Amylase beim Hund
Bei der Amylase beim Hund handelt es sich um ein stärkespaltendes Verdauungsenzym, das auf Laborbefunden meist neben der Lipase als Wert der Bauchspeicheldrüse geführt wird — abgekürzt „AMY”, „AMYL” oder „α-Amylase”, angegeben in U/l. Sie stammt zwar überwiegend aus der Bauchspeicheldrüse (Pankreas), wird aber auch im Darm und in der Leber gebildet und über die Niere ausgeschieden; ihre Aussagekraft für die Bauchspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis) ist deshalb begrenzt. Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.
Was misst der Wert?
Die Amylase zerlegt Stärke aus der Nahrung in kleinere Zuckerbausteine. Beim Hund wird sie im Wesentlichen vom exokrinen, also verdauungsaktiven Teil der Bauchspeicheldrüse in den Dünndarm abgegeben; anders als beim Menschen trägt der Speichel des Hundes praktisch nichts bei. Ein kleiner Teil des Enzyms gelangt fortwährend in das Blut und wird dort über die Nieren wieder entfernt. Der gemessene Wert ist daher ein Gleichgewicht aus Freisetzung und Ausscheidung: Steigt die Freisetzung — etwa weil entzündete Pankreaszellen Enzym in die Umgebung verlieren — oder sinkt die Ausscheidung bei Nierenschwäche, steigt die Amylase.
Gemessen wird die Aktivität des Enzyms, nicht seine Herkunft. Weil im Blut auch Amylase aus Darm und Leber zirkuliert, lässt sich am Wert nicht ablesen, aus welchem Organ sie stammt. Genau deshalb wurde die Amylase in der Pankreatitis-Diagnostik weitgehend von spezifischeren Tests abgelöst — der DGGR-Lipase und der pankreasspezifischen Lipase cPL, die auf der Seite Lipase beim Hund erklärt werden (Xenoulis 2015). Viele Labore bestimmen die Amylase dennoch weiter im Rahmen des großen Profils, sodass sie auf dem Befund auftaucht und Fragen aufwirft.
Einflussfaktoren gibt es wenige: Fütterung und Tageszeit spielen kaum eine Rolle. Kortison, das die klassische Lipase deutlich ansteigen lässt, erhöht die Amylase beim Hund nicht in gleicher Weise; in der Literatur wird unter Kortison eher ein unveränderter oder leicht sinkender Wert beschrieben. Eine Austrocknung (Dehydratation) kann den Wert über die verminderte Nierendurchblutung leicht anheben.
Erhöhte Werte: typische Ursachen
Eine erhöhte Amylase (Hyperamylasämie) ist ein häufiger und meist wenig dramatischer Befund. Von häufig zu selten:
- Nierenschwäche und Austrocknung — die häufigste Ursache. Sinkt die Filterleistung der Niere, wird weniger Amylase ausgeschieden; in der Literatur wird für diesen Fall ein Anstieg bis etwa auf das Zwei- bis Dreifache des Referenzbereichs beschrieben. Kreatinin und Harnstoff sind dann ebenfalls erhöht.
- Pankreatitis — bei der akuten Entzündung tritt Amylase aus den geschädigten Zellen in das Blut über. Erst deutliche Erhöhungen — in der Literatur wird häufig das Drei- bis Vierfache der oberen Referenzgrenze genannt — gelten als pankreasverdächtig, und selbst dann ist der Wert allein nicht beweisend, weil ein Teil der Hunde mit Pankreatitis eine normale Amylase hat.
- Erkrankungen von Magen und Darm — Darmverschluss, Darmdurchbruch (Perforation), Bauchfellentzündung (Peritonitis) und schwere Darmentzündungen: Amylase aus der Darmwand gelangt in die Bauchhöhle und wird von dort in das Blut aufgenommen.
- Lebererkrankungen — meist nur geringgradig.
- Nach Bauchoperationen und, selten, bei Tumoren der Bauchspeicheldrüse.
Ein leicht erhöhter Wert bei einem Hund ohne Beschwerden ist in der Regel harmlos und wird kontrolliert. Ein stark erhöhter Wert bei einem Hund, der erbricht, nicht frisst oder Bauchschmerzen zeigt, gehört abgeklärt — mit der Lipase, den Nierenwerten und dem Ultraschall.
Erniedrigte Werte: typische Ursachen
Ein niedriger Amylasewert hat beim Hund keine klinische Bedeutung. Auch bei der exokrinen Pankreasinsuffizienz, bei der die Bauchspeicheldrüse zu wenig Verdauungsenzyme bildet, sinkt die Amylase im Blut nicht verlässlich; der geeignete Test ist dort der TLI-Test (Trypsin-like Immunoreactivity, ein Maß für die Enzymbildung der Drüse). Eine Kontrolle wegen eines niedrigen Werts ist nicht erforderlich.
Was der Tierarzt daraufhin meist prüft
- Lipase mitbestimmen — vorzugsweise die DGGR-Lipase oder die pankreasspezifische Lipase cPL; sie entscheidet, ob die Bauchspeicheldrüse tatsächlich beteiligt ist.
- Nierenwerte — Kreatinin, Harnstoff und gegebenenfalls SDMA, dazu eine Urinuntersuchung; bei ausgetrocknetem Hund wird die Amylase nach Flüssigkeitsgabe kontrolliert.
- Blutbild und Gesamteiweiß — Hämatokrit und Eiweiß zeigen die Austrocknung an, das weiße Blutbild die Entzündung.
- Leberwerte, Glukose und Triglyceride — Leberbeteiligung, Diabetes mellitus und erhöhte Blutfette als Begleit- oder Risikofaktoren einer Pankreatitis.
- Ultraschall des Bauches — Bauchspeicheldrüse, Darm, Bauchfell und freie Flüssigkeit; Röntgenaufnahmen bei Verdacht auf Fremdkörper oder Darmverschluss.
Behandelt wird die Ursache, nicht der Wert. Wie die Entzündung erkannt und behandelt wird, beschreibt die Seite Pankreatitis beim Hund; wie die Pankreaswerte zusammenspielen, die Seite Blutwerte der Bauchspeicheldrüse.
Bezug zu Tumorerkrankungen
Für die Tumordiagnostik spielt die Amylase keine Rolle. Ein Karzinom der Bauchspeicheldrüse — beim Hund selten — kann den Wert durch Zerstörung und Entzündung des umgebenden Drüsengewebes erhöhen, lässt sich daran aber nicht von einer gewöhnlichen Pankreatitis unterscheiden; der Verdacht entsteht über den Ultraschall und wird durch eine Gewebeprobe (Biopsie) gesichert. Mehr dazu unter Bauchspeicheldrüsenkrebs beim Hund.
Was bedeutet das für Ihren Hund?
Ein einzelner Amylasewert ist keine Diagnose — und für sich genommen selten ein Grund zur Sorge. Referenzbereiche unterscheiden sich von Labor zu Labor; maßgeblich ist der auf Ihrem Befund gedruckte Bereich. Ist Ihr Hund munter und frisst normal, wird eine leichte Erhöhung meist bei der nächsten Untersuchung kontrolliert. Zeigt er Erbrechen, Appetitlosigkeit oder Bauchschmerz, ordnet der Tierarzt den Wert zusammen mit der Lipase, den Nierenwerten und dem Ultraschall ein. Der Verlauf zählt mehr als der Einzelwert, und das Gespräch mit dem behandelnden Tierarzt bringt die Befunde zusammen.
Quellen
- Xenoulis PG (2015): Diagnosis of pancreatitis in dogs and cats, J Small Anim Pract 56(1):13–26
- Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
- Stockham SL, Scott MA (2008): Fundamentals of Veterinary Clinical Pathology, 2nd ed., Blackwell, Ames
- Thrall MA, Weiser G, Allison RW, Campbell TW (2012): Veterinary Hematology and Clinical Chemistry, 2nd ed., Wiley-Blackwell, Ames
Häufige Fragen
Mein Hund hat eine erhöhte Amylase — hat er eine Bauchspeicheldrüsenentzündung?
Nicht unbedingt. Die Amylase steigt auch bei Nierenschwäche, Austrocknung und Darmerkrankungen; erst deutliche Erhöhungen auf ein Mehrfaches des Referenzbereichs gelten als pankreasverdächtig, und auch dann bringt erst die Lipase (cPL) zusammen mit dem Ultraschall Klarheit.
Warum bestimmt der Tierarzt zusätzlich die Lipase?
Die Amylase stammt aus Bauchspeicheldrüse, Darm und Leber, und am Wert lässt sich die Herkunft nicht ablesen. Die pankreasspezifische Lipase cPL misst dagegen nur das Enzym der Bauchspeicheldrüse und ist deshalb für die Pankreatitis deutlich aussagekräftiger.
Kann eine Nierenerkrankung die Amylase erhöhen?
Ja, das ist sogar die häufigste Ursache. Die Amylase wird über die Niere ausgeschieden; sinkt die Filterleistung, steigt der Wert der Literatur zufolge bis etwa auf das Zwei- bis Dreifache. Kreatinin und Harnstoff sind dann meist ebenfalls erhöht.
Ist eine niedrige Amylase bei meinem Hund ein Problem?
Nein. Ein niedriger Wert hat beim Hund keine klinische Bedeutung; selbst eine Enzymschwäche der Bauchspeicheldrüse (exokrine Pankreasinsuffizienz) wird nicht über die Amylase, sondern über den TLI-Test erkannt.
Muss mein Hund für die Amylase nüchtern sein?
Für die Amylase selbst nicht, Fütterung und Tageszeit verändern den Wert kaum. Weil aber meist Lipase, Triglyceride und Glukose mitbestimmt werden, ist eine Blutentnahme beim nüchternen Hund in der Regel sinnvoll.