Lipase beim Hund
Bei der Lipase beim Hund handelt es sich um ein fettspaltendes Verdauungsenzym, das überwiegend in der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) gebildet wird und im Blut vor allem bestimmt wird, um eine Bauchspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis) zu erkennen. Auf Laborbefunden erscheint der Wert in unterschiedlicher Gestalt: als „Lipase” oder „Lipase (katalytisch)”, als „DGGR-Lipase” oder als pankreasspezifische Lipase „cPL” (Spec cPL, SNAP cPL) — drei Messverfahren, die nicht dasselbe messen. Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.
Was misst der Wert?
Lipasen zerlegen Nahrungsfette (Triglyceride) in Fettsäuren und Glycerin. Die größte Menge stammt aus dem exokrinen, also dem verdauungsaktiven Teil der Bauchspeicheldrüse; daneben bilden auch Magen, Leber und Fettgewebe eigene Lipasen. Gerät die Bauchspeicheldrüse in Entzündung, treten Enzyme aus den geschädigten Zellen in das Blut über, und der Lipasespiegel steigt. Ausgeschieden wird das Enzym zu einem erheblichen Teil über die Niere. Entscheidend ist, welche Lipase gemessen wurde:
- Klassische (katalytische) Lipase. Das älteste Verfahren misst die Aktivität aller Lipasen im Serum, gleich aus welchem Organ sie stammen, und ist deshalb wenig spezifisch: Nierenschwäche, Kortison (Glukokortikoide) sowie Magen-Darm- und Lebererkrankungen lassen den Wert steigen, ohne dass die Bauchspeicheldrüse erkrankt ist.
- DGGR-Lipase. Hier dient ein künstliches Fettmolekül (kurz DGGR) als Messgrundlage, das bevorzugt von der Pankreaslipase gespalten wird. Es ist deutlich spezifischer, weit verbreitet und stimmte in Untersuchungen weitgehend mit der cPL überein (Cridge et al. 2021).
- Pankreasspezifische Lipase (cPL). Sie wird nicht über ihre Aktivität, sondern immunologisch über ihre Struktur erfasst — gemessen wird nur das Lipase-Eiweiß aus den Zellen der Bauchspeicheldrüse. Der Spec cPL liefert einen Zahlenwert; der SNAP cPL ist ein Schnelltest, der nur „unauffällig” oder „auffällig” anzeigt und bei auffälligem Ergebnis durch den Spec cPL beziffert werden sollte. Nach Xenoulis (2015) und Cridge et al. (2021) ist die cPL derzeit der aussagekräftigste Blutwert für die Pankreatitis.
Stark fetthaltiges (lipämisches) Serum kann die Messung stören, die Blutentnahme erfolgt daher am besten nüchtern. Die ältere Amylase ist noch unspezifischer als die klassische Lipase.
Erhöhte Werte: typische Ursachen
Eine Pankreatitis ist nicht die einzige Erklärung für einen Anstieg. Von häufig zu selten:
- Akute oder chronische Pankreatitis — die wichtigste Ursache, vor allem bei deutlich erhöhter DGGR-Lipase oder cPL. Typische Begleitzeichen sind Erbrechen, Appetitlosigkeit, Bauchschmerz und Mattigkeit. Als Risikofaktoren gelten fettreiches Futter, erhöhte Blutfette (Hypertriglyzeridämie, etwa beim Zwergschnauzer), Übergewicht, Kortison, einige Antiepileptika und Diabetes mellitus (Xenoulis und Steiner 2010).
- Nierenschwäche — die Ausscheidung ist vermindert, Kreatinin und Harnstoff sind ebenfalls erhöht; die klassische Lipase steigt deutlich, die cPL meist nur mäßig.
- Kortison — als Behandlung oder beim Cushing-Syndrom (Überproduktion körpereigenen Kortisons); lässt vor allem die klassische Lipase steigen, häufig um ein Mehrfaches, während die cPL wenig beeinflusst zu sein scheint.
- Erkrankungen von Magen und Darm — Fremdkörper, Darmverschluss, schwere Darmentzündungen und Bauchfellentzündung (Peritonitis), bei denen die Bauchspeicheldrüse in Mitleidenschaft gezogen wird.
- Lebererkrankungen und, selten, Tumoren der Bauchspeicheldrüse.
Für den Spec cPL nennt die Literatur neben dem Referenzbereich einen Graubereich von etwa 200 bis 400 µg/l; erst Werte ab 400 µg/l gelten als vereinbar mit einer Pankreatitis (Xenoulis 2015). Eine leichte Erhöhung ist also ein Anlass zur Kontrolle, kein Befund für sich. Umgekehrt schließt ein normaler Wert eine Pankreatitis nicht aus: Milde und chronische Entzündungen werden von allen Verfahren regelmäßig übersehen (Cridge et al. 2021).
Erniedrigte Werte: typische Ursachen
Ein niedriger Lipasewert hat beim Hund keine Bedeutung. Auch bei der exokrinen Pankreasinsuffizienz, bei der die Drüse zu wenig Verdauungsenzyme bildet, ist die Lipase nicht der geeignete Wert — hier wird der TLI-Test (Trypsin-like Immunoreactivity) bestimmt. Mehr dazu unter exokrine Pankreasinsuffizienz.
Was der Tierarzt daraufhin meist prüft
Die Diagnose Pankreatitis stützt sich auf drei Säulen: klinische Zeichen, Lipasewert und Ultraschall des Bauches. Meist folgt daher:
- Bestätigung des Werts — ein auffälliger SNAP cPL wird durch den Spec cPL beziffert, eine erhöhte klassische Lipase durch DGGR-Lipase oder cPL überprüft; grenzwertige Ergebnisse werden nach einigen Tagen wiederholt, weil die Werte rasch steigen und wieder fallen.
- Nachbarwerte — Kreatinin und Harnstoff für die Nierenfunktion; Leberwerte und Bilirubin, weil die geschwollene Drüse den Gallengang einengen kann; Glukose und Triglyceride; Calcium, das bei schwerer Pankreatitis abfällt; Blutbild.
- Ultraschall — eine vergrößerte, unregelmäßig strukturierte Bauchspeicheldrüse, aufgehelltes umgebendes Fettgewebe und freie Flüssigkeit sprechen für die Entzündung; zugleich zeigen sich Fremdkörper, Darmveränderungen und Tumoren.
- Medikamentenanamnese — vor allem Kortison.
Behandelt wird nicht der Wert, sondern der Hund: Ein erhöhter Lipasewert ohne Beschwerden zieht in der Regel eine Kontrolle nach sich, keine Therapie. Verlauf und Behandlung beschreibt die Seite Pankreatitis beim Hund, das Zusammenspiel der Werte die Seite Blutwerte der Bauchspeicheldrüse.
Bezug zu Tumorerkrankungen
Für die Tumordiagnostik ist die Lipase kein Marker. Das Karzinom der Bauchspeicheldrüse ist beim Hund selten; es kann die Lipase erhöhen, weil der Tumor das umgebende Drüsengewebe zerstört und entzündet — der Wert lässt sich dann nicht von dem einer gewöhnlichen Pankreatitis unterscheiden. Der Verdacht entsteht über den Ultraschall, etwa wenn eine vermeintliche Pankreatitis nicht zurückgeht, und wird durch eine Gewebeprobe (Biopsie) gesichert. Mehr dazu unter Bauchspeicheldrüsenkrebs beim Hund. Das Insulinom, ein Tumor der insulinbildenden Zellen, verändert die Lipase in der Regel nicht; der wegweisende Wert ist dort die Glukose, die durch das freigesetzte Insulin abfällt — siehe Insulinom beim Hund.
Was bedeutet das für Ihren Hund?
Ein einzelner Lipasewert ist keine Diagnose. Referenzbereiche unterscheiden sich von Verfahren zu Verfahren und von Labor zu Labor; maßgeblich ist, was auf Ihrem Befund gedruckt steht — und welche Lipase dort gemessen wurde. Zeigt Ihr Hund keine Beschwerden, ist eine leichte Erhöhung oft nur ein Anlass zur Kontrolle. Erbricht er, frisst er nicht oder hat er Bauchschmerzen, gehört der Wert zusammen mit einem Ultraschall zügig eingeordnet. Der Verlauf zählt mehr als der Einzelwert, und das Gespräch mit dem behandelnden Tierarzt bringt Klinik, Wert und Ultraschallbild zusammen.
Quellen
- Xenoulis PG (2015): Diagnosis of pancreatitis in dogs and cats, J Small Anim Pract 56(1):13–26
- Cridge H et al. (2021): Advances in the diagnosis of acute pancreatitis in dogs, J Vet Intern Med 35(6):2722–2744
- Xenoulis PG, Steiner JM (2010): Lipid metabolism and hyperlipidemia in dogs, Vet J 183(1):12–21
- Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
- Ettinger SJ, Feldman EC, Côté E (2017): Textbook of Veterinary Internal Medicine, 8th ed., Elsevier, St. Louis, MO
Häufige Fragen
Ist eine erhöhte Lipase bei meinem Hund gefährlich?
Nicht zwangsläufig. Eine leichte Erhöhung ohne Beschwerden ist oft nur ein Anlass zur Kontrolle nach einigen Tagen; erst zusammen mit Erbrechen, Appetitlosigkeit oder Bauchschmerz und einem passenden Ultraschallbefund spricht ein deutlich erhöhter Wert für eine Bauchspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis), die behandelt werden muss.
Was ist der Unterschied zwischen Lipase, DGGR-Lipase und cPL?
Die klassische Lipase misst die Aktivität aller Lipasen im Blut und steigt auch bei Nierenschwäche, unter Kortison oder bei Darmerkrankungen. Die DGGR-Lipase erfasst bevorzugt die Pankreaslipase; die cPL (Spec cPL, SNAP cPL) misst ausschließlich das Lipase-Eiweiß der Bauchspeicheldrüse und gilt derzeit als aussagekräftigster Wert für die Pankreatitis.
Kann mein Hund eine Pankreatitis haben, obwohl die Lipase normal ist?
Ja. Milde und chronische Bauchspeicheldrüsenentzündungen werden von allen Messverfahren regelmäßig übersehen. Bei passenden Beschwerden zieht der Tierarzt deshalb den Ultraschall hinzu und wiederholt den Wert nach einigen Tagen.
Mein Hund bekommt Kortison — erklärt das die hohe Lipase?
Möglicherweise ja: Kortison lässt vor allem die klassische Lipase ansteigen, häufig um ein Mehrfaches, ohne dass die Bauchspeicheldrüse erkrankt ist. Die pankreasspezifische Lipase cPL scheint davon deutlich weniger beeinflusst zu werden, weshalb sie in dieser Situation aussagekräftiger ist.
Bedeutet eine hohe Lipase, dass mein Hund einen Tumor hat?
Nein. Das Karzinom der Bauchspeicheldrüse ist beim Hund selten und lässt sich am Lipasewert nicht von einer gewöhnlichen Entzündung unterscheiden; der Verdacht entsteht erst über den Ultraschall und wird durch eine Gewebeprobe gesichert. Das Insulinom verändert die Lipase in der Regel gar nicht — dort ist die Glukose der entscheidende Wert.
Was bedeutet eine niedrige Lipase bei meinem Hund?
Nichts Krankhaftes. Selbst bei der exokrinen Pankreasinsuffizienz, bei der die Bauchspeicheldrüse zu wenig Verdauungsenzyme bildet, ist nicht die Lipase, sondern der TLI-Test der geeignete Wert.