Vaskulitis beim Pferd
Bei der Vaskulitis des Pferdes handelt es sich um eine Entzündung der Blutgefäße, in deren Folge das versorgte Gewebe nicht mehr ausreichend durchblutet wird. Unterschieden werden beim Pferd im Wesentlichen drei Gruppen:
- die Purpura haemorrhagica — eine nekrotisierende, also gewebezerstörende Gefäßentzündung
- die Vaskulitis der Fessel
- weitere Formen der equinen Vaskulitis
Notfallzeichen
Ein Pferd mit Verdacht auf Vaskulitis sollte sofort tierärztlich behandelt werden. Besonders dringend ist es bei:
- schweren Ödemen am Kopf, die Atmung und Futteraufnahme beeinträchtigen
- rasch zunehmenden Schwellungen an Unterbauch und unteren Gliedmaßen
- punktförmigen Blutungen in Maul- oder Nasenschleimhaut
- Koliksymptomen zusammen mit Fieber und Schwellungen
Der Verlauf reicht von einer leichten, vorübergehenden Hautreaktion bis zu einer tödlichen Erkrankung — und diese Spanne lässt sich am ersten Tag nicht sicher abschätzen.
Purpura haemorrhagica
Die Purpura haemorrhagica ist die häufigste Form einer Gefäßerkrankung der Haut beim Pferd. Sie ist eine nekrotisierende Vaskulitis, die sich in der Regel nach einer akuten Infektion mit Streptococcus equi entwickelt — dem Erreger der Druse. Bestehende hohe Antikörperspiegel gegen diesen Erreger im Blut begünstigen die Erkrankung.
Weitere mögliche Auslöser sind Infektionen mit Corynebacterium pseudotuberculosis, mit Prescottella equi (früher Rhodococcus equi), mit dem equinen Influenzavirus und mit dem equinen Herpesvirus Typ 1. In einigen Fällen entsteht eine Purpura, ohne dass eine vorangegangene bakterielle oder virale Infektion bekannt geworden wäre.
Der typische Verlauf: Zuerst entwickeln die Pferde eine Urtikaria, also eine Nesselsucht. Darauf folgen schwere, gut abgegrenzte Ödeme im Unterhautgewebe, insbesondere an den unteren Gliedmaßen und am Unterbauch. Hinzu kommen punktförmige oder kleinflächige Blutungen in den Schleimhäuten und im Unterhautgewebe.
Weitere Anzeichen sind:
- reduziertes Allgemeinbefinden und Bewegungsunlust
- Fieber und Appetitlosigkeit
- beschleunigter Herzschlag und erhöhte Atemfrequenz
- Koliken, Nasenbluten, Gewichtsverlust
Die Ödeme können dazu führen, dass die Haut nässt, aufbricht, verkrustet und sich ablöst. Im Labor finden sich häufig eine Anämie, eine Vermehrung neutrophiler Granulozyten, erhöhte Globuline und Gesamteiweißwerte sowie erhöhte Muskelenzyme. Betroffene Pferde können ungewöhnlich hohe Immunglobulin-A-Werte im Blut aufweisen.
Der Zusammenhang mit Druse und Impfung
Klassischerweise treten die Krankheitszeichen innerhalb von 2 bis 4 Wochen nach dem Kontakt mit Streptokokken-Antigenen auf — und zwar sowohl nach einer natürlichen Infektion als auch nach einer Impfung.
Für die Praxis ist dieser Zeitraum wichtig. Wenn ein Pferd zwei bis vier Wochen nach einer überstandenen Druse oder nach einer Druseimpfung Schwellungen an Beinen und Unterbauch entwickelt, ist das kein Zufall, sondern ein konkreter Verdacht. Vor allem Pferde mit bereits hohen Antikörperspiegeln — also solche, die den Erreger kürzlich hatten — sind gefährdet. Das ist ein Grund, den Impfzeitpunkt bei diesen Tieren mit dem Tierarzt abzustimmen, statt ihn nach Kalender festzulegen.
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Wenn andere Organe betroffen sind
Die Vaskulitis kann auch den Magen-Darm-Trakt, die Lunge und die Muskulatur erfassen. In schweren Fällen entwickeln Pferde eine generalisierte Vaskulitis mit Thrombosen — also Gefäßverschlüssen durch Blutgerinnsel — und Infarkten, das heißt einem Absterben von Gewebe durch fehlende Durchblutung.
Zwei Komplikationen verschärfen die Lage besonders:
- eine Einstülpung des Dünndarms (Invagination)
- Muskelinfarkte mit Blutungen und Absterben von Skelettmuskulatur
Auch die Nieren können betroffen sein: Die Ablagerung von Immunkomplexen kann eine membranoproliferative Glomerulonephritis auslösen — eine Entzündung der Nierenkörperchen mit Umbau der Filterstrukturen. Folgen sind ein Eiweißverlust über den Harn und eine Ansammlung harnpflichtiger Stoffe im Blut.
Was im Gewebe geschieht
Im Serum betroffener Pferde finden sich Immunkomplexe, gebildet aus Streptokokken-M- oder -R-Proteinen zusammen mit den Immunglobulinen IgM oder IgA. Diese Komplexe lagern sich in den Wänden der Blutgefäße ab und lösen dort Entzündung, Ödeme und Blutungen aus; gemeinsam mit ihnen können sich Komplementkomponenten ablagern — Bestandteile jenes Eiweißsystems im Blut, das Entzündungen verstärkt.
Hautbiopsien zeigen eine schwere Vaskulitis mit ausgeprägter Einwanderung neutrophiler Granulozyten rund um die betroffenen Gefäße, häufig verbunden mit einem Absterben von Gewebe im minderdurchbluteten Bereich.
Behandlung der Purpura haemorrhagica
Betroffene Pferde sollten sofort behandelt werden. Der Behandlungsplan umfasst:
- Behandlung aller zugrunde liegenden Infektionen — ohne diesen Schritt kommt die Entzündung nicht zur Ruhe
- Unterdrückung der Entzündung durch systemische Glukokortikoide, in der Regel Dexamethason und/oder Prednisolon
- nichtsteroidale Entzündungshemmer wie Phenylbutazon oder Flunixin-Meglumin
- Antibiotika, um Sekundärinfektionen zu begrenzen
- unterstützende Maßnahmen: Bandagieren und kontrollierte Bewegung gegen die Ödeme, Flüssigkeitstherapie, weiches Futter bei Kopfödemen
Ein Punkt verdient beim Pferd besondere Aufmerksamkeit: Die Gabe von Kortikosteroiden ist bei dieser Tierart mit einem erhöhten Risiko für eine Hufrehe verbunden. In der akuten Phase ist sie dennoch unverzichtbar; anschließend sollte die Dosis zügig reduziert und die Hufsituation engmaschig kontrolliert werden.
Ergänzend sollte eine Behandlung mit dendritischen Zellen in die Behandlungsoptionen einbezogen werden. Dabei werden aus einer Blutprobe des Pferdes körpereigene Zellen so aufbereitet, dass sie toleranzfördernd wirken — sie zielen darauf ab, die fehlgeleitete Immunreaktion zu normalisieren, statt die Abwehr insgesamt zu unterdrücken, und lassen sich mit der bestehenden Medikation kombinieren.
Vaskulitis der Fesseln
Dieses Krankheitsbild tritt hauptsächlich bei erwachsenen Kaltblutpferden auf. Die Veränderungen sitzen an den unpigmentierten Rückseiten der Fesseln, können sich bis zum Röhrbein ausdehnen und treten oft beidseitig auf; am häufigsten sind die Hintergliedmaßen betroffen.
Die Veränderungen sind rot und geschwollen und können sich zu Geschwüren oder Rissen mit Nässen und Krustenbildung entwickeln. Der Schweregrad reicht von einer milden über eine stark nässende bis zu einer chronisch wuchernden Form. Dies deutet darauf hin, dass mehrere Ursachen zugrunde liegen — häufig sekundäre bakterielle oder Pilzinfektionen.
Die auslösende Veränderung scheint eine Vaskulitis zu sein: Biopsien der betroffenen Haut zeigen eine tiefe leukozytoklastische Arteriitis, also eine Entzündung der Arterien in der Lederhaut mit zerfallenden neutrophilen Granulozyten und Kerntrümmern, dazu verdickte, ödematöse Gefäßwände mit kleinen Blutungen.
Die Ursache ist unbekannt; möglicherweise spielt eine Photosensibilität, also eine krankhafte Lichtempfindlichkeit, eine auslösende Rolle. Die Prognose ist eher vorsichtig zu stellen. Praktisch bedeutsam ist deshalb der Schutz der unpigmentierten Fesselbereiche vor starker Sonneneinstrahlung und vor dauerhafter Nässe.
Weitere Formen der Vaskulitis beim Pferd
Bei etwa der Hälfte der Pferde mit anderen Vaskulitisformen bleibt die Ursache unbekannt. Bei den übrigen kommen infrage:
- eine sekundäre photosensibilitätsbedingte Dermatitis, die auf die unpigmentierten Hautbereiche beschränkt bleibt
- Arzneimittelreaktionen, beschrieben unter anderem nach Penicillin und Acepromazin
Die häufigsten Befunde bei der Hautvaskulitis des Pferdes sind Krusten und Schuppen, in geringerem Maße Ödeme an den unteren Gliedmaßen von Vorder- und Hinterhand sowie im Gesicht und am Kopf. Hinzu kommen können Haarausfall, Nesselsucht, Geschwüre und Hautknötchen. Die typische Veränderung ist eine leukozytoklastische Vaskulitis, begleitet von reduziertem Allgemeinbefinden, Fieber und Appetitlosigkeit sowie Anämie, vermehrten neutrophilen Granulozyten, erhöhtem Blutzucker und erhöhten Globulinen. Die Gefäßveränderungen sind entweder zellarm oder von Lymphozyten und Histiozyten geprägt.
Zu den Behandlungsmöglichkeiten gehören Kortikosteroide und Pentoxifyllin, ein entzündungshemmend wirkender Phosphodiesterase-Hemmer, der zugleich das Anhaften neutrophiler Granulozyten an der Gefäßinnenwand verringert.
Prognose
Die Aussichten hängen stark von der Form und vom Zeitpunkt des Behandlungsbeginns ab. Die Purpura haemorrhagica kann bei früher, konsequenter Behandlung vollständig ausheilen — unbehandelt oder bei Beteiligung innerer Organe kann sie tödlich verlaufen. Die Fesselvaskulitis ist selten lebensbedrohlich, neigt aber zu chronischen, immer wiederkehrenden Verläufen.
Was Sie im Stall beitragen können, ist mehr, als es zunächst scheint: Schwellungen an Beinen und Unterbauch in den Wochen nach einer Druse oder einer Impfung sind ein Warnzeichen, das nicht auf den nächsten Routinetermin warten sollte. Und bei einem Pferd, das diese Erkrankung einmal hatte, sollte die Impfplanung künftig eng mit dem Tierarzt abgestimmt werden.
Zur gleichen Erkrankung beim Hund finden Sie eine ausführliche Darstellung unter Vaskulitis bei Hunden; eine Einordnung in die Gruppe der übrigen Autoimmunerkrankungen bei Hund, Katze und Pferd gibt die Übersichtsseite.
Quellen
Tizard IR (2023): Equine Vasculitis. In: Autoimmune Diseases in Domestic Animals, Elsevier, St. Louis, MO, 235–237
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Häufige Fragen
Welche Formen der Vaskulitis gibt es beim Pferd?
Bei Pferden werden im Wesentlichen drei Gruppen unterschieden: die Purpura haemorrhagica (eine nekrotisierende, also gewebezerstörende Gefäßentzündung), die Vaskulitis der Fessel sowie weitere Formen der equinen Vaskulitis. Bei diesen übrigen Formen bleibt die Ursache bei etwa der Hälfte der betroffenen Tiere unbekannt; bei den anderen kommen unter anderem eine photosensibilitätsgebundene Dermatitis oder Arzneimittelreaktionen infrage.
Was ist eine Purpura haemorrhagica beim Pferd?
Die Purpura haemorrhagica ist die häufigste Form einer Gefäßerkrankung der Haut bei Pferden. Es handelt sich um eine nekrotisierende Vaskulitis, die sich in der Regel nach einer akuten Infektion mit Streptococcus equi entwickelt; weitere Auslöser können Corynebacterium pseudotuberculosis, Rhodococcus equi, das equine Influenzavirus und das equine Herpesvirus Typ 1 sein. Klassischerweise treten die Symptome innerhalb von 2 bis 4 Wochen nach einer natürlichen oder durch Impfung erzeugten Exposition gegenüber Streptokokken-Antigenen auf.
Woran erkenne ich eine Vaskulitis beim Pferd?
Bei der Purpura haemorrhagica entwickeln die Pferde zunächst Urtikaria (Nesselsucht), gefolgt von gut abgegrenzten Unterhautödemen, insbesondere an den unteren Gliedmaßen und am Unterbauch, sowie punktförmigen oder kleinflächigen Blutungen in den Schleimhäuten. Hinzu kommen können Fieber, Appetitlosigkeit, Bewegungsunlust, Koliken, Nasenbluten und Gewichtsverlust. Bei den übrigen kutanen Formen sind Krusten und Schuppen die häufigsten Befunde, daneben Ödeme an Gliedmaßen, Gesicht und Kopf, Haarausfall, Geschwüre und Hautknötchen.
Ist eine Vaskulitis beim Pferd gefährlich?
Der Schweregrad ist sehr unterschiedlich und reicht von einer leichten, vorübergehenden Hautreaktion bis hin zu einer tödlichen Erkrankung. In schweren Fällen kann sich eine generalisierte Vaskulitis mit Thrombosen und Infarkten entwickeln; auch Magen-Darm-Trakt, Lunge und Muskulatur können betroffen sein, und die Ablagerung von Immunkomplexen kann zu einer Nierenentzündung (Glomerulonephritis) führen. Schwere Ödeme am Kopf können zudem Atmung und Nahrungsaufnahme beeinträchtigen.
Wie wird eine Vaskulitis beim Pferd behandelt?
Betroffene Pferde sollten sofort tierärztlich behandelt werden; alle mit der Erkrankung verbundenen Infektionen müssen mitbehandelt werden. Die Entzündung wird in der Regel durch systemische Glukokortikosteroide (Dexamethason und/oder Prednisolon) unterdrückt, ergänzt durch nichtsteroidale Entzündungshemmer wie Phenylbutazon oder Flunixin-Meglumin und Antibiotika gegen Sekundärinfektionen; bei anderen Vaskulitisformen kommt auch Pentoxifyllin infrage. Eine immunologische Begleittherapie sollte in die Behandlungsoptionen eingebracht werden.
Was ist eine Fesselvaskulitis beim Pferd?
Die Vaskulitis der Fessel tritt hauptsächlich bei erwachsenen Kaltblutpferden auf, und zwar an den nicht pigmentierten hinteren Bereichen der Fesseln, oft beidseitig und am häufigsten an den Hintergliedmaßen. Die Läsionen sind rot und geschwollen und können sich zu Geschwüren oder Rissen mit Krustenbildung entwickeln; sekundäre Infektionen durch Bakterien oder Pilze sind häufig. Die Ursache ist unbekannt, möglicherweise spielt eine Photosensibilität (krankhafte Lichtempfindlichkeit) eine Rolle; die Prognose ist eher vorsichtig zu stellen.