Harnstoff beim Hund
Bei Harnstoff beim Hund handelt es sich um das Endprodukt des Eiweißabbaus: Die Leber wandelt das beim Abbau von Aminosäuren anfallende, giftige Ammoniak in Harnstoff um, und die Nieren scheiden ihn mit dem Urin aus. Auf dem Laborbefund steht der Wert als Harnstoff oder Urea, angegeben in mmol/l oder mg/dl; auf englischsprachigen Befunden als BUN (blood urea nitrogen), also der Stickstoffanteil des Harnstoffs, dessen Zahlen deshalb nicht direkt vergleichbar sind. Zusammen mit dem Kreatinin ist der Harnstoff der zweite klassische Nierenwert — allerdings der unspezifischere von beiden, weil auch Fütterung, Leber und Eiweißabbau ihn verändern. Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.
Was misst der Wert?
Harnstoff wird in der Leber gebildet, gelangt ins Blut und wird in den Nierenkörperchen filtriert — anders als das Kreatinin aber zu einem Teil in den Nierenkanälchen wieder aufgenommen. Diese Rückresorption ist umso stärker, je langsamer der Urin durch die Kanälchen fließt, also bei Flüssigkeitsmangel. Deshalb steigt der Harnstoff bei einem dehydrierten Hund früher und stärker als das Kreatinin.
Darüber hinaus hängt der Wert von drei Dingen ab, die mit der Niere nichts zu tun haben. Erstens von der Eiweißzufuhr: Eine eiweißreiche Mahlzeit kurz vor der Blutentnahme hebt ihn an, weshalb nüchtern gemessen werden sollte. Zweitens von der Leberfunktion: Eine schwer geschädigte Leber bildet weniger Harnstoff. Drittens vom Eiweißabbau im Körper (Katabolie): Fieber, Hunger, Kortison (Glukokortikoide) und Gewebezerfall steigern den Abbau von Körpereiweiß und damit den Harnstoff. Auch Blut im Magen-Darm-Trakt wirkt wie eine große Eiweißmahlzeit — ein Zusammenhang, der diagnostisch wertvoll ist.
Erhöhte Werte: typische Ursachen
- Flüssigkeitsmangel (prärenal): Erbrechen, Durchfall, Fieber, zu geringe Wasseraufnahme, Herzschwäche oder Schock. Die häufigste Ursache; der Harnstoff steigt dabei stärker als das Kreatinin und normalisiert sich nach Ausgleich in der Regel rasch.
- Nierenerkrankung (renal): dieselben Ursachen wie beim Kreatinin — chronische Nierenerkrankung, akute Nierenschädigung durch Gifte oder Infektionen, Harnabflussstörung oder Blasenruptur. Hier steigen Harnstoff und Kreatinin gemeinsam.
- Eiweißreiche Mahlzeit vor der Blutentnahme: ohne Krankheitswert, verschwindet bei nüchterner Kontrolle.
- Blutung in den Magen-Darm-Trakt: Blut besteht aus Eiweiß; wird es im Darm verdaut, entsteht daraus Harnstoff. Typisch ist ein erhöhter Harnstoff bei normalem Kreatinin — ein wichtiger Hinweis auf ein blutendes Magengeschwür (etwa unter Schmerzmitteln der Gruppe NSAID oder Kortison) oder auf einen blutenden Tumor in Magen oder Darm. Häufig fällt dann auch ein schwarzer Teerstuhl auf, und der Hämatokrit sinkt.
- Vermehrter Eiweißabbau: Fieber, Verbrennungen, längeres Hungern, Behandlung mit Kortison.
Das Verhältnis der beiden Nierenwerte gibt eine Orientierung: Steigt der Harnstoff deutlich stärker als das Kreatinin, spricht das eher für Flüssigkeitsmangel, eine Magen-Darm-Blutung oder eiweißreiche Fütterung; steigen beide parallel, eher für eine Nierenerkrankung. Eine sichere Zuordnung erlaubt dieses Verhältnis allein jedoch nicht.
Erniedrigte Werte: typische Ursachen
- Leberinsuffizienz und portosystemischer Shunt: Bei schwerem Leberversagen und beim Shunt — einem angeborenen oder erworbenen Umgehungskreislauf, bei dem Blut aus dem Darm an der Leber vorbeifließt — wird Ammoniak nicht mehr zu Harnstoff verarbeitet. Der Harnstoff fällt, das Ammoniak steigt; häufig sind zugleich Albumin, Cholesterin und Glukose erniedrigt. Der Shunt betrifft vor allem junge Hunde kleiner Rassen. Mehr dazu auf der Seite Lebererkrankung beim Hund.
- Eiweißarme Fütterung: etwa eine Nieren- oder Leberdiät — dort ist der niedrige Wert erwünscht.
- Vermehrtes Trinken und Harnen (Polyurie): Der Urin fließt schneller durch die Kanälchen, weniger Harnstoff wird zurückgeholt — bei Cushing, Diabetes mellitus oder unter Infusionen.
- Junge, wachsende Hunde: Eiweiß wird in Körpermasse verbaut statt abgebaut.
Ein niedriger Harnstoff ist für sich genommen kein Alarmzeichen. Bedeutsam wird er, wenn zugleich das Albumin niedrig ist oder der Hund nach dem Fressen benommen wirkt — dann gehört die Leber untersucht.
Was der Tierarzt daraufhin meist prüft
- Kontrolle nüchtern: Wiederholung der Messung nach Ausgleich eines Flüssigkeitsmangels, in der Regel nach einigen Tagen.
- Kreatinin und SDMA: Der Harnstoff wird nie allein beurteilt. Ein normales Kreatinin und ein normales SDMA bei erhöhtem Harnstoff lenken den Blick weg von der Niere — hin zu Fütterung, Flüssigkeitshaushalt oder Magen-Darm-Trakt.
- Urinuntersuchung: Das spezifische Gewicht zeigt, ob die Niere den Urin noch konzentrieren kann: Ein hoher Harnstoff bei konzentriertem Urin spricht für Flüssigkeitsmangel, bei verdünntem Urin für eine Nierenerkrankung.
- Bei Verdacht auf eine Magen-Darm-Blutung: Hämatokrit, Kotuntersuchung auf verborgenes Blut, Nachfrage nach Schmerzmitteln oder Kortison, Ultraschall des Bauches und gegebenenfalls eine Magen-Darm-Spiegelung (Endoskopie).
- Bei niedrigem Wert: Albumin, Gallensäuren, Ammoniak und ein Ultraschall der Leber, um einen Shunt oder eine Leberinsuffizienz zu erkennen.
Bezug zu Tumorerkrankungen
Der Harnstoff ist kein Tumormarker, und die meisten Abweichungen haben andere Ursachen. Eine Konstellation verdient dennoch Aufmerksamkeit: der isoliert erhöhte Harnstoff bei normalem Kreatinin als Zeichen einer Blutung in den Magen-Darm-Trakt. Neben Geschwüren kommen dafür blutende Tumoren des Magens oder Darms in Frage — etwa Adenokarzinome, Leiomyosarkome oder ein Lymphom des Darms —, meist zusammen mit Teerstuhl, Blutarmut und Gewichtsverlust. Auch ein Mastzelltumor kann über die Freisetzung von Histamin Magengeschwüre auslösen, die bluten. Unter einer Chemotherapie oder einer Behandlung mit Kortison steigt der Harnstoff zudem durch den vermehrten Eiweißabbau leicht an, ohne dass die Nieren geschädigt sind; nierenbelastende Chemotherapeutika lassen dagegen beide Nierenwerte steigen.
Was bedeutet das für Ihren Hund?
Ein einzelner Harnstoffwert ist keine Diagnose. Referenzbereiche unterscheiden sich von Labor zu Labor; maßgeblich ist der Bereich, der auf Ihrem Befund gedruckt ist. Ein leicht erhöhter Wert nach einer Mahlzeit oder nach einem Magen-Darm-Infekt mit Erbrechen ist in vielen Fällen harmlos und normalisiert sich bei der nüchternen Kontrolle. Aussagekräftig ist der Harnstoff erst im Zusammenspiel mit Kreatinin, SDMA und Urin — und im Verlauf. Ihr Tierarzt ordnet den Wert im Gespräch ein und entscheidet mit Ihnen, ob eine Kontrolle genügt oder eine weitere Abklärung sinnvoll ist.
Quellen
- Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
- Stockham SL, Scott MA (2008): Fundamentals of Veterinary Clinical Pathology, 2nd ed., Blackwell, Ames
- Thrall MA, Weiser G, Allison RW, Campbell TW (2012): Veterinary Hematology and Clinical Chemistry, 2nd ed., Wiley-Blackwell, Ames
- Neiger R (Hrsg.) (2019): Differenzialdiagnosen Innere Medizin bei Hund und Katze, 3. Aufl., Thieme, Stuttgart
Häufige Fragen
Ist ein erhöhter Harnstoff bei meinem Hund gefährlich?
Nicht unbedingt. Die häufigsten Ursachen sind ein Flüssigkeitsmangel, etwa nach Erbrechen oder Durchfall, und eine eiweißreiche Mahlzeit vor der Blutentnahme; in beiden Fällen normalisiert sich der Wert bei einer nüchternen Kontrolle. Bleibt er erhöht oder steigt zugleich das Kreatinin, werden die Nieren genauer untersucht.
Der Harnstoff meines Hundes ist erhöht, das Kreatinin aber normal. Was heißt das?
Diese Konstellation spricht eher gegen die Niere und für Flüssigkeitsmangel, eiweißreiche Fütterung oder eine Blutung in den Magen-Darm-Trakt, weil verdautes Blut wie eine große Eiweißmahlzeit wirkt. Der Tierarzt fragt dann nach Schmerzmitteln, prüft Hämatokrit und Kot auf verborgenes Blut und untersucht den Bauch im Ultraschall.
Muss mein Hund für die Harnstoff-Messung nüchtern sein?
Ja, das ist sinnvoll. Eine eiweißreiche Mahlzeit kurz vor der Blutentnahme hebt den Harnstoff an und kann einen erhöhten Wert vortäuschen, der bei nüchterner Wiederholung verschwindet.
Was bedeutet ein zu niedriger Harnstoff beim Hund?
Für sich genommen ist ein niedriger Wert kein Alarmzeichen; er findet sich bei eiweißarmer Fütterung, vermehrtem Trinken und bei jungen Hunden. Ist zugleich das Albumin niedrig oder wirkt der Hund nach dem Fressen benommen, muss die Leber untersucht werden, weil eine Leberinsuffizienz oder ein portosystemischer Shunt die Harnstoffbildung verringert.
Was ist der Unterschied zwischen Harnstoff und BUN?
BUN steht für blood urea nitrogen und bezeichnet nur den Stickstoffanteil des Harnstoffs, wie er auf englischsprachigen Befunden angegeben wird. Beide messen dieselbe Substanz, die Zahlenwerte sind aber nicht direkt vergleichbar; maßgeblich ist der Referenzbereich, der auf dem jeweiligen Befund steht.
Kann ein erhöhter Harnstoff auf einen Tumor hinweisen?
Harnstoff ist kein Tumormarker. Ein isoliert erhöhter Harnstoff bei normalem Kreatinin kann aber auf eine Blutung in den Magen-Darm-Trakt hindeuten, hinter der neben Geschwüren auch ein blutender Tumor in Magen oder Darm stecken kann — meist zusammen mit Teerstuhl und Blutarmut.