Stelfonta® beim Mastzelltumor des Hundes
Stelfonta® ist ein Arzneimittel zur örtlichen Behandlung solider Mastzelltumoren beim Hund: Sein Wirkstoff Tigilanol-Tiglat wird intratumoral verabreicht, also unmittelbar in das Tumorgewebe gespritzt. Eingeführt wurde das Präparat zur Mitte des Jahres 2020 durch die Firma Virbac auf dem europäischen Veterinärmarkt. Gewonnen wird der Wirkstoff aus den Beerenkernen des Blushwood Tree, eines Wolfsmilchgewächses, das in Australien in Plantagen angebaut wird — entdeckt wurde die Wirkung bei der Untersuchung von Urwaldpflanzen. Grundlagen zu Einteilung, Diagnose und Behandlung sind auf der Übersichtsseite Mastzelltumor beim Hund zusammengefasst.
- Einordnung: Wann kommt Stelfonta® infrage?
- Behandlung und Dosierung
- Begleittherapie vor und nach der Gabe
- Gegenanzeigen und Anwendungsgrenzen
- Nebenwirkungen
- Vorsichtsmaßnahmen für Tierarzt und Besitzer
- Wundheilung nach der Behandlung
- Schwere Behandlungsfolgen: Fallbericht von Kitson et al.
- Dendritische Zelltherapie als ergänzende Behandlung
Einordnung: Wann kommt Stelfonta® infrage?
Der Mastzelltumor ist ein weit verbreiteter solider Tumor beim Hund, und die Nachfrage nach einer ergänzenden oder alternativen Behandlung ist entsprechend hoch. Die vordringliche Behandlung bleibt die chirurgische Entfernung. Ist ein chirurgischer Eingriff allein nicht durchführbar oder voraussichtlich nicht erfolgreich, wird eine Kombination aus Chemotherapie und/oder Strahlentherapie oder eine zytoreduktive, also die Tumormasse verringernde Operation durchgeführt.
Abhängig von Größe und Lokalisation des Tumors können die chirurgischen Möglichkeiten allerdings zu erheblichen Entstellungen führen — bis hin zur Amputation von Gliedmaßen oder zu ausgeprägter Narbenbildung. Zudem sind die bestehenden Behandlungen oft kostspielig und für Hunde in entlegenen Gebieten nicht ohne Weiteres verfügbar. Boyle et al. (2014) beschrieben in Mausmodellen eine rasche Rückbildung von Tumoren nach Injektion des Wirkstoffs; die Dosisfindung beim Hund untersuchten anschließend Miller et al. (2019), die Sicherheit und Verträglichkeit Panizza et al. (2019) in einer Phase-I-Dosiseskalationsstudie. De Ridder et al. (2020) prüften Wirksamkeit und Sicherheit der intratumoralen Behandlung von Mastzelltumoren beim Hund in einer randomisierten kontrollierten Studie, Brown et al. (2024) die Behandlung mehrerer gleichzeitig bestehender, also synchroner Mastzelltumoren.
Behandlung und Dosierung
Die intratumoral zu verabreichende Dosis ist proportional zur Größe des Tumors und wird zusätzlich durch das Körpergewicht des Hundes begrenzt:
- Die Dosis berechnet sich als 50 % des Volumens des Zieltumors, das heißt 0,5 ml (0,5 mg) pro cm³ Tumorgröße.
- Die Höchstdosis beträgt 0,15 mg/kg Körpergewicht beziehungsweise 4 mg — entsprechend 4 ml — pro Tier.
- Eine Dosis Stelfonta® umfasst 2 ml; gleichzeitig dürfen daher nicht mehr als 2 Dosen, also 4 ml, verabreicht werden.
- Die nach Ausmessen ermittelte Tumorgröße sollte die maximale Größe von 8 cm³ nicht überschreiten; eine Überdosierung ist zu vermeiden.
Der Wirkstoff sollte nicht direkt aus dem Gefrierschrank verabreicht werden, da es sonst wegen des Kältegefühls zu einer starken Reaktion des Tieres kommen kann. Hat ein Tumor nicht wie gewünscht angesprochen, ist eine weitere Behandlung mit Stelfonta® nach vier Wochen möglich, sofern die Tumoroberfläche unversehrt ist.
Begleittherapie vor und nach der Gabe
Vor der Gabe von Stelfonta® ist eine Begleittherapie mit Kortikosteroiden, also kortisonhaltigen Entzündungshemmern, angezeigt. Nach der Gabe sind eine Magenschutzbehandlung, die Fortführung der Kortisongabe und gegebenenfalls Schmerzmittel angezeigt. Die Begleitbehandlung ist dabei kein Beiwerk: Sie soll Beschwerden abmildern, die durch die Freisetzung von Botenstoffen aus den zerfallenden Mastzellen — die sogenannte Degranulation — entstehen können.
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Gegenanzeigen und Anwendungsgrenzen
- nicht bei entzündeten oder aufgebrochenen Mastzelltumoren anwenden, weil der Wirkstoff dann unkontrolliert abfließt
- nicht bei zu großen Mastzelltumoren einsetzen
- es soll nur eine Einstichstelle genutzt werden, ähnlich wie bei einer Biopsie; von dort wird die Flüssigkeit sternförmig in verschiedene Richtungen im Tumor verteilt
- nicht in die Umgebung eines bereits operierten Tumors injizieren
- eine versehentliche intravenöse Gabe, also die Injektion in ein Blutgefäß, ist unbedingt zu vermeiden
- vor der Behandlung sollte geklärt sein, welcher Tierarzt bei den selten auftretenden Nebenwirkungen auch außerhalb der Sprechzeiten erreichbar ist
Nebenwirkungen
Beobachtet wurden unter der Behandlung mit Stelfonta®:
- Lahmheit an der behandelten Gliedmaße — bei etwa jedem zehnten Hund
- Schmerzen
- Tachykardie (Herzjagen, also eine beschleunigte Herzfrequenz)
- Erbrechen
Vorsichtsmaßnahmen für Tierarzt und Besitzer
Behandelnder Tierarzt und Besitzer sollten die folgenden Vorsichtsmaßnahmen einhalten:
- Eine versehentliche Selbstinjektion beim behandelnden Tierarzt kann starke Entzündungen hervorrufen; es muss eine Heilungszeit von ungefähr drei Monaten eingeplant werden.
- Die bereitgestellte Schutzkleidung ist zu tragen.
- Allergien gegen den Wirkstoff und gegen Propylenglykol sind zu beachten.
- Schwangere, Stillende und Kinder dürfen nicht mit der Wunde in Kontakt kommen.
- In den ersten Tagen sollte der Tumor beziehungsweise die Wunde abgedeckt werden.
- Die Wundreinigung beim Hund erfolgt nur mit Schutzkleidung.
- Bei versehentlichem Kontakt ist die berührte Haut intensiv zu waschen.
- Bei Kontakt des Wirkstoffs mit dem Auge ist sofort ein Krankenhaus aufzusuchen.
Wundheilung nach der Behandlung
Nach der Injektion zerfällt das behandelte Tumorgewebe, sodass an dieser Stelle eine Wunde entsteht. Diese sollte nach einigen Tagen in offener Abheilung belassen werden — auch dann, wenn ihr Aussehen in der Phase der starken Wundheilung zunächst beunruhigend wirkt. Die Tiere dürfen an der Wunde lecken.
Schwere Behandlungsfolgen: Fallbericht von Kitson et al.
Von einer schwerwiegenden Nebenwirkung berichten Kitson et al. (2026): Bei einem zehn Jahre alten Rüden entwickelte sich nach der intratumoralen Behandlung mit Tigilanol-Tiglat eine ausgedehnte Wunde, die schließlich zur Amputation der Gliedmaße führte. Darüber hinaus sind weitere schwere Behandlungsfolgen mit langdauernder, stark verzögerter Heilung bekannt.
Vor einer Behandlung sollte deshalb genau abgewogen werden, ob der Einsatz von Stelfonta® im Einzelfall zielführend ist — insbesondere bei Tumoren an den Gliedmaßen.
Dendritische Zelltherapie als ergänzende Behandlung
Ist eine Behandlung mit Stelfonta® vorgesehen, empfiehlt sich die Ergänzung durch die dendritische Zelltherapie. Dendritische Zellen sind Zellen des Immunsystems, die Merkmale veränderter Zellen aufnehmen und den T-Zellen präsentieren — sie stoßen also eine gegen die Tumorzellen gerichtete Abwehrreaktion an. Beide Verfahren lassen sich in einem gemeinsamen Behandlungsschema verbinden. Vorgeschlagen wird folgendes Vorgehen:
- Ab Tag −2: Vorbehandlung mit Kortikoiden, wie im Stelfonta-Leitfaden vorgeschlagen.
- Tag 0: Blutentnahme für die dendritische Zelltherapie und unmittelbar danach die Stelfonta-Behandlung.
- Bis Tag 7: Weiterbehandlung wie im Stelfonta-Leitfaden vorgeschlagen — Magenschutz, Kortikoide, gegebenenfalls Schmerzmittel.
- Tag 9: Beginn des regulären Behandlungszyklus mit dendritischen Zellen.
Vom kombinierten Einsatz beider Behandlungsmethoden werden eine schnellere Wundheilung und eine höhere Abheilungsrate der Mastzelltumoren erwartet. Erste eigene Ergebnisse liegen vor; kontrollierte Vergleichsstudien stehen noch aus. Ob die dendritische Zelltherapie im Einzelfall infrage kommt, lässt sich in einer Beratung gemeinsam mit dem behandelnden Tierarzt klären.
Weitere Seiten zum Thema: Masivet® beim Mastzelltumor des Hundes, Toceranib (Palladia®) beim Mastzelltumor sowie das Fallbeispiel Chenny.
Quellen
Boyle GM et al. (2014): Intra-Lesional Injection of the Novel PKC Activator EBC-46 rapidly ablates Tumors in Mouse Models, Plos One, Vol 9, Issue 10, e108887
Miller J et al. (2019): Dose Characterization of the Investigational Anticancer Drug Tigilanol Tiglate (EBC-46) in the local Treatment of Canine Mast Cell Tumors, Frontiers in Veterinary Sciences, Vol 6, Art. 106, doi:10.3389/fvets.2019.00106
Panizza BJ et al. (2019): Phase I dose-escalation study to determine the safety, tolerability, preliminary efficacy and pharmacokinetics of an intratumoral injection of tigilanol tiglate (EBC-46), EBioMedicine 50 (2019) 433–441
De Ridder TR et al. (2020): Randomized controlled clinical study evaluating the efficacy and safety of intratumoral treatment of canine mast cell tumors with tigilanol tiglate (EBC-46), J Vet Intern Med. 2020 1–15, DOI: 10.1111/jvim.15806
Brown GK et al. (2024): Treatment of multiple synchronous canine mast cell tumours using intratumoural tigilanol tiglate, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36387404/
Kitson L et al. (2026): Case Report: Severe wound formation following intratumoral tigilanol tiglate treatment resulting in limb amputation in a 10-year-old male dog, Front. Vet. Sci., https://doi.org/10.3389/fvets.2026.1757258
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