Leukozyten beim Hund
Bei den Leukozyten beim Hund handelt es sich um die weißen Blutkörperchen — die Zellen des Immunsystems, die im Blut zirkulieren und bei Entzündungen und Infektionen ins Gewebe auswandern. Auf dem Laborbefund steht der Wert meist als „Leukozyten”, „Leuko” oder „WBC” (white blood cells) und wird als Anzahl je Liter Blut angegeben. Er ist der erste Wert des weißen Blutbilds; die eigentliche Aussage liefert aber erst das Differenzialblutbild, also die Aufschlüsselung, welche Zellarten den Gesamtwert ausmachen. Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.
Was misst der Wert?
Die Leukozytenzahl ist eine Summe aus fünf Zellarten mit sehr unterschiedlichen Aufgaben: die neutrophilen Granulozyten als schnelle Abwehrtruppe gegen Bakterien, die Lymphozyten als Träger der spezifischen Immunantwort, die Monozyten als Fresszellen und Aufräumer sowie die eosinophilen und basophilen Granulozyten für Parasitenabwehr und allergische Reaktionen. Alle entstehen im Knochenmark; beim gesunden Hund stellen die Neutrophilen den größten Anteil.
Das Blut ist dabei nur die Durchgangsstation: Die Zellen halten sich dort Stunden bis wenige Tage auf, bevor sie ins Gewebe wandern; gezählt wird eine Momentaufnahme. Ein Teil der Neutrophilen haftet zudem an den Gefäßwänden (der sogenannte marginale Pool) und wird bei Aufregung durch Adrenalin innerhalb von Minuten ins strömende Blut gespült — ein Hund, der sich in der Praxis fürchtet oder wehrt, kann deshalb eine erhöhte Leukozytenzahl zeigen, ohne krank zu sein. Auch Kortisol — körpereigen oder als Kortison gegeben — verschiebt die Verteilung der Zellarten. Junge Hunde haben tendenziell höhere Werte als erwachsene.
Aus diesen Gründen sagt die Gesamtzahl allein wenig. Entscheidend ist das Differenzialblutbild: die Verteilung auf Neutrophile, Lymphozyten, Monozyten, Eosinophile und Basophile, und zwar als absolute Zahlen, nicht nur als Prozentanteile. Dieselbe Gesamtzahl kann einen harmlosen Aufregungsbefund oder eine schwere Entzündung bedeuten — je nachdem, welche Zellart sie trägt.
Erhöhte Werte: typische Ursachen
Eine Vermehrung der weißen Blutkörperchen wird als Leukozytose bezeichnet. Die Ursachen, von häufig zu selten:
- Entzündung und Infektion. Bakterielle Infektionen, Abszesse, eine Gebärmuttervereiterung (Pyometra), Lungenentzündung, Gelenk- oder Darmentzündungen: Das Knochenmark liefert vermehrt Neutrophile nach, und die Leukozytenzahl steigt.
- Stress-Leukogramm. Kortisol — bei Krankheit, Schmerz, nach Operationen oder als Kortison-Behandlung — erzeugt ein charakteristisches Muster: mehr Neutrophile, weniger Lymphozyten, weniger Eosinophile, häufig mehr Monozyten; die Gesamtzahl ist meist nur mäßig erhöht. Dasselbe Muster findet sich dauerhaft beim Cushing-Syndrom, einer Überproduktion körpereigenen Kortisols.
- Aufregung (physiologische Leukozytose). Adrenalin bei Angst, Anstrengung oder Wehren mobilisiert Neutrophile und Lymphozyten zugleich — besonders bei jungen Hunden ausgeprägt, vorübergehend und ohne Krankheitswert.
- Gewebeuntergang. Absterbendes Gewebe (Nekrose), etwa nach Verletzungen, bei einer Milzdrehung oder im Inneren großer Tumoren, löst eine Entzündungsreaktion ohne Erreger aus.
- Leukämie. Sehr hohe Leukozytenzahlen, vor allem mit unreifen Vorläuferzellen im Ausstrich, lassen an eine Leukämie denken — eine bösartige Erkrankung der blutbildenden Zellen im Knochenmark.
Hilfreich ist zudem das Entzündungseiweiß CRP: Es steigt bei echter Entzündung, nicht aber bei Stress oder Aufregung.
Erniedrigte Werte: typische Ursachen
Eine Verminderung der weißen Blutkörperchen heißt Leukopenie. Sie verdient in der Regel mehr Aufmerksamkeit als eine Erhöhung, weil sie die Abwehr schwächt. Typische Ursachen:
- Virusinfektionen. Die Parvovirose ist das bekannteste Beispiel: Das Virus zerstört die sich teilenden Zellen im Knochenmark, zugleich verbraucht die schwere Darmentzündung große Mengen Neutrophile.
- Schwere Entzündung und Sepsis. Bei einer überwältigenden bakteriellen Infektion, etwa einer Bauchfellentzündung, werden im Gewebe mehr Zellen verbraucht, als das Knochenmark nachliefern kann. Ein niedriger Wert beim schwer kranken Hund ist deshalb ein Warnzeichen.
- Chemotherapie. Zytostatika treffen alle sich rasch teilenden Zellen, auch die Vorläufer im Knochenmark. Der Tiefpunkt (Nadir) liegt bei vielen Wirkstoffen etwa fünf bis sieben Tage nach der Gabe; danach erholt sich das Blutbild in der Regel wieder.
- Erkrankungen des Knochenmarks. Infiltration durch Tumorzellen, Myelofibrose (Vernarbung des Marks) oder eine immunvermittelte Zerstörung der Vorläuferzellen.
- Infektionen durch Zecken. Die Ehrlichiose kann in ihrer chronischen Phase alle Zellreihen unterdrücken.
- Medikamente. Einzelne Wirkstoffe, darunter bestimmte Antiepileptika und Sulfonamid-Antibiotika, können das Knochenmark schädigen.
Was der Tierarzt daraufhin meist prüft
Der erste Schritt ist fast immer der Blutausstrich, also die mikroskopische Beurteilung der Zellen: Er zeigt, ob junge Neutrophile (Stabkernige) vermehrt sind — ein Zeichen akuter Entzündung —, ob die Zellen sogenannte toxische Veränderungen tragen oder ob unreife Vorläuferzellen erscheinen. Eine mäßige Abweichung ohne Krankheitszeichen wird meist nach einigen Tagen bis Wochen in ruhiger Atmosphäre kontrolliert. Gemeinsam betrachtet werden das rote Blutbild und die Thrombozyten: Sind alle drei Zellreihen vermindert, deutet das auf ein Problem im Knochenmark hin. Je nach Verdacht folgen Bildgebung zur Suche nach einem Entzündungsherd, Erregertests auf Zeckeninfektionen und in unklaren Fällen eine Knochenmarkpunktion.
Bezug zu Tumorerkrankungen
Die Leukozytenzahl ist kein Tumormarker; die weitaus meisten Abweichungen haben entzündliche oder hormonelle Ursachen. Bei der Leukämie ist die Zahl der weißen Blutkörperchen selbst der Befund, der zur Diagnose führt. Große Tumoren mit abgestorbenen Anteilen können eine Entzündungs-Leukozytose auslösen. Am wichtigsten ist der Wert unter der Chemotherapie: Vor jeder Gabe wird das Blutbild kontrolliert, weil eine Leukopenie die Infektionsgefahr erhöht; wie damit umgegangen wird, beschreibt die Seite Chemotherapie und Blutbild. Auch für eine geplante dendritische Zelltherapie spielt der Wert eine Rolle: Sind zu wenige weiße Blutkörperchen vorhanden, kann sich die Behandlung verzögern — mehr dazu auf der Seite Leukopenie und immunologische Behandlung.
Was bedeutet das für Ihren Hund?
Eine markierte Leukozytenzahl ist ein Hinweis, keine Diagnose. In den meisten Fällen hat sich Ihr Hund beim Blutabnehmen aufgeregt, er hat eine Entzündung, die sich behandeln lässt, oder er bekommt Kortison — die ernsten Ursachen sind selten. Referenzbereiche unterscheiden sich von Labor zu Labor; maßgeblich ist der auf Ihrem Befund gedruckte Bereich. Mehr als der einzelne Wert zählen der Verlauf und das Zusammenspiel mit den anderen Zellarten. Das Gespräch mit dem behandelnden Tierarzt ordnet den Wert in das Gesamtbild ein.
Quellen
- Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
- Stockham SL, Scott MA (2008): Fundamentals of Veterinary Clinical Pathology, 2nd ed., Blackwell, Ames
- Thrall MA, Weiser G, Allison RW, Campbell TW (2012): Veterinary Hematology and Clinical Chemistry, 2nd ed., Wiley-Blackwell, Ames
- Childress MO (2012): Hematologic abnormalities in the small animal cancer patient, Vet Clin North Am Small Anim Pract 42(1):123–155
- Kohn B, Schwarz G (Hrsg.) (2017): Praktikum der Hundeklinik, 12. Aufl., Enke, Stuttgart
Häufige Fragen
Was bedeutet es, wenn die Leukozyten bei meinem Hund erhöht sind?
Meist steckt eine Entzündung oder Infektion dahinter, ein Stress-Leukogramm durch Kortisol oder Kortison oder schlicht die Aufregung bei der Blutabnahme. Welche Ursache wahrscheinlich ist, zeigt das Differenzialblutbild, also die Verteilung auf die einzelnen Zellarten.
Kann die Aufregung beim Tierarzt die Leukozyten erhöhen?
Ja. Adrenalin spült innerhalb von Minuten Neutrophile und Lymphozyten aus den Gefäßwänden ins strömende Blut, besonders bei jungen Hunden. Diese physiologische Leukozytose ist vorübergehend und hat keinen Krankheitswert.
Mein Hund hat zu wenige Leukozyten – ist das gefährlich?
Eine Leukopenie schwächt die Abwehr und verdient in der Regel mehr Aufmerksamkeit als ein erhöhter Wert. Typische Ursachen sind Virusinfektionen wie die Parvovirose, eine schwere Entzündung oder Sepsis, eine Chemotherapie und Erkrankungen des Knochenmarks; wie ernst der Befund ist, hängt vom Allgemeinbefinden und vom Verlauf ab.
Warum sind die Leukozyten nach einer Chemotherapie niedrig?
Zytostatika treffen alle sich rasch teilenden Zellen, auch die Vorläuferzellen im Knochenmark. Der Tiefpunkt (Nadir) liegt bei vielen Wirkstoffen etwa fünf bis sieben Tage nach der Gabe; danach erholt sich das Blutbild in der Regel wieder.
Spielen die Leukozyten für eine dendritische Zelltherapie eine Rolle?
Ja. Sind zu wenige weiße Blutkörperchen vorhanden, etwa nach einer Chemotherapie, kann sich eine geplante dendritische Zelltherapie verzögern, weil die Behandlung auf den körpereigenen Immunzellen aufbaut. Deshalb wird das Blutbild vorher kontrolliert.
Sind erhöhte Leukozyten ein Zeichen für Krebs?
In den allermeisten Fällen nicht; die Leukozytenzahl ist kein Tumormarker. Nur sehr hohe Werte mit unreifen Vorläuferzellen im Ausstrich lassen an eine Leukämie denken, und große Tumoren mit abgestorbenem Gewebe können eine Entzündungsreaktion mit erhöhten Leukozyten auslösen.