MCV, MCH und MCHC beim Hund

MCV, MCH und MCHC beim Hund sind die drei Erythrozytenindizes — Kenngrößen, die beschreiben, wie groß die roten Blutkörperchen sind und wie viel roten Blutfarbstoff sie enthalten. MCV steht für das mittlere Zellvolumen (mean corpuscular volume, in fl), MCH für den mittleren Hämoglobingehalt einer einzelnen Zelle (in pg) und MCHC für die mittlere Hämoglobinkonzentration innerhalb der Zellen (in g/dl). Auf dem Befund stehen sie direkt unter Erythrozyten, Hämatokrit und Hämoglobin, aus denen sie berechnet werden. Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.

Was misst der Wert?

Die Indizes werden nicht eigens gemessen, sondern errechnet: Das MCV ergibt sich aus Hämatokrit geteilt durch Erythrozytenzahl, das MCH aus Hämoglobin geteilt durch Erythrozytenzahl und das MCHC aus Hämoglobin geteilt durch Hämatokrit. Ihr Nutzen liegt darin, eine Blutarmut (Anämie) zu charakterisieren: Nach dem MCV unterscheidet man mikrozytäre (zu kleine), normozytäre und makrozytäre (zu große) Erythrozyten, nach dem MCHC hypochrome (farbstoffarme) und normochrome. Das MCH folgt meist dem MCV, weil eine kleine Zelle weniger Farbstoff fasst; das MCHC ist von der Zellgröße unabhängig und deshalb robuster. Die oft mitangegebene RDW (Erythrozytenverteilungsbreite) misst, wie unterschiedlich groß die Zellen sind.

Beim gesunden Hund sind die Indizes bemerkenswert stabil; sie verändern sich, wenn das Knochenmark anders baut oder die Probe gestört ist. Retikulozyten, also junge Erythrozyten, sind größer und farbstoffärmer als reife Zellen; eine kräftige Regeneration hebt deshalb das MCV und senkt das MCHC leicht. Einige Rassen weichen von Natur aus ab: Akita und Shiba Inu haben physiologisch kleine Erythrozyten, bei Pudeln kommt eine erbliche, harmlose Makrozytose vor.

MusterMCVMCHCTypische Ursachen
mikrozytär-hypochromerniedrigterniedrigt oder normalEisenmangel durch chronischen Blutverlust, portosystemischer Shunt, Rasse (Akita, Shiba Inu)
normozytär-normochromnormalnormalAnämie der chronischen Erkrankung, Nierenerkrankung, Knochenmarkerkrankung, frische Blutung
makrozytär-hypochromerhöhterniedrigtstarke Regeneration nach Blutverlust oder Hämolyse
makrozytär-normochromerhöhtnormalPudel-Makrozytose, einzelne Medikamente, Agglutination als Artefakt

Erhöhte Werte: typische Ursachen

Ein erhöhtes MCV (Makrozytose) bedeutet zu große Erythrozyten:

  • Regeneration: Nach Blutverlust oder Hämolyse (Zerfall der Erythrozyten) schickt das Knochenmark vermehrt junge, große Zellen ins Blut — die häufigste Ursache und bei einer Anämie ein günstiges Zeichen.
  • Agglutination in der Probe: Verklumpte Zellen zählt das Gerät als eine große Zelle; typisch bei immunvermittelter Hämolyse.
  • Lange Probenlagerung: In lange gelagerten Blutproben quellen die Erythrozyten auf; das MCV steigt, ohne dass der Hund etwas hat.
  • Rasse: die erbliche Makrozytose des Pudels, ohne Anämie und ohne Krankheitswert.
  • Medikamente: einzelne Zytostatika, etwa Hydroxycarbamid — in der Regel harmlos.
  • Knochenmarkerkrankungen: selten, meist zusammen mit einer nicht-regenerativen Anämie.

Ein erhöhtes MCHC ist fast immer ein Artefakt: Eine Zelle kann nicht mehr Farbstoff enthalten, als in sie hineinpasst. Hämolyse in der Probe oder im Körper und Lipämie (milchig-trübes Serum durch Blutfette) täuschen ein zu hohes Hämoglobin und damit MCHC vor; ein erhöhtes MCH folgt dem MCV oder demselben Artefakt.

Erniedrigte Werte: typische Ursachen

Ein erniedrigtes MCV (Mikrozytose) bedeutet zu kleine Erythrozyten:

  • Eisenmangel durch chronischen Blutverlust: Fehlt Eisen, bleiben die Zellen klein und blass. Beim Hund ist Eisenmangel fast nie ernährungsbedingt, sondern Folge einer über Wochen andauernden Blutung: Magen-Darm-Geschwüre, Schmerzmittel (NSAID), Darmparasiten oder langsam blutende Tumoren. Das MCV fällt dabei früher als das MCHC; oft sind zugleich die Thrombozyten erhöht.
  • Portosystemischer Shunt: eine Gefäßfehlbildung, bei der Blut aus dem Darm an der Leber vorbeifließt. Die Mikrozytose tritt hier oft ohne Anämie auf und ist mitunter der erste Hinweis auf die Lebererkrankung.
  • Rasse: Akita und Shiba Inu, ohne Krankheitswert.
  • Anämie der chronischen Erkrankung: meist normozytär, gelegentlich leicht mikrozytär.

Ein erniedrigtes MCHC (Hypochromie) findet sich beim fortgeschrittenen Eisenmangel und — leicht ausgeprägt — bei starker Regeneration, weil Retikulozyten weniger Farbstoff tragen. Ein erniedrigtes MCH begleitet in der Regel die Mikrozytose.

Was der Tierarzt daraufhin meist prüft

Bei Mikrozytose beurteilt der Tierarzt zunächst den Blutausstrich: Kleine, blasse Zellen mit auffällig großer heller Mitte sprechen für Eisenmangel. Retikulozyten zeigen, ob das Knochenmark reagiert; in Speziallaboren lassen sich Serumeisen und Ferritin (Speichereisen) bestimmen. Steht der Eisenmangel fest, beginnt die Suche nach der Blutungsquelle: mehrere Kotproben auf verstecktes Blut und Parasiten, Urinuntersuchung, Ultraschall des Bauches, gegebenenfalls eine Endoskopie von Magen und Darm. Bei Mikrozytose ohne Anämie, vor allem bei jungen Hunden, prüft der Tierarzt die Leberfunktion über die Gallensäuren und Ammoniak, um einen Shunt auszuschließen.

Bei erhöhtem MCV klären Retikulozyten und Ausstrich, ob eine Regeneration vorliegt oder Agglutination und Lagerung den Wert verfälscht haben. Ein erhöhtes MCHC wird mit einer frischen, nüchtern und schonend entnommenen Probe wiederholt; bleibt es hoch, gilt die Aufmerksamkeit einer Hämolyse im Körper.

Bezug zu Tumorerkrankungen

Die Erythrozytenindizes beweisen keinen Tumor, sie beschreiben nur, wie die Zellen gebaut sind. Zwei Muster verdienen dennoch Aufmerksamkeit. Eine mikrozytäre Eisenmangelanämie beim erwachsenen Hund ohne Parasiten und Schmerzmittel ist ein Hinweis auf eine chronische Blutungsquelle — dazu gehören Tumoren des Magen-Darm-Trakts ebenso wie Mastzelltumoren, die über Histamin Magengeschwüre auslösen können. Eine makrozytäre, regenerative Anämie findet sich dagegen nach Blutungsepisoden, etwa bei einem blutenden Milztumor, wenn das Knochenmark nachliefert. Unter einer Chemotherapie kann das MCV durch einzelne Wirkstoffe ansteigen, ohne dass dies eine Bedeutung für den Hund hat; die Anämie der chronischen Tumorerkrankung ist dagegen in der Regel normozytär und normochrom.

Was bedeutet das für Ihren Hund?

MCV, MCH und MCHC sind Hilfswerte: Sie werden erst aussagekräftig, wenn Ihr Hund zugleich eine Anämie hat oder wenn ein Wert deutlich und wiederholt abweicht. Referenzbereiche unterscheiden sich von Labor zu Labor und von Gerät zu Gerät; maßgeblich ist der Bereich auf dem Befund Ihres Hundes. Ein niedriges MCV bei einem Hund ohne Anämie und ohne Beschwerden ist ein Anlass zur Kontrolle und zur Frage nach der Rasse — nicht mehr. Welche Bedeutung die Werte im Einzelfall haben, ordnet Ihr behandelnder Tierarzt im Zusammenhang mit den übrigen Blutwerten ein.

Quellen

  • Stockham SL, Scott MA (2008): Fundamentals of Veterinary Clinical Pathology, 2nd ed., Blackwell, Ames
  • Thrall MA, Weiser G, Allison RW, Campbell TW (2012): Veterinary Hematology and Clinical Chemistry, 2nd ed., Wiley-Blackwell, Ames
  • Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
  • Neiger R (Hrsg.) (2019): Differenzialdiagnosen Innere Medizin bei Hund und Katze, 3. Aufl., Thieme, Stuttgart
  • Childress MO (2012): Hematologic abnormalities in the small animal cancer patient, Vet Clin North Am Small Anim Pract 42(1):123–155

Häufige Fragen

Was bedeutet ein niedriges MCV bei meinem Hund?

Ein niedriges MCV heißt, dass die roten Blutkörperchen zu klein sind. Beim Hund steckt dahinter meist ein Eisenmangel durch chronischen Blutverlust — etwa aus dem Magen-Darm-Trakt —, seltener ein Lebershunt oder eine Rasseeigenheit bei Akita und Shiba Inu.

Mein Hund hat ein erhöhtes MCV — ist das schlimm?

Meist nicht. Am häufigsten liefert das Knochenmark nach einem Blutverlust oder einer Hämolyse vermehrt junge, große Zellen nach, was bei einer Anämie ein günstiges Zeichen ist. Auch lange gelagerte Proben, verklumpte Zellen oder die erbliche Makrozytose des Pudels erhöhen den Wert ohne Krankheitswert.

Warum ist das MCHC bei meinem Hund zu hoch?

Ein erhöhtes MCHC ist fast immer ein Messartefakt, weil eine Zelle nicht mehr Farbstoff enthalten kann, als in sie hineinpasst. Hämolyse oder Blutfette in der Probe täuschen ein zu hohes Hämoglobin vor; der Tierarzt wiederholt die Messung mit einer frischen, nüchtern entnommenen Probe.

Was ist der Unterschied zwischen MCH und MCHC?

Das MCH gibt die absolute Menge an Hämoglobin in einer einzelnen Zelle an, das MCHC die Konzentration des Farbstoffs im Zellinneren. Das MCH folgt deshalb der Zellgröße, während das MCHC davon unabhängig und damit der robustere Wert ist.

Können MCV, MCH und MCHC auf einen Tumor hinweisen?

Nur indirekt. Eine mikrozytäre Eisenmangelanämie bei einem erwachsenen Hund ohne Parasiten und ohne Schmerzmittel spricht für eine chronische Blutungsquelle, zu der auch Tumoren des Magen-Darm-Trakts gehören können. Die Indizes selbst beweisen keinen Tumor.

Muss ich meinem Hund bei niedrigem MCV Eisen geben?

Nicht auf eigene Faust. Eisenmangel ist beim Hund fast nie ernährungsbedingt, sondern die Folge einer chronischen Blutung, die gefunden und behandelt werden muss; ob und in welcher Form Eisen sinnvoll ist, entscheidet der Tierarzt nach der Ursachenklärung.

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