Blutwerte beim Hund verstehen
Bei den Blutwerten beim Hund handelt es sich um Messwerte aus einer Blutprobe, mit denen der Tierarzt die Blutbildung, die Organfunktionen und den Stoffwechsel Ihres Hundes beurteilt. Ein Laborbefund besteht dabei aus zwei Teilen: dem Blutbild (Hämatologie), also der Zählung und Beurteilung der Blutzellen, und dem Organprofil (klinische Chemie), das Enzyme, Abbauprodukte, Eiweiße, Salze und Stoffwechselprodukte im Blutserum misst. Diese Seite erklärt, wie ein Befund aufgebaut ist, warum Referenzbereiche von Labor zu Labor abweichen und was einzelne Werte verfälscht — und sie führt zu den Erklärungen jedes einzelnen Werts.
Wie ein Laborbefund aufgebaut ist
Der erste Block eines Befunds ist in der Regel das Blutbild. Es zählt die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) mit ihrem Farbstoff Hämoglobin und dem Hämatokrit (dem Anteil der Zellen am Blutvolumen), die Blutplättchen (Thrombozyten) und die weißen Blutkörperchen (Leukozyten). Beim sogenannten Differenzialblutbild werden die weißen Blutkörperchen zusätzlich in ihre Untergruppen aufgeteilt — Neutrophile, Lymphozyten, Monozyten, Eosinophile und Basophile —, weil erst diese Verteilung erkennen lässt, ob eine Entzündung, eine Stressreaktion, eine Allergie oder eine Erkrankung des Knochenmarks dahintersteckt. Viele Labore ergänzen eine Beurteilung des Blutausstrichs unter dem Mikroskop: Dort fallen veränderte Zellformen auf, die kein Zählgerät erkennt.
Der zweite Block ist das Organprofil. Hier stehen die Nierenwerte (Kreatinin, Harnstoff, SDMA, Phosphat), die Leberwerte (ALT, AST, alkalische Phosphatase, GGT, Bilirubin, Gallensäuren), die Werte der Bauchspeicheldrüse (Lipase, Amylase), die Eiweiße (Gesamteiweiß, Albumin, Globuline), die Elektrolyte, also die Blutsalze (Natrium, Kalium, Chlorid, Calcium), Stoffwechselwerte (Glukose, Cholesterin, Triglyceride) sowie Marker für Muskel und Entzündung (CK, CRP). Welche Werte ein Befund enthält, hängt vom bestellten Profil ab: Ein „kleines” Profil vor einer Narkose umfasst wenige Werte, ein „großes” geriatrisches Profil deutlich mehr.
Hinter jedem Wert steht ein Referenzbereich, und abweichende Werte sind mit einem Pfeil, einem „H” (high) oder „L” (low) oder farbig markiert. Die Einheiten unterscheiden sich je nach Labor: Kreatinin etwa wird in µmol/l oder mg/dl angegeben, Zellzahlen in × 10⁹/l oder pro µl. Ein Wert lässt sich deshalb nur mit dem Referenzbereich desselben Befunds vergleichen — nicht mit einer Tabelle aus dem Internet und nicht mit einem älteren Befund aus einem anderen Labor.
Referenzbereiche: warum jedes Labor andere hat
Ein Referenzbereich wird statistisch ermittelt: Das Labor misst den Wert bei einer größeren Zahl gesunder Hunde und legt den Bereich so fest, dass rund 95 % dieser gesunden Tiere hineinfallen. Daraus folgen zwei Dinge, die Halter kennen sollten. Erstens hängt der Bereich von der Messmethode, dem Gerät und der untersuchten Hundegruppe ab — deshalb weichen die Bereiche zwischen Laboren ab, und deshalb gibt es auf dieser Website bewusst keine eigenen Normwert-Tabellen. Zweitens liegt bei einem Referenzbereich, der 95 % der Gesunden umfasst, rein rechnerisch etwa einer von zwanzig gesunden Hunden mit diesem einen Wert knapp außerhalb. Bei einem Profil mit zwanzig Werten ist es daher eher die Regel als die Ausnahme, dass ein einzelner Wert leicht abweicht, ohne dass der Hund krank ist.
Eine Abweichung wird deshalb nach drei Fragen eingeordnet: Wie weit liegt der Wert vom Bereich entfernt — knapp daneben oder um ein Mehrfaches? Passen andere Werte und die Krankheitszeichen dazu? Und bleibt die Abweichung bei einer Kontrolle bestehen? Ein einzelner, knapp abweichender Wert bei einem munteren Hund wird in der Regel kontrolliert, nicht behandelt. Ein Wert, der um ein Mehrfaches erhöht ist oder zu den Beschwerden passt, wird abgeklärt.
Was das Ergebnis verfälschen kann
Nicht jede Abweichung stammt vom Hund; viele stammen von der Probe. Die wichtigsten Störfaktoren:
- Fütterung vor der Blutentnahme: Nach einer Mahlzeit steigen Triglyceride, Cholesterin, Glukose und Harnstoff, und das Serum wird trüb (Lipämie), was weitere Messungen stört. Für ein Organprofil sollte der Hund in der Regel etwa zwölf Stunden nüchtern sein; Wasser darf er trinken.
- Hämolyse: Zerfallen rote Blutkörperchen in der Probe — bei schwieriger Blutentnahme, langem Transport oder Hitze —, treten Stoffe aus den Zellen aus. Kalium, AST, Phosphat und Bilirubin erscheinen dann zu hoch, andere Werte werden verfälscht. Das Labor vermerkt eine Hämolyse meist auf dem Befund.
- Aufregung und Stress: Aufregung in der Praxis lässt die Milz Blut abgeben und erhöht vorübergehend Hämatokrit, Leukozyten und Lymphozyten; anhaltender Stress oder Kortison führen zum sogenannten Stress-Leukogramm mit vermehrten Neutrophilen und verminderten Lymphozyten und Eosinophilen.
- Medikamente: Kortison erhöht beim Hund die alkalische Phosphatase, ALT, Cholesterin und Glukose; Phenobarbital gegen Epilepsie hebt die Leberwerte an; entwässernde Mittel und Herzmedikamente verändern Kalium und Natrium. Der Tierarzt braucht deshalb die vollständige Medikamentenliste.
- Alter und Rasse: Welpen und Junghunde haben im Wachstum eine physiologisch hohe alkalische Phosphatase und ein hohes Phosphat; Windhunde wie Greyhound und Whippet haben von Natur aus höhere Hämatokrit- und Kreatininwerte; der Cavalier King Charles Spaniel hat erblich große, aber weniger Blutplättchen, was das Zählgerät als Mangel meldet.
- Lagerung der Probe: Steht Vollblut lange, verbrauchen die Zellen Glukose — der Blutzucker erscheint zu niedrig —, und Kalium tritt aus. Bei Verdacht auf Unterzuckerung wird die Probe deshalb sofort verarbeitet.
Wer den Befund liest, sollte deshalb immer wissen, wann der Hund zuletzt gefressen hat, wie aufgeregt er war und was er an Medikamenten bekommt.
Alle Werte im Überblick
Jeder Wert hat eine eigene Seite, die erklärt, was er misst, welche Ursachen hinter erhöhten und erniedrigten Werten stehen, was der Tierarzt daraufhin prüft und ob ein Bezug zu Tumorerkrankungen besteht.
Rotes Blutbild
| Wert | Abkürzung | Steht für |
|---|---|---|
| Hämatokrit | HKT, PCV | Anteil der Blutzellen am Blutvolumen — der Leitwert für Blutarmut (Anämie) und Eindickung |
| Hämoglobin | Hb, HGB | Menge des roten Blutfarbstoffs, der Sauerstoff transportiert |
| Erythrozyten | RBC | Zahl der roten Blutkörperchen |
| MCV, MCH, MCHC | — | Größe und Farbstoffgehalt der roten Blutkörperchen — Hinweis auf Eisenmangel oder Regeneration |
| Retikulozyten | RETIC | junge rote Blutkörperchen — zeigen, ob das Knochenmark eine Anämie ausgleicht |
| Thrombozyten | PLT | Blutplättchen für die Blutstillung |
Weißes Blutbild
| Wert | Abkürzung | Steht für |
|---|---|---|
| Leukozyten | WBC | Gesamtzahl der weißen Blutkörperchen |
| Neutrophile Granulozyten | NEU, Seg/Stab | Abwehrzellen gegen Bakterien — steigen bei Entzündung und Stress, fallen unter Chemotherapie |
| Lymphozyten | LYM | Zellen der spezifischen Abwehr — fallen bei Stress, steigen bei manchen Infektionen und Leukämien |
| Monozyten | MONO | Fresszellen — steigen bei chronischer Entzündung und Gewebeuntergang |
| Eosinophile Granulozyten | EOS | steigen bei Parasiten und Allergien |
| Basophile Granulozyten | BASO | seltene Zellen, meist gemeinsam mit den Eosinophilen verändert |
Nierenwerte und Elektrolyte
| Wert | Abkürzung | Steht für |
|---|---|---|
| Kreatinin | CREA | Filterleistung der Nieren — steigt erst bei deutlichem Funktionsverlust |
| Harnstoff | BUN, Urea | Nierenfunktion, Flüssigkeitshaushalt und Eiweißumsatz |
| SDMA | SDMA | früher Nierenmarker, unabhängig von der Muskelmasse |
| Phosphat | P, PHOS | Mineralhaushalt — steigt bei Nierenerkrankung, physiologisch hoch im Wachstum |
| Calcium | Ca | Knochen- und Nervenstoffwechsel — ein erhöhter Wert wird abgeklärt |
| Kalium | K | Salz für Muskel- und Herzfunktion — verändert bei Addison, Nierenversagen und Erbrechen |
| Natrium und Chlorid | Na, Cl | Wasserhaushalt des Körpers |
Leberwerte
Einen Überblick über alle Leberwerte und ihre Unterschiede gibt die Seite Erhöhte Leberwerte beim Hund.
| Wert | Abkürzung | Steht für |
|---|---|---|
| ALT | ALT, GPT | Schädigung von Leberzellen — der leberspezifischste Wert des Hundes |
| AST | AST, GOT | Zellschädigung in Leber und Muskel |
| Alkalische Phosphatase | AP, ALP | Gallestau, Kortisoneinfluss, Knochenumbau — der am häufigsten erhöhte Leberwert |
| GGT | GGT, γ-GT | Gallestau (Cholestase) |
| Bilirubin | BILI | Gallenfarbstoff — erhöht bei Blutzerfall, Leberschaden und Gallestau |
| Gallensäuren | BA | Funktionstest der Leber, etwa bei Verdacht auf einen Shunt |
Bauchspeicheldrüse und Eiweiße
| Wert | Abkürzung | Steht für |
|---|---|---|
| Lipase | LIP, cPL, DGGR | Bauchspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis) |
| Amylase | AMY | älterer, wenig spezifischer Pankreaswert |
| Gesamteiweiß | TP | Summe aus Albumin und Globulinen — Flüssigkeitshaushalt, Eiweißverlust, Entzündung |
| Albumin | ALB | Haupteiweiß des Bluts — Leberleistung und Eiweißverlust über Darm oder Niere |
| Globuline | GLOB | Abwehr- und Transporteiweiße — erhöht bei chronischer Entzündung und bestimmten Tumoren |
Stoffwechsel, Muskel und Entzündung
| Wert | Abkürzung | Steht für |
|---|---|---|
| Glukose | GLU | Blutzucker — Diabetes, Stress, Unterzuckerung; mit Fruktosamin als Langzeitwert |
| Cholesterin | CHOL | Fettstoffwechsel — erhöht bei Schilddrüsenunterfunktion, Cushing, Diabetes |
| Triglyceride | TRIG | Blutfette — Fütterung, erbliche Fettstoffwechselstörung, Pankreatitis-Risiko |
| CK | CK, CPK | akuter Muskelschaden |
| CRP | CRP | systemische Entzündung — steigt nicht durch Stress |
Blutwerte und Tumorerkrankungen
Eine Frage stellen sich viele Halter, die einen Befund in der Hand halten: Kann man an den Blutwerten erkennen, ob ein Hund Krebs hat? Die ehrliche Antwort lautet: nicht direkt. Es gibt beim Hund keinen Routine-Blutwert, der einen Tumor beweist, und ein unauffälliges Blutbild schließt einen Tumor nicht aus. Was die Blutwerte zeigen, sind die Folgen und Begleiterscheinungen einer Tumorerkrankung — und die haben fast immer auch andere, häufigere Ursachen. Zu den Mustern, die den Tierarzt aufmerksam machen, gehören eine Anämie ohne erkennbaren Blutverlust, eine anhaltend verminderte Zahl der Blutplättchen, ein anhaltend erhöhtes Calcium, stark erhöhte Globuline, eine unerklärte Unterzuckerung oder sehr hohe Zahlen unreifer weißer Blutkörperchen. Jedes dieser Muster wird auf der jeweiligen Wertseite eingeordnet.
Auf der anderen Seite sind die Blutwerte für Hunde mit einer bekannten Tumorerkrankung unverzichtbar: Sie zeigen, ob ein Hund narkosefähig ist, wie viel Blut ein blutender Tumor gekostet hat, ob Leber und Nieren eine Behandlung vertragen und wie das Knochenmark eine Chemotherapie wegsteckt. Was das im Einzelnen bedeutet, beschreiben die Seiten zu den Blutwerten beim Milztumor, den Blutwerten beim Lebertumor, den Blutwerten der Bauchspeicheldrüse, zu Tumormarkern und zum Blutbild unter Chemotherapie.
Was bedeutet das für Ihren Hund?
Ein Laborbefund ist eine Momentaufnahme, keine Diagnose. Er gewinnt seine Bedeutung erst im Zusammenhang: mit dem Alter und der Rasse Ihres Hundes, mit dem, was Sie zu Hause beobachten, mit der klinischen Untersuchung und — bei auffälligen Werten — mit einer Kontrolle nach einigen Tagen oder Wochen. Wenn auf dem Befund Ihres Hundes ein Wert markiert ist, lohnt sich ein Blick auf die Seite zu diesem Wert; sie erklärt, welche Ursachen häufig sind und welche selten, und was Ihr Tierarzt als Nächstes prüfen wird. Die Einordnung selbst bleibt das Gespräch mit dem behandelnden Tierarzt, der Ihren Hund kennt und den ganzen Befund vor sich hat.
Quellen
- Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
- Stockham SL, Scott MA (2008): Fundamentals of Veterinary Clinical Pathology, 2nd ed., Blackwell, Ames
- Thrall MA, Weiser G, Allison RW, Campbell TW (2012): Veterinary Hematology and Clinical Chemistry, 2nd ed., Wiley-Blackwell, Ames
- Kohn B, Schwarz G (Hrsg.) (2017): Praktikum der Hundeklinik, 12. Aufl., Enke, Stuttgart
- Childress MO (2012): Hematologic abnormalities in the small animal cancer patient, Vet Clin North Am Small Anim Pract 42(1):123–155
Häufige Fragen
Was steht alles in einem Blutbefund meines Hundes?
Ein Befund besteht aus dem Blutbild — der Zählung der roten und weißen Blutkörperchen und der Blutplättchen, oft mit Differenzialblutbild — und dem Organprofil, das Nieren-, Leber- und Bauchspeicheldrüsenwerte, Eiweiße, Blutsalze und Stoffwechselwerte umfasst. Welche Werte enthalten sind, hängt vom bestellten Profil ab.
Warum gibt es auf dieser Seite keine Normwerte für Hunde?
Referenzbereiche hängen von Messmethode, Gerät und untersuchter Hundegruppe ab und unterscheiden sich deshalb von Labor zu Labor. Maßgeblich ist immer der Bereich, der auf dem Befund Ihres Hundes gedruckt ist — ein Vergleich mit fremden Tabellen führt in die Irre.
Ein Wert ist leicht außerhalb des Referenzbereichs — ist mein Hund krank?
Nicht unbedingt. Referenzbereiche umfassen rund 95 % der gesunden Hunde, sodass bei einem Profil mit vielen Werten ein einzelner, knapp abweichender Wert häufig ohne Krankheitswert ist. Entscheidend sind die Höhe der Abweichung, die übrigen Werte, die Beschwerden des Hundes und eine Kontrolle.
Muss mein Hund vor der Blutentnahme nüchtern sein?
Für ein Organprofil in der Regel ja, etwa zwölf Stunden — Wasser darf er trinken. Nach einer Mahlzeit steigen Blutfette, Glukose und Harnstoff, und das Serum wird trüb, was weitere Messungen stört.
Kann man an den Blutwerten erkennen, ob mein Hund Krebs hat?
Nicht direkt: Es gibt keinen Routine-Blutwert, der einen Tumor beweist, und ein unauffälliger Befund schließt ihn nicht aus. Bestimmte Muster — etwa eine unerklärte Anämie, ein anhaltend erhöhtes Calcium oder stark erhöhte Globuline — machen den Tierarzt aufmerksam und werden dann gezielt abgeklärt.
Welche Faktoren können die Blutwerte meines Hundes verfälschen?
Fütterung vor der Entnahme, Aufregung, Medikamente wie Kortison, das Alter (Welpen haben eine hohe alkalische Phosphatase), die Rasse (Windhunde haben höhere Hämatokrit- und Kreatininwerte) sowie eine Hämolyse oder lange Lagerung der Probe. Der Tierarzt braucht deshalb Angaben zu Fütterung und Medikamenten.