Die Immun-mediierte Thrombozytopenie des Hundes
Bei der immunmediierten Thrombozytopenie handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem Antikörper gegen die eigenen Thrombozyten — die Blutplättchen — bildet. Die markierten Zellen werden daraufhin vorzeitig abgebaut, und ihre Zahl im Blut fällt ab.
Blutplättchen sind dafür zuständig, kleine Gefäßverletzungen sofort abzudichten. Fehlen sie, entstehen Blutungen dort, wo im Alltag ständig winzige Gefäße reißen: in Haut und Schleimhäuten. Genau daran wird die Erkrankung meist zuerst erkannt.
Notfallzeichen: Wann es eilt
Stellen Sie Ihren Hund umgehend vor, wenn Sie eines der folgenden Zeichen bemerken:
- punktförmige rote Flecken auf Zahnfleisch, Bauchhaut oder Lidbindehaut, die sich nicht wegdrücken lassen
- Nasenbluten ohne erkennbaren Anlass
- schwarzer, teerartiger Kot oder sichtbares Blut in Kot und Harn
- großflächige blaue Flecken ohne vorangegangene Verletzung
- plötzliche Blässe, Schwäche oder Taumeln
Die punktförmigen Einblutungen — Petechien — sind das früheste und zuverlässigste Zeichen. Sie tun nicht weh und werden deshalb leicht übersehen. Ein Blick auf das Zahnfleisch kostet fünf Sekunden.
Welche Hunde betroffen sind
Die Erkrankung beginnt beim Hund im Durchschnitt im Alter zwischen 4 und 8 Jahren. Betroffen sind vor allem kastrierte Hündinnen. Zu den prädisponierten Rassen gehören:
- Airedale Terrier
- Dobermann
- Old English Sheepdog
- Cocker Spaniel
- Zwerg- und Toypudel
Bei Katzen kommt eine primäre immunmediierte Thrombozytopenie ebenfalls vor, ist bei dieser Tierart jedoch deutlich seltener.
Symptome
Im Vordergrund steht die Blutungsneigung:
- zahlreiche Petechien, also punktförmige Einblutungen, auf Haut, Zahnfleisch, weiteren Schleimhäuten und der Bindehaut
- Nasenbluten
- Blut in Kot und Harn
- Blutungen im Auge
- ungewöhnlich langes Nachbluten nach kleinen Eingriffen wie einer Blutentnahme
Einige Hunde entwickeln zusätzlich Fieber, Lethargie — also auffallende Trägheit —, Appetitlosigkeit oder eine Milzschwellung. Bei anhaltendem Blutverlust kommt eine Anämie, also Blutarmut, hinzu.
Primär oder sekundär: die Ursachensuche
Nicht jede immunbedingte Thrombozytopenie ist primär. Bevor diese Diagnose steht, müssen sekundäre Ursachen ausgeschlossen werden — die aktuellen Konsensusempfehlungen legen darauf besonderen Wert (LeVine et al. 2024). Infrage kommen:
- durch Zecken übertragene Infektionen, insbesondere Anaplasmose, Ehrlichiose und Babesiose
- Arzneimittel, die eine immunbedingte Zerstörung der Blutplättchen auslösen können
- Tumorerkrankungen
- andere Autoimmunerkrankungen wie der systemische Lupus erythematosus
Diese Unterscheidung ist praktisch bedeutsam: Eine durch Zecken übertragene Infektion braucht ein Antibiotikum, nicht in erster Linie eine Immunsuppression.
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Wenn mehrere Zellreihen betroffen sind
Die Autoimmunreaktion beschränkt sich nicht immer auf die Blutplättchen. Bis zu 25 Prozent der betroffenen Hunde zeigen gleichzeitig eine immunmediierte Neutropenie, also einen Mangel an neutrophilen weißen Blutkörperchen.
Tritt die Thrombozytopenie zusammen mit einer immunmediierten hämolytischen Anämie auf, spricht man vom Evans-Syndrom. Diese Kombination verläuft schwerer und verlangt eine engmaschigere Betreuung — ein Grund, bei jedem betroffenen Hund das gesamte Blutbild im Blick zu behalten und nicht nur die Thrombozytenzahl.
Der Weg zur Diagnose
Betroffene Tiere haben ungewöhnlich niedrige Thrombozytenzahlen von weniger als 30.000 pro Mikroliter. Im Blutausstrich fallen zudem häufig Schwankungen in der Größe der Blutplättchen auf.
Antikörper gegen Thrombozyten lassen sich messen — etwa durch direkte Immunfluoreszenz, über Knochenmarksaspirate mit Beurteilung der Anfärbung der Megakaryozyten (der Vorläuferzellen der Blutplättchen) oder über die Freisetzung von Plättchenfaktor III nach Kontakt mit Autoantikörpern. Diese Tests haben allerdings nur eine relativ geringe Empfindlichkeit und Spezifität, und sie unterscheiden nicht zwischen primärer und sekundärer Form.
Praktisch heißt das: Die Diagnose der primären immunmediierten Thrombozytopenie ist eine Ausschlussdiagnose. Zum Untersuchungsgang gehören daher Blutbild mit Ausstrich, Gerinnungsuntersuchung, Untersuchung auf durch Zecken übertragene Erreger, Organwerte und eine bildgebende Untersuchung von Bauch und Brustkorb.
Behandlung
Grundlage sind immunsuppressiv dosierte Glukokortikoide wie Prednisolon. In den meisten Fällen tritt eine positive Reaktion innerhalb weniger Tage ein.
Ergänzend kommen infrage:
- Vincristin, das die Aufnahme der Blutplättchen durch Fresszellen hemmt: Es bindet an die Thrombozyten, und Makrophagen, die diese aufnehmen, werden in ihrer Phagozytosetätigkeit gebremst. Vincristin kann den Anstieg der Blutplättchenzahl beschleunigen.
- weitere Immunsuppressiva wie Ciclosporin, Cyclophosphamid, Azathioprin, Mycophenolatmofetil oder Leflunomid — mit ihnen liegen begrenzte Erfahrungen vor, positive Ergebnisse wurden jedoch berichtet.
- Bluttransfusionen bei erheblichem Blutverlust.
- Splenektomie, also die Entfernung der Milz, wenn andere Behandlungen versagt haben.
Wichtig ist außerdem, was unterlassen wird: In der akuten Phase sollten unnötige Injektionen, Blutentnahmen aus großen Gefäßen und jede vermeidbare Belastung mit Sturzgefahr unterbleiben.
Eine Behandlung mit dendritischen Zellen kann bei dieser Erkrankung ergänzend eingesetzt werden. Dabei werden aus einer Blutprobe des Hundes körpereigene Zellen so aufbereitet, dass sie toleranzfördernd wirken. Sie zielen darauf ab, die fehlgeleitete Immunreaktion zu normalisieren, statt die Abwehr insgesamt zu unterdrücken. Daher sind sie vor allem in der Phase nach der akuten Krise interessant, in der es um die Vermeidung von Rückfällen geht.
Prognose
Die kurzfristigen Überlebensraten liegen zwischen 74 und 97 Prozent — das ist deutlich günstiger als bei der hämolytischen Anämie. Blut im Kot und hohe Harnstoffwerte im Blut sind mit einer schlechteren Prognose verbunden; die vorherrschende Todesursache sind schwere Blutungen im Magen-Darm-Bereich.
Die eigentliche Herausforderung kommt danach: Ein Wiederauftreten der Erkrankung wird regelmäßig beobachtet. Deshalb wird die Behandlung nach der Stabilisierung nicht abgesetzt, sondern über Wochen bis Monate ausgeschlichen, begleitet von regelmäßigen Kontrollen der Thrombozytenzahl.
Für Sie als Halter bleibt eine einfache, wirksame Gewohnheit: Schauen Sie Ihrem Hund nach überstandener Erkrankung ab und zu aufs Zahnfleisch. Neue Petechien sind das erste Zeichen eines Rückfalls — und je früher sie bemerkt werden, desto niedriger fällt die notwendige Dosis aus.
Zur gleichen Erkrankung beim Pferd finden Sie eine eigene Darstellung unter immun-mediierte Thrombozytopenie des Pferdes; eine Einordnung in die Gruppe der übrigen Autoimmunerkrankungen bei Hund, Katze und Pferd gibt die Übersichtsseite.
Quellen
LeVine DN, Goggs R, Kohn B et al. (2024): ACVIM consensus statement on the diagnosis of immune thrombocytopenia in dogs and cats, Journal of Veterinary Internal Medicine 38(4):1958, doi:10.1111/jvim.16996
LeVine DN, Goggs R, Kohn B et al. (2024): ACVIM consensus statement on the treatment of immune thrombocytopenia in dogs and cats, Journal of Veterinary Internal Medicine 38(4):1982, doi:10.1111/jvim.17079
Tizard IR (2023): Canine ITP. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals, Elsevier, St. Louis, MO, 141
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Häufige Fragen
Welche Hunde sind besonders häufig von der immun-mediierten Thrombozytopenie betroffen?
Die Erkrankung beginnt bei Hunden im Durchschnitt in einem Alter zwischen 4 und 8 Jahren. Zu den prädisponierten, also anfälligeren Rassen gehören Airedale Terrier, Dobermann, Old English Sheepdog, Cocker Spaniel sowie Zwerg- und Toy-Pudel. Die Krankheit scheint vor allem kastrierte Hündinnen zu betreffen.
Welche Symptome zeigt ein Hund mit immun-mediierter Thrombozytopenie?
Im Vordergrund steht eine übermäßige Blutungsneigung durch den Mangel an Thrombozyten (Blutplättchen). Typisch sind zahlreiche Petechien, also punktförmige Blutansammlungen, auf Haut, Zahnfleisch, anderen Schleimhäuten und der Bindehaut; auch Nasenbluten, Blut in Kot und Urin sowie Blutungen im Auge treten auf. Manche Hunde entwickeln zudem Fieber, Lethargie, Appetitlosigkeit oder eine Milzschwellung, und nach kleineren Eingriffen wie einer Venenpunktion kann es ungewöhnlich lange nachbluten.
Wie wird die immun-mediierte Thrombozytopenie beim Hund diagnostiziert?
Für die Diagnose der primären Form müssen zunächst alle sekundären Ursachen ausgeschlossen werden. Betroffene Tiere haben ungewöhnlich niedrige Thrombozytenzahlen von weniger als 30.000/mL; durch den anhaltenden Blutverlust kann zusätzlich eine Anämie (Blutarmut) entstehen. Antikörper gegen Thrombozyten lassen sich etwa per direkter Immunfluoreszenz oder über Knochenmarksaspirate nachweisen, allerdings haben diese Tests nur eine relativ geringe Empfindlichkeit und Spezifität und unterscheiden nicht zwischen primärer und sekundärer Thrombozytopenie.
Wie wird die immun-mediierte Thrombozytopenie des Hundes behandelt?
Eingesetzt werden in der Regel immunsuppressive Dosen eines Glukokortikosteroids (Kortisonpräparat) wie Prednisolon; in den meisten Fällen tritt eine positive Reaktion innerhalb weniger Tage ein. Auch Vincristin ist wirksam, mit weiteren Medikamenten wie Cyclosporin, Azathioprin oder Mycophenolatmofetil liegen nur begrenzte Erfahrungen vor. Eine Milzentfernung kann helfen, wenn andere Therapieformen versagt haben; zudem kann eine immunologische Behandlung erfolgreich eingesetzt werden.
Wie gefährlich ist die immun-mediierte Thrombozytopenie beim Hund?
Die kurzfristigen Überlebensraten liegen zwischen 74 % und 97 %, allerdings wird ein Wiederauftreten der Krankheit regelmäßig beobachtet. Blut im Kot und hohe Harnstoff-Werte im Blut sind mit einer schlechten Prognose verbunden. Die vorherrschende Todesursache sind letztlich schwere Blutungen im Magen-Darm-Bereich.