Autoimmunerkrankung

Polyarthritis-Polysynovitis bei Pferden

Beim Polyarthritis-Polysynovitis-Komplex handelt es sich um eine Entzündung mehrerer Gelenke und ihrer Gelenkinnenhäute. Beim Pferd tritt er in zwei sehr unterschiedlichen Zusammenhängen auf: beim Fohlen in Verbindung mit einem lupusähnlichen Syndrom und beim erwachsenen Pferd als eigenständige immunvermittelte Polyarthritis.

Der Komplex beim Fohlen

Betroffene Fohlen entwickeln fortlaufend geschwollene Gelenke an allen vier Gliedmaßen — in sehr jungem Alter von bis zu drei Monaten. Die Erkrankung ist zudem durch anhaltendes Fieber gekennzeichnet. In einigen Fällen sind auch die Sehnenscheiden und Schleimbeutel betroffen.

Für die Betreuung ist die Abgrenzung entscheidend: Geschwollene Gelenke bei einem Fohlen sind zunächst immer verdächtig auf eine bakterielle Gelenkentzündung, wie sie im Rahmen einer Nabelinfektion oder einer Blutvergiftung entsteht. Diese ist ein Notfall und muss zügig ausgeschlossen werden — die Gelenkpunktion steht deshalb ganz am Anfang.

Der Zusammenhang mit der Lunge

Viele der erkrankten Fohlen haben eine Krankheitsveränderung im Brustkorb, insbesondere eine Lungenentzündung durch das Bakterium Rhodococcus equi.

Vermutet wird folgender Mechanismus: Aus den Lungenherden stammende Immunkomplexe — also Verbindungen aus Antigen und dagegen gerichtetem Antikörper — setzen sich in den Gefäßen der Gelenkinnenhaut fest und lösen dort eine Entzündung aus. Das Gelenk selbst ist dabei nicht infiziert; es ist Schauplatz einer Reaktion, deren Ursache in der Lunge liegt.

Daraus folgt die wichtigste praktische Konsequenz dieser Seite: Die Polyarthritis bildet sich in der Regel zurück, sobald die Erkrankung im Brustkorb abgeheilt ist. Die gezielte Behandlung der Lungenerkrankung ist damit zugleich die wirksamste Gelenkbehandlung — daher muss bei einem Fohlen mit geschwollenen Gelenken immer auch der Brustkorb untersucht werden, selbst wenn es nicht hustet.

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Laborbefunde

  • Die Gelenkflüssigkeit ist steril, zeigt also keine bakterielle Besiedlung; das gilt ebenso für Sehnenscheiden und Schleimbeutel
  • Die enthaltenen Zellen sind überwiegend neutrophile Granulozyten
  • Schleimbeutelbiopsien weisen eine Einwanderung von Lymphozyten und Plasmazellen sowie einzelne Immunglobulinablagerungen auf
  • Rheumafaktoren sind nicht nachweisbar
  • Die Fohlen zeigen keine antinukleären Antikörper und keinen Hinweis auf einen systemischen Lupus erythematosus

Die Kombination aus steriler Gelenkflüssigkeit mit neutrophilen Zellen und fehlenden Autoantikörpern ist damit charakteristisch: Es ist eine Entzündung ohne Erreger und ohne Lupus.

Die Polyarthritis beim erwachsenen Pferd

Eine primäre immunvermittelte Polyarthritis wurde auch bei erwachsenen Pferden festgestellt. Betroffene Tiere zeigen:

  • Gewichtsverlust
  • intermittierendes, also zeitweise auftretendes Fieber
  • Ergüsse in mehreren Gelenken mit allgemeiner Steifheit

Hinzu kommen in der Regel allgemeine Entzündungszeichen im Blut: eine Anämie, eine Vermehrung der weißen Blutkörperchen sowie erhöhte Werte für Fibrinogen und Globuline. Die Gelenkflüssigkeit ist auch hier steril und in der Gelenkinnenhaut lassen sich Immunglobuline nachweisen.

Von diesem Gelenkbefall abzugrenzen sind die Polyneuritis equi, bei der statt der Gelenke die Nerven im Kreuzbein- und Schwanzbereich betroffen sind, sowie die immun-mediierte Polymyositis des Pferdes, bei der die Muskulatur im Vordergrund steht.

Behandlung

Beim Fohlen steht die gezielte Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung im Brustkorb im Vordergrund. Begleitend sind eine wirksame Schmerzbehandlung und weiche Einstreu wichtig, damit das Fohlen weiter aufsteht und trinkt.

Beim erwachsenen Pferd verschwindet die Erkrankung in der Regel unter einer Behandlung mit Steroiden und Immunsuppressiva. Dabei ist zu bedenken, dass die Gabe von Kortikosteroiden beim Pferd mit einem erhöhten Risiko für eine Hufrehe verbunden ist — die Dosis sollte deshalb nach dem Ansprechen zügig reduziert und die Hufsituation engmaschig kontrolliert werden.

Ergänzend sollte eine Behandlung mit dendritischen Zellen geprüft werden. Dabei werden aus einer Blutprobe des Pferdes körpereigene Zellen so aufbereitet, dass sie toleranzfördernd wirken — sie zielen darauf ab, die fehlgeleitete Immunreaktion zu normalisieren, statt die Abwehr insgesamt zu unterdrücken und lassen sich mit der bestehenden Medikation kombinieren.

Prognose

Beim Fohlen sind die Aussichten für die Gelenke gut, sofern die Lungenerkrankung beherrscht wird — der Verlauf richtet sich also nach dem Brustkorb, nicht nach den Gelenken. Beim erwachsenen Pferd spricht die Erkrankung in der Regel auf die Behandlung an.

Was in beiden Fällen zählt, ist die frühe Punktion. Sie beantwortet die entscheidende Frage: infizierte oder sterile Entzündung. Dadurch verhindert man, dass ein Fohlen mit bakterieller Gelenkentzündung immunsuppressiv behandelt wird oder umgekehrt ein steril entzündetes Gelenk wochenlang antibiotisch therapiert wird. Beides wäre erfolglos.

Eine Einordnung in die Gruppe der übrigen Autoimmunerkrankungen bei Hund, Katze und Pferd finden Sie auf der Übersichtsseite.

Quellen

Tizard IR (2023): Equine Polyarthritis-Polysynovitis. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals, Elsevier, St. Louis, MO, 222

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Häufige Fragen

Was ist die Polyarthritis-Polysynovitis beim Pferd?

Der Polyarthritis-Polysynovitis-Komplex — also eine Entzündung mehrerer Gelenke und ihrer Gelenkinnenhäute — wird bei Fohlen in Verbindung mit einem lupusähnlichen Syndrom festgestellt. Betroffene Fohlen entwickeln in sehr jungem Alter, bis zu drei Monaten, fortlaufend geschwollene Gelenke an allen vier Gliedmaßen; die Erkrankung ist zudem durch anhaltendes Fieber gekennzeichnet. In einigen Fällen sind auch Sehnenscheiden und Schleimbeutel betroffen.

Welche Rolle spielt die Rhodococcus-Infektion bei erkrankten Fohlen?

Viele der erkrankten Fohlen haben eine Krankheitsläsion im Bereich des Brustkorbs beziehungsweise der Lungen, insbesondere eine Rhodococcus equi-Pneumonie (Lungenentzündung durch das Bakterium Rhodococcus equi). Es ist möglich, dass sich Immunkomplexe aus den Lungenläsionen in den Blutgefäßen der Gelenkinnenhaut festsetzen und so die Gelenkentzündung auslösen. Die Polyarthritis bildet sich in der Regel zurück, sobald die Erkrankung im Brustkorb abgeheilt ist.

Wie wird die Polyarthritis-Polysynovitis beim Fohlen diagnostiziert?

Im Labor zeigt sich die Gelenkflüssigkeit steril, das heißt ohne bakterielle Besiedlung; die darin enthaltenen Zellen sind hauptsächlich neutrophile Zellen. Schleimbeutelbiopsien weisen eine Infiltration mit Lymphozyten und Plasmazellen sowie einige Immunglobulinablagerungen auf. Rheumafaktoren und antinukleäre Antikörper (ANA) sind nicht nachweisbar, ein Hinweis auf eine Lupus-Erkrankung fehlt.

Gibt es eine immunvermittelte Polyarthritis auch bei erwachsenen Pferden?

Ja, eine primäre immunvermittelte Polyarthritis wurde auch bei erwachsenen Pferden festgestellt. Die Tiere verlieren an Gewicht, entwickeln intermittierendes (zeitweise auftretendes) Fieber und zeigen Ergüsse in mehreren Gelenken mit genereller Steifheit. Im Allgemeinen bestehen systemische Entzündungszeichen wie Anämie (Blutarmut), Leukozytose (vermehrte weiße Blutkörperchen), Hyperfibrinogenämie und Hyperglobulinämie.

Wie wird die Polyarthritis-Polysynovitis beim Pferd behandelt?

Bei Fohlen ist die gezielte Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung im Brustkorb wichtig, da sich die Polyarthritis in der Regel zurückbildet, sobald diese abgeheilt ist. Bei erwachsenen Pferden verschwindet die Erkrankung in der Regel unter einer Steroid- und Immunsuppressionstherapie, also einer das Immunsystem dämpfenden Behandlung. Ergänzend sollte die Nutzung einer immunologischen Behandlung geprüft werden.

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