Gallensäuren beim Hund

Bei den Gallensäuren handelt es sich um den wichtigsten Funktionstest der Leber: Anders als die Leberenzyme, die einen Zellschaden anzeigen, sagt der Gallensäuren-Wert beim Hund, ob die Leber ihre Arbeit tut und ob das Blut aus dem Darm die Leber überhaupt erreicht. Auf dem Befund stehen meist zwei Werte — Gallensäuren nüchtern (präprandial) und Gallensäuren zwei Stunden nach einer Mahlzeit (postprandial) —, gemeinsam als Gallensäuren-Stimulationstest bezeichnet. Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.

Was misst der Wert?

Gallensäuren werden in der Leber aus Cholesterin gebildet, mit der Galle in den Darm abgegeben und helfen dort, Nahrungsfette zu verdauen. Im hinteren Dünndarm werden sie fast vollständig zurückgewonnen, gelangen über die Pfortader — das Blutgefäß, das alles Blut aus dem Darm zur Leber führt — zurück zur Leber, die sie beim ersten Durchgang nahezu vollständig aus dem Blut herausfiltert und erneut in die Galle abgibt. Diesen Kreislauf nennt man enterohepatische Zirkulation. Bei gesunder Leber gelangt deshalb nur ein kleiner Rest in den allgemeinen Blutkreislauf, und genau dieser Rest wird gemessen.

Der Wert steigt, wenn eine von drei Voraussetzungen fehlt: Wenn Pfortaderblut an der Leber vorbeigeleitet wird (portosystemischer Shunt), wenn zu wenige oder zu kranke Leberzellen vorhanden sind, um die Gallensäuren aufzunehmen (Leberinsuffizienz), oder wenn die Galle nicht abfließen kann und die Gallensäuren in das Blut zurückstauen (Cholestase). Warum zwei Proben? Nach einer Mahlzeit zieht sich die Gallenblase zusammen, eine große Menge Gallensäuren gelangt in Darm und Pfortader, und die Leber muss diese Welle bewältigen — ein Belastungstest, der eine eingeschränkte Funktion deutlich empfindlicher aufdeckt als der Nüchternwert allein. Ein einzelner Wert, der zu einem unbekannten Zeitpunkt nach der Fütterung gewonnen wurde, ist deshalb kaum zu deuten. Gelegentlich liegt der Nüchternwert höher als der Wert nach der Mahlzeit, weil sich die Gallenblase schon vorher spontan entleert hat; das ist kein Laborfehler, und der höhere der beiden Werte zählt. Eine Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen in der Probe) und eine starke Lipämie (Trübung durch Fett) können die Messung verfälschen.

Erhöhte Werte: typische Ursachen

Von häufig zu selten kommen in Betracht:

  • Angeborener portosystemischer Shunt: ein Blutgefäß, das Pfortaderblut an der Leber vorbei in den Körperkreislauf leitet. Betroffen sind meist junge Hunde; nach Literaturangaben sind kleine Rassen wie Yorkshire Terrier, Malteser, Cairn Terrier und Zwergschnauzer häufiger betroffen, bei großen Rassen wie dem Irish Wolfhound liegt das Gefäß eher innerhalb der Leber. Typische Zeichen sind Kümmern, Erbrechen, vermehrtes Trinken sowie Benommenheit, Kreislaufen oder Krämpfe vor allem nach dem Fressen (hepatische Enzephalopathie) und Harnsteine aus Ammoniumurat.
  • Leberinsuffizienz: ein erheblicher Verlust an funktionierendem Lebergewebe bei fortgeschrittener chronischer Hepatitis, Zirrhose (narbigem Umbau), Kupferspeicherkrankheit, schweren Vergiftungen oder einer ausgedehnten Durchsetzung mit Tumorzellen.
  • Erworbener Shunt: Bei lange bestehendem Pfortaderhochdruck, etwa durch eine Zirrhose, bilden sich Umgehungsgefäße, die dieselbe Wirkung haben wie ein angeborener Shunt.
  • Mikrovaskuläre Dysplasie: eine angeborene Fehlbildung der kleinsten Lebergefäße kleiner Rassen, die meist nur mäßig erhöhte Werte und oft keine Krankheitszeichen verursacht.
  • Gallestau (Cholestase): Gallengangsverschluss, Gallenblasenmukozele (Verschleimung der Gallenblase), Pankreatitis. In diesen Fällen ist meist auch das Bilirubin erhöht — und dann ist der Gallensäuren-Test überflüssig, weil er nichts hinzufügt.

Für die Einordnung gilt nach übereinstimmender Einschätzung der Literatur: Eine deutliche Erhöhung des Werts nach der Mahlzeit spricht für einen Shunt oder eine schwere Funktionseinschränkung, während geringgradige Erhöhungen bei vielen Lebererkrankungen vorkommen und für sich genommen wenig über die Ursache sagen. Normale Gallensäuren nach der Mahlzeit machen einen Shunt sehr unwahrscheinlich.

Erniedrigte Werte: typische Ursachen

Niedrige Gallensäuren haben beim Hund keine klinische Bedeutung. Theoretisch können eine gestörte Rückresorption im Darm oder eine verzögerte Magenentleerung den Wert nach der Mahlzeit niedrig halten; ein niedriger Wert ist jedoch nie Anlass zur Sorge und bedarf keiner Abklärung.

Was der Tierarzt daraufhin meist prüft

Sind die Gallensäuren erhöht, geht es um die Frage, warum die Leber ihre Aufgabe nicht erfüllt — und nicht mehr darum, ob. Als zweiter Funktionstest dient häufig das Ammoniak im Nüchternblut, das beim Shunt und bei schwerer Insuffizienz ansteigt. Die übrigen Funktionswerte ergänzen das Bild: Albumin, Harnstoff, Glukose und Cholesterin sind bei Leberinsuffizienz und Shunt häufig erniedrigt, weil die Leber sie nicht mehr in ausreichender Menge herstellt; im Blutbild fallen beim Shunt oft auffällig kleine rote Blutkörperchen (Mikrozytose) auf, im Urin Ammoniumurat-Kristalle. Die Leberenzyme ALT, AP und GGT zeigen, ob zusätzlich ein Zellschaden oder ein Gallestau vorliegt.

Die Ultraschalluntersuchung beurteilt Größe und Struktur der Leber und kann ein Shuntgefäß darstellen; für die genaue Lage des Gefäßes vor einer Operation wird meist eine Computertomographie mit Kontrastmittel (CT-Angiographie) durchgeführt. Liegt die Ursache in der Leber selbst, sichert eine Leberbiopsie die Diagnose — mit feingeweblicher Untersuchung und Bestimmung des Kupfergehalts; zuvor wird die Blutgerinnung geprüft, die bei eingeschränkter Leberfunktion gestört sein kann.

Bezug zu Tumorerkrankungen

Für die Tumordiagnostik spielen die Gallensäuren nur eine Nebenrolle. Ein Lebertumor erhöht sie in der Regel erst, wenn er so ausgedehnt ist, dass die Funktion des verbleibenden Gewebes nicht mehr ausreicht — die meisten Lebertumoren fallen früher durch mäßig erhöhte ALT und AP oder im Ultraschall auf. Verlegt ein Tumor den Gallengang, ist das Bilirubin der aussagekräftigere Wert. Normale Gallensäuren schließen einen Tumor daher nicht aus, und erhöhte Gallensäuren sprechen weit häufiger für einen Shunt oder eine chronische Lebererkrankung als für einen Tumor.

Was bedeutet das für Ihren Hund?

Erhöhte Gallensäuren sagen, dass die Leber Ihres Hundes ihre Filterfunktion nicht vollständig erfüllt — sie sagen nicht, warum, und sie sind keine Prognose. Ein angeborener Shunt lässt sich bei vielen Hunden operativ verschließen, eine chronische Lebererkrankung in vielen Fällen über lange Zeit stabil führen. Referenzbereiche unterscheiden sich von Labor zu Labor; maßgeblich ist der Bereich, der auf Ihrem Befund gedruckt ist, und entscheidend ist, dass beide Proben — nüchtern und nach der Mahlzeit — korrekt gewonnen wurden. Wie der Wert zu den übrigen Leberwerten passt, ordnet Ihr behandelnder Tierarzt im Gespräch ein.

Quellen

  • Center SA (2007): Interpretation of liver enzymes, Vet Clin North Am Small Anim Pract 37(2):297–333
  • Lawrence YA, Steiner JM (2017): Laboratory evaluation of the liver, Vet Clin North Am Small Anim Pract 47(3):539–553
  • Stockham SL, Scott MA (2008): Fundamentals of Veterinary Clinical Pathology, 2nd ed., Blackwell, Ames
  • Ettinger SJ, Feldman EC, Côté E (2017): Textbook of Veterinary Internal Medicine, 8th ed., Elsevier, St. Louis, MO
  • Neiger R (Hrsg.) (2019): Differenzialdiagnosen Innere Medizin bei Hund und Katze, 3. Aufl., Thieme, Stuttgart

Häufige Fragen

Was sagen erhöhte Gallensäuren über die Leber meines Hundes aus?

Erhöhte Gallensäuren zeigen, dass die Leber ihre Filterfunktion nicht vollständig erfüllt — entweder weil Blut aus dem Darm an ihr vorbeigeleitet wird (Shunt), weil zu wenig funktionierendes Lebergewebe vorhanden ist oder weil die Galle nicht abfließt. Anders als die Leberenzyme messen sie also die Funktion, nicht den Zellschaden.

Warum wird bei meinem Hund zweimal Blut abgenommen, nüchtern und nach dem Fressen?

Nach einer Mahlzeit entleert sich die Gallenblase, eine große Menge Gallensäuren erreicht über die Pfortader die Leber, und diese Welle muss die Leber bewältigen. Der Wert zwei Stunden nach dem Fressen deckt eine eingeschränkte Funktion deutlich empfindlicher auf als der Nüchternwert allein; ein einzelner Wert zu unbekanntem Zeitpunkt ist kaum zu deuten.

Mein Hund hat nüchtern höhere Gallensäuren als nach der Mahlzeit — ist der Test falsch?

Nein, das kommt gelegentlich vor, wenn sich die Gallenblase schon in der Nüchternphase spontan entleert hat. Es ist kein Laborfehler; für die Beurteilung zählt der höhere der beiden Werte.

Deuten erhöhte Gallensäuren bei einem jungen Hund auf einen Shunt hin?

Ein angeborener portosystemischer Shunt ist bei jungen Hunden, besonders kleiner Rassen, die wichtigste Ursache deutlich erhöhter Gallensäuren nach der Mahlzeit. Typische Begleitzeichen sind Kümmern, Erbrechen, Benommenheit oder Krämpfe nach dem Fressen und Harnsteine; die Diagnose wird per Ultraschall oder CT-Angiographie gesichert, und viele Shunts lassen sich operativ verschließen.

Sind erhöhte Gallensäuren ein Zeichen für einen Lebertumor?

Selten. Ein Lebertumor erhöht die Gallensäuren in der Regel erst, wenn er so ausgedehnt ist, dass die Funktion des restlichen Gewebes nicht mehr ausreicht; die meisten Lebertumoren fallen früher durch mäßig erhöhte ALT und AP oder im Ultraschall auf. Erhöhte Gallensäuren sprechen weit häufiger für einen Shunt oder eine chronische Lebererkrankung.

Wozu der Gallensäuren-Test, wenn mein Hund schon Gelbsucht hat?

Bei bestehender Gelbsucht durch Leber oder Gallenwege ist der Test überflüssig: Die Gallensäuren sind dann ohnehin erhöht und fügen der Diagnostik nichts hinzu. In dieser Situation sind Bilirubin, Leberenzyme, Blutbild und Ultraschall die aussagekräftigeren Untersuchungen.

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