Neutrophile Granulozyten beim Hund

Bei den neutrophilen Granulozyten beim Hund handelt es sich um die zahlreichste Gruppe der weißen Blutkörperchen: kurzlebige Abwehrzellen, die Bakterien aufnehmen und unschädlich machen. Auf dem Laborbefund stehen sie als „Neutrophile”, „NEU” oder „Gran”, aufgeteilt in segmentkernige (reife) und stabkernige (junge) Formen — abgekürzt „Seg” und „Stab”. Der Wert wird als absolute Zahl je Liter Blut und als Prozentanteil der Leukozyten angegeben; maßgeblich ist die absolute Zahl. Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.

Was misst der Wert?

Neutrophile entstehen im Knochenmark, reifen dort etwa eine Woche heran und warten in einem Speicherpool. Von dort gelangen sie ins Blut, wo sie nur wenige Stunden verweilen, bevor sie ins Gewebe auswandern: Sie nehmen Bakterien und Zelltrümmer in sich auf (Phagozytose) und setzen gewebeabbauende Enzyme frei. Der Zellkern einer reifen Zelle ist in mehrere Segmente gegliedert — daher „segmentkernig”; junge Zellen haben einen bandförmigen Kern und heißen „stabkernig”. Beim gesunden Hund sind Stabkernige nur vereinzelt im Blut zu finden.

Die Zahl im Blut ergibt sich aus Nachschub, Verteilung und Verbrauch. Adrenalin bei Aufregung löst Zellen von den Gefäßwänden und lässt den Wert innerhalb von Minuten steigen; Kortisol — bei Stress, Krankheit oder als Kortison gegeben — bremst die Auswanderung ins Gewebe und setzt den Speicherpool des Knochenmarks frei. Beide Effekte sind vorübergehend. Die Gesamtzahl der Leukozyten wird beim Hund überwiegend von den Neutrophilen bestimmt.

Erhöhte Werte: typische Ursachen

Eine Vermehrung heißt Neutrophilie. Die Ursachen, von häufig zu selten:

  • Entzündung und Infektion. Eine Gebärmuttervereiterung (Pyometra), ein Abszess, eine Lungenentzündung (Pneumonie) oder eine Bauchfellentzündung ziehen massenhaft Neutrophile ins Gewebe, und das Knochenmark liefert nach. Typisch ist die Linksverschiebung: Es erscheinen vermehrt stabkernige, also junge Zellen im Blut — ein Zeichen einer starken akuten Entzündung.
  • Stress und Kortison. Kortisol — körpereigen oder als Kortison gegeben — erzeugt eine mäßige Neutrophilie ohne Linksverschiebung, meist mit verminderten Lymphozyten und Eosinophilen (Stress-Leukogramm).
  • Aufregung. Adrenalin bei Angst oder Anstrengung; der Wert normalisiert sich innerhalb von Stunden.
  • Immunvermittelte Erkrankungen. Bei der immunvermittelten hämolytischen Anämie und bei der immunvermittelten Polyarthritis (Entzündung mehrerer Gelenke) sind die Neutrophilen oft stark erhöht, teils mit Linksverschiebung.
  • Gewebeuntergang. Absterbendes Gewebe (Nekrose) nach Verletzungen, bei Durchblutungsstörungen oder im Inneren großer Tumoren löst eine Entzündungsreaktion ohne Erreger aus.
  • Paraneoplastisch. Selten bilden Tumoren selbst Wachstumsfaktoren, die das Knochenmark antreiben; es wird angenommen, dass dies bei einzelnen Karzinomen und Sarkomen vorkommt.

Sind im Ausstrich mehr stabkernige als segmentkernige Zellen vorhanden, spricht man von einer degenerativen Linksverschiebung: Das Knochenmark kommt mit dem Nachschub nicht mehr hinterher — ein ernstes Zeichen, das eine rasche Abklärung verlangt. Auch „toxische Veränderungen”, also Auffälligkeiten im Zellplasma, die bei überstürzter Reifung entstehen, sprechen für eine schwere Entzündung. Das Entzündungseiweiß CRP ergänzt das Bild: Es steigt bei Entzündung, nicht bei Stress.

Erniedrigte Werte: typische Ursachen

Eine Verminderung heißt Neutropenie. Sie schwächt die Abwehr unmittelbar, denn Neutrophile sind die erste Verteidigungslinie gegen Bakterien. Ursachen:

  • Chemotherapie. Die wichtigste Ursache beim Tumorpatienten: Zytostatika hemmen die Zellteilung im Knochenmark, der Nachschub bricht vorübergehend ab. Der Tiefpunkt (Nadir) liegt bei den meisten Wirkstoffen etwa fünf bis sieben Tage nach der Gabe.
  • Parvovirose. Das Virus zerstört die Vorläuferzellen im Knochenmark, und die schwere Darmentzündung verbraucht die verbliebenen Zellen.
  • Sepsis und überwältigende Entzündung. Werden im Gewebe mehr Zellen verbraucht, als nachgeliefert werden können, fällt der Wert trotz laufender Entzündung — meist mit degenerativer Linksverschiebung.
  • Erkrankungen des Knochenmarks. Infiltration durch Tumorzellen (Leukämie, Lymphom), Myelofibrose (Vernarbung des Marks) oder eine Schädigung durch Östrogene, etwa aus einem hormonbildenden Hodentumor.
  • Immunvermittelt. Antikörper gegen Neutrophile oder ihre Vorläufer; eine Ausschlussdiagnose.
  • Medikamente. Unter anderem Phenobarbital und Sulfonamid-Antibiotika können das Knochenmark schädigen.
  • Erblich. Beim Grauen Collie führt die zyklische Hämatopoese, eine angeborene Störung der Blutbildung, zu regelmäßig wiederkehrenden Tiefs der Neutrophilen.

Was der Tierarzt daraufhin meist prüft

Zuerst wird der Blutausstrich beurteilt: das Verhältnis von stabkernigen zu segmentkernigen Zellen, toxische Veränderungen und ob unreife Vorläufer im Blut erscheinen. Eine mäßige Neutrophilie ohne Krankheitszeichen wird nach einigen Tagen bis Wochen kontrolliert; bei Verdacht auf eine Entzündung folgen CRP, die Suche nach dem Herd mit Ultraschall oder Röntgen und gegebenenfalls Erregernachweise. Bei einer Neutropenie gehören das rote Blutbild mit dem Hämatokrit und die Thrombozyten dazu: Sind alle drei Zellreihen betroffen, liegt das Problem im Knochenmark, und eine Knochenmarkpunktion klärt die Ursache. Unter Chemotherapie wird das Blutbild vor jeder Gabe kontrolliert; ein zu niedriger Wert verschiebt die nächste Dosis.

Bezug zu Tumorerkrankungen

Neutrophile spielen in der Tumormedizin vor allem als Maß für die Verträglichkeit der Chemotherapie eine Rolle. Unter Zytostatika fallen die Neutrophilen als Erste, weil sie am kürzesten leben. Ein Hund mit ausgeprägter Neutropenie ist anfällig für Infektionen aus der eigenen Darmflora; Fieber in dieser Phase gilt als Notfall. Die Seite Chemotherapie und Blutbild beschreibt, dass bei höchstens 0,75 × 10⁹ Neutrophilen je Liter ein Breitspektrumantibiotikum gegeben wird; weitere Folgen der Behandlung erläutert die Seite Nebenwirkungen der Chemotherapie. Darüber hinaus verdrängen Tumorzellen bei Leukämie oder fortgeschrittenem Lymphom die gesunde Blutbildung im Knochenmark. Für eine dendritische Zelltherapie ist eine ausreichende Zahl weißer Blutkörperchen Voraussetzung; eine Neutropenie nach Chemotherapie kann den Beginn verzögern, wie die Seite Leukopenie und immunologische Behandlung erläutert.

Was bedeutet das für Ihren Hund?

Ein markierter Neutrophilenwert ist ein Hinweis, keine Diagnose. Eine Erhöhung bedeutet meist, dass Ihr Hund eine Entzündung hat, Kortison bekommt oder sich bei der Blutabnahme aufgeregt hat; eine Verminderung unter Chemotherapie ist erwartbar und wird engmaschig überwacht. Referenzbereiche unterscheiden sich von Labor zu Labor — maßgeblich ist der auf Ihrem Befund gedruckte Bereich. Der Verlauf und der Blutausstrich sagen mehr als der Einzelwert, und das Gespräch mit dem behandelnden Tierarzt ordnet beides ein.

Quellen

  • Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
  • Stockham SL, Scott MA (2008): Fundamentals of Veterinary Clinical Pathology, 2nd ed., Blackwell, Ames
  • Thrall MA, Weiser G, Allison RW, Campbell TW (2012): Veterinary Hematology and Clinical Chemistry, 2nd ed., Wiley-Blackwell, Ames
  • Childress MO (2012): Hematologic abnormalities in the small animal cancer patient, Vet Clin North Am Small Anim Pract 42(1):123–155
  • Vail DM, Thamm DH, Liptak JM (2020): Withrow & MacEwen’s Small Animal Clinical Oncology, 6th ed., Elsevier, St. Louis, MO

Häufige Fragen

Was bedeutet eine Linksverschiebung bei meinem Hund?

Bei einer Linksverschiebung erscheinen vermehrt stabkernige, also junge Neutrophile im Blut, weil das Knochenmark bei einer starken akuten Entzündung Nachschub liefert. Sind mehr stabkernige als segmentkernige Zellen vorhanden (degenerative Linksverschiebung), kommt das Knochenmark nicht mehr hinterher — das ist ein ernstes Zeichen.

Warum sind die Neutrophilen bei meinem Hund erhöht?

Die häufigsten Gründe sind eine Entzündung oder Infektion, das Stresshormon Kortisol beziehungsweise eine Kortison-Behandlung und die Aufregung bei der Blutabnahme. Seltener stecken immunvermittelte Erkrankungen, Gewebeuntergang oder ein Tumor dahinter.

Was ist der Unterschied zwischen segmentkernigen und stabkernigen Neutrophilen?

Segmentkernige sind reife Zellen mit einem in Segmente gegliederten Kern; stabkernige sind junge Zellen mit bandförmigem Kern, die beim gesunden Hund nur vereinzelt im Blut vorkommen. Vermehrte Stabkernige zeigen an, dass das Knochenmark unter Druck steht.

Mein Hund bekommt eine Chemotherapie und hat zu wenige Neutrophile – was passiert jetzt?

Eine Neutropenie nach Chemotherapie ist erwartbar; der Tiefpunkt liegt meist etwa fünf bis sieben Tage nach der Gabe. Das Blutbild wird vor jeder Gabe kontrolliert, ein zu niedriger Wert verschiebt die nächste Dosis, und bei höchstens 0,75 × 10⁹ Neutrophilen je Liter wird ein Breitspektrumantibiotikum gegeben. Fieber in dieser Phase gilt als Notfall.

Kann Kortison die Neutrophilen erhöhen?

Ja. Kortison bremst die Auswanderung der Neutrophilen ins Gewebe und setzt den Speicherpool des Knochenmarks frei; typisch ist eine mäßige Neutrophilie ohne Linksverschiebung, meist zusammen mit verminderten Lymphozyten und Eosinophilen.

Sind erhöhte Neutrophile ein Hinweis auf Krebs?

In der Regel nicht; die weitaus meisten Erhöhungen haben entzündliche oder hormonelle Ursachen. Nur selten treibt ein Tumor über Wachstumsfaktoren die Neutrophilenzahl in die Höhe, und große Tumoren mit abgestorbenem Gewebe können eine Entzündungsreaktion auslösen.

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