Hämoglobin beim Hund
Hämoglobin beim Hund ist der rote Blutfarbstoff in den Erythrozyten (roten Blutkörperchen), der Sauerstoff in der Lunge bindet und in die Gewebe trägt. Auf dem Laborbefund steht der Wert als Hb oder HGB, angegeben in g/dl, g/l oder mmol/l. Anders als der Hämatokrit, der den Zellanteil am Blut misst, beschreibt er die Menge an Farbstoff — und damit die Sauerstoff-Transportkapazität des Blutes. Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.
Was misst der Wert?
Hämoglobin ist ein Eiweiß, das in seinem Kern Eisen trägt; an dieses Eisen lagert sich der Sauerstoff an. Gebildet wird es im Knochenmark während der Reifung der Erythrozyten; dafür braucht der Körper vor allem Eisen. Am Ende der Lebensdauer einer Zelle wird der Farbstoff in Milz und Leber abgebaut: Das Eisen wird wiederverwertet, aus dem Rest entsteht der Gallenfarbstoff Bilirubin. Der Hämoglobinwert bewegt sich deshalb im Gleichklang mit Hämatokrit und Erythrozytenzahl; als Faustregel ergibt das Hämoglobin in g/dl, mit drei multipliziert, ungefähr den Hämatokrit in Prozent.
Das Analysegerät misst den Wert, indem es die Erythrozyten in der Probe auflöst und die Farbe der Lösung photometrisch bestimmt. Alles, was die Lösung zusätzlich trübt, verfälscht das Ergebnis: Lipämie (milchig-trübes Serum durch Blutfette, etwa nach einer fetthaltigen Mahlzeit) täuscht ein zu hohes Hämoglobin vor. Eine Hämolyse in der Probe — der Zerfall von Zellen bei der Blutentnahme oder Lagerung — senkt den Hämatokrit, nicht aber das Hämoglobin, sodass die daraus berechnete mittlere Hämoglobinkonzentration (MCHC) unplausibel hoch ausfällt. Ein solches Muster spricht für eine Störung in der Probe, nicht für eine Erkrankung. Aufregung, Rasse (Windhunde liegen höher), Alter (Welpen liegen niedriger) und Flüssigkeitshaushalt wirken auf das Hämoglobin genauso wie auf den Hämatokrit.
Erhöhte Werte: typische Ursachen
Ein erhöhtes Hämoglobin hat beim Hund fast immer dieselben Ursachen wie ein erhöhter Hämatokrit — das Blut ist eingedickt oder es sind mehr Zellen vorhanden:
- Dehydratation (Flüssigkeitsmangel): durch Erbrechen, Durchfall, Fieber oder zu wenig Trinken; die häufigste Ursache.
- Aufregung und Anstrengung: Die Milz zieht sich zusammen und gibt gespeicherte Erythrozyten ab — vorübergehend und harmlos.
- Rasse: Windhunde wie Greyhound und Whippet haben physiologisch höhere Werte.
- Messartefakt durch Lipämie: erkennbar an einem erhöhten Hämoglobin und MCHC bei normalem Hämatokrit.
- Echte Polyzythämie (Mehrbildung roter Blutkörperchen): selten; bei chronischem Sauerstoffmangel durch Herz- oder Lungenerkrankungen, bei EPO-bildenden Nierentumoren oder bei der sehr seltenen Polycythaemia vera, einer Knochenmarkerkrankung.
Ein isoliert erhöhtes Hämoglobin bei normalem Hämatokrit ist praktisch immer ein Artefakt und wird mit einer neuen, nüchtern entnommenen Probe überprüft.
Erniedrigte Werte: typische Ursachen
Ein erniedrigtes Hämoglobin bedeutet Blutarmut (Anämie). Grundsätzlich gelten die drei Mechanismen Blutverlust, Hämolyse (Zerfall der Erythrozyten) und verminderte Bildung. Das Hämoglobin ist dabei der Wert, der einen Eisenmangel am deutlichsten anzeigt: Fehlt Eisen, bildet das Knochenmark kleine, blasse Erythrozyten mit wenig Farbstoff — das Hämoglobin fällt stärker als die Zellzahl.
- Chronischer Blutverlust mit Eisenmangel: Magen-Darm-Blutungen durch Geschwüre, Schmerzmittel (NSAID) oder Darmparasiten, starker Flohbefall bei Welpen, langsam blutende Tumoren. Beim Hund ist Eisenmangel fast nie ernährungsbedingt, sondern nahezu immer Folge eines Blutverlusts.
- Anämie der chronischen Erkrankung: Bei lang anhaltender Entzündung, Infektion oder Tumorerkrankung hält der Körper Eisen im Speicher zurück; die Anämie ist meist mild.
- Hämolyse: vor allem die immunmediierte hämolytische Anämie, außerdem Babesiose (von Zecken übertragen), Zinkvergiftung und Zwiebeln; hier fallen Hämoglobin und Hämatokrit parallel, das Bilirubin steigt.
- Akuter Blutverlust: Unfall, Operation, Gerinnungsstörung, Blutung aus einem Tumor.
- Verminderte Bildung: EPO-Mangel bei chronischer Nierenerkrankung, Knochenmarkerkrankungen, Chemotherapie, Schilddrüsenunterfunktion.
Beschwerden zeigen sich erst bei deutlicher Anämie: blasse Schleimhäute, rasche Ermüdung, schnelle Atmung, bei ausgeprägter Blutarmut mitunter ein Herzgeräusch durch das dünnflüssige Blut.
Was der Tierarzt daraufhin meist prüft
Zuerst wird das Hämoglobin mit Hämatokrit und Erythrozytenzahl abgeglichen; aus ihnen ergeben sich die Erythrozytenindizes MCV, MCH und MCHC, die Größe und Farbstoffgehalt der Zellen beschreiben. Kleine, farbstoffarme Zellen (mikrozytär-hypochrom) sind der Fingerabdruck des Eisenmangels; die Retikulozyten (junge Erythrozyten) zeigen, ob das Knochenmark reagiert. Im Blutausstrich beurteilt der Tierarzt Größe, Färbung und Form der Zellen und sucht nach Blutparasiten. Das Gesamteiweiß hilft, Blutverlust von Hämolyse zu unterscheiden; Bilirubin und Coombs-Test (Nachweis von Antikörpern gegen die eigenen Erythrozyten) klären den Verdacht auf Hämolyse.
Bei Eisenmangel beginnt die Suche nach der Blutungsquelle: mehrere Kotproben auf verstecktes Blut und Parasiten, weil Blutungen im Darm oft nur zeitweise auftreten, eine Urinuntersuchung, ein Ultraschall des Bauches und gegebenenfalls eine Endoskopie (Spiegelung) von Magen und Darm. Der Eisenstatus selbst — Serumeisen, Ferritin (Speichereisen) — lässt sich in Speziallaboren bestimmen.
Bezug zu Tumorerkrankungen
Ein niedriges Hämoglobin ist kein Tumorzeichen; die weitaus häufigeren Ursachen sind Entzündungen, Infektionen, Parasiten und Immunerkrankungen. Bei Tumorpatienten ist eine Anämie nach Childress et al. allerdings die häufigste Blutbildveränderung. Für das Hämoglobin sind zwei Mechanismen von Bedeutung: der schleichende Blutverlust aus Tumoren des Magen-Darm-Trakts, der zu einer Eisenmangelanämie mit besonders niedrigem Hämoglobin führt — auch der Mastzelltumor gehört hierher, weil er Histamin freisetzt und dadurch Magengeschwüre auslösen kann —, und die Anämie der chronischen Erkrankung, bei der der Tumor über Entzündungsbotenstoffe die Eisenverwertung bremst. Unter einer Chemotherapie wird das Hämoglobin regelmäßig kontrolliert; ein deutlicher Abfall ist beim Hund seltener als ein Abfall der weißen Blutkörperchen, kann aber eine Anpassung der Behandlung erforderlich machen.
Was bedeutet das für Ihren Hund?
Ein einzelner Hämoglobinwert ist keine Diagnose. Referenzbereiche unterscheiden sich von Labor zu Labor; maßgeblich ist der Bereich, der auf dem Befund Ihres Hundes steht. Ein leicht erniedrigter Wert bei einem Hund, der frisst, spielt und belastbar ist, hat ein anderes Gewicht als ein Wert, der über Wochen weiter fällt — der Verlauf zählt mehr als die Momentaufnahme. Was der Wert für Ihren Hund bedeutet, ergibt sich aus dem Zusammenspiel mit den übrigen Blutwerten und der Untersuchung durch Ihren behandelnden Tierarzt.
Quellen
- Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
- Thrall MA, Weiser G, Allison RW, Campbell TW (2012): Veterinary Hematology and Clinical Chemistry, 2nd ed., Wiley-Blackwell, Ames
- Stockham SL, Scott MA (2008): Fundamentals of Veterinary Clinical Pathology, 2nd ed., Blackwell, Ames
- Kohn B, Schwarz G (Hrsg.) (2017): Praktikum der Hundeklinik, 12. Aufl., Enke, Stuttgart
- Childress MO (2012): Hematologic abnormalities in the small animal cancer patient, Vet Clin North Am Small Anim Pract 42(1):123–155
Häufige Fragen
Was bedeutet ein niedriges Hämoglobin bei meinem Hund?
Ein niedriges Hämoglobin bedeutet Blutarmut (Anämie): Der Körper hat zu wenig roten Blutfarbstoff und damit zu wenig Sauerstofftransportkapazität. Dahinter stehen Blutverlust, Zerfall der roten Blutkörperchen (Hämolyse) oder eine verminderte Bildung im Knochenmark; besonders stark fällt das Hämoglobin bei Eisenmangel.
Ist ein erhöhtes Hämoglobin bei meinem Hund schlimm?
In der Regel nicht. Meist ist das Blut durch Flüssigkeitsmangel eingedickt oder der Hund war bei der Blutentnahme aufgeregt; Windhunde haben von Natur aus höhere Werte. Ein isoliert erhöhtes Hämoglobin bei normalem Hämatokrit ist fast immer ein Messartefakt durch Blutfette und wird mit einer nüchternen Probe überprüft.
Warum stehen Hämoglobin und Hämatokrit beide auf dem Befund?
Der Hämatokrit misst den Anteil der Zellen am Blut, das Hämoglobin die Menge des Farbstoffs in diesen Zellen. Normalerweise entspricht das Hämoglobin in g/dl, mit drei multipliziert, etwa dem Hämatokrit in Prozent; weicht das Verhältnis deutlich ab, weist das auf eine Störung in der Probe oder auf Eisenmangel hin.
Kann Eisenmangel bei meinem Hund vom Futter kommen?
Beim Hund ist Eisenmangel fast nie ernährungsbedingt. Nahezu immer geht er auf einen chronischen Blutverlust zurück — etwa durch Magen-Darm-Geschwüre, Darmparasiten, starken Flohbefall oder einen langsam blutenden Tumor. Deshalb sucht der Tierarzt bei Eisenmangel gezielt nach einer Blutungsquelle.
Was untersucht der Tierarzt, wenn das Hämoglobin zu niedrig ist?
Er vergleicht das Hämoglobin mit Hämatokrit und Erythrozytenzahl, beurteilt Größe und Farbstoffgehalt der Zellen (MCV, MCH, MCHC), bestimmt die Retikulozyten und sieht sich den Blutausstrich an. Je nach Ergebnis folgen Kotuntersuchungen auf verstecktes Blut, Bilirubin, ein Ultraschall des Bauches oder eine Endoskopie.
Deutet ein niedriges Hämoglobin auf Krebs hin?
Nein, die weitaus häufigeren Ursachen sind Entzündungen, Infektionen, Parasiten und Immunerkrankungen. Bei Tumorpatienten ist eine Anämie allerdings die häufigste Blutbildveränderung — vor allem durch schleichenden Blutverlust aus Tumoren des Magen-Darm-Trakts oder durch die Anämie der chronischen Erkrankung.