Bilirubin beim Hund
Bei Bilirubin handelt es sich um den gelben Gallenfarbstoff, der beim Abbau des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin entsteht; der Bilirubin-Wert zeigt beim Hund an, ob rote Blutkörperchen vermehrt zerfallen, ob die Leber den Farbstoff nicht mehr verarbeiten kann oder ob die Galle nicht abfließt. Auf dem Laborbefund steht meist das Gesamtbilirubin, manchmal zusätzlich aufgeteilt in direktes (konjugiertes) und indirektes (unkonjugiertes) Bilirubin. Ein deutlich erhöhter Wert macht sich als Gelbsucht (Ikterus) bemerkbar. Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.
Was misst der Wert?
Rote Blutkörperchen leben beim Hund etwa drei bis vier Monate; danach werden sie in Milz, Leber und Knochenmark abgebaut. Aus ihrem Hämoglobin entsteht dabei Bilirubin, das zunächst wasserunlöslich ist und an das Bluteiweiß Albumin gebunden zur Leber transportiert wird — das indirekte oder unkonjugierte Bilirubin. Die Leberzelle nimmt es auf und koppelt es an Glukuronsäure; so wird es wasserlöslich (direktes oder konjugiertes Bilirubin) und kann mit der Galle in den Darm ausgeschieden werden, wo es dem Kot seine braune Farbe gibt. Der Wert im Blut hängt also von drei Schritten ab: wie viel Bilirubin anfällt, wie viel die Leber verarbeitet und wie viel über die Galle abfließt. Ist einer dieser Schritte gestört, steigt das Bilirubin.
Zwei Besonderheiten des Hundes sind wichtig. Erstens scheiden seine Nieren konjugiertes Bilirubin schon bei geringer Erhöhung aus, sodass der Urin dunkel wird, bevor der Blutwert auffällt; eine geringe Bilirubin-Ausscheidung im konzentrierten Urin gesunder Rüden gilt sogar als normal. Zweitens wird die Gelbfärbung von Schleimhäuten, Augenweiß (Skleren) und Haut erst sichtbar, wenn der Wert um ein Mehrfaches erhöht ist — nach Literaturangaben in der Regel ab etwa 2 bis 3 mg/dl (rund 35 bis 50 µmol/l), also deutlich oberhalb des Referenzbereichs. Eine Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen in der Probe) und eine Lipämie (Trübung durch Fett) können die Messung verfälschen, und Bilirubin zerfällt unter Licht — eine Probe, die lange hell steht, ergibt falsch niedrige Werte. Die Aufteilung in direktes und indirektes Bilirubin hilft beim Hund nach übereinstimmender Einschätzung der Literatur nur begrenzt, die Ursache zu unterscheiden.
Erhöhte Werte: typische Ursachen
Die Ursachen ordnet man nach dem Ort der Störung in drei Gruppen — beim Hund sind Erkrankungen der Leber und der Gallenwege insgesamt häufiger als ein Blutzerfall:
- Hepatisch (Leberzellen): eine schwere Leberzellschädigung, bei der die Leber das Bilirubin nicht mehr verarbeiten kann — fortgeschrittene chronische Hepatitis, Zirrhose (narbiger Umbau), Leptospirose, Vergiftungen, Lebertumoren und die Infiltration durch ein Lymphom; auch eine Blutvergiftung (Sepsis) kann den Gallefluss in der Leberzelle vorübergehend lahmlegen.
- Posthepatisch (Gallenwege): ein Verschluss des Gallengangs durch eine Bauchspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis), eine Gallenblasenmukozele (Verschleimung der Gallenblase), Gallensteine oder Tumoren von Bauchspeicheldrüse, Gallengang und Zwölffingerdarm; ein Riss der Gallenblase mit Austritt von Galle in die Bauchhöhle.
- Prähepatisch (Blutzerfall, Hämolyse): rote Blutkörperchen werden schneller zerstört, als die Leber das anfallende Bilirubin verarbeiten kann — bei der immunvermittelten hämolytischen Anämie (IMHA), bei Babesiose (durch Zecken übertragene Blutparasiten), bei einer Zinkvergiftung durch verschluckte Münzen oder Schrauben, nach Aufnahme von Zwiebeln oder Knoblauch und bei Transfusionsreaktionen. Auch der Abbau eines großen Blutergusses kann den Wert leicht anheben.
Eine Erhöhung des Bilirubins ist — anders als eine mäßig erhöhte AP oder ALT — kein Befund, den man abwartet: Sie zeigt an, dass eine der drei Stufen erheblich gestört ist, und gehört zeitnah abgeklärt.
Erniedrigte Werte: typische Ursachen
Ein Bilirubin unterhalb des Referenzbereichs hat beim Hund keine klinische Bedeutung. Der Wert liegt bei gesunden Tieren ohnehin nahe der Nachweisgrenze; ein niedriger Wert bedarf keiner Abklärung.
Was der Tierarzt daraufhin meist prüft
Die erste Frage lautet: Blut oder Leber? Dazu dient das Blutbild mit Hämatokrit, Retikulozyten (jungen roten Blutkörperchen) und einem Blutausstrich, in dem Sphärozyten — kugelig verformte rote Blutkörperchen als Zeichen der IMHA — oder Babesien sichtbar werden; bei Verdacht auf Hämolyse folgen ein Coombs-Test und eine Untersuchung auf Babesiose. Ist der Hämatokrit normal, liegt die Ursache in Leber oder Gallenwegen: Dann werden ALT als Zeichen des Zellschadens sowie AP und GGT als Zeichen des Gallestaus verglichen. Ein Gallensäuren-Test ist bei bestehender Gelbsucht überflüssig, weil er nichts hinzufügt. Wichtig ist die Blutgerinnung, weil ein länger bestehender Gallestau die Aufnahme von Vitamin K stört und Blutungen begünstigt.
Die Ultraschalluntersuchung des Bauches ist der Schlüssel zur Unterscheidung zwischen hepatischer und posthepatischer Ursache: Ein erweiterter Gallengang, eine Mukozele, eine geschwollene Bauchspeicheldrüse oder eine Umfangsvermehrung werden sichtbar. Bei Verdacht auf Zinkvergiftung wird der Magen geröntgt, bei Verdacht auf Leptospirose gezielt getestet. Eine Leberbiopsie folgt, wenn die Ursache in der Leber selbst liegt und unklar bleibt.
Bezug zu Tumorerkrankungen
Ein erhöhtes Bilirubin ist weit häufiger Folge einer Pankreatitis, einer Gallenblasenerkrankung oder einer Hämolyse als eines Tumors. Ein echter Zusammenhang besteht bei Tumoren, die den Gallengang verlegen — vor allem Tumoren der Bauchspeicheldrüse, seltener der Gallengänge oder des Zwölffingerdarms; hier ist die Gelbsucht mitunter das erste Zeichen. Lebertumoren führen dagegen meist erst bei großer Ausdehnung zu Gelbsucht, weil das verbleibende Gewebe die Ausscheidung lange aufrechterhält; welche Werte dort früher auffallen, beschreibt die Seite Blutwerte bei einem Lebertumor. Eine Hämolyse als Begleiterscheinung eines Tumors (paraneoplastisch) ist beim Hund beschrieben, aber selten.
Was bedeutet das für Ihren Hund?
Ein erhöhtes Bilirubin ist ein ernst zu nehmender Hinweis, aber keine Diagnose — und vor allem noch kein Urteil über die Prognose, denn eine Pankreatitis, eine Babesiose oder eine Gallenblasenerkrankung sind behandelbar. Referenzbereiche unterscheiden sich von Labor zu Labor; maßgeblich ist der Bereich, der auf dem Befund Ihres Hundes gedruckt ist. Der Verlauf unter Behandlung zeigt, ob die Ursache erfasst ist: Sinkt das Bilirubin, hellt sich auch die Gelbfärbung wieder auf. Wie die übrigen Leberwerte dazu passen, ordnet Ihr behandelnder Tierarzt im Gespräch ein.
Quellen
- Center SA (2007): Interpretation of liver enzymes, Vet Clin North Am Small Anim Pract 37(2):297–333
- Lawrence YA, Steiner JM (2017): Laboratory evaluation of the liver, Vet Clin North Am Small Anim Pract 47(3):539–553
- Stockham SL, Scott MA (2008): Fundamentals of Veterinary Clinical Pathology, 2nd ed., Blackwell, Ames
- Neiger R (Hrsg.) (2019): Differenzialdiagnosen Innere Medizin bei Hund und Katze, 3. Aufl., Thieme, Stuttgart
- Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
Häufige Fragen
Was bedeutet ein erhöhtes Bilirubin bei meinem Hund?
Ein erhöhtes Bilirubin zeigt, dass eine von drei Stufen gestört ist: Entweder zerfallen zu viele rote Blutkörperchen, die Leber kann den Farbstoff nicht mehr verarbeiten, oder die Galle fließt nicht ab. Welche Stufe betroffen ist, klärt der Tierarzt über Hämatokrit, Leberenzyme und eine Ultraschalluntersuchung.
Ab wann sieht man bei einem Hund eine Gelbsucht?
Die Gelbfärbung von Schleimhäuten, Augenweiß und Haut wird in der Regel erst sichtbar, wenn das Bilirubin um ein Mehrfaches erhöht ist — nach Literaturangaben etwa ab 2 bis 3 mg/dl. Dunkler, bräunlich-gelber Urin fällt beim Hund meist früher auf, weil seine Nieren Bilirubin schon bei geringer Erhöhung ausscheiden.
Ist ein erhöhtes Bilirubin bei meinem Hund gefährlich?
Ein erhöhtes Bilirubin ist ein ernst zu nehmender Befund, der zeitnah abgeklärt gehört, aber kein Urteil über die Prognose: Pankreatitis, Babesiose, immunvermittelte Hämolyse oder eine Gallenblasenerkrankung sind behandelbar. Sinkt der Wert unter der Behandlung, hellt sich auch die Gelbfärbung wieder auf.
Kann die Blutprobe den Bilirubin-Wert verfälschen?
Ja. Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen in der Probe) und Lipämie (Trübung durch Fett) stören die Messung, und Bilirubin zerfällt unter Licht, sodass eine lange hell stehende Probe falsch niedrige Werte ergibt. Bei Zweifeln wird der Wert aus einer frischen, lichtgeschützten Probe wiederholt.
Bedeutet Gelbsucht, dass mein Hund einen Tumor hat?
In den meisten Fällen nicht — Pankreatitis, Gallenblasenerkrankungen und Blutzerfall sind weit häufigere Ursachen. Tumoren der Bauchspeicheldrüse oder der Gallengänge können jedoch den Gallengang verlegen und Gelbsucht auslösen; die Ultraschalluntersuchung des Bauches klärt das in der Regel rasch.
Welche Untersuchungen macht der Tierarzt bei erhöhtem Bilirubin?
Zuerst Blutbild, Hämatokrit und Blutausstrich, um einen Blutzerfall zu erkennen, dazu ALT, AP und GGT für Leber und Gallenwege sowie die Blutgerinnung. Dann folgt die Ultraschalluntersuchung des Bauches, die Gallengang, Gallenblase, Bauchspeicheldrüse und Leber zeigt; je nach Verdacht kommen Tests auf Babesiose oder Leptospirose und eine Leberbiopsie hinzu.