Retikulozyten beim Hund

Retikulozyten beim Hund sind junge rote Blutkörperchen, die das Knochenmark gerade erst ins Blut entlassen hat. Sie enthalten noch Reste des Zellinneren, die sich in einer Spezialfärbung als feines Netz (reticulum) zeigen — daher der Name. Auf dem Laborbefund stehen sie als Retikulozyten, RETIC oder Retis, angegeben in Prozent der Erythrozyten und als absolute Zahl je Volumen. Ihr Wert liegt in einer einzigen Frage: Reagiert das Knochenmark auf eine Blutarmut (Anämie) oder nicht? Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.

Was misst der Wert?

Ihre letzte Reifungsstufe verbringen rote Blutkörperchen als Retikulozyten — bereits funktionsfähig, aber noch etwas größer und farbstoffärmer als reife Zellen. Sinkt der Hämatokrit, bildet die Niere vermehrt das Hormon Erythropoetin (EPO), und das Knochenmark antwortet — mit Verzögerung: Ein Anstieg der Retikulozyten ist in der Regel erst etwa drei bis fünf Tage nach Beginn einer Blutung oder Hämolyse (Zerfall der Erythrozyten) zu erwarten, der Höhepunkt nach rund einer Woche.

Die Prozentzahl ist bei einer Anämie irreführend: Sind nur noch halb so viele Erythrozyten vorhanden, wirken dieselben Retikulozyten prozentual doppelt so viel. Aussagekräftiger ist deshalb die absolute Zahl in × 10⁹/l; manche Labore drucken einen korrigierten Prozentwert. Im Blutausstrich zeigen sich Retikulozyten als bläulich schimmernde Zellen (Polychromasie); bei starker Regeneration erscheinen zusätzlich kernhaltige Vorstufen, und das mittlere Zellvolumen (MCV) steigt.

Regenerative AnämieNicht-regenerative Anämie
Retikulozyten (absolut)erhöhtnormal oder niedrig
MechanismusVerlust oder Zerstörung von Erythrozytenverminderte Bildung im Knochenmark
Typische UrsachenBlutverlust, Hämolysechronische Erkrankung, Nierenerkrankung, Knochenmarkerkrankung, Chemotherapie, Schilddrüsenunterfunktion
BegleitbefundePolychromasie, erhöhtes MCV, kernhaltige ErythrozytenIndizes meist normal, mitunter weitere Zellreihen vermindert
Fallstrickfrische Blutung oder Hämolyse (erste drei bis fünf Tage) wirkt noch nicht-regenerativ

Erhöhte Werte: typische Ursachen

Erhöhte Retikulozyten (Retikulozytose) bedeuten, dass das Knochenmark arbeitet — bei einem anämischen Hund die gute Nachricht, denn die Ursache liegt dann außerhalb des Knochenmarks:

  • Blutverlust: akut durch Unfall, Operation, Gerinnungsstörung oder Tumorblutung; chronisch durch Magen-Darm-Geschwüre, Parasiten oder blutende Tumoren. Bei lang anhaltendem Blutverlust erlahmt die Regeneration, sobald das Eisen ausgeht.
  • Hämolyse: vor allem die immunmediierte hämolytische Anämie, außerdem Babesiose (von Zecken übertragen), Zinkvergiftung sowie Zwiebeln und Knoblauch. Die Regeneration ist hier meist besonders kräftig, weil das Eisen der zerstörten Zellen im Körper bleibt.
  • Erholung nach behobener Ursache: etwa nach dem Ende eines Chemotherapiezyklus — der Anstieg zeigt, dass sich das Knochenmark erholt.

Eine leichte Retikulozytose ohne Anämie kann auf einen kompensierten Blutverlust oder eine milde Hämolyse hinweisen, die das Knochenmark gerade noch auffängt — ein Anlass zur Kontrolle.

Erniedrigte Werte: typische Ursachen

Beim gesunden Hund sind niedrige Retikulozytenzahlen normal — ohne Anämie gibt es keinen Grund, mehr zu bilden. Bedeutung erhält ein niedriger Wert erst zusammen mit einer Anämie: Dann liefert das Knochenmark nicht nach, und die Anämie gilt als nicht-regenerativ.

  • Präregenerative Phase: In den ersten drei bis fünf Tagen nach einer akuten Blutung oder Hämolyse ist der Anstieg schlicht noch nicht eingetreten — der häufigste Grund für eine scheinbar nicht-regenerative Anämie.
  • Anämie der chronischen Erkrankung: Entzündung, Infektion oder Tumorerkrankung bremsen die Eisenverwertung — die häufigste echte Bildungsstörung, meist mild.
  • Chronische Nierenerkrankung: Die geschädigte Niere bildet zu wenig EPO; typischerweise zusammen mit erhöhtem Kreatinin.
  • Knochenmarkerkrankungen: Verdrängung durch Tumorzellen (Lymphom, Leukämie, Myelom), aplastische Anämie (Versiegen der Blutbildung), Östrogenüberschuss, chronische Ehrlichiose; häufig sind dann mehrere Zellreihen vermindert.
  • Immunvermittelte Zerstörung der Vorläuferzellen: eine Sonderform, bei der das Immunsystem nicht die reifen Erythrozyten, sondern deren Vorstufen im Knochenmark angreift (Immunsuppression der Hämatopoese).
  • Chemotherapie, Schilddrüsenunterfunktion, fortgeschrittener Eisenmangel.

Was der Tierarzt daraufhin meist prüft

Zuerst wird die absolute Retikulozytenzahl beurteilt, nicht der Prozentwert. Bei einer frischen Anämie ohne Regeneration wiederholt der Tierarzt die Messung nach drei bis fünf Tagen, bevor er von einer Bildungsstörung ausgeht. Der Blutausstrich zeigt Polychromasie, Sphärozyten (kugelige Zellen bei immunvermittelter Hämolyse) oder Blutparasiten. Gesamteiweiß und Bilirubin trennen Blutverlust von Hämolyse; ein Coombs-Test weist Antikörper gegen die Erythrozyten nach. Bei regenerativer Anämie folgt die Suche nach der Quelle: Kotuntersuchung, Ultraschall des Bauches, Gerinnungswerte, Tests auf Babesien und andere Erreger. Bei anhaltend nicht-regenerativer Anämie prüft der Tierarzt Nierenwerte, Schilddrüse und Entzündungsparameter und betrachtet neben den Erythrozyten auch Leukozyten und Thrombozyten; bleibt die Ursache offen oder sind mehrere Zellreihen betroffen, folgt eine Knochenmarkpunktion.

Bezug zu Tumorerkrankungen

Retikulozyten beweisen keinen Tumor, aber sie helfen, eine Anämie beim Tumorpatienten einzuordnen — und Anämie ist nach Childress et al. die häufigste Blutbildveränderung bei Hunden mit Krebs. Eine regenerative Anämie spricht für Blutverlust: typisch für blutende Milztumoren und das Hämangiosarkom mit ihren wechselnden Hämatokrit- und Retikulozytenwerten. Eine nicht-regenerative Anämie findet sich bei der Anämie der chronischen Erkrankung, bei Verdrängung des Knochenmarks durch ein Lymphom, eine Leukämie oder ein Myelom und unter Chemotherapie, die die Blutbildung vorübergehend bremst; nach dem Ende eines Zyklus steigen die Retikulozyten wieder an. Die weitaus häufigeren Ursachen einer Anämie bleiben jedoch Entzündungen, Infektionen, Blutverlust und Immunerkrankungen.

Was bedeutet das für Ihren Hund?

Ein einzelner Retikulozytenwert ist keine Diagnose, sondern eine Antwort auf eine einzige Frage — ob das Knochenmark Ihres Hundes reagiert. Referenzbereiche unterscheiden sich von Labor zu Labor und je nach Gerät; maßgeblich ist der Bereich auf dem Befund Ihres Hundes. Niedrige Werte ohne Anämie sind normal, und ein fehlender Anstieg in den ersten Tagen nach einer Blutung sagt noch nichts über das Knochenmark aus. Der Verlauf über mehrere Messungen zählt mehr als die Momentaufnahme. Was der Wert für Ihren Hund bedeutet, ordnet Ihr behandelnder Tierarzt zusammen mit dem übrigen Blutbild und der Untersuchung ein.

Quellen

  • Thrall MA, Weiser G, Allison RW, Campbell TW (2012): Veterinary Hematology and Clinical Chemistry, 2nd ed., Wiley-Blackwell, Ames
  • Stockham SL, Scott MA (2008): Fundamentals of Veterinary Clinical Pathology, 2nd ed., Blackwell, Ames
  • Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
  • Childress MO (2012): Hematologic abnormalities in the small animal cancer patient, Vet Clin North Am Small Anim Pract 42(1):123–155
  • Vail DM, Thamm DH, Liptak JM (2020): Withrow & MacEwen’s Small Animal Clinical Oncology, 6th ed., Elsevier, St. Louis, MO

Häufige Fragen

Was sind Retikulozyten und warum stehen sie auf dem Befund meines Hundes?

Retikulozyten sind junge rote Blutkörperchen, die das Knochenmark gerade erst ins Blut entlassen hat. Ihre Zahl zeigt, ob die Blutbildung auf eine Anämie reagiert — deshalb bestimmt der Tierarzt sie vor allem dann, wenn Hämatokrit oder Hämoglobin erniedrigt sind.

Mein Hund hat erhöhte Retikulozyten — was heißt das?

Das Knochenmark arbeitet und liefert nach: Die Anämie ist regenerativ. Ursache ist dann ein Blutverlust oder eine Hämolyse, also der Zerfall roter Blutkörperchen, etwa bei einer immunvermittelten Anämie oder einer Babesiose. Das ist ein günstiges Zeichen, die Quelle muss aber gefunden werden.

Was bedeutet eine nicht-regenerative Anämie bei meinem Hund?

Das Knochenmark bildet trotz Anämie zu wenige rote Blutkörperchen nach — etwa bei chronischen Entzündungen, einer Nierenerkrankung, einer Knochenmarkerkrankung, einer Schilddrüsenunterfunktion oder unter Chemotherapie. Vorher muss allerdings ausgeschlossen sein, dass die Messung nur zu früh nach einer Blutung erfolgt ist.

Warum wiederholt der Tierarzt die Retikulozyten nach ein paar Tagen?

Weil das Knochenmark mit Verzögerung antwortet: Nach einer Blutung oder Hämolyse steigen die Retikulozyten in der Regel erst nach etwa drei bis fünf Tagen an. Eine frische Anämie kann deshalb zunächst nicht-regenerativ wirken, obwohl das Knochenmark gesund ist.

Sind niedrige Retikulozyten bei einem gesunden Hund ein Problem?

Nein. Ohne Anämie besteht kein Bedarf an neuen roten Blutkörperchen, und das Knochenmark entlässt nur wenige Retikulozyten. Bedeutung erhält ein niedriger Wert erst zusammen mit einem erniedrigten Hämatokrit.

Welche Rolle spielen Retikulozyten bei einer Krebserkrankung?

Sie helfen, die Anämie einzuordnen: Erhöhte Werte sprechen für Blutverlust, etwa aus einem blutenden Milztumor, niedrige Werte für eine Bildungsstörung durch die chronische Erkrankung, eine Verdrängung des Knochenmarks oder eine Chemotherapie. Im Verlauf zeigen sie, ob sich das Knochenmark nach einem Behandlungszyklus erholt.

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