Hund mit Mammatumor einschläfern lassen?

Die Frage, ob man einen Hund mit Mammatumor einschläfern lassen sollte, stellt sich meist in zwei Situationen: wenn die Diagnose erst im fortgeschrittenen Stadium gestellt wird, oder wenn eine Behandlung nicht mehr anschlägt. Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht. Maßstab ist nicht der Tumordurchmesser, sondern die Lebensqualität des Tieres — also die Frage, ob Schmerzfreiheit und Allgemeinbefinden noch zu erhalten sind. Die Grundlagen der Erkrankung sind unter Mammatumor beim Hund dargestellt.

Wann die Erkrankung als weit fortgeschritten gilt

Als weit fortgeschritten gilt die Erkrankung, wenn eine oder mehrere der folgenden Situationen vorliegen:

  • Ausgedehnte Fernmetastasen, also Tochtergeschwülste in entfernten Organen — vor allem in der Lunge. Sie führen zu Leistungsschwäche, Husten und schließlich zu Atemnot (Dyspnoe).
  • Aufgebrochene, nicht mehr beherrschbare Tumoren: Ulzerierte, also offene Tumoroberflächen bluten, nässen und infizieren sich; reichen Wundversorgung und Antibiose nicht aus, besteht eine dauerhafte Belastung.
  • Direkte Metastasierung in die Haut — eine schmerzhafte Verlaufsform, die sich flächig ausbreitet und schwer zu behandeln ist.
  • Kachexie, also der fortschreitende Abbau von Muskel- und Fettgewebe trotz ausreichender Fütterung.
  • Schmerzen, die sich nicht mehr ausreichend behandeln lassen — auch nicht bei angepasster Dosierung und kombinierten Wirkstoffen.

Keines dieser Merkmale entscheidet für sich allein: Hunde mit Lungenmetastasen können über Wochen unbeeinträchtigt wirken, solange die Atmung frei ist — umgekehrt kann ein kleiner, aber aufgebrochener Tumor erheblich belasten.

Kriterien für die Entscheidung

Hilfreicher als eine Gesamteinschätzung sind einzelne, im Alltag beobachtbare Merkmale:

  • Nahrungs- und Wasseraufnahme: Frisst der Hund selbstständig oder nur mit Zureden? Wird Wasser aufgenommen?
  • Atmung: Ist die Atmung in Ruhe unangestrengt, oder bestehen erhöhte Atemfrequenz, Hecheln ohne Belastung, Atemnot?
  • Schmerzfreiheit unter Therapie: Wirkt die Schmerzbehandlung über das gesamte Dosierungsintervall? Auf eine Lücke deuten Unruhe, Schonhaltung, Berührungsempfindlichkeit und nächtliches Aufstehen hin.
  • Bewegungsfähigkeit: Steht der Hund aus eigener Kraft auf, geht er noch nach draußen?
  • Interesse an der Umgebung und an Bezugspersonen: Reagiert er auf Ansprache und gewohnte Abläufe? Anhaltender Rückzug ist ernst zu nehmen.
  • Schlaf: Findet er zusammenhängende Ruhephasen, oder wechselt er ständig die Position?
  • Kontinenz: Kann er Harn- und Kotabsatz kontrollieren beziehungsweise anzeigen?
  • Verhältnis guter zu schlechten Tagen: Überwiegen die Tage, an denen diese Punkte weitgehend erfüllt sind — oder sind die schlechten Tage in der Mehrzahl?

Es hat sich bewährt, diese Punkte über einige Tage schriftlich festzuhalten: täglich zur selben Uhrzeit, mit einer Bewertung von gut über eingeschränkt bis schlecht. Ein einzelner schlechter Tag bildet die Gesamtsituation meist nicht ab; eine über ein bis zwei Wochen geführte Aufzeichnung zeigt dagegen die Richtung — und ist zugleich eine sachliche Gesprächsgrundlage.

Was vorher noch möglich ist

Bevor die Entscheidung fällt, sollte geprüft werden, ob die vorhandenen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Ist die Schmerztherapie ausgereizt? Häufig lassen sich Dosierung und Intervall noch anpassen oder Wirkstoffe kombinieren — etwa ein nichtsteroidales Antiphlogistikum, also ein entzündungshemmendes Schmerzmittel, ergänzt um ein Opioid. Mehr dazu unter Schmerzen beim Mammatumor.

Kommt eine palliative Operation in Betracht? Auch ohne Aussicht auf Heilung kann die Entfernung eines aufgebrochenen Primärtumors sinnvoll sein: Sie beseitigt eine Quelle von Blutungen und Infektionen. Voraussetzung ist eine ausreichende Narkosefähigkeit. Mehr dazu unter Operation beim Mammatumor.

Lässt sich die Lebensqualität begleitend verbessern? Dazu zählen die Versorgung offener Tumoroberflächen, eine an den Appetit angepasste Fütterung, rutschfeste Böden und erreichbare Liegeplätze.

Auch die dendritische Zelltherapie kann erwogen werden. Dendritische Zellen präsentieren anderen Abwehrzellen Merkmale des Tumors und stoßen so eine gerichtete Immunantwort an. Sie wird beim Haustierarzt durchgeführt und ist mit den etablierten Verfahren kombinierbar. Kontrollierte Studien zur Wirksamkeit beim Mammatumor liegen bislang nicht vor; Heilungs- oder Remissionsversprechen lassen sich daraus nicht ableiten. Sie ist eine Behandlungsoption, die vor dieser Frage steht — keine Antwort darauf. Zur Einordnung siehe Lebenserwartung beim Mammatumor.

Mammatumoren beim Rüden

Mammatumoren kommen auch bei Rüden vor, machen dort aber nur etwa 1 % der Fälle aus. Da die Gesäugeleiste bei ihnen kleiner ausgebildet ist, werden Veränderungen leicht übersehen. Gefunden werden bei Rüden vergleichsweise häufig bösartige Veränderungen; eine tastbare Umfangsvermehrung sollte deshalb zügig abgeklärt werden. Für die Beurteilung der Lebensqualität gelten dieselben Kriterien.

Gutartige Mammatumoren

Etwa die Hälfte der Mammatumoren der Hündin erweist sich feingeweblich als bösartig — die Diagnose ist also kein Todesurteil, auch wenn sie zunächst oft so verstanden wird. Bei gutartigen Zubildungen, die vollständig entfernt wurden, ist von einer Heilung auszugehen; die Frage nach dem Einschläfern stellt sich hier nicht. Welche Dignität, also welche Gut- oder Bösartigkeit, vorliegt, klärt die histologische Untersuchung.

Ablauf und Begleitung

Die Entscheidung wird gemeinsam mit dem behandelnden Tierarzt getroffen: Er ordnet die Befunde und die verbliebenen Möglichkeiten ein, die Beobachtung im Alltag steuern die Halter bei. Niemand muss sie allein treffen.

Die Euthanasie erfolgt in zwei Schritten: Zunächst wird der Hund sediert, also in einen tiefen Schlaf versetzt, anschließend wird ein Narkosemittel in Überdosierung über einen Venenzugang gegeben. Das Bewusstsein erlischt innerhalb weniger Sekunden, der Vorgang ist nicht schmerzhaft. Er kann in der Praxis oder bei einem Hausbesuch stattfinden; Bezugspersonen können anwesend sein.

Quellen

  • Sorenmo K et al. (2020): Tumors of the Mammary Gland, in: Withrow & MacEwen’s Small Animal Clinical Oncology, 6th Ed., St. Louis, MO, 604–625
  • Schmidt JM, Gedon J, Kessler M (2022): Mammatumoren des Hundes, in: Kessler M (Hrsg.), Kleintieronkologie, 4. Aufl., Thieme, Stuttgart, 377–389
  • Kohn B, Schwarz G (2017): Mammatumoren, in: Praktikum der Hundeklinik, 12. Aufl., Enke, Stuttgart

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