Lebenserwartung beim Mammatumor des Hundes

Die Lebenserwartung beim Mammatumor beim Hund hängt weniger von der Diagnose als solcher ab als von der Tumorgröße, vom Stadium, vom histologischen Grad – also dem im Gewebeschnitt beurteilten Ausmaß der Bösartigkeit – und davon, ob vollständig operiert werden konnte. Etwa die Hälfte der Mammatumoren der Hündin ist bösartig; gutartige Zubildungen beeinflussen die Lebenserwartung in der Regel nicht. Grundlagen: Mammatumor beim Hund.

Die Prognosefaktoren im Einzelnen

Die folgenden Faktoren wirken zusammen: Ein kleiner Tumor mit Gefäßeinbrüchen kann ungünstiger verlaufen als ein größerer ohne.

Tumorgröße – die 3-cm-Grenze

Der Durchmesser des größten Knotens gehört zu den aussagekräftigsten Prognosefaktoren; bei etwa 3 cm verläuft eine Grenze, die auch in die TNM-Stadieneinteilung eingegangen ist. Nach vollständiger operativer Entfernung eines bösartigen Mammatumors zeigen Untersuchungen folgende Überlebensraten nach zwei Jahren:

  • Tumoren unter 3 cm Durchmesser: nahezu alle Hündinnen leben noch.
  • Tumoren über 3 cm: etwa zwei Drittel der Tiere leben noch.
  • Tumoren über 3 cm mit Lymphknotenbefall oder Fernmetastasen: nur noch etwa 10 %.

Je größer ein Tumor wird, desto länger hatte er Zeit, Anschluss an Blut- und Lymphgefäße zu gewinnen, und desto wahrscheinlicher hat er bereits Tumorzellen abgegeben.

Vollständigkeit der Resektion und Sicherheitsabstand

Ob im Gesunden operiert wurde, entscheidet der Pathologe am Schnittrand: Entnommen wird nicht nur der Knoten, sondern ein Saum gesunden Gewebes – der Sicherheitsabstand. Reichen Tumorzellen bis an den Rand des Präparats, ist die Entfernung unvollständig und die Wahrscheinlichkeit eines Rezidivs, also eines erneuten Tumorwachstums, steigt.

Gefäßeinbrüche, Lymphknotenbefall und Fernmetastasen

Als Gefäßeinbruch bezeichnet man Tumorzellen innerhalb von Blut- oder Lymphgefäßen im Gewebeschnitt: Zellen haben sich bereits vom Tumorverband gelöst – die Voraussetzung für Metastasen, also Tochtergeschwülste in anderen Organen. Der Befund gilt auch nach vollständiger Operation als ungünstig. Mammakarzinome streuen häufig und teilweise früh, vor allem in die regionären Lymphknoten und in die Lunge; ein Lymphknotenbefall entspricht dem Stadium IV, eine Fernmetastasierung dem Stadium V.

Histologischer Grad, Hormonrezeptoren und Proliferationsmarker

Das Grading beschreibt, wie weit sich die Tumorzellen von normalem Drüsengewebe entfernt haben; gut differenzierte Tumoren verhalten sich in der Regel weniger aggressiv als schlecht differenzierte. Die Hormonrezeptorexpression gibt an, ob die Tumorzellen Andockstellen für Östrogen und Progesteron tragen – Tumoren mit erhaltenen Rezeptoren gelten tendenziell als weniger aggressiv. Proliferationsmarker sind Kennwerte der Zellteilungsaktivität, also der Wachstumsgeschwindigkeit. Beide gelten als prognostisch bedeutsam, sind aber nicht überall Routine.

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Der Kapseldurchbruch

Ein Mammatumor wächst zunächst abgekapselt: Er ist von einer bindegewebigen Hülle umgeben, verschiebt das umliegende Gewebe, dringt aber nicht in es ein. Ab einer gewissen Stufe durchbrechen die Tumorzellen jedoch die Kapsel und wachsen in Fettgewebe, Muskulatur, Haut und die dort verlaufenden Gefäße hinein. Damit wird die Operation schwieriger, und die Wahrscheinlichkeit einer Metastasierung steigt, weil die Tumorzellen nun Zugang zu den Transportwegen des Körpers haben. Klinisch zeigt sich das häufig daran, dass der Knoten mit der Unterlage verbacken ist.

Häufige Irrtümer

„Kleine Knoten sind immer gutartig.” Das trifft nicht zu: Jeder Tumor war irgendwann klein – der bösartige ebenso wie der gutartige. Weder Größe noch Konsistenz erlauben einen Rückschluss auf die Dignität, also die Gut- oder Bösartigkeit; Sicherheit gibt allein die Histologie. Dazu: Symptome des Mammatumors.

„Nur große Tumoren müssen operiert werden.” Auch das ist ein folgenreicher Trugschluss, denn gerade beim kleinen Tumor ist die Prognose günstig. Wer wartet, bis der Knoten „groß genug” erscheint, wartet häufig bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Aussichten verschlechtert haben.

Die frühe Operation

Die chirurgische Entfernung ist die Therapie der Wahl, und der Zeitpunkt beeinflusst das Ergebnis unmittelbar: Ein früh operierter Tumor ist kleiner, noch abgekapselt und ohne Anschluss an die Lymphbahnen, er lässt sich mit ausreichendem Sicherheitsabstand entfernen. Einzelheiten: Operation beim Mammatumor.

Kastration nach der Diagnose

Eine Kastration, die erst nach gestellter Diagnose erfolgt, verbessert die Prognose nicht sicher. Der risikosenkende Effekt betrifft die Entstehung von Mammatumoren, nicht deren Verlauf; er ist am größten vor der ersten Läufigkeit und nimmt mit jeder weiteren deutlich ab – die Datenlage wird kontrovers diskutiert. Ausführlich: Kastration beim Mammatumor.

Behandlung und Prognose

Chirurgie. Die vollständige operative Entfernung hat den größten belegten Einfluss auf die Lebenserwartung; alle weiteren Verfahren sind ergänzend zu verstehen.

Chemotherapie. Die Datenlage ist uneinheitlich: Tran et al. (2016) verglichen operierte Hündinnen mit und ohne anschließende Chemotherapie und fanden keinen eindeutigen Überlebensvorteil. Daraus folgt weder eine pauschale Empfehlung noch eine pauschale Ablehnung – bei Gefäßeinbrüchen, Lymphknotenbefall oder Metastasierung kann sie erwogen werden, Nutzen und Nebenwirkungen sind im Einzelfall abzuwägen.

Dendritische Zelltherapie. Nach der vollständigen Resektion ist die dendritische Zelltherapie eine sinnvolle Ergänzung, um das Immunsystem gegen verbliebene Tumorzellen zu aktivieren; dendritische Zellen präsentieren anderen Abwehrzellen Merkmale des Tumors und stoßen so eine gerichtete Immunantwort an. In Betracht kommt sie vor allem bei bösartigem Befund, bei Gefäßeinbrüchen oder knappem Sicherheitsabstand. Durchgeführt wird sie beim Haustierarzt und tritt nicht an die Stelle der Operation. Die Datenlage ist schmal: Grammel (2017) stellte eine unkontrollierte Pilotuntersuchung an 17 Hunden mit Mammaadenokarzinom vor; da eine Vergleichsgruppe fehlte, sind daraus keine belastbaren Aussagen zur Überlebenszeit abzuleiten. Kontrollierte Studien liegen bislang nicht vor – Angaben zu einer Verlängerung der Lebenserwartung wären nicht begründbar.

Wenn keine Heilung mehr möglich ist

Ist der Tumor wegen seiner Ausdehnung, wegen Fernmetastasen oder fehlender Narkosefähigkeit nicht mehr operabel, verschiebt sich der Maßstab: Nicht die verbleibende Zeit, sondern die Lebensqualität entscheidet – konsequente Schmerztherapie, Versorgung aufgebrochener Tumoroberflächen und die Frage, ob der Hund noch frisst, trinkt und am gewohnten Alltag teilnimmt.

Lassen sich Schmerzfreiheit und Allgemeinbefinden nicht mehr erhalten, stellt sich die Frage nach dem Zeitpunkt des Einschläferns. Sie sollte anhand beobachtbarer Kriterien der Lebensqualität beantwortet werden, nicht anhand einer statistischen Überlebenszeit.

Quellen

  • Sorenmo K et al. (2020): Tumors of the Mammary Gland, in: Withrow & MacEwen’s Small Animal Clinical Oncology, 6th Ed., St. Louis, MO, 604–625
  • Schmidt JM, Gedon J, Kessler M (2022): Mammatumoren des Hundes, in: Kessler M (Hrsg.), Kleintieronkologie, 4. Aufl., Thieme, Stuttgart, 377–389
  • Kohn B, Schwarz G (2017): Mammatumoren, in: Praktikum der Hundeklinik, 12. Aufl., Enke, Stuttgart
  • Tran CM et al. (2016): Surgical treatment of mammary carcinomas in dogs with or without postoperative chemotherapy, PubMed 24735412
  • Grammel T (2017): Postsurgical treatment with autologous dendritic cell-based immunologic therapy in 17 dogs with mammary adenocarcinoma, Poster, 23rd FECAVA Conference, Copenhagen (unkontrollierte Pilotuntersuchung ohne Vergleichsgruppe)

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