Erythrozyten beim Hund

Erythrozyten beim Hund sind die roten Blutkörperchen — die Zellen, die den Sauerstoff von der Lunge in die Gewebe tragen. Auf dem Laborbefund steht ihre Anzahl je Volumen als RBC (red blood cells) oder Ery, angegeben in Millionen pro Mikroliter oder als × 10¹²/l. Der Wert bildet gemeinsam mit Hämatokrit und Hämoglobin das rote Blutbild. Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.

Was misst der Wert?

Erythrozyten sind beim Hund kernlose, scheibenförmige Zellen mit einer Delle auf beiden Seiten; diese Form macht sie verformbar genug, um sich durch feinste Haargefäße zu zwängen. Sie entstehen im Knochenmark aus Stammzellen, angeregt durch das Nierenhormon Erythropoetin (EPO), und leben etwa drei bis vier Monate, bevor die Milz sie aussortiert. Ein gesundes Knochenmark ersetzt täglich rund ein Prozent des Bestandes und kann die Produktion bei Bedarf vervielfachen.

Das Analysegerät zählt die Zellen einzeln, während sie durch eine feine Messöffnung strömen. Die Zahl allein sagt jedoch nichts über die Größe der Zellen: Ein Hund mit vielen kleinen Erythrozyten kann eine normale Zellzahl und trotzdem einen niedrigen Hämatokrit haben — deshalb werden Zahl, Hämatokrit und Hämoglobin stets gemeinsam gelesen. Verklumpen Erythrozyten in der Probe (Agglutination bei einer Immunreaktion), zählt das Gerät die Klumpen als einzelne große Zellen — die Zahl fällt falsch niedrig aus. Windhunde haben von Natur aus mehr Erythrozyten, Welpen in den ersten Lebensmonaten weniger.

Erhöhte Werte: typische Ursachen

Ein Zuviel an Erythrozyten (Erythrozytose oder Polyzythämie) ist beim Hund meist nur scheinbar — das Plasma fehlt, nicht die Zellen kommen hinzu:

  • Dehydratation (Flüssigkeitsmangel): die häufigste Ursache, meist zusammen mit erhöhtem Gesamteiweiß.
  • Aufregung, Stress, Anstrengung: Milzkontraktion, vorübergehend.
  • Rasse: Greyhound, Whippet und andere Windhunde liegen physiologisch höher.
  • Sekundäre Erythrozytose: Das Knochenmark bildet tatsächlich mehr Zellen, weil chronischer Sauerstoffmangel — bei Herzfehlern oder Lungenerkrankungen — die EPO-Ausschüttung antreibt; selten bilden Nierentumoren oder Nierenzysten EPO ohne Sauerstoffmangel.
  • Polycythaemia vera: eine sehr seltene Knochenmarkerkrankung mit unkontrollierter Erythrozytenbildung.

Bei einer echten Mehrbildung wird das Blut zähflüssig; dunkelrote Schleimhäute, Schwäche oder Krampfanfälle können folgen.

Erniedrigte Werte: typische Ursachen

Zu wenige Erythrozyten bedeuten Blutarmut (Anämie). Der Tierarzt fragt zunächst nicht nach der Ursache, sondern nach dem Mechanismus: Gehen Zellen verloren, werden sie zerstört oder werden zu wenige gebildet?

  • Blutverlust: akut durch Unfall, Operation, Gerinnungsstörung oder eine Tumorblutung in die Bauchhöhle; chronisch durch Magen-Darm-Geschwüre, Parasiten oder langsam blutende Tumoren.
  • Hämolyse (Zerfall der Zellen): die immunmediierte hämolytische Anämie, bei der Antikörper die eigenen Erythrozyten markieren; Babesiose und andere von Zecken übertragene Infektionen; Zinkvergiftung; Zwiebeln und Knoblauch.
  • Verminderte Bildung: die Anämie der chronischen Erkrankung bei Entzündung, Infektion oder Tumor (häufig, meist mild), EPO-Mangel bei chronischer Nierenerkrankung, Knochenmarkerkrankungen einschließlich Tumorinfiltration, Chemotherapie, Östrogenüberschuss, Schilddrüsenunterfunktion.

Den Mechanismus verraten die Retikulozyten — junge Erythrozyten, die anzeigen, ob das Knochenmark nachliefert — und die Form der Zellen im Blutausstrich:

Befund im AusstrichWas er bedeutet
Sphärozyten (kleine, kugelige Zellen ohne helle Mitte)typisch für immunvermittelte Hämolyse
Schistozyten (Bruchstücke zerrissener Zellen)mechanische Schädigung in krankhaften Gefäßen: Gerinnungsstörung (DIC), Hämangiosarkom
Akanthozyten (Zellen mit stachelartigen Fortsätzen)Milztumoren, Lebererkrankungen
Heinz-Körper (Einschlüsse aus verklumptem Hämoglobin)oxidative Schädigung durch Zwiebeln, Knoblauch, Zink
Kernhaltige Erythrozyten (Normoblasten)starke Regeneration; ohne Anämie: Milzerkrankung, Bleivergiftung, Knochenmarkschaden
Polychromasie (bläulich schimmernde junge Zellen)Regeneration
Babesien in den ZellenBlutparasiten nach Zeckenstich

Eine milde Anämie bleibt oft unbemerkt; bei stärkerer Ausprägung fallen blasse Schleimhäute, Müdigkeit und schnelle Atmung auf.

Was der Tierarzt daraufhin meist prüft

Aus Erythrozytenzahl, Hämatokrit und Hämoglobin berechnet das Labor die Erythrozytenindizes MCV, MCH und MCHC — Größe und Farbstoffgehalt der Zellen, die etwa auf Eisenmangel hinweisen. Die Retikulozyten trennen regenerative Anämien (Blutverlust, Hämolyse) von nicht-regenerativen (Bildungsstörung); da das Knochenmark erst nach einigen Tagen antwortet, wird die Messung bei frischen Anämien wiederholt. Gesamteiweiß, Bilirubin und ein Coombs-Test (Nachweis von Antikörpern gegen Erythrozyten) grenzen Blutverlust und Hämolyse voneinander ab. Je nach Bild folgen Kotuntersuchung, Ultraschall des Bauches, Nieren- und Schilddrüsenwerte, Tests auf Babesien, Ehrlichien und Anaplasmen bei Zeckenkontakt und — bei anhaltend nicht-regenerativer Anämie ohne erkennbare Ursache — eine Knochenmarkpunktion. Bei erhöhter Zahl stehen Wiederholung in Ruhe, Blutgasanalyse sowie Untersuchung von Herz, Lunge und Nieren an.

Bezug zu Tumorerkrankungen

Eine niedrige Erythrozytenzahl beweist keinen Tumor; Entzündungen, Infektionen, Parasiten und Immunerkrankungen sind weit häufiger. Bei Tumorpatienten ist eine Anämie nach Childress et al. gleichwohl die häufigste Blutbildveränderung — meist als milde Anämie der chronischen Erkrankung. Zwei Konstellationen sind kennzeichnend: Beim Hämangiosarkom, einem bösartigen Gefäßtumor, entsteht durch Blutungen und die ungeordneten Tumorgefäße eine regenerative Anämie mit Schistozyten und Akanthozyten im Ausstrich, häufig begleitet von einer Gerinnungsstörung. Bei der Leukämie und anderen Knochenmarkinfiltrationen verdrängen Tumorzellen die Blutbildung: Die Anämie ist nicht-regenerativ, und meist sind zugleich weiße Blutkörperchen und Thrombozyten vermindert. Bei einzelnen Tumoren, etwa dem Lymphom, wird eine immunvermittelte Hämolyse als Begleitphänomen beschrieben. Unter Chemotherapie bleibt die Anämie beim Hund in der Regel mild.

Was bedeutet das für Ihren Hund?

Eine einzelne Erythrozytenzahl ist keine Diagnose. Referenzbereiche unterscheiden sich von Labor zu Labor und je nach Gerät; maßgeblich ist der Bereich auf dem Befund Ihres Hundes. Entscheidend ist das Muster — Zahl, Hämatokrit, Hämoglobin, Retikulozyten und Ausstrich zusammen — und der Verlauf über mehrere Messungen. Ein leicht erniedrigter Wert bei einem Hund, dem es gut geht, ist zunächst ein Anlass zur Kontrolle, nicht zur Sorge. Was Ihr Befund bedeutet, ordnet Ihr behandelnder Tierarzt im Gespräch und im Zusammenhang mit der Untersuchung Ihres Hundes ein.

Quellen

  • Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
  • Thrall MA, Weiser G, Allison RW, Campbell TW (2012): Veterinary Hematology and Clinical Chemistry, 2nd ed., Wiley-Blackwell, Ames
  • Ettinger SJ, Feldman EC, Côté E (2017): Textbook of Veterinary Internal Medicine, 8th ed., Elsevier, St. Louis, MO
  • Neiger R (Hrsg.) (2019): Differenzialdiagnosen Innere Medizin bei Hund und Katze, 3. Aufl., Thieme, Stuttgart
  • Childress MO (2012): Hematologic abnormalities in the small animal cancer patient, Vet Clin North Am Small Anim Pract 42(1):123–155

Häufige Fragen

Was bedeutet es, wenn mein Hund zu wenige Erythrozyten hat?

Zu wenige rote Blutkörperchen bedeuten Blutarmut (Anämie). Entweder gehen Zellen durch eine Blutung verloren, sie werden im Körper zerstört (Hämolyse), oder das Knochenmark bildet zu wenige — etwa bei chronischen Entzündungen, Nierenerkrankungen, Knochenmarkerkrankungen oder unter Chemotherapie.

Sind zu viele Erythrozyten bei meinem Hund gefährlich?

Meist nicht: In der Regel ist das Blut durch Flüssigkeitsmangel eingedickt oder der Hund war bei der Blutentnahme aufgeregt; Windhunde haben von Natur aus höhere Werte. Eine echte Mehrbildung bei Herz-, Lungen- oder Nierenerkrankungen ist selten und wird abgeklärt, wenn der Wert in Ruhe wiederholt erhöht bleibt.

Warum schaut sich der Tierarzt den Blutausstrich an?

Weil die Form der Erythrozyten die Ursache verrät: Kugelige Sphärozyten sprechen für eine immunvermittelte Zerstörung, zerrissene Schistozyten für geschädigte Gefäße wie beim Hämangiosarkom, Heinz-Körper für eine Vergiftung durch Zwiebeln oder Zink, und Babesien sind als Parasiten direkt in den Zellen sichtbar.

Was ist der Unterschied zwischen regenerativer und nicht-regenerativer Anämie?

Bei einer regenerativen Anämie reagiert das Knochenmark und schickt vermehrt junge Erythrozyten (Retikulozyten) ins Blut — typisch nach Blutverlust oder Hämolyse. Bei einer nicht-regenerativen Anämie bleibt diese Antwort aus, weil die Bildung selbst gestört ist, etwa durch chronische Erkrankung, Nierenschwäche oder eine Knochenmarkerkrankung.

Kann eine niedrige Erythrozytenzahl von einem Tumor kommen?

Selten als erste Ursache; Entzündungen, Infektionen, Parasiten und Immunerkrankungen sind weit häufiger. Bei Tumorpatienten ist eine Anämie aber die häufigste Blutbildveränderung — durch die chronische Erkrankung, Blutungen aus einem Hämangiosarkom, Verdrängung des Knochenmarks bei Leukämie oder als Folge einer Chemotherapie.

Warum sind Erythrozytenzahl und Hämatokrit nicht immer gleich verändert?

Weil der Hämatokrit auch von der Größe der Zellen abhängt. Viele kleine Erythrozyten, wie bei Eisenmangel, ergeben eine normale Zahl bei niedrigem Hämatokrit; deshalb werden beide Werte immer zusammen mit dem Hämoglobin und den Erythrozytenindizes gelesen.

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