Natrium und Chlorid beim Hund
Bei Natrium beim Hund handelt es sich um den Blutwert für das wichtigste Salz außerhalb der Zellen: Natrium bindet Wasser, bestimmt das Blutvolumen und hält zusammen mit Kalium die elektrische Spannung an Nerven und Muskeln aufrecht. Auf dem Laborbefund steht es als Natrium oder Na, das mit ihm gemessene Chlorid als Cl, beide in mmol/l. Ein verändertes Natrium sagt weniger über die Salzaufnahme als über den Wasserhaushalt: Zu wenig Wasser lässt den Wert steigen, zu viel Wasser oder ein Salzverlust lässt ihn fallen. Eine Übersicht aller Werte gibt die Seite Blutwerte beim Hund.
Was misst der Wert?
Natrium ist das Salz, das dem Blut seine Konzentration (Osmolalität) gibt, und der Körper hält es in engen Grenzen. Durst und das Hormon ADH (antidiuretisches Hormon) regeln, wie viel Wasser aufgenommen und über die Niere ausgeschieden wird; das Hormon Aldosteron aus der Nebennierenrinde steuert, wie viel Natrium die Niere zurückhält. Weil Natrium immer gemeinsam mit Wasser bilanziert wird, bedeutet ein hoher Wert in der Regel ein Wasserdefizit und ein niedriger Wert einen Wasserüberschuss oder Salzverlust. Die Nervenzellen des Gehirns passen sich an eine veränderte Konzentration nur langsam an — deshalb machen rasche Verschiebungen neurologische Symptome, und deshalb korrigiert der Tierarzt einen entgleisten Wert immer langsam.
Zwei Störfaktoren muss man kennen. Bei stark erhöhten Blutfetten (Lipämie) oder Eiweißen erscheint das Natrium je nach Messmethode zu niedrig, obwohl es im Blutwasser normal ist (Pseudohyponatriämie); Geräte mit direkter Ionenmessung, etwa Blutgasanalysatoren, sind davon nicht betroffen. Und ein stark erhöhter Blutzucker zieht Wasser aus den Zellen ins Blut und verdünnt das Natrium tatsächlich.
Erhöhte Werte: typische Ursachen
- Wasserverlust ohne Ersatz: die häufigste Ursache. Fieber, starkes Hecheln, Hitzschlag, Durchfall oder Erbrechen bei einem Hund, der nicht ausreichend trinkt oder trinken kann — etwa weil ihm der Wasserzugang fehlt.
- Diabetes insipidus: Fehlt das Hormon ADH oder reagiert die Niere nicht darauf, kann der Hund den Urin nicht konzentrieren und verliert große Mengen Wasser. Das Natrium steigt erst, wenn das Trinken nicht mehr ausreicht.
- Salzaufnahme: Salzteig vom Basteln, Meerwasser oder Salzlake können eine Kochsalzvergiftung mit Erbrechen, Zittern und Krämpfen auslösen.
- Osmotische Diurese: Bei einem entgleisten Diabetes mellitus zieht Zucker im Urin Wasser mit sich.
Ein erhöhtes Natrium äußert sich in Durst, Mattigkeit, Muskelzittern und bei rascher Entwicklung in Krämpfen.
Erniedrigte Werte: typische Ursachen
- Erbrechen und Durchfall: Mit ihnen geht Natrium verloren, während der Hund nur Wasser nachtrinkt — die häufigste Ursache.
- Morbus Addison: Ohne Aldosteron verliert die Niere Natrium und hält Kalium zurück. Ein niedriges Natrium bei hohem Kalium ist der klassische Laborhinweis auf die Nebennierenunterfunktion, die auf der Seite Morbus Addison beim Hund beschrieben ist.
- Ergüsse: Sammelt sich Flüssigkeit in Bauch- oder Brusthöhle — bei Herzschwäche, Lebererkrankung, Entzündung oder Tumoren —, ist Natrium darin gebunden und fehlt im Blut.
- Wasserrückhalt: Herzinsuffizienz, schwere Lebererkrankung und das nephrotische Syndrom (starker Eiweißverlust über die Niere) lassen den Körper Wasser speichern und verdünnen das Natrium.
- Nierenerkrankung und Entwässerungsmittel: Salzverlust über den Urin.
- Hyperglykämie: Ein hoher Blutzucker verdünnt das Natrium; Näheres auf der Seite Glukose beim Hund.
- Peitschenwurm-Befall: Ein starker Befall mit Trichuris vulpis kann Durchfall mit niedrigem Natrium und hohem Kalium verursachen und einen Morbus Addison vortäuschen.
- Pseudohyponatriämie: bei stark erhöhten Triglyceriden oder stark erhöhtem Gesamteiweiß — ein Messartefakt, kein Salzmangel.
- Selten: eine unangemessen hohe ADH-Ausschüttung (SIADH) oder krankhaft gesteigertes Trinken.
Ein leicht erniedrigtes Natrium nach einem Magen-Darm-Infekt ist häufig und ohne eigene Bedeutung. Ein ausgeprägter oder rasch entstandener Mangel äußert sich in Mattigkeit, Erbrechen, Desorientierung und Krämpfen.
Chlorid: der Partner des Natriums
Chlorid ist das Gegenion des Natriums und läuft ihm meist hinterher: Steigt das Natrium, steigt das Chlorid, und umgekehrt. Aufschlussreich wird es, wenn beide auseinanderlaufen. Ein isoliert niedriges Chlorid entsteht, wenn Magensaft — Salzsäure — verloren geht: bei anhaltendem Erbrechen, besonders bei einem Verschluss des Magenausgangs oder des vorderen Dünndarms durch einen Fremdkörper oder eine Umfangsvermehrung. Es geht mit einer Alkalose, also einem Anstieg des pH-Werts, einher. Ein isoliert erhöhtes Chlorid findet sich bei bestimmten Übersäuerungen (hyperchlorämische Azidose), etwa bei Durchfall mit Verlust von Bikarbonat oder bei einigen Nierenerkrankungen. Ein Sonderfall ist das Epilepsiemedikament Kaliumbromid: Viele Geräte messen Bromid als Chlorid mit und täuschen einen hohen Wert vor.
Was der Tierarzt daraufhin meist prüft
- Kontrolle und Hydratationsstatus: Wiederholung der Messung, Beurteilung von Hautelastizität und Schleimhäuten, Nachfrage nach der Trinkmenge.
- Urin: Das spezifische Gewicht zeigt, ob die Niere den Urin konzentriert — bei Flüssigkeitsmangel hoch, beim Diabetes insipidus auffallend niedrig.
- Kalium und der Natrium/Kalium-Quotient: Bei Verdacht auf Morbus Addison folgt ein ACTH-Stimulationstest, bei Verdacht auf Peitschenwürmer eine mehrfache Kotuntersuchung.
- Glukose, Triglyceride und Gesamteiweiß: um eine Verdünnung oder eine Pseudohyponatriämie zu erkennen, gegebenenfalls mit einer Messung am Blutgasgerät, das auch den Säure-Basen-Haushalt bei abweichendem Chlorid beurteilt.
- Bildgebung: Ultraschall des Bauches und Röntgen des Brustkorbs bei Verdacht auf einen Erguss, gegebenenfalls eine Punktion der Flüssigkeit und ein Herzultraschall.
Bezug zu Tumorerkrankungen
Für die Tumordiagnostik haben Natrium und Chlorid keine Bedeutung. Ein Zusammenhang besteht über Ergüsse: Tumoren in Bauch- oder Brusthöhle — etwa ein blutender Milztumor, ein Lymphom oder Tumoren des Herzens — können Flüssigkeit in die Körperhöhlen austreten lassen, in der Natrium gebunden wird. Beim Myelom kann das stark erhöhte Eiweiß eine Pseudohyponatriämie vortäuschen. Eine hormonelle Ursache, bei der ein Tumor die ADH-Ausschüttung anstößt (SIADH), ist beim Hund in Einzelfällen beschrieben und bleibt eine Seltenheit.
Was bedeutet das für Ihren Hund?
Ein einzelner Natrium- oder Chloridwert ist keine Diagnose. Referenzbereiche unterscheiden sich von Labor zu Labor; maßgeblich ist der Bereich, der auf Ihrem Befund gedruckt ist. Leichte Abweichungen nach Erbrechen, Durchfall oder einem heißen Tag sind häufig und gleichen sich in der Regel aus, sobald Ihr Hund wieder normal trinkt und frisst. Aussagekräftig wird das Natrium erst zusammen mit Kalium, Blutzucker und Nierenwerten — und im Verlauf. Ihr Tierarzt ordnet den Wert im Gespräch ein und entscheidet mit Ihnen, ob eine Kontrolle genügt.
Quellen
- Stockham SL, Scott MA (2008): Fundamentals of Veterinary Clinical Pathology, 2nd ed., Blackwell, Ames
- Thrall MA, Weiser G, Allison RW, Campbell TW (2012): Veterinary Hematology and Clinical Chemistry, 2nd ed., Wiley-Blackwell, Ames
- Ettinger SJ, Feldman EC, Côté E (2017): Textbook of Veterinary Internal Medicine, 8th ed., Elsevier, St. Louis, MO
- Neiger R (Hrsg.) (2019): Differenzialdiagnosen Innere Medizin bei Hund und Katze, 3. Aufl., Thieme, Stuttgart
- Moritz A (Hrsg.) (2013): Klinische Labordiagnostik in der Tiermedizin, 7. Aufl., Schattauer, Stuttgart
Häufige Fragen
Was bedeutet ein erhöhtes Natrium bei meinem Hund?
Meist einen Wassermangel: Der Hund hat durch Fieber, Hecheln, Durchfall oder Erbrechen Wasser verloren und nicht genug nachgetrunken. Seltener stecken ein Diabetes insipidus, bei dem die Niere den Urin nicht konzentrieren kann, oder eine Salzaufnahme wie Salzteig oder Meerwasser dahinter.
Warum ist das Natrium meines Hundes zu niedrig?
Am häufigsten durch Erbrechen und Durchfall, bei denen Salz verloren geht, während der Hund nur Wasser nachtrinkt. Weitere Ursachen sind Morbus Addison, Ergüsse in Bauch- oder Brusthöhle, Herz- und Lebererkrankungen sowie ein hoher Blutzucker, der das Natrium verdünnt.
Was hat ein niedriges Natrium mit Morbus Addison zu tun?
Bei der Nebennierenunterfunktion fehlt das Hormon Aldosteron, die Niere verliert Natrium und hält Kalium zurück. Ein niedriges Natrium bei hohem Kalium ist deshalb der klassische Laborhinweis, den der Tierarzt mit einem ACTH-Stimulationstest bestätigt.
Was sagt der Chloridwert beim Hund aus?
Chlorid läuft dem Natrium meist parallel. Ein isoliert niedriges Chlorid weist auf Verlust von Magensaft durch anhaltendes Erbrechen hin, etwa bei einem Verschluss des Magenausgangs; ein isoliert erhöhtes Chlorid findet sich bei bestimmten Übersäuerungen und unter dem Epilepsiemedikament Kaliumbromid als Messartefakt.
Kann ein niedriges Natrium ein Messfehler sein?
Ja. Bei stark erhöhten Blutfetten oder Eiweißen erscheint das Natrium je nach Messmethode zu niedrig, obwohl im Blutwasser kein Mangel besteht. Eine Messung am Blutgasgerät mit direkter Ionenmessung klärt das.
Hat ein verändertes Natrium etwas mit Krebs zu tun?
Für die Tumordiagnostik spielt Natrium keine Rolle. Ein Zusammenhang besteht nur, wenn ein Tumor einen Erguss in Bauch- oder Brusthöhle verursacht oder ein Myelom das Eiweiß so stark anhebt, dass das Natrium scheinbar zu niedrig gemessen wird.