Gesamteiweiß beim Hund
Das Gesamteiweiß beim Hund ist die Summe aller im Blutserum gelösten Eiweiße (Proteine) — auf dem Befund abgekürzt als „TP” (Totalprotein), „GE” oder „Ges.-Eiweiß”, angegeben in g/l oder g/dl. Es setzt sich aus zwei großen Gruppen zusammen: dem Albumin, das die Leber bildet, und den Globulinen, zu denen unter anderem die Antikörper gehören. Erst die getrennte Betrachtung beider Anteile macht den Wert aussagekräftig. Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.
Was misst der Wert?
Das Albumin hält durch seinen Wasserbindungsdruck (onkotischer Druck) die Flüssigkeit in den Gefäßen und transportiert Hormone, Fettsäuren, Calcium und Medikamente. Die Globuline umfassen Transport- und Gerinnungseiweiße, Akutphasenproteine (Eiweiße, deren Bildung bei Entzündung ansteigt) und die Immunglobuline, also die Antikörper. Auf dem Befund steht das Gesamteiweiß meist zusammen mit dem Albumin; die Globuline errechnet das Labor als Differenz. Aus beiden ergibt sich der Albumin-Globulin-Quotient (A/G), der zeigt, ob eine Abweichung von einem oder von beiden Anteilen getragen wird.
Zwei Messverfahren begegnen Haltern: Im chemischen Profil wird das Eiweiß im Serum photometrisch bestimmt; im Blutbild erscheint mitunter ein „Plasmaprotein” oder „TP (Refraktometer)”, das im Plasma gemessen wird und zusätzlich das Gerinnungseiweiß Fibrinogen enthält — es fällt deshalb etwas höher aus. Lipämische (fetthaltige) oder hämolytische Proben verfälschen vor allem die Refraktometermessung nach oben. Junge Hunde haben ein niedrigeres Gesamteiweiß, weil die Globuline erst mit der Reifung des Immunsystems ansteigen; Fütterung und Tageszeit spielen kaum eine Rolle.
Erhöhte Werte: typische Ursachen
Ein erhöhtes Gesamteiweiß (Hyperproteinämie) hat beim Hund meist eine von zwei Ursachen: Es ist zu wenig Wasser im Blut, oder es sind zu viele Globuline vorhanden.
- Austrocknung (Dehydratation) — die häufigste Ursache. Bei Erbrechen, Durchfall, Fieber oder zu geringer Wasseraufnahme dickt das Blut ein, sodass Albumin und Globuline gleichermaßen ansteigen; der Hämatokrit steigt parallel. Nach Flüssigkeitsgabe normalisiert sich der Wert.
- Chronische Entzündungen und Infektionen — das Immunsystem bildet vermehrt Antikörper und Akutphasenproteine, die Globuline steigen. Beispiele sind Ehrlichiose, Anaplasmose und Leishmaniose, chronische Darm-, Haut- und Zahnerkrankungen sowie Immunerkrankungen. Das Albumin ist dabei oft leicht erniedrigt, weil die Leber bei Entzündung weniger davon bildet.
- Tumoren des Immunsystems — das multiple Myelom, seltener Lymphom oder chronische lymphatische Leukämie, produzieren ein einziges, gleichförmiges Eiweiß in großer Menge (monoklonale Gammopathie).
Ob eine Austrocknung oder eine Globulinvermehrung vorliegt, zeigt der Blick auf das Albumin: Bei Dehydratation ist es mit erhöht, bei Entzündung und Tumor normal oder niedrig.
Erniedrigte Werte: typische Ursachen
Ein erniedrigtes Gesamteiweiß (Hypoproteinämie) ist der klinisch bedeutsamere Befund. Entscheidend ist, ob Albumin und Globuline gemeinsam fehlen oder nur das Albumin:
- Eiweißverlust über den Darm (Protein-losing Enteropathy, PLE) — bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (IBD), Lymphangiektasie (Erweiterung der Lymphgefäße der Darmwand), Darmlymphom oder schwerem Parasitenbefall gehen Albumin und Globuline gleichzeitig verloren (Panhypoproteinämie). Typisch sind chronischer Durchfall und Gewichtsverlust — siehe IBD des Hundes.
- Eiweißverlust über die Niere (Protein-losing Nephropathy, PLN) — bei Erkrankungen der Nierenkörperchen (Glomerulopathien) tritt vor allem Albumin in den Urin über; die Globuline bleiben meist normal.
- Blutverlust — bei akuter oder anhaltender Blutung, etwa aus dem Magen-Darm-Trakt oder einem blutenden Tumor, gehen alle Eiweiße verloren; der Hämatokrit sinkt ebenfalls.
- Verminderte Bildung — bei fortgeschrittener Leberinsuffizienz oder einem Lebershunt (Gefäßfehlbildung, die das Blut an der Leber vorbeileitet) sinkt vor allem das Albumin.
- Ergüsse, Verbrennungen und nässende Hauterkrankungen — Verlust in Körperhöhlen oder über die Haut.
- Mangelernährung, Fehlverdauung und Verdünnung nach Infusionen.
Fällt das Albumin stark ab, hält es das Wasser nicht mehr in den Gefäßen: Es kommt zu Bauchwasser (Aszites), Ergüssen in der Brusthöhle und Ödemen (Wassereinlagerungen) an Gliedmaßen und Unterbauch — in der Regel erst bei deutlich erniedrigten Werten.
Was der Tierarzt daraufhin meist prüft
Der erste Schritt ist die Aufteilung: Albumin, Globuline, A/G-Quotient und Hämatokrit werden gemeinsam gelesen, weil sich daraus die Richtung ergibt. Je nach Bild folgen:
- Kontrolle nach Flüssigkeitsgabe oder nach zwei bis drei Wochen.
- Serumeiweiß-Elektrophorese — die Eiweiße werden im elektrischen Feld nach Größe und Ladung in Albumin, Alpha-, Beta- und Gammaglobuline aufgetrennt. Ein breiter Gipfel der Gammaglobuline (polyklonal) spricht für Entzündung oder Infektion, ein schmaler, hoher Gipfel (monoklonal) für einen einzelnen Zellklon, wie er beim Myelom vorkommt.
- Urin-Protein-Kreatinin-Quotient (UPC) und Urinuntersuchung bei Verdacht auf Eiweißverlust über die Niere.
- Leberfunktion — Gallensäuren, Bilirubin, Harnstoff, Cholesterin und Glukose als Maß der Syntheseleistung.
- Kot- und Darmdiagnostik — Parasiten, Ultraschall der Darmwand, gegebenenfalls Endoskopie mit Gewebeproben (Biopsien).
- Infektionsserologie auf Ehrlichien, Anaplasmen und Leishmanien bei erhöhten Globulinen.
Bezug zu Tumorerkrankungen
Das Gesamteiweiß ist kein Tumormarker, verändert sich aber bei einigen Tumorerkrankungen auf charakteristische Weise. Beim multiplen Myelom, einem Tumor der antikörperbildenden Plasmazellen im Knochenmark, steigt das Gesamteiweiß oft stark an, weil der Zellklon ein einziges Eiweiß (Paraprotein) in großer Menge ausschüttet; in der Elektrophorese zeigt sich der typische schmale Gipfel. Das zähflüssige Blut (Hyperviskosität) kann Nasenbluten und Sehstörungen verursachen. Beim Lymphom ist der Wert meist unauffällig; ein Lymphom des Darms führt jedoch zu Eiweißverlust und niedrigem Gesamteiweiß, und einzelne B-Zell-Lymphome bilden ebenfalls ein Paraprotein. Ein niedriges Gesamteiweiß begleitet zudem blutende Tumoren, etwa der Milz, und die Auszehrung (Kachexie) bei fortgeschrittener Krebserkrankung.
Was bedeutet das für Ihren Hund?
Ein einzelner Eiweißwert ist keine Diagnose. Referenzbereiche unterscheiden sich von Labor zu Labor und je nach Messverfahren; maßgeblich ist der auf Ihrem Befund gedruckte Bereich. Ein leicht erhöhtes Gesamteiweiß bei einem Hund, der wenig getrunken hat, ist etwas anderes als ein niedriges Eiweiß bei chronischem Durchfall und Gewichtsverlust — die Aufteilung in Albumin und Globuline und der Verlauf ordnen den Wert ein. Das Gespräch mit dem behandelnden Tierarzt bringt Befund, Vorgeschichte und Untersuchung zusammen.
Quellen
- Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
- Stockham SL, Scott MA (2008): Fundamentals of Veterinary Clinical Pathology, 2nd ed., Blackwell, Ames
- Thrall MA, Weiser G, Allison RW, Campbell TW (2012): Veterinary Hematology and Clinical Chemistry, 2nd ed., Wiley-Blackwell, Ames
- Neiger R (Hrsg.) (2019): Differenzialdiagnosen Innere Medizin bei Hund und Katze, 3. Aufl., Thieme, Stuttgart
- Kessler M (Hrsg.) (2022): Kleintieronkologie, 4. Aufl., Thieme, Stuttgart
Häufige Fragen
Mein Hund hat ein erhöhtes Gesamteiweiß — was ist die häufigste Ursache?
Meist eine Austrocknung: Bei Erbrechen, Durchfall, Fieber oder geringer Wasseraufnahme dickt das Blut ein, Albumin und Globuline steigen gleichermaßen, und auch der Hämatokrit ist erhöht. Nach Flüssigkeitsgabe normalisiert sich der Wert; bleibt er hoch, wird nach einer chronischen Entzündung oder Infektion gesucht.
Was bedeutet ein niedriges Gesamteiweiß bei meinem Hund?
Ein niedriges Gesamteiweiß entsteht durch Eiweißverlust über den Darm oder die Niere, durch Blutungen oder Ergüsse, durch verminderte Bildung bei Lebererkrankungen oder durch Mangelernährung. Sinken Albumin und Globuline gemeinsam, spricht das für einen Verlust über den Darm; fehlt nur das Albumin, eher für Niere, Leber oder Entzündung.
Was ist eine Eiweiß-Elektrophorese und wann wird sie gemacht?
Bei der Serumeiweiß-Elektrophorese werden die Bluteiweiße im elektrischen Feld in Albumin sowie Alpha-, Beta- und Gammaglobuline aufgetrennt. Sie wird vor allem bei erhöhten Globulinen eingesetzt: Ein breiter Gipfel spricht für Entzündung oder Infektion, ein schmaler, hoher Gipfel für einen einzelnen Zellklon wie beim Myelom.
Kann ein erhöhtes Gesamteiweiß auf Krebs hinweisen?
Selten. Die meisten Erhöhungen beruhen auf Austrocknung oder chronischer Entzündung. Beim multiplen Myelom, einem Tumor der antikörperbildenden Plasmazellen, steigt das Gesamteiweiß allerdings oft stark an, weil der Tumor ein einziges Eiweiß in großer Menge bildet — die Elektrophorese zeigt dann einen schmalen Gipfel.
Bekommt mein Hund Wasser im Bauch, wenn das Eiweiß niedrig ist?
Das kommt in der Regel erst bei deutlich erniedrigtem Albumin vor. Dann hält das Blut die Flüssigkeit nicht mehr in den Gefäßen, und es entstehen Bauchwasser (Aszites), Ergüsse in der Brusthöhle oder Ödeme an Gliedmaßen und Unterbauch.
Muss mein Hund für das Gesamteiweiß nüchtern sein?
Für das Gesamteiweiß selbst nicht, Fütterung und Tageszeit verändern den Wert kaum. Eine stark fetthaltige Probe kann jedoch die Refraktometermessung verfälschen, weshalb eine Blutentnahme beim nüchternen Hund meist ohnehin sinnvoll ist.