Kastration und Mammatumor bei der Hündin

Die Kastration der Hündin – die operative Entfernung der Eierstöcke (Ovariektomie), meist gemeinsam mit der Gebärmutter – gilt als wirksamste Vorbeugung gegen den Mammatumor beim Hund: Fällt die wichtigste Quelle der weiblichen Geschlechtshormone weg, entfällt ein wesentlicher Wachstumsreiz für das Gesäugegewebe. So glatt geht die Rechnung allerdings nicht auf. Der Effekt hängt stark vom Zeitpunkt ab, die zugrunde liegenden Untersuchungen sind methodisch angreifbar, und dem Nutzen stehen andere Überlegungen gegenüber.

Hormoneller Hintergrund

Die Gesäugeleiste steht lebenslang unter dem Einfluss der Sexualhormone: Östrogene regen die Zellteilung des Drüsengewebes an, Progesteron (Gelbkörperhormon) fördert die Ausreifung der Drüsenläppchen und die Bildung von Wachstumsfaktoren. Mit jeder Läufigkeit wiederholt sich dieser Reiz. Es wird angenommen, dass dadurch die Wahrscheinlichkeit bleibender Zellveränderungen steigt – je häufiger sich Zellen teilen, desto mehr Gelegenheit besteht für Fehler im Erbgut.

Viele Mammatumoren tragen Hormonrezeptoren, also Andockstellen für Östrogen und Progesteron; gut differenzierte Tumoren sind häufiger rezeptorpositiv, aggressive Karzinome verlieren die Rezeptoren oft. Hormonabhängiges Wachstum lässt sich daher über den Hormonhaushalt beeinflussen, hormonunabhängiges nicht mehr.

Als eigener Risikofaktor gelten gestagenhaltige Präparate zur Läufigkeitsunterdrückung. Gestagene, künstliche Abkömmlinge des Progesterons, wirken auf dasselbe Gewebe; unter längerer Anwendung werden gehäuft Zubildungen am Gesäuge beobachtet, gutartige wie bösartige. Belastbare Häufigkeitszahlen liegen nicht vor – die kursierenden Prozentangaben sind durch Studien nicht gestützt. Von einer dauerhaften medikamentösen Unterdrückung der Läufigkeit wird deshalb in der Regel abgeraten.

Der Zeitpunkt – die zentrale Frage

Zum Zeitpunkt lässt sich eine Aussage treffen, die den Kenntnisstand zusammenfasst: Der risikosenkende Effekt ist am größten, wenn die Kastration vor der ersten Läufigkeit erfolgt. Er nimmt mit jeder weiteren Läufigkeit deutlich ab; nach der zweiten bis dritten Läufigkeit ist kaum noch ein Schutzeffekt zu erwarten (Sorenmo et al. 2020; Schmidt et al. 2022).

Ausdrücklich gesagt sei: Die Datenlage wird kontrovers diskutiert. Viele der kursierenden Zahlen gehen auf wenige, teils über fünfzig Jahre alte Untersuchungen an kleinen Tierzahlen zurück, in denen Rasse, Alter und Hormongaben nicht sauber getrennt wurden. Beauvais et al. (2012) werteten 13 Studien systematisch aus, stuften neun als stark verzerrungsanfällig ein und kamen zu dem Schluss, dass die Belegkraft für einen Schutzeffekt – und erst recht für eine stärkere Wirkung der frühen Kastration – schwach ist. Dass der Effekt real ist, legen neuere Arbeiten dennoch nahe: Gedon et al. (2022) fanden, dass eine Ovariektomie das Risiko der Tumorentstehung senkt. Der Zusammenhang gilt also als gut begründet, die genaue zeitliche Grenze dagegen nicht; Angaben wie „bis zur zweiten Läufigkeit” sind Näherungen, keine belegten Schwellenwerte.

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Nachteile einer frühen Kastration

Eine Kastration vor der ersten Läufigkeit senkt nicht nur ein Risiko, sie greift auch in die Entwicklung ein. Moxon et al. (2024) sichteten 33 Untersuchungen zum Kastrationszeitpunkt und fanden keine belastbare Evidenz für eine allgemeine Empfehlung. Diskutiert werden:

  • Orthopädische Erkrankungen. In allen sechs dazu ausgewerteten Untersuchungen war eine frühe Kastration mit einem erhöhten Risiko für Kreuzbandrisse und weitere Gelenkprobleme verbunden; ohne Sexualhormone schließen die Wachstumsfugen später, was vor allem großwüchsige Rassen betrifft.
  • Andere Tumorarten. Bei einzelnen Rassen wird ein gehäuftes Auftreten anderer Tumoren im Alter beschrieben; die Befunde sind uneinheitlich und rasseabhängig.
  • Harninkontinenz. Der unwillkürliche Harnabsatz ist eine bekannte Spätfolge; ob eine sehr frühe Kastration das Risiko zusätzlich erhöht, ist umstritten.
  • Körpergewicht. Der Energiebedarf sinkt – bleibt die Fütterung unverändert, nimmt das Gewicht zu. Übergewicht gilt selbst als Risikofaktor für den Mammatumor.
  • Entwicklung und Verhalten. Verhaltensmedizinisch wird angeraten, die Hündin zunächst körperlich und psychisch ausreifen zu lassen.

In der Praxis wird deshalb häufig ein Kompromiss gewählt und – je nach Rasse und Entwicklungsstand – nach der zweiten oder dritten Läufigkeit kastriert; ein Teil des Schutzes wird dabei bewusst zugunsten anderer Gesichtspunkte aufgegeben. Eine allgemeingültige Empfehlung ist das nicht.

Kastration nach der Diagnose

Ist ein Mammatumor bereits vorhanden, stellt sich die Frage neu: Bringt es einen Vorteil, die Hündin im Rahmen der Operation zugleich zu kastrieren? Eine eindeutige Antwort gibt die Literatur nicht.

Eine Untersuchung der University of Pennsylvania unter Leitung der Onkologin Karin U. Sorenmo (Sorenmo et al. 2019) schloss 159 Hündinnen mit Mammakarzinom ein; 130 wurden nach der Operation kastriert, 29 blieben unkastriert. Erfasst wurden unter anderem Serumöstrogenspiegel, Tumortyp, Malignitätsgrad, Stadium, Zeit bis zur Metastasierung und Überlebenszeit. Das Ergebnis fiel gegen die Erwartung aus: Hohe Östrogenspiegel gingen mit einer längeren Zeit bis zum Auftreten von Metastasen einher (p = 0,021). Die Autoren sprechen von einer zweigeteilten, also dichotomen Wirkung – Östrogen treibt die Tumorentstehung an, scheint den Verlauf beim erkrankten Tier aber auch bremsen zu können.

Kristiansen et al. (2016) prüften die Frage randomisiert und kontrolliert an 60 Hündinnen: Ein Unterschied in erkrankungsfreier Zeit oder Gesamtüberleben ließ sich nicht nachweisen, ein Vorteil zeigte sich nur in Untergruppen.

Banchi et al. (2022) werteten in Turin 116 operierte Hündinnen aus. Die 52 zeitgleich mit der Mastektomie kastrierten Tiere hatten eine signifikant längere erkrankungsfreie Zeit, also einen längeren Zeitraum bis zum Wiederauftreten der Erkrankung (p = 0,0007); die Rückfallrate lag bei 3 % gegenüber 14 % bei den unkastrierten. Da die Auswertung rückblickend und nicht randomisiert erfolgte, sind Auswahleffekte nicht auszuschließen.

Eine Kastration nach gestellter Diagnose verbessert die Prognose demnach nicht sicher. Für die Lebenserwartung sind Stadium, Malignitätsgrad, Gefäßeinbrüche und die Vollständigkeit der Entfernung ungleich bedeutsamer als der Kastrationsstatus.

Fazit für die Praxis

Die Kastration senkt das Risiko, an einem Mammatumor zu erkranken, umso deutlicher, je früher sie erfolgt – eine Garantie ist sie nicht, und die üblichen Zahlen dazu sind schwächer abgesichert, als ihre Verbreitung vermuten lässt. Eine pauschale Empfehlung für oder gegen den Eingriff lässt sich daraus nicht ableiten: Die Entscheidung gehört in die Hand des behandelnden Tierarztes und richtet sich nach Alter, Rasse, Vorerkrankungen und Lebenssituation. Unabhängig davon bleibt das regelmäßige Abtasten der Gesäugeleiste die wirksamste Maßnahme zur Früherkennung.

Quellen

  • Sorenmo KU et al. (2019): The estrogen effect; clinical and histopathological evidence of dichotomous influences in dogs with spontaneous mammary carcinomas, PLoS One 14:e0224504, doi:10.1371/journal.pone.0224504
  • Banchi P et al. (2022): Retrospective study and survival analysis on bitches with mammary tumours spayed at the same time of mastectomy, Vet Comp Oncol 20:172–178, doi:10.1111/vco.12759
  • Kristiansen VM et al. (2016): Effect of ovariohysterectomy at the time of tumor removal in dogs with mammary carcinomas: a randomized controlled trial, J Vet Intern Med 30:230–241, doi:10.1111/jvim.13812
  • Beauvais W, Cardwell JM, Brodbelt DC (2012): The effect of neutering on the risk of mammary tumours in dogs – a systematic review, J Small Anim Pract 53:314–322, doi:10.1111/j.1748-5827.2011.01220.x
  • Gedon J et al. (2022): Ovariectomy reduces the risk of tumour development and influences the histological continuum in canine mammary tumours, Vet Comp Oncol, doi:10.1111/vco.12793
  • Moxon R et al. (2024): Effect of neutering timing in relation to puberty on health in the female dog – a scoping review, PLoS One 19:e0311779, doi:10.1371/journal.pone.0311779
  • Sorenmo K et al. (2020): Tumors of the Mammary Gland, in: Withrow & MacEwen’s Small Animal Clinical Oncology, 6th Ed., St. Louis, MO, 604–625
  • Schmidt JM, Gedon J, Kessler M (2022): Mammatumoren des Hundes, in: Kessler M (Hrsg.), Kleintieronkologie, 4. Aufl., Thieme, Stuttgart, 377–389

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