die Diagnose stützt sich auf drei Säulen: den zeitlichen Zusammenhang mit einem möglichen Auslöser, das klinische Bild und die feingewebliche Untersuchung von Hautproben. Charakteristisch ist dort der Untergang einzelner Hautzellen bei gleichzeitiger Ansammlung von Lymphozyten, die sich an diese Zellen anlagern.

Abzugrenzen sind vor allem die blasenbildenden Autoimmunerkrankungen, arzneimittelbedingte Hautreaktionen anderer Art, bakterielle und pilzbedingte Infektionen sowie die Vaskulitis, die ebenfalls durch Arzneimittel ausgelöst werden kann.

Behandlung

Der erste und wichtigste Schritt ist das sofortige Absetzen des auslösenden Stoffes — des verdächtigen Arzneimittels oder Futterbestandteils. Alles Weitere ist zunächst unterstützend:

  • Flüssigkeitsersatz, wenn der Hund über die geschädigte Haut Flüssigkeit verliert oder nicht mehr frisst
  • sorgfältige Wundversorgung der offenen Bezirke
  • Schmerzbehandlung, denn großflächig geschädigte Haut ist schmerzhaft
  • Antibiotika nur dann, wenn tatsächlich eine Hautinfektion vorliegt

Ergänzend kann eine Behandlung mit dendritischen Zellen bedacht werden: Dabei werden aus einer Blutprobe des Hundes körpereigene Zellen so aufbereitet, dass sie toleranzfördernd wirken und die überschießende T-Zell-Reaktion beruhigen sollen — ohne die Abwehr insgesamt zu dämpfen, was bei dieser Erkrankung ein besonderer Vorteil ist.

Warum Cortison hier nicht hilft

Bei fast allen anderen Erkrankungen dieser Gruppe sind Kortikosteroide das Mittel der Wahl. Beim Erythema multiforme ist es vollkommen anders: Sie sollten vermieden werden.

Der Grund liegt in der Eigenart der Erkrankung. Die Haut ist großflächig offen und damit ein Eintrittstor für Bakterien. Kortikosteroide erhöhen genau in dieser Situation die Anfälligkeit für Hautinfektionen — und Infektionen sind es, die den Verlauf gefährlich machen und die Prognose verschlechtern. Der Nutzen einer Entzündungsdämpfung wiegt diesen Nachteil bei einer Erkrankung, die nach Wegfall des Auslösers ohnehin abklingt, nicht auf.

Prognose

Die Aussichten auf ein Abheilen sind gut, sofern der Auslöser gefunden und konsequent gemieden wird. Nach dem Absetzen des verantwortlichen Arzneimittels kann die Erkrankung innerhalb weniger Tage ohne Folgeerscheinungen abheilen.

Deshalb ist die eigentliche Detektivarbeit bei dieser Erkrankung herauszufinden, was sie ausgelöst hat. Notieren Sie alles, was Ihr Hund in den Wochen vor Beginn bekommen hat — Medikamente, Wurmkuren, Zeckenmittel, Ergänzungsmittel, neue Futtersorten und Leckerlis. Diese Liste ist bei dieser Erkrankung wertvoller als jedes zusätzliche Medikament. Und sie schützt Ihren Hund davor, denselben Stoff später erneut zu bekommen — bei erneutem Kontakt fällt die Reaktion in der Regel heftiger aus.

Eine Einordnung in die Gruppe der übrigen Autoimmunerkrankungen bei Hund, Katze und Pferd finden Sie auf der Übersichtsseite.

Quellen

Tizard IR (2023): Erythema multiforme. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals, Elsevier, St. Louis, MO, 131–132

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Häufige Fragen

Was ist das Erythema multiforme beim Hund?

Das Erythema multiforme ist eine seltene Erkrankung des Hundes, die die Haut, die Schleimhäute oder die Haut-Schleimhaut-Grenzen befällt. Gekennzeichnet ist sie durch plötzlich auftretende, erhabene, fleckige Eruptionen (Hautausschläge), Bläschen am Haut-Schleimhaut-Übergang und nesselsuchtähnliche Plaques; die Hautverluste betreffen weniger als 10 % der Körperoberfläche. Unterschieden werden eine Minor-Form, die in der Regel nicht mehr als eine Schleimhautoberfläche betrifft, und eine Major-Form mit mindestens zwei, oft auch mehr betroffenen Oberflächenbereichen.

Welche Ursachen hat das Erythema multiforme beim Hund?

Das Erythema multiforme kann durch Medikamente und durch Allergien gegen bestimmte Nahrungsmittel ausgelöst werden. Bei Hunden und Katzen wurde es durch verschiedene Arzneimittel verursacht, darunter Antibiotika, Sulfonamide, Aurothioglukose, Propylthiouracil und Griseofulvin. In den Läsionen finden sich vor allem CD8+ T-Zellen, also zytotoxische Immunzellen, die große Mengen ihres zellschädigenden Proteins Granulysin freisetzen.

Wie wird das Erythema multiforme beim Hund behandelt?

Die Behandlung beinhaltet zunächst das sofortige Absetzen des auslösenden Stoffes, also des verantwortlichen Arzneimittels oder Futterbestandteils, gefolgt von einer symptomatischen Behandlung einschließlich Flüssigkeitsersatz und Wundversorgung. Antibiotika sollten nur verabreicht werden, wenn Hautinfektionen auftreten. Ergänzend kann der Einsatz einer immunologischen Behandlung mit toleranzinduzierenden dendritischen Zellen – körpereigenen Immunzellen, die die fehlgeleitete Immunreaktion regulieren sollen – bedacht werden.

Hilft Cortison beim Erythema multiforme des Hundes?

Kortikosteroide, also cortisonhaltige Präparate, sollten bei dieser Erkrankung vermieden werden. Sie erhöhen die Anfälligkeit des Tieres für Hautinfektionen und verschlechtern damit in der Regel die Prognose.

Ist das Erythema multiforme beim Hund heilbar?

Wird das auslösende Medikament abgesetzt, kann die Erkrankung innerhalb weniger Tage ohne Folgeerscheinungen verschwinden. Entscheidend ist daher, den verursachenden Stoff – Arzneimittel oder Futterbestandteil – zu erkennen und konsequent zu meiden.

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