Lymphozyten beim Hund

Bei den Lymphozyten beim Hund handelt es sich um die zweitgrößte Gruppe der weißen Blutkörperchen und um die Träger der spezifischen Immunabwehr — jener Abwehr, die Erreger gezielt erkennt und sich an sie erinnert. Auf dem Laborbefund stehen sie als „Lymphozyten”, „Lympho” oder „LYM”, als absolute Zahl je Liter Blut und als Prozentanteil der Leukozyten; maßgeblich ist die absolute Zahl. Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.

Was misst der Wert?

Lymphozyten sind keine einheitliche Gruppe. B-Lymphozyten bilden Antikörper, T-Lymphozyten steuern die Immunantwort und zerstören infizierte Zellen, und natürliche Killerzellen greifen veränderte Zellen ohne vorherige Sensibilisierung an. Im Ausstrich sehen alle gleich aus: kleine Zellen mit rundem Kern und schmalem Plasmasaum. Sie entstehen im Knochenmark, T-Zellen reifen im Thymus (einer Drüse hinter dem Brustbein), und anders als Granulozyten leben sie Monate bis Jahre. Der größte Teil hält sich in Lymphknoten, Milz und Darmwand auf; im Blut ist nur ein kleiner Bruchteil unterwegs, der zwischen den Organen pendelt.

Genau dieses Pendeln macht den Wert empfindlich für Hormone. Kortisol — bei Stress, Krankheit, Schmerz oder als Kortison gegeben — zieht Lymphozyten aus dem Blut in das lymphatische Gewebe zurück; die Zahl sinkt innerhalb von Stunden. Adrenalin bei Aufregung bewirkt das Gegenteil und spült Zellen ins Blut. Junge Hunde haben höhere Werte als erwachsene, weil ihr Immunsystem noch lernt. Ein einzelner abweichender Wert ist deshalb häufig eine Momentaufnahme der Umstände, unter denen das Blut abgenommen wurde. Beurteilt werden die Lymphozyten immer gemeinsam mit den Neutrophilen und der Gesamtzahl der Leukozyten.

Erhöhte Werte: typische Ursachen

Eine Vermehrung heißt Lymphozytose. Sie ist beim Hund seltener als die Verminderung. Ursachen, von häufig zu selten:

  • Aufregung. Adrenalin bei Angst oder Anstrengung; besonders junge Hunde zeigen eine vorübergehende Lymphozytose, die sich nach kurzer Zeit zurückbildet.
  • Chronische Immunstimulation. Langdauernde Infektionen wie die durch Zecken übertragene Ehrlichiose, chronische Entzündungen oder eine Reaktion in den Tagen nach einer Impfung regen die Lymphozytenbildung an.
  • Morbus Addison. Bei dieser Nebennierenunterfunktion fehlt Kortisol. Ein kranker Hund, der keine Stress-Lymphopenie zeigt oder sogar erhöhte Lymphozyten hat, sollte an diese Erkrankung denken lassen — das fehlende Stress-Leukogramm ist ein wichtiger Hinweis auf Morbus Addison.
  • Chronische lymphatische Leukämie. Eine anhaltend hohe Zahl reif erscheinender Lymphozyten ohne erkennbaren Auslöser, meist bei älteren Hunden. Die Erkrankung verläuft häufig langsam und wird nicht selten zufällig entdeckt.
  • Lymphom mit leukämischer Phase. Bei einem Lymphom, einem bösartigen Tumor des lymphatischen Gewebes, können Tumorzellen ins Blut übertreten; im Ausstrich fallen dann große, unreif wirkende Zellen auf. Auch die akute lymphatische Leukämie zeigt unreife Zellen und geht mit deutlich gestörtem Allgemeinbefinden einher.

Die Höhe des Wertes und das Aussehen der Zellen geben die Richtung vor: Eine mäßige Vermehrung reifer Zellen bei einem munteren Junghund ist etwas anderes als eine hohe Zahl atypischer Zellen bei einem matten, abgemagerten Tier.

Erniedrigte Werte: typische Ursachen

Eine Verminderung heißt Lymphopenie und ist die häufigste Abweichung der Lymphozyten beim Hund. In den meisten Fällen ist sie eine Reaktion, keine Erkrankung des Immunsystems:

  • Stress und Kortison. Der mit Abstand häufigste Grund. Kortisol verschiebt Lymphozyten aus dem Blut ins Gewebe — Teil des Stress-Leukogramms mit erhöhten Neutrophilen und verminderten Eosinophilen. Jeder kranke, verletzte oder frisch operierte Hund kann das zeigen; unter Kortison-Behandlung ist es die Regel.
  • Akute Infektionen. Vor allem Virusinfektionen wie Parvovirose oder Staupe, aber auch schwere bakterielle Infektionen in der Anfangsphase.
  • Chemotherapie und Immunsuppressiva. Zytostatika und Medikamente, die das Immunsystem bremsen, vermindern die Lymphozyten; das ist erwartbar und wird überwacht.
  • Verlust von Lymphe. Beim Chylothorax sammelt sich lymphozytenreiche Flüssigkeit in der Brusthöhle; bei einer Lymphangiektasie, einer Erweiterung der Lymphgefäße der Darmwand, gehen Lymphozyten über den Darm verloren.

Eine Lymphopenie verschwindet in der Regel, sobald die Ursache wegfällt. Bleibt sie ohne erkennbaren Grund bestehen, wird weiter gesucht.

Was der Tierarzt daraufhin meist prüft

Zuerst wird der Blutausstrich beurteilt: Sind die Lymphozyten klein und reif oder groß und atypisch, und sind unreife Vorläuferzellen dabei? Eine mäßige Abweichung wird nach einigen Tagen bis Wochen in ruhiger Umgebung kontrolliert, damit Aufregung als Ursache ausscheidet. Gemeinsam betrachtet werden das übrige Differenzialblutbild und das Entzündungseiweiß CRP; fehlt bei einem kranken Hund das Stress-Leukogramm, kommen Elektrolyte und ein Test der Nebennierenfunktion hinzu. Der Tierarzt tastet die Lymphknoten ab und untersucht Milz und Leber mit Ultraschall. Bleibt eine Lymphozytose bestehen, folgen zwei Spezialtests: die Durchflusszytometrie, die über Oberflächenmerkmale den Zelltyp bestimmt, und der PARR-Test, ein Klonalitätstest, der prüft, ob alle Zellen von einer einzigen Ursprungszelle abstammen — das spräche für einen Tumor.

Bezug zu Tumorerkrankungen

Die Lymphozyten sind der Wert, in dem sich Tumoren des lymphatischen Systems am ehesten zeigen. Bei der chronischen lymphatischen Leukämie ist die anhaltende Lymphozytose der Befund, der zur Diagnose führt; Einzelheiten beschreibt die Seite Leukämie beim Hund. Beim Lymphom sind die Blutwerte dagegen häufig unauffällig, weil der Tumor in Lymphknoten, Milz oder Darm sitzt — erst in einer leukämischen Phase erscheinen Tumorzellen im Blut. Wie die Diagnose gesichert wird, erläutert die Seite Diagnose des Lymphoms. Für andere Tumorerkrankungen hat der Wert kaum eigenständige Bedeutung; ein niedriger Wert beim Tumorpatienten spiegelt meist Stress und Behandlung wider.

Was bedeutet das für Ihren Hund?

Ein markierter Lymphozytenwert ist ein Hinweis, keine Diagnose. Eine Verminderung ist beim Hund meist eine Stressreaktion oder Folge einer Kortison-Behandlung, eine mäßige Erhöhung oft Aufregung — die ernsten Ursachen sind selten und lassen sich mit Ausstrich, Kontrolle und Spezialtests eingrenzen. Referenzbereiche unterscheiden sich von Labor zu Labor; maßgeblich ist der auf Ihrem Befund gedruckte Bereich. Der Verlauf zählt mehr als der Einzelwert, und das Gespräch mit dem behandelnden Tierarzt ordnet ihn ein.

Quellen

  • Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
  • Stockham SL, Scott MA (2008): Fundamentals of Veterinary Clinical Pathology, 2nd ed., Blackwell, Ames
  • Thrall MA, Weiser G, Allison RW, Campbell TW (2012): Veterinary Hematology and Clinical Chemistry, 2nd ed., Wiley-Blackwell, Ames
  • Vail DM, Thamm DH, Liptak JM (2020): Withrow & MacEwen’s Small Animal Clinical Oncology, 6th ed., Elsevier, St. Louis, MO
  • Childress MO (2012): Hematologic abnormalities in the small animal cancer patient, Vet Clin North Am Small Anim Pract 42(1):123–155

Häufige Fragen

Warum sind die Lymphozyten bei meinem Hund zu niedrig?

Der mit Abstand häufigste Grund ist das Stresshormon Kortisol — bei Krankheit, Schmerz, nach einer Operation oder unter Kortison-Behandlung —, das Lymphozyten aus dem Blut ins Gewebe verschiebt. Seltener stecken akute Infektionen, eine Chemotherapie oder ein Verlust von Lymphe dahinter; meist normalisiert sich der Wert, sobald die Ursache wegfällt.

Sind erhöhte Lymphozyten bei meinem Hund ein Zeichen für Leukämie?

In den meisten Fällen nicht: Aufregung bei der Blutabnahme, chronische Infektionen oder eine Impfreaktion sind deutlich häufiger. An eine chronische lymphatische Leukämie wird gedacht, wenn die Zahl über Wochen ohne erkennbaren Auslöser hoch bleibt; dann klären Ausstrich, Durchflusszytometrie und PARR-Test die Frage.

Kann Kortison die Lymphozyten senken?

Ja. Kortison zieht Lymphozyten innerhalb von Stunden aus dem Blut in das lymphatische Gewebe zurück; eine Lymphopenie unter Kortison-Behandlung ist die Regel und Teil des Stress-Leukogramms mit erhöhten Neutrophilen und verminderten Eosinophilen.

Was ist ein PARR-Test?

PARR ist ein Klonalitätstest: Er prüft, ob alle Lymphozyten von einer einzigen Ursprungszelle abstammen. Ist das der Fall, spricht es für eine Leukämie oder ein Lymphom, während eine gemischte Zellpopulation auf eine reaktive Vermehrung hindeutet.

Was hat Morbus Addison mit den Lymphozyten zu tun?

Bei Morbus Addison fehlt das Kortisol, deshalb bleibt bei einem kranken Hund die übliche Stress-Lymphopenie aus oder die Lymphozyten sind sogar erhöht. Dieses fehlende Stress-Leukogramm ist ein wichtiger Hinweis, dem der Tierarzt mit Elektrolyten und einem Test der Nebennierenfunktion nachgeht.

Zeigt sich ein Lymphom in den Lymphozyten im Blut?

Häufig nicht, weil der Tumor in Lymphknoten, Milz oder Darm sitzt und die Blutwerte unauffällig bleiben. Erst in einer leukämischen Phase treten Tumorzellen ins Blut über und fallen im Ausstrich als große, unreif wirkende Zellen auf.

Ist bei Ihrem Tier ein Tumor oder eine Autoimmunerkrankung diagnostiziert?