Lymphozytäre Parathyreoiditis bei Hund und Katze
Bei der lymphozytären Parathyreoiditis handelt es sich um eine Form des primären Hypoparathyreoidismus — einer seltenen hormonellen Störung der Nebenschilddrüsen, die bei Hunden und Katzen auftreten kann. „Endokrin” bedeutet dabei, dass Hormone nicht im notwendigen Maß an den Stoffwechsel abgegeben werden. Als mögliche Ursache wird eine immunvermittelte Zerstörung des Nebenschilddrüsengewebes angesehen.
Die Nebenschilddrüsen sind vier stecknadelkopfgroße Gebilde in unmittelbarer Nachbarschaft zur Schilddrüse. Sie produzieren das Parathormon, dessen einzige, aber lebenswichtige Aufgabe die Regulierung des Kalziumspiegels im Blut ist. Fällt es aus, sinkt das Kalzium — und Nerven und Muskeln geraten außer Kontrolle.
Was das Parathormon leistet
Kalzium ist im Körper weit mehr als ein Baustoff für Knochen: Es steuert die Erregbarkeit von Nerven- und Muskelzellen. Sinkt der Kalziumspiegel im Blut, werden diese Zellen übererregbar — sie feuern schon bei geringsten Reizen.
Das Parathormon hält den Spiegel konstant, indem es Kalzium aus dem Knochen mobilisiert, die Rückgewinnung in der Niere steigert und die Aufnahme aus dem Darm über die Aktivierung von Vitamin D fördert. Fällt es weg, brechen alle drei Wege gleichzeitig zusammen.
Was bei der Erkrankung geschieht
Bei der lymphozytären Parathyreoiditis wandern Lymphozyten in das Drüsengewebe ein und zerstören es. Am Ende dieses Autoimmunprozesses steht die Nebenschilddrüsenfibrose: ein bindegewebiger Umbau, bei dem funktionsfähiges Drüsengewebe durch Narbengewebe ersetzt wird. Diese Veränderung ist wahrscheinlich nicht umkehrbar.
Daraus folgt eine wichtige Konsequenz für den Zeitpunkt jeder Behandlung, die am Immunprozess ansetzt: Sie kann nur bewahren, was noch da ist.
Anzeichen des Kalziummangels
Betroffene Tiere haben in der Regel eine Vorgeschichte mit abrupt einsetzenden neurologischen oder neuromuskulären Erkrankungen — insbesondere Krampfanfällen. Im Verlauf kommt es zur Hypokalzämie, dem erniedrigten Blutkalziumspiegel, der eine Tetanie auslösen kann: eine krampfartige Übererregbarkeit der Muskulatur.
Worauf Sie achten sollten:
- Reiben und Kratzen am Gesicht, Pfoten am Fang — ein sehr charakteristisches Frühzeichen; die Tiere empfinden offenbar ein Kribbeln im Gesicht
- Muskelzittern und -zucken, oft zuerst an Gliedmaßen und Gesicht
- steifer, angespannter Gang
- Krampfanfälle, bei erhaltenem Bewusstsein zwischen den Anfällen
- Unruhe, Nervosität, Hecheln
- Erbrechen und Appetitverlust
- bei längerem Bestehen: grauer Star an beiden Augen
Typisch ist außerdem der Auslöser: Aufregung, Anstrengung oder Stress bringen die Symptome zum Vorschein, weil sie den Kalziumbedarf erhöhen. Ein Hund, der zu Hause ruhig ist und beim Tierarztbesuch zittert und krampft, passt gut in dieses Bild.
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Betroffene Tiere
In einer großen Untersuchung der University of California, Davis, wurden 18 Fälle von lymphozytärer Parathyreoiditis bei Hunden ausgewertet. Die Erkrankung betraf hauptsächlich weibliche Tiere mittleren Alters.
Bei allen zwölf Hunden, deren Gewebe feingeweblich untersucht wurde, ergab sich derselbe Befund: Das normale Nebenschilddrüsengewebe war ausnahmslos durch eine massive Infiltration von Lymphozyten und einigen wenigen Plasmazellen ersetzt. In den Schnitten fanden sich zusätzlich vereinzelt neutrophile Granulozyten. Daher gehen die Forscher davon aus, dass diese Erkrankungsfälle immunvermittelt sind.
Zur Einordnung: 18 Fälle sind eine kleine Zahl, und die Erkrankung ist insgesamt selten. Die Einheitlichkeit des feingeweblichen Befundes ist allerdings ein starkes Argument — bei zwölf von zwölf Tieren dasselbe Bild zu finden, ist kein Zufall.
Diagnose und Abgrenzung
- Kalzium im Blut: Maßgeblich ist das ionisierte Kalzium, also der frei verfügbare Anteil. Das Gesamtkalzium kann bei niedrigem Albumin fälschlich erniedrigt erscheinen, ohne dass ein echter Mangel vorliegt.
- Parathormon: Beim primären Hypoparathyreoidismus ist es niedrig oder unpassend normal — bei einem niedrigen Kalzium müsste es hoch sein. Genau diese Kombination sichert die Diagnose.
- Phosphat: Es ist typischerweise erhöht, während die Nierenwerte normal bleiben.
Abzugrenzen sind insbesondere:
- Eklampsie — der Kalziummangel säugender Hündinnen, mit klarem Vorbericht
- Vergiftung mit Ethylenglykol (Frostschutzmittel) — hier sind die Nierenwerte erhöht
- akute Bauchspeicheldrüsenentzündung
- chronische Nierenerkrankung
- Zustand nach Schilddrüsenoperation, besonders bei Katzen — hier werden die Nebenschilddrüsen versehentlich mitentfernt oder geschädigt
- Epilepsie und andere Anfallsursachen — der entscheidende Unterschied ist das niedrige Kalzium
Diese Abgrenzung ist wichtig, weil ein Hund mit Krampfanfällen sonst leicht als Epileptiker eingestuft und antiepileptisch behandelt wird — was bei einem Kalziummangel nichts nützt.
Behandlung
- Akutphase: Zunächst muss die durch die Hypokalzämie ausgelöste Tetanie unter Kontrolle gebracht werden. Das erfolgt mit langsam und unter Herzüberwachung verabreichtem Kalzium über die Vene — zu schnelle Gabe kann schwere Herzrhythmusstörungen auslösen. Dieser Teil gehört zwingend in die Klinik.
- Dauerbehandlung: Anschließend werden die Tiere dauerhaft mit Vitamin D und Kalzium über das Maul behandelt. Eingesetzt wird meist die bereits aktivierte Form des Vitamin D, weil deren Aktivierung normalerweise vom Parathormon abhängt — das ja fehlt. Ziel ist ein Kalziumspiegel im unteren Normbereich; eine Überdosierung führt zu Nierenschäden und ist ihrerseits gefährlich. Regelmäßige Kontrollen sind deshalb kein Zusatz, sondern Bestandteil der Behandlung.
- Immunsuppression: Es gibt mindestens einen Bericht über die scheinbare Heilung eines Falles von primärem Hypoparathyreoidismus nach einer immunsuppressiven Behandlung mit Prednisolon und Cyclosporin. Ein einzelner Fallbericht trägt keine allgemeine Empfehlung — er zeigt aber, dass der Prozess in einem frühen Stadium beeinflussbar sein kann.
- Immunologische Behandlung: Genau deshalb sollte auch der Einsatz toleranzinduzierender dendritischer Zellen erwogen werden. Dendritische Zellen sind die Regisseure der Immunantwort: Sie entscheiden mit darüber, ob ein Gewebe angegriffen oder toleriert wird. Aus dem Blut des Patienten gewonnen und entsprechend aufbereitet, können sie die Toleranz gegenüber dem eigenen Drüsengewebe fördern. Am meisten zu gewinnen ist dabei, solange noch funktionsfähiges Gewebe vorhanden ist — ist der bindegewebige Umbau abgeschlossen, lässt sich die Hormonproduktion nicht zurückholen.
Prognose und Alltag
Die Prognose ist bei guter Einstellung gut. Der Hormonausfall selbst ist in der Regel bleibend, aber der Kalziumhaushalt lässt sich medikamentös zuverlässig führen. Viele dieser Tiere leben über Jahre unauffällig.
Was dazugehört:
- Kalziumkontrollen einhalten — anfangs engmaschig, später in festen Abständen; sie schützen vor Unter- wie Überdosierung
- Medikamente nie eigenmächtig absetzen oder erhöhen — beide Richtungen sind gefährlich
- Frühzeichen kennen — Reiben am Gesicht, Zittern, Steifheit; sie kommen vor dem Krampfanfall
- Stress und Überanstrengung reduzieren, besonders in der Einstellungsphase
- bei Krampfanfall sofort in die Klinik — nicht abwarten, ob er von selbst endet
- Notfallinformation griffbereit halten — Diagnose und aktuelle Medikation, für Vertretungen und Notdienste
Ein krampfender Hund oder eine krampfende Katze zu erleben, ist erschütternd — und die Sorge bleibt oft lange, auch wenn die Einstellung längst steht. Es hilft zu wissen, dass hinter diesen Anfällen hier kein fortschreitendes Hirnleiden steckt, sondern ein Mineral, das sich messen und substituieren, also gezielt verabreichen, lässt. Mit den regelmäßigen Kontrollen haben Sie diese Erkrankung besser im Griff, als es sich in der ersten Nacht anfühlt.
Quellen
- Tizard IR (2023): Lymphocytic Parathyroiditis. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals. Elsevier, St. Louis, MO, S. 68–69
- Feldman EC, Nelson RW, Reusch CE, Scott-Moncrieff JC (2015): Canine and Feline Endocrinology. 4. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO
- Ettinger SJ, Feldman EC, Côté E (Hrsg.) (2017): Textbook of Veterinary Internal Medicine. 8. Auflage, Elsevier, St. Louis, MO
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Häufige Fragen
Was ist eine lymphozytäre Parathyreoiditis?
Die lymphozytäre Parathyreoiditis ist eine Form des primären Hypoparathyreoidismus, also einer seltenen endokrinen Störung der Nebenschilddrüsen, bei der Hormone nicht im notwendigen Maß in den Stoffwechsel abgegeben werden. Sie kann bei Hunden und Katzen auftreten. Als mögliche Ursache wird eine immunvermittelte Zerstörung des Nebenschilddrüsengewebes angesehen, das heißt ein Angriff des eigenen Immunsystems auf die Drüsen.
Woran erkenne ich eine Unterfunktion der Nebenschilddrüse bei Hund oder Katze?
Betroffene Tiere haben in der Regel eine Vorgeschichte mit abrupt einsetzenden neurologischen oder neuromuskulären Erkrankungen, insbesondere Krampfanfällen. Im Verlauf der Erkrankung kommt es zu einer Hypokalzämie, also einem erniedrigten Blutkalziumspiegel, die eine Tetanie (krampfartige Muskelübererregbarkeit) auslösen kann.
Welche Tiere erkranken an einer lymphozytären Parathyreoiditis?
In einer großen Studie der University of California-Davis wurden 18 Fälle bei Hunden untersucht; die Krankheit betraf hauptsächlich weibliche Tiere mittleren Alters. Bei allen zwölf histopathologisch, also feingeweblich, untersuchten Hunden war das normale Nebenschilddrüsengewebe durch eine massive Infiltration von Lymphozyten und einigen wenigen Plasmazellen ersetzt, weshalb die Forscher von einer immunvermittelten Erkrankung ausgehen.
Wie wird die lymphozytäre Parathyreoiditis behandelt?
Zunächst muss die durch die Hypokalzämie ausgelöste Tetanie unter Kontrolle gebracht werden; anschließend können die Tiere dauerhaft mit oralem Vitamin D und Kalzium behandelt werden. Es gibt mindestens einen Bericht über die scheinbare Heilung eines Falles nach einer immunsuppressiven, also das Immunsystem dämpfenden, Behandlung mit Prednisolon und Cyclosporin. Deshalb sollte auch der Einsatz toleranzinduzierender dendritischer Zellen — körpereigener Immunzellen, die die fehlgeleitete Immunreaktion beruhigen sollen — als Behandlungsoption erwogen werden.
Ist die Unterfunktion der Nebenschilddrüse heilbar?
Das Endergebnis des Autoimmunprozesses ist in der Regel eine Nebenschilddrüsenfibrose, also ein bindegewebiger Umbau des Drüsengewebes, der wahrscheinlich irreversibel ist. Zugleich existiert mindestens ein Fallbericht über eine scheinbare Heilung nach immunsuppressiver Behandlung, sodass der Verlauf offenbar vom Stadium und von der Behandlung abhängen kann.