Übergangszellkarzinom bei Hunden
Bei einem Übergangszellkarzinom (ÜZK) handelt es sich um einen bösartigen Tumor, der vom Übergangsepithel (Urothel) ausgeht — der Deckschicht, die Nierenbecken, Harnleiter, Harnblase und Harnröhre auskleidet. In der neueren Literatur wird der Tumor deshalb meist als Urothelkarzinom bezeichnet. Er ist der häufigste Tumor der Harnwege des Hundes: Über 90 % der Blasentumoren sind Übergangszellkarzinome, was etwa 1,5 bis 2 % aller Tumorerkrankungen des Hundes entspricht. Seltener tritt der Tumor im Nierenbecken auf (siehe Nierentumor beim Hund). Das Übergangszellkarzinom wächst invasiv in die Blasenwand ein und neigt zur Metastasierung — eine frühe Diagnose ist deshalb entscheidend.
Vorkommen
Betroffen sind vor allem ältere Hunde; Hündinnen erkranken etwa doppelt so häufig wie Rüden. Am stärksten belastet ist der Scottish Terrier mit einem etwa 18- bis 20-fach erhöhten Risiko gegenüber Mischlingen; für Shetland Sheepdog und West Highland White Terrier wird ein rund sechsfaches, für Beagle und Wire Fox Terrier ein etwa drei- bis fünffaches Risiko beschrieben (Knapp et al.). Als Umweltrisiko gilt vor allem der Kontakt mit Herbiziden: In einer Fall-Kontroll-Studie an Scottish Terriern war der Zugang zu behandelten Rasenflächen mit einem etwa siebenfach erhöhten Risiko verbunden (Glickman et al.). Auch Übergewicht und ältere Insektizide zur Flohbekämpfung werden genannt; für moderne Wirkstoffe besteht dieser Zusammenhang nicht.
Symptome
Im Vordergrund stehen Harnabsatzstörungen: häufiger Harndrang mit kleinen Mengen, Pressen, Blut im Urin, Schmerzen beim Urinieren und mitunter Inkontinenz. Hinzu kommen unspezifische Anzeichen wie Mattigkeit, Appetitlosigkeit und Bauchschmerzen. Häufig wird zunächst eine Blasenentzündung vermutet und mit Antibiotika behandelt — erst wenn die Beschwerden wiederkehren, wird weiter untersucht. Genau dieser Umweg kostet wertvolle Zeit: Bei wiederkehrenden Harnwegsbeschwerden älterer Hunde sollte die Möglichkeit eines Tumors von Anfang an mitbedacht werden. Als Begleiterscheinung der Tumorerkrankung (paraneoplastisches Syndrom) können Blutarmut (Anämie), Fieber oder selten eine schmerzhafte Knochenzubildung an den Gliedmaßen auftreten.
Schildern Sie uns den Fall Ihres Vierbeiners
Kostenlose Erstberatung durch unser tierärztliches Team — in der Regel innerhalb eines Werktages.
Lieber direkt sprechen? 05522 9182582, Montag bis Freitag 08:30–17:00 Uhr.
Diagnose und BRAF-Mutation
Am Anfang stehen Ultraschall und Urinuntersuchung; die endgültige Diagnose liefert eine Gewebeprobe, meist als Saugbiopsie über einen Katheter oder endoskopisch. Eine Punktion durch die Bauchdecke sollte unterbleiben, weil dabei Tumorzellen verschleppt werden können.
Eine Besonderheit des caninen Übergangszellkarzinoms ist eine charakteristische Genveränderung: die BRAF-Mutation V595E, das Gegenstück zur humanen Mutation V600E. Sie lässt sich bei einem Großteil der Tumoren nachweisen — je nach Untersuchung bei etwa 67 bis 85 % (Decker et al.: 85 %; Mochizuki et al.: 75 % im Gewebe). Praktisch bedeutsam ist, dass sich die Mutation auch in Tumorzellen im Urin nachweisen lässt: In der Untersuchung von Mochizuki et al. erreichte der Urintest eine Empfindlichkeit von 85 % bei einer Spezifität von 100 %. Damit steht ein wenig belastendes Verfahren zur Verfügung, das den Verdacht erhärten kann — ein negatives Ergebnis schließt einen Tumor allerdings nicht aus.
Für die Prognose hat der Mutationsstatus nach heutigem Kenntnisstand dagegen keine Bedeutung: In einer Auswertung von 79 Hunden (Gedon et al.) war der BRAF-Status nicht signifikant mit der Überlebenszeit verbunden; entscheidend waren die Tumorlokalisation und die gewählte Behandlung. Die Mutationsrate lag in dieser europäischen Kohorte mit etwa 65 % zudem niedriger als in den US-amerikanischen Untersuchungen. Als Ansatzpunkt für zielgerichtete Medikamente bleibt die Mutation Gegenstand der Forschung.
Verlauf
Das Übergangszellkarzinom sitzt bevorzugt im Blasendreieck (Trigonum) und wächst von dort in die Blasenwand, häufig auch in die Harnröhre und bei Rüden in die Prostata. Bei Diagnosestellung haben etwa 16 % der Hunde Tochtergeschwülste; im Verlauf steigt dieser Anteil auf etwa die Hälfte bis zwei Drittel. Ungünstige Prognosefaktoren sind eine Beteiligung von Harnröhre oder Prostata, ein Befall der Beckenlymphknoten und ein Einbruch in die Lymphgefäße (Govoni et al.).
Behandlung
Eine vollständige chirurgische Entfernung gelingt wegen der Lage im Trigonum selten. Minimalinvasive Verfahren wie die Laserchirurgie und die photodynamische Therapie werden eingesetzt, um die Harnwege durchgängig zu halten (Pantke). Der medikamentöse Standard beruht auf dem nichtsteroidalen Entzündungshemmer Piroxicam — allein erreichte er mediane Überlebenszeiten von 181 bis 244 Tagen — sowie auf Chemotherapie: Mitoxantron plus Piroxicam erzielte 350 Tage (Henry et al.) beziehungsweise 249 Tage in einer randomisierten Studie, Vinblastin plus Piroxicam 299 Tage. Die belegten Zahlen sind auf der Seite zur Lebenserwartung beim Blasentumor zusammengestellt. Checkpoint-Inhibitoren — Antikörper, die Bremsen des Immunsystems lösen — werden derzeit untersucht; in der Humanmedizin haben sie beim Blasenkrebs zu Fortschritten geführt, für den Hund liegen bislang nur erste Arbeiten vor (Pinard et al.).
Dendritische Zelltherapie
Die dendritische Zelltherapie ist eine Immuntherapie: Aus dem Blut des Hundes werden dendritische Zellen (spezialisierte Zellen des Immunsystems) gewonnen, im Labor aufbereitet und dem Tier per Injektion zurückgegeben. Nach der bestmöglichen operativen oder laserchirurgischen Entfernung ist die dendritische Zelltherapie eine sinnvolle Ergänzung, um das Immunsystem gegen verbliebene Tumorzellen zu aktivieren. Sie wird beim Haustierarzt durchgeführt und ist gut mit den etablierten Verfahren kombinierbar. Kontrollierte Studien zur Wirksamkeit beim Übergangszellkarzinom des Hundes liegen bislang nicht vor. Zum Übergangszellkarzinom der Katze findet sich eine eigene Auswertung.
Quellen
Fulkerson CM, Knapp DW (2020): Tumors of the Urinary System. In: Vail DM, Thamm DH, Liptak JM (Hrsg.): Withrow & MacEwen’s Small Animal Clinical Oncology. 6. Aufl., St. Louis, MO, Elsevier, 645–656.
Knapp DW et al. (2014): Urinary bladder cancer in dogs, a naturally occurring model for cancer biology and drug development. ILAR J 55(1):100–118.
Decker B et al. (2015): Homologous mutation to human BRAF V600E is common in naturally occurring canine bladder cancer — evidence for a relevant model system and urine-based diagnostic test. Mol Cancer Res 13(6):993–1002.
Mochizuki H, Shapiro SG, Breen M (2015): Detection of BRAF mutation in urine DNA as a molecular diagnostic for canine urothelial and prostatic carcinoma. PLoS One 10(12):e0144170.
Gedon J et al. (2022): BRAF mutation status and its prognostic significance in 79 canine urothelial carcinomas: A retrospective study (2006–2019). Vet Comp Oncol 20(2):449–457.
Glickman LT et al. (2004): Herbicide exposure and the risk of transitional cell carcinoma of the urinary bladder in Scottish Terriers. J Am Vet Med Assoc 224(8):1290–1297.
Govoni VM et al. (2022): Lymphatic invasion is a significant indicator of poor patient outcome in canine bladder urothelial carcinoma. Open Vet J 11(4):656–662.
Pinard CJ et al. (2022): Evaluation of lymphocyte-specific programmed cell death protein 1 receptor expression and cytokines in blood and urine in canine urothelial carcinoma patients. Vet Comp Oncol 20(1):222–233.
Pantke P (2018): Diagnostik und Therapie des Übergangszellkarzinoms des unteren Harntrakts beim Hund. Kleintierpraxis 63:76–94.
Schildern Sie uns den Fall Ihres Vierbeiners
Kostenlose Erstberatung durch unser tierärztliches Team — in der Regel innerhalb eines Werktages.
Lieber direkt sprechen? 05522 9182582, Montag bis Freitag 08:30–17:00 Uhr.