Kreatinin beim Hund
Bei Kreatinin beim Hund handelt es sich um ein Abbauprodukt des Muskelstoffwechsels, das über die Nieren ausgeschieden wird — und damit um den klassischen Blutwert für die Nierenfunktion. Auf dem Laborbefund steht der Wert als Kreatinin, Krea oder CREA, angegeben in µmol/l oder mg/dl. Ein erhöhter Wert (Azotämie, also die Anreicherung harnpflichtiger Stoffe im Blut) bedeutet, dass die Nieren weniger filtern oder zu wenig Blut bei ihnen ankommt. Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.
Was misst der Wert?
Kreatinin entsteht in der Muskulatur beim Abbau von Kreatinphosphat, dem Energiespeicher der Muskelzellen. Es wird in recht gleichmäßiger Menge gebildet, in den Nierenkörperchen (Glomeruli) frei filtriert und von der Niere nicht zurückgeholt. Die Konzentration im Blut ist deshalb ein Spiegel der glomerulären Filtrationsrate, also der Blutmenge, die die Nieren pro Minute reinigen: Filtern die Nieren weniger, steigt das Kreatinin.
Zwei Eigenschaften muss man kennen, um den Wert richtig zu lesen. Erstens hängt er von der Muskelmasse ab: Muskulöse Hunde und vor allem Windhunde haben von Natur aus höhere Werte, während alte, abgemagerte oder kachektische Hunde (mit krankheitsbedingtem Muskelschwund) niedrige Werte zeigen — ein solcher Hund kann eine Nierenschwäche haben, ohne dass das Kreatinin es verrät. Zweitens reagiert der Wert träge: In der Literatur wird angegeben, dass etwa drei Viertel der Nierenfunktion verloren sein müssen, bevor das Kreatinin den Referenzbereich verlässt. Ein normales Kreatinin schließt eine beginnende Nierenerkrankung deshalb nicht aus; als früherer Marker dient das SDMA. Gemessen wird am besten nüchtern.
Erhöhte Werte: typische Ursachen
Tierärzte ordnen ein erhöhtes Kreatinin danach, wo das Problem liegt:
- Prärenal (vor der Niere): Flüssigkeitsmangel durch Erbrechen, Durchfall, Fieber oder zu geringes Trinken, Herzschwäche, Schock. Die Niere ist gesund, bekommt aber zu wenig Blut. Dies ist die häufigste Ursache eines leicht erhöhten Werts; er normalisiert sich in der Regel, sobald der Flüssigkeitshaushalt ausgeglichen ist.
- Renal (in der Niere): die chronische Nierenerkrankung des älteren Hundes, eine akute Nierenschädigung durch Gifte (Weintrauben und Rosinen, Frostschutzmittel, Schmerzmittel der Gruppe NSAID), Infektionen wie die Leptospirose oder durch Zecken übertragene Erreger, Entzündungen der Nierenkörperchen (Glomerulonephritis) sowie erbliche Nierenerkrankungen bestimmter Rassen.
- Postrenal (hinter der Niere): eine Harnabflussstörung durch Steine oder eine Umfangsvermehrung in Harnröhre oder Blase, oder eine Blasenruptur nach einem Unfall — der Urin läuft in die Bauchhöhle und wird dort wieder ins Blut aufgenommen.
- Ohne Krankheitswert: Windhunde und sehr muskulöse Hunde.
Für die chronische Nierenerkrankung hat die International Renal Interest Society (IRIS) eine Stadieneinteilung nach Kreatinin und SDMA erarbeitet (Fassung von 2023):
| IRIS-Stadium | Kreatinin | SDMA |
|---|---|---|
| Stadium 1 | < 125 µmol/l (< 1,4 mg/dl) | < 18 µg/dl |
| Stadium 2 | 125–250 µmol/l (1,4–2,8 mg/dl) | 18–35 µg/dl |
| Stadium 3 | 251–440 µmol/l (2,9–5,0 mg/dl) | 36–54 µg/dl |
| Stadium 4 | > 440 µmol/l (> 5,0 mg/dl) | > 54 µg/dl |
Wichtig ist die Einschränkung, die IRIS selbst macht: Die Einteilung gilt nur für einen stabilen Hund, dessen Wert nüchtern und gut hydriert gemessen und mindestens zweimal bestätigt wurde. Ein einzelner erhöhter Wert bei einem Hund, der gerade erbrochen hat, ist kein Stadium, sondern ein Anlass zur Kontrolle. Das Stadium 1 zeigt zudem, dass eine Nierenerkrankung auch bei normalem Kreatinin bestehen kann — erkennbar an Eiweiß im Urin, erhöhtem SDMA oder Veränderungen im Ultraschall.
Erniedrigte Werte: typische Ursachen
Ein niedriges Kreatinin hat für sich genommen kaum Krankheitswert. Es findet sich bei Hunden mit geringer Muskelmasse — bei sehr kleinen Rassen, im hohen Alter, nach längerer Krankheit oder bei Tumorkachexie, dem Muskel- und Gewichtsverlust bei fortgeschrittenem Tumorleiden — sowie unter Infusionen, die das Blut verdünnen. Bedeutsam ist der niedrige Wert vor allem als Störfaktor: Bei einem abgemagerten Hund kann ein Kreatinin im Referenzbereich eine bereits eingeschränkte Nierenfunktion verdecken.
Was der Tierarzt daraufhin meist prüft
Ein erhöhtes Kreatinin wird zunächst eingeordnet. Dazu gehört in der Regel:
- Kontrolle: Wiederholung der Messung nüchtern und nach Ausgleich eines Flüssigkeitsmangels, meist nach einigen Tagen bis wenigen Wochen.
- Harnstoff und SDMA: Der Harnstoff steigt bei Flüssigkeitsmangel und nach Blutungen in den Magen-Darm-Trakt stärker als das Kreatinin; das SDMA ist unabhängig von der Muskelmasse.
- Urinuntersuchung: das spezifische Gewicht — gesunde Nieren konzentrieren den Urin bei Flüssigkeitsmangel, kranke können das nicht mehr — und der Protein/Kreatinin-Quotient im Urin (UPC), der den Eiweißverlust über die Niere misst.
- Blutdruck: Bluthochdruck ist bei Nierenkranken häufig und schädigt die Niere weiter; er gehört mit dem UPC zur Unterteilung des IRIS-Stadiums.
- Weitere Blutwerte: Phosphat als Prognosefaktor, Kalium und Calcium sowie der Hämatokrit, weil die kranke Niere weniger blutbildendes Hormon (Erythropoetin) bildet und eine Nierenanämie entstehen kann.
- Bildgebung: Ultraschall der Nieren und Harnwege, bei Infektionsverdacht ein Leptospirose-Test.
Bezug zu Tumorerkrankungen
Das Kreatinin ist kein Tumormarker; die meisten erhöhten Werte haben mit einer Tumorerkrankung nichts zu tun. Es gibt dennoch vier Situationen, in denen beides zusammenhängt. Tumoren der Niere selbst — meist ein Nierenzellkarzinom, seltener ein Lymphom in beiden Nieren — schränken die Funktion meist erst spät ein, weil die gesunde zweite Niere lange ausgleicht; ein einseitiger Nierentumor erhöht das Kreatinin deshalb häufig nicht. Zweitens schädigt eine tumorbedingte Hyperkalzämie — ein vom Tumor ausgelöster Calciumüberschuss, typisch beim Lymphom und beim Analbeuteltumor — die Nierenkanälchen bis hin zur Nierenschwäche. Drittens senkt die Tumorkachexie das Kreatinin und kann eine Nierenschwäche maskieren. Viertens belasten einige Chemotherapeutika, etwa platinhaltige Wirkstoffe, die Nieren; vor und unter einer Chemotherapie werden Kreatinin und SDMA deshalb kontrolliert.
Was bedeutet das für Ihren Hund?
Ein einzelner Kreatininwert ist keine Diagnose. Referenzbereiche unterscheiden sich von Labor zu Labor; maßgeblich ist der Bereich, der auf Ihrem Befund gedruckt ist — und die Frage, ob Ihr Hund ein muskulöser Windhund oder ein zierlicher Senior ist. Ein leicht erhöhter Wert bei einem Hund, der gerade krank war, normalisiert sich in vielen Fällen wieder. Aussagekräftig ist der Verlauf über Wochen und Monate, zusammen mit Urin, SDMA und Blutdruck. Sollte sich eine chronische Nierenerkrankung bestätigen, ordnet Ihr Tierarzt das Stadium ein und legt mit Ihnen fest, wie eng Ihr Hund begleitet wird — in vielen Fällen lässt sich das Fortschreiten verlangsamen.
Quellen
- International Renal Interest Society (IRIS): IRIS Staging of CKD (modified 2023), www.iris-kidney.com
- Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
- Stockham SL, Scott MA (2008): Fundamentals of Veterinary Clinical Pathology, 2nd ed., Blackwell, Ames
- Ettinger SJ, Feldman EC, Côté E (2017): Textbook of Veterinary Internal Medicine, 8th ed., Elsevier, St. Louis, MO
- Vail DM, Thamm DH, Liptak JM (2020): Withrow & MacEwen’s Small Animal Clinical Oncology, 6th ed., Elsevier, St. Louis, MO
Häufige Fragen
Ist ein erhöhtes Kreatinin bei meinem Hund gefährlich?
Nicht zwangsläufig. Die häufigste Ursache eines leicht erhöhten Werts ist ein Flüssigkeitsmangel, etwa nach Erbrechen oder Durchfall, und der Wert normalisiert sich dann in der Regel wieder. Bleibt er bei einer nüchternen Kontrolle erhöht, muss die Nierenfunktion genauer untersucht werden.
Mein Hund ist munter, aber das Kreatinin ist leicht erhöht. Was heißt das?
Bei muskulösen Hunden und vor allem Windhunden liegt das Kreatinin von Natur aus höher, ohne dass die Nieren krank sind. Ob ein Problem besteht, klärt eine Wiederholung der Messung zusammen mit Urinuntersuchung und SDMA.
Was bedeuten die IRIS-Stadien beim Hund?
Die International Renal Interest Society teilt die chronische Nierenerkrankung anhand von Kreatinin und SDMA in vier Stadien ein, von Stadium 1 (Kreatinin noch unter 125 µmol/l) bis Stadium 4 (über 440 µmol/l). Die Einteilung gilt nur für einen stabilen, gut hydrierten Hund mit mindestens zweimal bestätigtem Wert.
Kann mein Hund nierenkrank sein, obwohl das Kreatinin normal ist?
Ja. In der Literatur wird angegeben, dass etwa drei Viertel der Nierenfunktion verloren sein müssen, bevor das Kreatinin ansteigt; bei abgemagerten Hunden mit wenig Muskulatur bleibt es zusätzlich niedrig. Eiweiß im Urin, ein erhöhtes SDMA oder Veränderungen im Ultraschall können eine Nierenerkrankung früher anzeigen.
Warum misst der Tierarzt bei meinem Hund zusätzlich SDMA?
SDMA ist ebenfalls ein Nierenwert, hängt aber nicht von der Muskelmasse ab und steigt bereits bei einem geringeren Funktionsverlust als das Kreatinin. Beide Werte zusammen erlauben eine sicherere Einordnung, besonders bei alten oder abgemagerten Hunden.
Hat ein erhöhtes Kreatinin etwas mit Krebs zu tun?
In der Regel nicht; Kreatinin ist kein Tumormarker. Ein Zusammenhang besteht bei Tumoren der Niere selbst, bei einer tumorbedingten Hyperkalzämie, die die Nieren schädigt, und unter bestimmten Chemotherapeutika, die die Nieren belasten — deshalb wird der Wert unter einer Chemotherapie regelmäßig kontrolliert.